Samstag, 10. Dezember 2011

Zivilisation oder Barbarei? Der Islam im historischen Kontext

Das Indien des Taj Mahal, wo Mehrdeutigkeit eine zeitlang als Segen Gottes galt
Mir ist gerade ein interessanter Artikel der Neuen Zürcher Zeitung über den Weg gelaufen, der Appetit auf ein Buch macht, welches gerade vor wenigen Tagen erschienen ist:

Alexander Flores: Zivilisation oder Barbarei? Der Islam im historischen Kontext. 2012.

Es ist noch zu frisch, als dass es dazu Rezensionen gäbe, so schauen wir erstmal auf den Klappentext, was dieser Islamwissenschaftler in dem Buch zu sagen hat:
In der laufenden Debatte über den Islam arbeiten sich Kritiker wie Apologeten an der jeweils anderen Position ab und drohen dabei die Sache selbst aus dem Blick zu verlieren. Demgegenüber plädiert Alexander Flores für eine Ausweitung des Horizonts über den aktuellen Tellerrand hinaus. Er kann zeigen, daß über weite Strecken der islamischen Geschichte die Hegemonie der Religion über das Leben menschliche Freiheit, Kreativität und Produktivität kaum eingeengt hat. Erst bestimmte neuzeitliche Entwicklungen haben dazu beigetragen, daß sich das bis zu einem gewissen Grad geändert hat. Die Gründe dafür liegen aber nicht zwingend in der Logik islamischen Denkens und Handelns, so daß heutige Muslime die Möglichkeit haben, ihre Religion menschenfreundlich zu verstehen, wenn sie das wollen und wenn man ihnen die Gelegenheit dazu einräumt.
Das hört sich doch schon einmal interessant an, und da es kaum Informationen zu diesem Buch gibt, stelle ich hier nun den heutigen NZZ-Artikel einmal vor, wo Alexander Flores Einblicke in seine Positionen und Forschungen gewährt. Darin erinnert er mich stellenweise an die etwas islamkritischeren Aussagen von Wolfgang Günter Lerch in dem zitierten Abschnitt seines Buches in meinem 4. Artikel zum Islamismus gestern.


Der Islam – Korsett oder weiter Mantel?

Die gegenwärtige Islamkritik im Spiegel historischer Realitäten


Die heutige Kritik an menschenrechtlichen Defiziten und ideologischen Verhärtungen in muslimischen Gesellschaften ist nicht unbegründet. Allerdings stützt sie sich oft auf Vorstellungen, die sich im genaueren Blick auf die Historie als unrichtig oder zumindest zu wenig differenziert erweisen.

Alexander Flores

Islamkritik ist in aller Munde. Wir konstatieren Probleme in den muslimischen Gesellschaften; wir sehen aggressives Verhalten und entsprechende Haltungen bei Muslimen. Viele glauben zu wissen, der Islam sei eine grundsätzlich problematische Religion, sei Barbarei, ein Stück in die Gegenwart ragendes Mittelalter. Diese Auffassung kursiert in zwei Versionen: Einmal wird ein besonders inhumaner, weil theozentrischer und aggressiver Charakter des Islam behauptet, der sich in den Glaubensinhalten und in der Scharia niederschlage, dem «Gottesgesetz», das den Gläubigen vom islamischen Staat rigoros aufgezwungen werde. Und das soll von besonderer Durchschlagskraft sein, weil es im Islam keine Trennung von religiösem und weltlichem Bereich gebe und geben könne.

Die zweite Version ist die Vorstellung vom Niedergang der islamischen Zivilisation nach einer Periode historischer Grösse. Diese Grösse, die man in den ersten Jahrhunderten der islamischen Geschichte verwirklicht sieht, sei neben der wirtschaftlichen Blüte durch geistige Freiheit, kulturelle Offenheit, Rationalität und durch weitgehend ungehinderte Bemühung um Problemlösungen auch im islamischen Recht gekennzeichnet gewesen. Dies alles sei durch Erstarrung, geistige Austrocknung und wirtschaftliche Stagnation abgelöst worden; spätestens mit dem 11. Jahrhundert habe ein Niedergang der islamischen Weltgegend eingesetzt. Dieser Niedergang habe die Region derart geschwächt, dass sie in der Konkurrenz mit Europa den Kürzeren gezogen habe und diesem beziehungsweise dem Westen bis heute hoffnungslos unterlegen sei, was dann wiederum zum irrationalen Ressentiment und manchmal zur Gewalt von Muslimen gegen den Westen führe. Der Grund für Stagnation und Niedergang liegt gemäss dieser Sicht der Dinge in kulturellen Faktoren, in erster Linie im Islam selbst. Die Frage, warum ihre Religion den Muslimen in der Frühzeit eine zivilisatorische Blüte gestattete, dann aber den genau umgekehrten Effekt gezeitigt haben soll, bleibt unbeantwortet.

Ein defizitärer Glaube?




Die eine Version der Islamkritik sagt also, der Islam sei aufgrund seines unwandelbaren Charakters immer schon problematisch gewesen; die andere behauptet, er sei es infolge seines Niedergangs geworden. Gemeinsam prägen diese Vorstellungen heute einen grossen Teil der öffentlichen Wahrnehmung des Islam. Gern wird auch behauptet, die muslimische Weltregion sei dem Westen unterlegen, weil ihr etwas fehle, beispielsweise die Trennung von Religion und Politik, oder weil sie keine Reformation und keine Aufklärung durchgemacht habe.

Tatsächlich gibt es in der heutigen Realität der Muslime höchst unerfreuliche Erscheinungen (Diskriminierung von Frauen, Einschränkung der Meinungs- und Religionsfreiheit, aggressives Verhalten, obskurantistische Vorstellungen usw.). Und im Koran, der ja angeblich das Leben der Muslime so enorm prägt, gibt es tatsächlich anstössige Stellen, die zum Beleg des genannten Bildes gern zitiert werden. Also wirkt die so gegebene Erklärung der «islamischen Misere» plausibel und überzeugend. Nutzanwendungen folgen zwanglos: Wir müssen uns dieses Phänomen, wenn wir den Frieden und unsere Verfassungsordnung nicht gefährden wollen, so weit wie möglich vom Leib halten; wenn die Muslime als vollwertige Mitglieder der menschlichen Gemeinschaft anerkannt werden wollen, müssen sie ihre Religion radikal neu konzipieren – am besten nach dem Vorbild des modernen Christentums, das die säkularistische Schlankheitskur schon hinter sich hat.

Dieses Bild ist falsch. Im Grundcharakter, in den Glaubensinhalten, im mythischen Bestand und in der ethischen Ausrichtung unterscheidet sich der Islam nicht wesentlich von Judentum und Christentum; in seinem Selbstverständnis ist er deren Fortsetzung. Wenn man sich die islamische Geschichte vor Augen führt, erkennt man, dass das Kalifat, das mit religiösem Anspruch angetreten war, in diesem Anspruch rasch scheiterte. Es wurde despotische Herrschaft, die den Islam nur noch zur eigenen Legitimation heranzog, indem sie beispielsweise ihre Kriegszüge Jihad nannte.

Und die Scharia? Der grösste Teil der Scharia besteht aus Vorschriften und Orientierungshilfen für das muslimische Individuum, die ihm ein gottgefälliges Leben erleichtern sollen. Für die Übertretung dieser Vorschriften sind keine irdischen Sanktionen vorgesehen, sondern allenfalls Höllenstrafen angedroht. Mit der Durchsetzung dieses Teils der Scharia hatte auch in vormoderner Zeit der Staat nichts zu tun. Dem oblag vielmehr die Verfolgung von «Offizialdelikten» wie den Hudud, den koranischen Strafen. Von deren Verhängung waren aber die islamischen Staaten sehr früh abgekommen. Sehr selten in der islamischen Geschichte sind Dieben die Hände abgeschnitten worden , wie es die koranische Vorschrift will; und noch weit seltener sind Ehebrecher oder Ehebrecherinnen gesteinigt worden. Der Staat setzte religiöse Bestimmungen nur selektiv und nach eigenem Gutdünken um. Das Bild von einem islamischen Staat, der konsequent die Scharia umsetzte, um die Untertanen in ihr Seelenheil zu peitschen, ist also falsch.

Überdies war die Scharia keineswegs eine Liste von eindeutigen gottgegebenen Vorschriften, wie das eine heute weitverbreitete Vorstellung will. Sie lag nur in Form des Fiqh, der islamischen Rechtsgelehrsamkeit, vor, der das Ergebnis der Herleitung fehlbarer Rechtsgelehrter aus den – nach muslimischer Auffassung gottgegebenen – Grundlagen ist. In dieser Form zeigte sie grosse Bandbreite der Meinungen und Vorschriften und war flexibel, pluralitätsfreundlich und «ambiguitätstolerant», wie das Thomas Bauer in einem jüngst erschienenen Buch gezeigt hat. Der Islam war in vormoderner Zeit ein weiter Mantel, unter dem man vieles spazieren führen konnte.

Kein unaufhaltsamer Niedergang

Die traditionellen muslimischen Gesellschaften waren nicht so «islamisch», wie wir uns das gern vorstellen. Sie waren nicht flächendeckend von der Religion beherrscht und durchdrungen. Sie waren stark funktionell ausdifferenziert. Auf manchen Gebieten gab es religiösen Einfluss, auf vielen anderen nicht; die Menschen richteten sich hier nach den Vorgaben dieser Bereiche und kümmerten sich wenig um religiöse Gesichtspunkte.

Auch das verbreitete Bild vom unaufhaltsamen Niedergang der islamischen Zivilisation ist unzutreffend. Es stimmt, dass es nach den ersten zwei oder drei Jahrhunderten der islamischen Geschichte mit diesem Raum nicht mehr so dynamisch weiterging wie bis dahin; auch eine wirtschaftliche Schrumpfung fand statt. Aber die Region erholte sich auch wieder, etwa unter den Mamluken und Osmanen – ein gewisses Auf und Ab in der Entwicklung von Weltregionen war lange Zeit welthistorische Normalität. Und auch kulturell kann von einer generellen Erstarrung, vom Ende des Rationalismus, vom Ende der Philosophie und von nachhaltiger Einengung des Raums geistiger Betätigung keine Rede sein.


Erst im 19. Jahrhundert wurde das anders. Europa hatte sich aufgrund des Zusammentreffens mehrerer günstiger Umstände aus der Gruppe der gemächlichen Entwickler gelöst, hatte Aufklärung und industrielle Revolution durchgemacht, war deswegen enorm erstarkt und präsentierte der benachbarten muslimischen Weltregion eine doppelte Herausforderung: die des Eroberers und Kolonialherrn, der aber auch über die positiven Potenzen der Moderne verfügte. Die Reaktion der Betroffenen war ebenso ambivalent: Feindseligkeit und Abwehr- bzw. Befreiungskampf, aber auch Anpassung, Übernahme europäischer Errungenschaften und Standards sowie Herjagen hinter der europäischen Entwicklung.

Ideologisierung – und Pluralisierung

Das Aufkommen einer stärkeren Macht erschütterte viele Muslime, die lange Zeit in ihrer Religion die Garantie für Wohlergehen und Stärke gesehen hatten. Auch für den Stellenwert des Islam hatte das Konsequenzen. Teils hielt man in einer Art von Trotzreaktion gerade an seiner überkommenen Gestalt krampfhaft fest; teils versuchte man ihn zugunsten einer weitgehenden Übernahme westlicher Errungenschaften in den Hintergrund zu drängen. Noch häufiger versuchte man aber, ihn – oft unter Vorgabe des Rückgriffs auf die unverfälschten Quellen der Religion – den neuen Anforderungen anzupassen.

Der Islam wurde nun in einer vorher nicht gekannten Weise ideologisiert und politisiert; er wurde aber auch aufgefächert und mit allen möglichen modernen Ideologien amalgamiert. Seitdem ist das Spektrum islamischer Überzeugungen so breit und pluralistisch wie nie zuvor. Gleichzeitig behauptet jede der so entstandenen Versionen, selber «der» Islam zu sein, gibt vor, ihr Gedankengebäude sei widerspruchsfrei und eindeutig, und passt sich auch in diesem Punkt der nach Eindeutigkeit strebenden westlichen Kultur an, während die traditionelle islamische Kultur die Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Gemeinde als Gnade Gottes gewertet hatte.

Überhaupt zeigt sich die moderne islamische Ideologie inhaltlich wie formal stark von der westlichen Moderne beeinflusst – sei es, dass sie sich in heftiger Ablehnung krampfhaft vom Westen abzusetzen versucht und sich ihm dabei gleichsam spiegelbildlich anähnelt, sei es, dass sie westliche Errungenschaften positiv aufnimmt. Vieles, was uns heute als typisch islamisch erscheint, haben die Muslime aus Europa übernommen, wo es aber mittlerweile ausser Gebrauch gekommen ist und uns daher unvertraut erscheint, obwohl es noch vor kurzem gang und gäbe war. Wo sich Muslime dem Westen gegenüber schwach fühlen, stösst die Übernahme aus dem Westen auf Vorbehalte und wird eher der Islam betont, oft sogar einer mit sehr groben Zügen. Nun hat sich der Westen durch sein Bestehen auf rigoroser Kontrolle der muslimischen Weltregion, an der ihm aus ökonomischen und strategischen Gründen viel lag und noch liegt, dort ausgesprochen unbeliebt gemacht und tut das bis heute. Für die groben Züge braucht man da nicht zu sorgen.

Die Grundkonstellation ist seit dem 19. Jahrhundert ähnlich geblieben. Das islamische Ideologiegemisch hat sich weiterentwickelt; weil die Abhängigkeit vom Westen geblieben ist, hat sich auch ein deutlich antiwestlicher Tenor gehalten. Die unerfreulichen Aspekte muslimischer Verhaltensweisen und Äusserungen, die uns heute so oft aufstossen, sind meist nicht uralt, sondern im Zuge dieser Entwicklung – des feindlichen Zusammenstosses mit dem Westen, der gleichzeitig zur Übernahme mancher westlicher Standards und Errungenschaften nötigte – entstanden. Im Lauf des 20. Jahrhunderts hat sich so der Islamismus herausgebildet; um 1980 ergab sich ein neuerlicher Schub in der Herauskehrung der militanten und aggressiven Züge der islamischen Ideologie.

Seitdem kann man von einem neuen islamischen Diskurs sprechen, der zwar keineswegs alle oder auch nur Mehrheiten von Muslimen betrifft, aber publizitätsträchtig ist und daher weithin wahrgenommen wird: eine irrationale, obskurantistische, aggressive Konzeption. Sie stellt sich aber selbst als defensiv dar und wird daher von vielen Muslimen umso eher akzeptiert, als man ja tatsächlich auf die schwache Position der muslimischen Welt und einige besonders skandalöse Benachteiligungen von Arabern und anderen Muslimen hinweisen kann. Diese Konzeption begreift oft schreckliche Äusserungen und manchmal auch Taten ein – das «hässliche Gesicht des Islam» sozusagen. Im Westen trägt das zur Verstärkung genereller antiislamischer Vorurteile bei, die dann wieder, wenn sie westliches Verhalten bestimmen, zur Marginalisierung von Muslimen und damit zu deren Frustration und Aggression beitragen: ein gegenseitiges Aufschaukeln von Feindseligkeit, ein Circulus vitiosus, in dem wir – und die Muslime – heute weitgehend befangen sind.
Wahlmöglichkeiten

Wie kommen wir da heraus? Nur die Muslime selber können die bedenklichen Vorstellungen überwinden, die heute vielfach im Namen des Islam portiert und in Taten umgesetzt werden. Das Spektrum islamischer Verhaltensweisen und Überzeugungen ist ausreichend pluralistisch und breit, um ihnen das zu ermöglichen. Ihre Chancen dabei hängen davon ab, wie sie sich in der Welt bzw. in den Gesellschaften, in denen sie als Minderheit leben, sehen und wahrgenommen sehen. Wir sollten lernen, dass es diese Pluralität und Bandbreite des Islam gab und auch heute noch gibt, wir sollten hinter die unerfreuliche Fassade, hinter das hässliche Gesicht des Islam schauen, die Wahlmöglichkeiten der Muslime erkennen und anerkennen und ihnen durch unser eigenes Verhalten die friedliche, menschenfreundliche Option erleichtern. Wer aus der blossen Zugehörigkeit zum Islam einen Anklagepunkt macht, tut das genaue Gegenteil.
Na, hier hat Alexander Flores ja so einiges an Vorurteilen, Klischees, Missverständnissen bezügliches des Islams und seiner Geschichte angesprochen, womit ich mich in diesem Blog ja auch mehrfach beschäftigt habe. Eine schöne kleine Zusammenfassung der hier im Blog ausführlicher dargestellten Positionen oder Gelehrtenmeinungen, die Lust auf mehr machen - zum Beispiel mit der Lektüre seines Buches.

(Bildquelle: Wikimedia Commons)

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