Sonntag, 1. Januar 2012

Bioethische und gesundheitliche Herausforderungen für die islamische Welt: AIDS, Drogen und Reproduktionsmedizin

Das Auge nach Hunayn ibn Ishaq, ca. 1200
Ich finde die Errungenschaften in der arabischsprachigen mittelalterlichen Welt besonders im naturwissenschaftlichem Bereich höchst bemerkenswert und interessant. Hier habe bereits einige Einblicke und weiterführende Information dazu vorgestellt:

Islam und Wissenschaft. Ein Gegensatz? Gründe für den Niedergang der Blütezeit des Islams

Doch das ist Geschichte, in der Wissenschaft, in der Naturwissenschaft hat die arabische Welt, wie übrigens auch die meisten anderen Sphären außerhalb der europäisch-amerikanischen Welt - einschließlich Ostasiens abgesehen vom letzten halben Jahrhundert - nur wenig von sich Reden gemacht.

Doch wie begegnet heute die islamische Welt der Wissenschaft? Wie sieht sie unter religiösen Aspekten die Technologie, die ethischen Fragen, die sich auch hierzulande immer wieder neu den Kirchen aufgrund des technologischen Fortschritts stellen?

Dazu gab es 2007 eine höchst interessante und mitunter auch brisante Tagung:

Bioethische und gesundheitliche Herausforderungen für die islamische Welt:  
AIDS, Drogen und Reproduktionsmedizin


Beiträge eines wissenschaftlichen Kolloquiums am Asien-Afrika-Institut
der Universität Hamburg, 22. Juni 2007

Herausgegeben von Raoul Motika und Christian H. Meier
Redaktionelle Mitarbeit: Kamila Klepacki


Veranstalter: Lehrstuhl für Turkologie (Abteilung für Geschichte und Kultur des
Vorderen Orients / Asien-Afrika-Institut) an der Universität Hamburg in
Kooperation mit dem Heidelberger Centrum für Euro-Asiatische Studien
(HECEAS e.V.)



Den Tagungsband kann man komplett hier als PDF herunterladen - noch:

Tagungsband: Bioethische und gesundheitliche Herausforderungen für die islamische Welt: AIDS, Drogen und Reproduktionsmedizin


Aus dem Vorwort:

Globale Herausforderungen sind heute nicht mehr auf bestimmte Regionen oder Kulturen begrenzt. Dies gilt insbesondere für die Folgen des technologischen Fortschritts, aber ebenso für medizinische und gesundheitspolitische Probleme. So hat sich auch die islamische Welt mit den Implikationen der modernen Biotechnologie oder länderübergreifender Epidemien auseinanderzusetzen. Diese stellen die betroffenen Gesellschaften vor Herausforderungen, die für ihre Zukunft ebenso entscheidend sind wie politische und militärische Konflikte.
Gemeinsam ist diesen Problemfeldern, dass sie das Menschenbild der jeweiligen Kultur und der durch sie geprägten Gesellschaft in Frage stellen können. Gerade in der islamischen Welt wird die Debatte über Individualrechte versus gesellschaftliche Normen zunehmend heftig geführt. Verfügt ein Mensch als Individuum also über bestimmte Rechte wie dasjenige auf körperliche Unversehrtheit und Selbstverwirklichung oder hat er vorrangig als Mitglied einer Gemeinschaft bestimmte Grenzen und Normen zu respektieren, insbesondere bezogen auf die Bereiche Familie, Sexualität und „moralische Lebensführung“? Ein Großteil der heutigen Debatten um Körper, Gesundheit und Bioethik bewegt sich in diesem Spannungsfeld.
Während Diskussionen in Deutschland und der westlichen Welt von der Dichotomie einer christlich geprägten Ethik einerseits und der Artikulation wirtschaftlicher
Interessen andererseits dominiert werden, wissen wir immer noch wenig über den
Umgang anderer Religionen und Kulturen mit den ethischen (und rechtlichen) Bewertungen von Reproduktionsmedizin, Drogenkonsum oder AIDS. Die Fragestellungen, die sich in diesem Kontext stellen, sind von grundlegender und kulturübergreifender Relevanz: Wo verläuft die Trennlinie zwischen Erlaubtem und Verbotenem? In welchem Verhältnis stehen die individuelle und die gemeinschaftliche Sphäre zueinander? Wo beginnt und endet die Verfügungsgewalt des Menschen über biologische Grundlagen der Fortpflanzung, des Lebens und des Sterbens? Welcher Wert wird konkurrierenden sozialen Kategorien wie Bestrafung und Fürsorge jeweils beigemessen?
In den letzten Jahren haben sich einige jüngere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Disziplinen, die sich entweder schwerpunktmäßig wie die Islamwissenschaft/Turkologie und Iranistik oder zumindest projektbezogen wie die Politikwissenschaft oder Ethnologie mit dem islamischen Kulturraum beschäftigen, auch gegenwartsbezogenen Themen jenseits der Tagesaktualität zugewandt. Eine Auswahl dieser jüngeren Kolleginnen und Kollegen wollten wir erstmals auf einer Tagung zusammenführen, was uns auch gelungen ist.

[...]

In den meisten Beiträgen spielt die Frage nach der Bedeutung von theologischen bzw. islamrechtlichen Erwägungen in der Praxis von Politik, Wissenschaft und Medizin eine zentrale Rolle. Dabei stellte sich heraus, dass das islamische Recht durchaus pragmatisch auf die gesellschaftlichen Entwicklungen zu reagieren vermag. Dies, obwohl gerade islamistische Kräfte auch bioethische Fragen zur innenpolitischen Profilierung und antiwestlichen Mobilisierung benutzen. Ein besonders interessanter Fall ist Iran, wo der Rechtspluralismus der Schia eine große Flexibilität in bioethischen Fragen ermöglicht.


Inhalt:

Thomas Eich
Was ist eigentlich eine Jungfrau? Arabische Debatten über Hymenrekonstruktion

Björn Bentlage
Die Moral der Ärzte – die Rolle der ägyptischen Ärztekammer am Beispiel von Hymenrekonstruktion und Organtransplantation

Christian H. Meier
Zwischen Religion und Realität: Zum Umgang mit HIV/AIDS im islamischen Nahen und Mittleren Osten

Johannes Grundmann
Islamistische Positionen zum Thema AIDS

Shirin Garmaroudi
Verwandtschaft zwischen Unfruchtbarkeit und Religion: Assistierte Reproduktionstechnologien in Iran

Janet Kursawe
Drogenverbreitung in Afghanistan und in Iran: Gesellschaftliche Auswirkungen und politische Reaktionen



Schaut mal in die diversen Artikel hinein, es reichen oft schon die ersten und letzten Absätze eines Artikels, um einen Überblick zu erhalten. Ich finde Teile der Artikel sehr interessant, und könnten vielleicht in Diskussionen helfen, die große Bandbreite der im islamischen Raum vorhandenen Positionen erst einmal kennenzulernen. Oft kennt man ja eher die restriktiveren Positionen aus der islamischen Welt, einerseits, weil deren Vertreter die neuen Medien oft stärker nutzen (auch mitunter durch Petrodollars finanziert), andererseits, weil deren extremste Positionen öfters hier in den Massenmedien zitiert werden.


(Bildquellen: Wikimedia Commons)

Kommentare:

  1. Allein die Fragestellung verdeutlicht schon den Ansatz einer Geschichte des Mangels erzählen zu wollen. Das ist kritisch wird doch so Europa/USA als Standard der Welt gesetzt und unter diesem Gesichtspunkt die restliche Welt immer stets als "aufholbedürftig" beschrieben. Allein schon die Tatsache vom Aufgang und Niedergang zu sprechen ist reiner Fortschrittsgedanke, ein Relikt, dass die Geschichtswissenschaft ja gerade überwinden versucht. Medizin und menschliches Leiden durch mangelnde Hilfe sind ein globales Phänomen und sollten auch als dieses verstanden werden. Und man sollte nicht den Fehler machen und Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften miteinander zu vermischen, das beste Beispiel ist doch der Iran, der aus naturwissenschaftlicher Perspektive bestimmt nicht "rückschrittlich" ist, aus einem geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkt hingegen, zeigt sich schon, dass das Mullah-Regime stark antiaufklärerisch ist, ob das jedoch "dem Islam" Eigen ist, muss meines Erachtens verneint werden

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  2. Du hast mit etlichem recht, doch sollte man sich durchaus interdisziplinär mit Natur- und Geisteswissenschaften beschäftigen, denn die Realität sieht ja nun einmal so aus, dass einige Länder ihre ggf. naturwissenschaftlichen Bestimmungen, Gesetze, Vorgehensweisen, Finanztöpfe, etc. nach geisteswissenschaftlichen, genauer religiösen Erwägungen, bestimmen. Und da ist es hilfreich, aufklärerisch, eine "Versöhnung" von Moderne mit Religionen zu erzielen, nicht zuletzt durch Verbreitung von Kenntnissen, oder Ansichten, früherer Perioden, die aufzeigen, dass die Fundamentalismen der Welt als Abwehr der Moderne, nicht die alleine oder mächtigste Deutungsmacht bleiben braucht. Es sind eben nicht alle Länder der Welt so säkular wie Deutschland oder große Teile der EU, insofern macht es Sinn, über den wissenschaftlichen Tellerrand zu schauen.

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