Dienstag, 5. Oktober 2010

"Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland"

"Zu allererst brauchen wir aber eine klare Haltung. Ein Verständnis von Deutschland, das Zugehörigkeit nicht auf einen Pass, eine Familiengeschichte oder einen Glauben verengt, sondern breiter angelegt ist. Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich-jüdische Geschichte. Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland. Vor fast 200 Jahren hat es Johann Wolfgang von Goethe in seinem West-östlichen Divan zum Ausdruck gebracht: "Wer sich selbst und andere kennt, wird auch hier erkennen: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen."
Rede von Bundespräsident Christian Wulff zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit

Dieses ist ein Zitat von Bundespräsident Christian Wulff anlässlich des 20. Jahrestages der Deutschen Einheit in Bremen.

Adelsdamen Europas fanden es im 18. Jh. schick, orientalische Moden im Rahmen der "Turquerie" zu tragen


Nun regt sich in einigen konservativen Kreisen Widerspruch, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Hier müsste man ein wenig differenzieren und schauen, wie Wulff diesen Satz gemeint haben könnte. Das Wort "inzwischen" ist dabei entscheidend, denn es bringt die zeitliche Komponente ins Spiel. Damit meint Wullf eben die muslimischen Gastarbeiter, die sich inzwischen dauerhaft Deutschland als neue Heimat ausgesucht haben. Sie seien nun einmal hier, und damit gehören sie auch zu Deutschland. Denn die Zeiten seien vorbei, in denen man träumerischen Utopien nachhängen könne, die sich im Satz "Ausländer raus!" an den Stammtischen noch im 21. Jahrhundert immer wieder manifestieren. Also müsste der Satz eigentlich lauten: "Die Muslime gehören inzwischen auch zu Deutschland." Soweit meine Deutung.
Dann folgt aber noch der Hinweis auf Goethe. Und damit der Rückgriff auf die Geschichte. Und damit auf die Frage, hat der Islam etwas mit der deutschen Geschichte zu tun? Oder haben nur Christentum und Judentum darin seinen Platz?
Es ist kein Wunder, wenn Politiker kein Bewusstsein dafür haben, welchen Einfluss der islamische Kulturraum, und damit meine ich eben nicht ausschließlich die Religion, auf Europa, oder besser gesagt das lateinische Europa hatte. Lateinisches Europa deshalb, weil man sich auch fragen könnte, "gehört" denn die Ostkirche, der orthodoxe Glaube ebenfalls zu Deutschland?
Dr. Margret Spohn hat in ihrem Werk: "Alles getürkt - 500 Jahre (Vor)Urteile der Deutschen über die Türken. 1993." ein Kapitel verfasst, indem sie das Bild der Muslime und der Türken/Osmanen in den deutschen Geschichtsbüchern analysierte: 4 Das Türkenbild im Unterricht (online frei einsehbar)
Wenn man sich diese Analyse anschaut, so werden gegenseitige Einflüsse von Orient und Okzident in den Geschichtsbüchern der Schulen kaum vermittelt, sondern es wird auf die Konfrontation der Fokus gelegt. Auf ein "Wir" und ein "Ihr".
Dieses Bild, welches wir von "den Anderen" haben ist immer noch wirkmächtig, wird seit der iranischen Revolution 1979 sogar noch massenmedial verstärkt.

Natürlich ist der Einfluss des islamischen Kulturraumes auf Deutschland oder auf das lateinische Europa wesentlich geringer, als vielleicht der Einfluss des Christentums, der Einfluss der Aufklärung, der Antike, usw.

Dennoch sollte man ihn nicht gänzlich negieren, und sich bewusst werden, dass die Kulturen diesseits und jenseits des Mittelmeerbeckens die meiste Zeit ihrer Geschichte sich wie kommunizierende Röhren verhielten.

Und wenn auch nur der islamische Kulturraum dazu diente, das eigene christliche Selbstbild zu zimmern, quasi als Gegenbild des Feindbildes Islam, sich zu vergewissern, dass das Böse jenseits des Mittelmeeres liegt, um das eigene Gute umso heller erstrahlen zu lassen, so hat dadurch der islamische Kulturraum indirekt ebenfalls einen Anteil daran, wie wir das wurden, was wir heute sind. Ebenfalls in diese Kategorie fiele zum Beispiel der Einfluss, welches das osmanische Weltreich auf Strömungen innerhalb der Christenheit im 16. Jahrhundert hatte. So band die osmanische Expansion eine große Anzahl katholischer Kräfte, die in der aufflammenden Reformation Luthers dann den Katholiken fehlten und mit ein Grund waren, dass die Reformation letztlich nicht mehr aufzuhalten war.

Es gibt aber noch mehr Einflüsse, jenseits dessen, was sich z.B. eher durch Abgrenzungstendenzen auf das lateinische Christentum indirekt auswirkte.
Dabei gilt es auch hier zu unterscheiden, in welcher Weise geistes- und auch naturwissenschaftsgeschichtlich der Orient auf den Okzident wirkte, und wie sich die persönlichen Kontakte entwickelten.
Es gab nämlich nicht erst seit den 1960er Jahren Muslime in Deutschland, wenn auch die vorige Anzahl sehr viel geringer war. Abgesehen von Kriegsgefangenen (Beutetürken) und deren durch Zwangstaufen erzwungene Assimilation, wurden die Kontakte schon im 18. Jahrhundert zwischen den Deutschen und dem Osmanischen Reich.intensiver.
So schrieb Friedrich II., der Große:
"Alle Religionen sind gleich und gut, wenn nur die Leute, die sich zu ihnen bekennen, ehrliche Leute sind. Und wenn Türken und Heiden kämen und wollten hier im Land wohnen, dann würden wir ihnen Moscheen und Kirchen bauen."
(aus: Faruk Sen, Hayrettin Aydin: Islam in Deutschland. Beck 2002. S. 10.)

In der Folge holte er einige hundert Muslime in die preußische Armee, es entstand eine erste muslimische "Kolonie" in Berlin, es wurde ein bis heute noch existierender muslimischer Friedhof angelegt, Anfang des 20. Jahrhunderts auch eine repräsentative Moschee.

Abgesehen von der Geschichte der Muslime in Deutschland, die vielleicht trotz Mozart, Beethoven, Haydn, "Turquerien" in Mode, Architektur, Musikinstrumenten, Gartenbaukunst, etc. einen eher geringen Einfluss ausübten, sollte man anerkennen, dass Kulturen sich nicht ausschließlich aus sich selbst heraus, und das, was sie dafür halten, entwickeln. Der Okzident wurde vor allem geistes- und naturwissenschaftlich durch den Orient befruchtet, und wurde erst dadurch zu dem, was er heute ist. Dieses zu negieren ist wissenschaftlich veraltet.
"Daher ist dem französischen Weltsystemhistoriker Fernand Braudel zuzustimmen, wenn er die Ansicht vertritt, dass „das traditionale Bild vom genial eigenschöpferischen Abendland, das als einziger Kulturraum den Weg der technisch-wissenschaftlichen Vernunft beschritten hatte (Braudel: Der Handel 1986, 617), endgültig aufgegeben werden müsse“. Dieses eurozentrische Weltbild unserer Schulen und Universitäten müsse revidiert werden, fordert auch der in Frankfurt forschende Sprachwissenschaftler und Kulturhistoriker Fuat Sezgin. Denn die moderne Kulturgeschichtsforschung habe zeigen können, dass Europa vermittelt über italienische Hafenstädte ... sehr viel „von der Pracht und Herrlichkeit" des Islams des 11. und 12. Jahrhunderts“ übernommen hat, ...(Braudel, Handel 1986, 617f.)."
Rainer Tetzlaff: Europas islamisches Erbe. Orient und Okzident zwischen Kooperation und Konkurrenz. Hamburg 2005.

Allgemein bekannter ist eher die Meinung, der islamische Kulturraum habe das antike griech.-römische Erbe bewahrt und gleichsam einem Postboten dem Abendland nur übermittelt. Dieses ist nur die halbe Wahrheit, die Ergänzung lautet, dass der islamische Kulturraum dieses Wissen weiter entwickelte, kritisierte, kommentierte, befruchtete, und eben dieses gemeinsam mit den originalen antiken Autoren Eingang in die wissenschaftlichen Anfänge des Abendlandes hielten. Dabei griffen nicht selten die christlichen Gelehrten gerne auf durch arabische Wissenschaftler ergänzte oder kommentierte antike Texte zurück, und setzten sich damit auseinander, anstelle alleine das antike Original zu konsultieren, sofern es überhaupt noch erhalten war, und nicht durch die jahrhundertelange christliche Verachtung der Antike vernichtet wurde.

Prof. Dr. Hans-Rudolf Singer schreibt im Brockhaus im Artikel "Kulturkontakt: Islamische Kultur und christliches Europa":

"Die werdende islamische Kultur hat bekanntlich vor allem seit dem 8. Jahrhundert einen beachtlichen Teil des antiken Erbes aufgenommen, verarbeitet und darauf aufbauend in immer stärkerem Maße eigenständige wissenschaftliche Leistungen von bleibendem Rang hervorgebracht, die sie schließlich in den Stand setzten, dieses angereicherte Erbe an Europa weiterzugeben. (...) Dass diese außerordentliche und überaus praktische "Entdeckung" [der arabischen Ziffern] zunächst [im Abendland] ohne Resonanz blieb, zeigt, wie sehr Europa noch die Voraussetzungen fehlten, den Nutzen solcher Techniken überhaupt zu erkennen. Bezeichnend für die Haltung auch eines Großteils der europäischen geistigen Eliten dieser Zeit ist, dass selbst ein Mann wie Gerbert wegen seiner aus arabischen Quellen stammenden naturwissenschaftlichen und mathematischen Kenntnisse in den Verdacht geriet, ein Magier zu sein. (...)
Waren noch im 8./9. Jahrhundert Byzanz und die syrischen wie - wenn auch bescheidener - die ägyptischen Pflegestätten der überkommenen Kultur, allen voran die Klöster, gebender Teil, so wurde später auch hier der islamische Orient führend. (...) Ab dem 9. Jahrhundert setzte dann der Gegenstrom ein: Es kam zur Rückübermittlung des antiken Erbes vermehrt um die Leistungen der arabisch schreibenden Welt an das Abendland."

Natürlich fußte das arabische Wissen nicht ausschließlich auf der griechisch-römischen Antike, sondern bezog seine Quellen ebenso aus dem Osten, z.B. aus Indien und China (Interessanterweise beschrieben die Araber in ihren Werken ihre externen Quellen, hingegen schrieben christliche Autoren äußerst selten, dass ihre Schriften auf arabischen Forschungsergebnissen beruhten.). Das Netzwerk der arabischsprachigen Gelehrten wurde begünstigt durch das Weltreich der Abbasiden, welches einen gewaltigen Kommunikationsraum schuf, der zudem noch mit der alljährlichen Wallfahrt nach Mekka Berührungspunkte für fruchtbaren Austausch verschiedenster wissenschaftlicher Erkenntnisse bot.

Folgender Autor vertritt die These:


Frieder Otto Wolf::
Ohne die islamische Philosophie hätte es weder Scholastik noch Aufklärung geben können! Philosophiehistorische Anhaltspunkte für eine europäische Haltung zum Islam


"Der Islam ist nichts der europäischen intellektuellen Tradition Äußerliches, sondern er gehört selbst wesentlich zu unserem westeuropäischen Kulturerbe - und zwar in zweierlei Hinsicht:

  1. Zum einen als eine der Religionen aus der „abrahamitischen Tradition“, Judentum, Christentum, Islam, die sich alle - obwohl sie es jeweils mehr oder minder heftig bestreiten - in den letzten 1000 Jahren in Auseinandersetzung und Abgrenzung miteinander entwickelt haben, also historisch konkret jeweils ohne die beiden anderen nicht das wären, was sie heute geworden sind. (...)
  2. Zum anderen aber auch als die zweite - nach dem byzantinischen Reichschristentum und vor der katholischen Christenheit - ausgearbeitete ideologische Artikulation von weltimmanenter späthellenistischer Philosophie und Wissenschaft, polisgesellschaftlicher und imperialer institutioneller Rechtstradition und transzendenter Offenbarungsregion, die für die „Geburt Europas“ (vgl. Bartlett 1996) als Vorbild, Folie und Denkmaterial gedient hat.
- Der Islam in seiner Geschichte - die innerhalb der islamischen Tradition selbst allerdings nur  unzureichend in Erinnerung geblieben ist - enthält eine entscheidende Phase intellektueller Umbauarbeiten und Kritiken im Verhältnis von Philosophie und Religion, von Vernunftglauben und Glaubensobservanz, ohne die es schwerfiele, das überhaupt zu denken, was immer wieder als der eigentliche Kernbestand europäischer Identität behauptet wird: die Renaissance, die Reformation und die Aufklärung. Dabei spielt aus westeuropäischer Sicht die Nichtexistenz einer die Gemeinde der Gläubigen hierarchisch erfassenden Kirche eine maßgebliche Rolle, wie sie vor allem vom katholischen Modell der „Christenheit“ entwickelt worden ist (zur Komplexität von deren Durchsetzungsprozeß vgl. Herrin 1987 u. Bartlett 1996). Deswegen ist der geringe Stand des heute auf beiden Seiten - bei MuslimInnen und Nicht-MuslimInnen - vorhandenen historischen Bewußtseins über die gemeinsamen Traditionslinien in Religion und Philosophie, die sie sowohl verbinden als auch unterscheiden, ein kulturpolitisch dringend zu behebende Selbstaufklärungslücke."

Sicher, die beiden größten Ströme, aus denen sich der Okzident gespeist hatte waren Homers Werke (Ilias und Odysseus) und die Bibel. Doch sollte man dabei nicht vergessen, dass es weitere Ströme Europas und damit Deutschlands gegeben hat, unter denen der Orient nicht vergessen werden sollte. Nicht zuletzt die vielen arabischen Lehnwörter des Deutschen sind noch ein fernes und meist vergessenes Echo der Geschichte.

Kommentare:

  1. Jetzt weiß ich, was ich vermisst habe. :)

    Danke, sehr guter Beitrag, lynxx!

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  2. Eigentlich ist es relativ egal, welchen Terminus Wulff da benutzt hat, Aus dem Mund eines führenden Mitglieds der CDU ist der Inhalt seines Satzes die Revolution. Nun müssen die anderen Politiker diese Rede nur noch mit Leben erfüllen und genau da beginnen meine Zweifel.

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  3. Es sind ja vorwiegend eher konservative CDU/CSUler, die sich nun ein wenig mokieren, wahrscheinlich aus Respekt vor dem Amt sich zurückhalten. Eigentlich bin ich der Meinung, dass er was Selbstverständliches gemeint hat, Muslime gehören nun einmal zu D, und man kann sie nicht mehr, nie mehr, wegzaubern. Außerdem kann es durchaus sein, dass einige Hinterbänkler nun denken, mit leiser Kritik Wählerstimmen fangen zu können, also Kalkül sind, den Wulff mit Absicht missverstehen wollen. Bis denne, Ciao Cheops.

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