Dienstag, 27. November 2012

Fethullah Gülen

Fethullah Gülen beim Papst 1998
Im August beschäftigte ein Thema die deutschen Muslime und teilweise einige Medien: Fethulla Gülen. Im sehr guten Andalusian-Blog wurde darauf ausführlich eingegangen:
Zur Eskalation der deutschen Gülen-Debatte (Teil 1)

Genug Grund für mich, um mal in meine Sekundärliteratur zu schauen, ob ich dort eventuell näheres über die Gülen-Bewegung erfahren könnte. Idealerweise aus einigermaßen neutralerer Sicht, also weder aus besonders gülenkritischer, noch gülenverehrender Sicht. Die Suche war leider nicht sehr ergiebig.

Wolfgang Günter Lerch: Muhammads Erben. die unbekannte Vielfalt des Islam. Düsseldorf 1999.
(...) Origineller und wohl auch einflußreicher als die Süleymancilik ist die Nurculuk-Bewegung einzuschätzen. Ihr Gründer ist Bediüzzaman Said-i Nursi, geboren 1879, gestorben 1960, in dem der türkische Wissenschaftler Şerif Mardin einen der bedeutendsten Erneuerer islamischen Denkens im 20. Jahrhundert überhaupt sieht sowie den einzigen „Türken“, der im modernen Islam durch unkonventionelle Gedanken von sich reden gemacht habe. Auf diesem beschränkten Raum ist es nicht möglich, Said Nursis Gedankenwelt erschöpfend darzustellen, einige Stichworte müssen genügen.
Said Nursi stammte aus Bitlis und war eigentlich Kurde. Schon als Jugendlicher wurde er Nakşbendi. Nach 1900 lebte er eine Zeitlang in Istanbul und sympathisierte mit den Jungtürken. Er beteiligte sich auch am nationalen Befreiungskampf unter Mustafa Kemal Pascha. Erst 1925, im Zusammenhang mit dem Kurdenaufstand unter dem Nakşbendi-Scheich Said, kam es zum Bruch. Von diesem Jahr an bis zum Jahre 1950, das heißt dem Regierungsantritt der Demokrat Partisi von Menderes, lebte er in der innertürkischen Verbannung. In seiner Risale-i Nur, dem „Traktat über das göttliche Licht“, einer Schrift, die bei seinen Anhängern bis heute autoritativen Rang genießt, erweist sich Said-i Nursi in der Tat eher als theologischer Reformist denn als Reaktionär. Ihr Kern ist das Bestreben, die moderne Naturwissenschaft und ihre Ergebnisse mit den Lehren des Islams zu verbinden, etwas ganz Neues in der islamischen Theologie. Said-i Nursi versuchte für den Islam zu leisten, was vor Jahrhunderten etwa gläubige Philosophen und Wissenschaftler wie Leibniz für ein sich immer stärker verweltlichendes Christentum geleistet hatten: die naturwissenschaftliche Methode der Welterklärung durch eine religiös-metaphysische Deutung zu ergänzen. Bei Said-i Nursi heißt das „Mechanik der Natur“, gemeint ist eine göttliche Mechanik, in der neben der modernen Physik auch traditionelle islamische Philosophien wie die des andalusischen Mystikers Ibn al-Arabi und der persischen Ischrak-Schule berücksichtigt sind. Die Ideen Nursis haben in der Türkei stetig an Anhängern gewonnen, man schätzt, daß heutzutage mehr als eine Million Menschen mit den Nurcu sympathisieren.
Nachfolger Saidi-i Nursis in der Nurculuk-Bewegung wurde Fethullah Gülen, geboren 1938, und zwar genau an jenem Novembertag, an dem Kemal Atatürk in Istanbul starb. In Gülen sehen auch viele liberal gesinnte Türken in unseren Tagen einen durchaus originellen Islamisten, auf den der Vorwurf des „irtica“, der religiösen Dunkelmännerei, nicht zutrifft. Gülen hat niemals die Republik zur Disposition gestellt und versucht heute die Frage zu beantworten, welchen Part eine moderne republikanische Türkei im Weltislam spielen könne. Er unterscheidet zwischen dem Islam der Araber, der durch die Scharia gekennzeichnet sei, dem Islam der Perser, der vorwiegend schiitisch geprägt ist, und eben dem türkischen Islam mit seinen vielen volksverbundenen Traditionen. Da sich Gülen und seine Anhänger, die Fethullahcilar, bemüht haben, am Parteiengezänk nicht teilzuhaben, können sie auch in laizistischen Kreisen auf ein gewisses Gehör rechnen. Dazu trug auch bei, daß Fethullah Gülen sich von der Refah Partisi („Wohlfahrts-partei“) Necmettin Erbakans fernhielt, die 1996 und 1997 für ein knappes Jahr über die Türkei regierte, bevor man sie für illegal erklärte. Auch von der Nurculuk-Bewegung hat sich Gülen schon seit geraumer Zeit abgesetzt und hebt hervor, daß er den laizistischen Staat respektiere.
Von ihm stammt das Stichwort von der türkisch-islamischen Synthese, das sich auch ein Politiker wie der 1993 verstorbene Staatspräsident Turgut Ozal zu eigen gemacht hatte. Ozal war es auch, der immer wieder seine schützende Hand über Gülen hielt, wenn ihm das Militär an den Kragen wollte. So etwa im Gefolge des Militärputschs von 1980. Fethullah Gülen ist auch ein guter Freund des laizistischen Links-Politikers Bülent Ecevit, der sich als Erz-Laizist versteht. Gülen hat fast nichts publiziert, verbreitet seine Auffassungen vielmehr als moderner Wanderprediger. Wenn ich ihn richtig interpretiere, hält Gülen die massiven Verweltlichungsprozesse der vergangenen hundertfünfzig Jahre für irreversibel, ein authentischer türkischer Islam müsse dieser Entwicklung durch entsprechende Flexibilität Rechnung tragen. (...)

Immerhin wird er als so relevant angesehen, dass er in der Geschichte der modernen Türkei wenn auch nur kurz ebenfalls Erwähnung findet:

Erik J. Zürcher: Turkey: A Modern History, Revised Edition. 2004.


An Islamic current that grew quickly in importance in the early 1990s was that of Hoca Fethullah Gülen, the leader of the modernist wing of the Nurcu movement. This was (and is) not a political movement, but one that promotes its ideas primarily through education. Fethullah has built up a large network of schools, high schools and even universities that seek to further the adoption of Western technology coupled with Islamic morals. The network has spread to Central Asia and to the Balkans as well, and it possesses its own media, such as the newspaper Zaman (Time) and the television channel Samanyolu (Milky Way). Fethullah Gülen has emphatically supported the secular state and while his relations with the Islamist Welfare Party have been strained, he has become very influential in other political circles, such as the MP and the PTP, whose leaders have actively courted him. Even PDL leader Ecevit, a staunch secularist, expressed admiration for Gülen, but in the general wave of suppression of Islamist currents, which started in 1997 (see below), Gülen, too, was accused of inciting religious hatred and in the end he had to take refuge in the United States, from where he continued to lead the movement.


(Bildquelle: Wikimedia Commons, nescafe)

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