Mittwoch, 31. August 2011

Burka, Kopftuch, Niqab und Hidschab - 2. Teil

Benazir Bhutto, 1988 erste
Premierministerin von Pakistan. Mit Schleier.
"Die Leute glauben, ich sei schwach, weil ich eine Frau bin. Wissen sie nicht, dass ich eine muslimische Frau bin und dass Musliminnen ein Erbe besitzen, auf das sie stolz sein können? Ich habe die Geduld der Bibi Khadidscha, der Frau des Propheten, Friede sei mit ihm. Ich habe die Ausdauer der Bibi Zainab, der Schwester des Imams Husain. Und ich habe den Mut der Bibi Aisha, der jüngsten Frau des Propheten, die auf ihrem Kamel an der Spitze eines islamischen Heeres in den Kampf zog. Ich bin die Tochter des Märtyrers Zulfikar Ali Bhutto, die Schwester des Märtyrers Schah Nawaz Khan Bhutto, und ich bin eure Schwester. Ich fordere meine Gegner heraus, sich mir auf dem Schlachtfeld der Demokratie zu stellen." (Benazir Bhutto, verstorben am 27. Dezember 2007)
Nun geht es weiter in der Artikelserie über das Kopftuch, den Schleier, den Gesichtsschleier Niqab, und weitere Formen dieser für Frauen typisch islamisch angesehenen Bekleidungsvorschrift. Hier kann man den ersten Teil nachlesen. Zuvor hatte ich schon hier einige Zitate und Gedanken veröffentlicht.

Zitate aus:
Adel Theodor Khoury, Ludwig Hagemann, Peter Heine: Lexikon des Islam. Geschichte, Ideen, Gestalten. 2004

Schleier

Kaum ein Kleidungsstück wird dermaßen mit einer vom Islam geprägten Lebensweise in Verbindung gebracht wie der Schleier. Traditionell wird er von Frauen und Mädchen nach der Geschlechtsreife getragen. Zwar tragen auch Männer bestimmter Nomadengruppen, wie der Tuareg der Sahara, Gesichtsschleier. Doch sind hier keine religiösen oder quasi-religiösen Gründe für diese Sitte von Bedeutung, sondern ausschließlich praktische und soziale Motive. Die zahlreichen regional unterschiedlichen und sozial differenzierten Formen der Verschleierung muslimischer Frauen lassen sich in fünf Typen einteilen: Körperschleier, Gesichtsschleier, Halbschleier, Gesichtsmaske und Kopftuch. [...]
Es lassen sich raffinierte Muster feststellen, die darauf schließen lassen, daß eine der Funktionen der Kleidung, nämlich die soziale Stellung des Trägers oder der Trägerin auszudrücken, auch hier besteht.

Körperschleier

Als Körperschleier (Tschador) werden solche Formen der Verhüllung von Frauen bezeichnet, die den gesamten Körper von Kopf bis Fuß bedecken und das Gesicht frei lassen. Es finden sich im übrigen Körperschleier, bei denen auch das Gesicht bedeckt ist und der Trägerin eine Orientierungsmöglichkeit durch einen von einem dünnen Stoff bedeckten Augenausschnitt gegeben ist. [...] Die Propagierung des »Tschador« durch die islamische Revolution im Iran hat dazu geführt, daß dies Kleidungsstück als »islamische Kleidung« in die Literatur eingegangen ist.
[...]

Außer auf die »islamische« Haltung der Trägerin oder ihrer Familie weist die Form des Schleiers auch auf ihre soziale Stellung hin. Der Schleier ist vor allem ein städtisches Kleidungsstück.
[...]

Dienstag, 30. August 2011

Sultan Selim II. Moschee - Selimiye Moschee wurde UNESCO-Welterbe

Sultan Selim II. Moschee - Selimiye Moschee
Die Selimiye-Moschee oder Sultan Selim II. Moschee in Edirne / Türkei wurde mitsamt dem Gebäudekomplex (Külliye) kürzlich in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen.
Diese Moschee abseits der Massentourismusströme wurde auf Anordnung Sultan Selim II. vom Baumeister Sinan in den Jahren 1568–1575 errichtet. Das Bauwerk bezeichnete Sinan selbst als „sein Meisterwerk“, es gilt als Höhepunkt der osmanischen Architektur und als eine der architektonisch gesehen schönsten vormodernen Moscheen weltweit (siehe auch unten). Die sich 71 m hoch erhebenden Minarette haben jeweils drei Umgänge, zu denen man über drei getrennte Treppenaufgänge gelangen kann. Die Zentralkuppel, die auf acht gewaltigen doch gleichzeitig nicht aufdringlichen Stützsäulen ruht, misst 31,28 m im Durchmesser; ihre vom Boden gemessene Höhe ist mit 43,28 m angegeben. Die marmorne Kanzel sowie die Iznik-Fliesen aus dem Höhepunkt dieser Keramik-Phase haben weltweite Berühmtheit erlangt.
An den Moscheebau schließen sich ebenfalls von Sinan errichtete Nebengebäude an, die dem ganzen Bauwerk den Namen „Selimiye-Komplex“ verliehen haben.



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(Wie immer doppelklick auf das Video für Vollbild-Modus)
Quelle


Montag, 29. August 2011

Islamische Philosophie - 4. Teil

Ibn Sina nach einer Handschrift
von 1271

Heute möchte ich einige der bedeutenden oder wirkmächtigen Vertreter der islamischen Philosophie kurz vorstellen, sowie zwei Antworten von Gelehrten auf die Philosophie oder die Erfahrungen ihrer Zeit.

Aus:
Adel Theodor Khoury, Ludwig Hagemann und Peter Heine: Islam-Lexikon. Geschichte - Idee - Gestalten. Freiburg, Basel, Wien, Band 1-3, 1991.

Ibn Ruschd - (lat.) Averroes

Der berühmteste mittelalterliche Kommentator des Aristoteles, Naturwissenschaftler, Philosoph und Theologe, Ibn Rushd (lat.: Averroes), wurde 1126 in Cordoba geboren und starb 1198 in Marrakesch. Aus einer andalusischen Juristenfamilie stammend erhielt er zunächst eine Ausbildung im islamischen Recht malikitischer Prägung, studierte jedoch auch Medizin. Schon früh wurde ferner sein Interesse für die Philosophie deutlich. Seit 1153 lebte er in Marrakesch, wo er sich zunächst mit Astronomie befaßte. In diesem Zusammenhang kam er wohl zum ersten Mal intensiver mit den Werken des Aristoteles in Berührung. Der Almohadenherrscher Abu Ya'qub Yusuf I. (1163-1184) war es, der den jungen Mann alsbald förderte, indem er ihn zum Qadi und Ober-Qadi in verschiedenen Städten des Almohadenreiches berief, ihn aber zeitweise auch zu seinem Leibarzt machte. Auch unter dem Nachfolger von Abu Ya'qub, Ya'qub al-Mansur (1184-1199), fand er noch eine Zeitlang herrscherliches Wohlwollen. Seine letzten Lebensjahre waren jedoch durch eine Reihe von Verfolgungen verdüstert. Vor allem aus politischen Gründen verlor er die Unterstützung des Herrschers. Seine Lehren wurden für nicht mit dem Islam in Übereinstimmung erklärt und seine Bücher verbrannt. Allerdings erlebte er noch kurz vor seinem Tode seine formelle Rehabilitierung.

Die kaum abschätzbare Bedeutung, die der lateinische Averroes für die Entwicklung der mittelalterlichen europäischen Scholastik hatte, kontrastiert zum Einfluß des arabischen Ibn Rushd auf die islamische Geisteswelt. Hier liegt wohl auch die Ursache dafür, daß die Mehrzahl seiner Werke in lateinischer, zum Teil auch in hebräischer Sprache und nicht in arabischer Sprache, überliefert worden sind. Von grundsätzlicher Bedeutung für die Mehrzahl seiner Arbeiten ist die Tatsache, daß er sich den Werken des Aristoteles nicht über Kommentare und Rezeptionen näherte, sondern direkt auf die Texte selbst zuging. Die problematische Position der Philosophie in der islamischen Geisteswelt hat dazu geführt, daß von manchen westlichen Gelehrten die Meinung vertreten worden ist, daß Ibn Rushd in seinen Aristoteles-Kommentaren unter dem Deckmantel der Wiedergabe aristotelischer Gedanken seine eigenen Vorstellungen zum Ausdruck gebracht habe. Eines seiner zentralen Themen war die Frage nach dem Verhältnis von Wissenschaft und Glauben. Immer wieder versuchte er, mit Hilfe von Koran-Zitaten und anderen Belegen aus den autoritativen Texten des Islams die prinzipielle Übereinstimmung dieser beiden Begriffe im Hinblick auf die Wahrheit zu beweisen. Für ihn besteht kein Gegensatz zwischen der Wahrheit des Glaubens und der der Wissenschaft, auch wenn dies auf den ersten Blick so scheinen mag. Ibn Rushd hat sich mit der Kritik, die von islamischen Rechtsgelehrten an der Philosophie geübt wurde, scharf auseinandergesetzt, ist mit seinen Argumenten jedoch nicht durchgedrungen. Daher ist seine Wirkungsgeschichte im Gegensatz zum Abendland in der islamischen Welt nur sehr gering.

Literatur:

  • R. ARNALDEZ, La pensée religieuse d'Averrroes. 1-3, in: Studia Islamica 8 (1957)-10 (1959)
  • ANKE VON KÜGELGEN, Averroes und die arabische Moderne, Leiden 1994
  • F. E. PETERS, Aristoteles Arabus, Leiden 1968
  • S. M. STERN / A. HOURANI (EDS.), Islamic Philosophy and Classical Tradition, London 1972
  • R. WALZER, Greek into Arabic, Oxford 1962.


Autor: P. Heine

Sonntag, 28. August 2011

Burka, Kopftuch, Niqab und Hidschab - 1. Teil

Kopftuch im künstlerisches Foto,
Beschreibung siehe unten
Ich hatte letztens mit Muslimen eine kleine Diskussion, ob denn der Gesichtsschleier (Niqab) wirklich ein islamisches Gebot darstellt, wie es zum Beispiel die Wahhabiten in Saudi-Arabien annehmen. Entzündet hatte es sich an einen Gedanken, der mir schon vor Jahren einmal durch den Kopf ging: Bekanntlich braucht der Mensch ja eine gewisse Mindestmenge Sonnenlicht, um seine Vitamin-D-Produktion zu tätigen. Da es für diese Mindestmenge ausreichend ist, wenn durchschnittlich wenige Dezimeter Haut eine halbe Stunde täglich beschienen wird, würde es also wohl auch mit einem Kopftuch und nackten Händen kein Problem für diese Vitamin-D-Produktion darstellen. Aber wie sieht es dann mit der in Saudi-Arabien besonders in gehobenen Schichten vorherrschenden Praxis der Vollverschleierung, also inklusive der Verhüllung des Gesichtes und oft auch der Hände mittels Handschuhe? Wenn Muslime annehmen, dass der Mensch Gottes Geschöpf ist, dann müsste Gott ja auch seine gestaltenden Hände im Spiel dabei gehabt haben, uns diese Form der Vitamin-D-Produktion zu bescheren. Oder das überhaupt der Stoffwechsel des Menschen Vitamin-D und die Sonne braucht. Insofern wäre es dann nicht "komisch", wenn er gleichzeitig ein komplettes Verhüllungsgebot fordern würde, und damit seine eigene Schöpfung mitsamt der Vitamin-D-Produktion ad absurdum führen würde?
Naja, Muslime werden einwerfen, Gottes Wege sind unergründlich, trotzdem kommt einem das merkwürdig vor. Letztlich besteht wohl kein Konsens unter den Gelehrten, dass die wahhabitische Sicht der Komplettverschleierung die einzig wahre wäre, sonst wäre nicht nur eine weltweit extreme Minderheit der Musliminnen unter diesem Gesichtsschleier. Und wer weiß, wie die Exegeten des islamischen "Mittelalters" den Koran gelesen hätten, hätten sie schon damals von der Bedeutung der Sonne für Gottes Schöpfung gewusst?

Bevor ich aber nun weiter spekuliere, lasse ich lieber mal die Wissenschaft zu Wort kommen, und zitiere in dieser Artikelserie aus diversen Standardwerken und Enzyklopädien, sowie einigen nichtislamwissenschaftlichen Werken, die ich entsprechend benenne.

Ich hatte hier schon einmal in einem Artikel speziell zum Kopftuch, und was überhaupt darüber im Koran ausgesagt wird, etwas geschrieben.

Aus: Martin, Richard C. (Hrsg.): Encyclopedia of Islam and the Muslim world. Macmillan Reference: 2004.

Von Ghazala Anwar und Liz McKay


VEILING

The word for veiling, hijab, is derived from the root h-j-b. Its verbal form hajaba means to veil, to seclude, to screen. The complex phenomenon of hijab is generally translated into the English as veil with its correlate seclusion. The term hijab or veil is not used in the Qur'an to refer to an article of clothing for women or men, rather it refers to a spatial curtain that divides or provides privacy. The Qur'an instructs the male believers (Muslims) that when they ask of anything from the wives of the prophet Muhammad to do so from behind a  hijab, a curtain that creates a visual barrier between the two sexes (33:53). The observance of this hijab is the responsibility of the men and not the wives of the Prophet.
In later Muslim societies this instruction specific to the wives of the Prophet was generalized, leading to the segregation of Muslim men and women not related to each other through family ties. It created a social and political division between public male space and private female space with the effect of a political, social, economic, and psychological disenfranchisement of the women. The gender-segregated space has also provided an intimate homosocial context conducive to deep bonds between members of the same gender and inimical to bonds and commitments across genders, including heterosexual relations.

Samstag, 27. August 2011

Islamische Philosophie - 3. Teil

Ibn Ruschd (Averroës)
Detailansicht aus der Schule von Athen
(Raphael Santi, Stanzen des Vatikans)


Fortsetzung der Artikelserie mit einführenden Zitaten zur islamischen Philosophie. Der erste Teil kann hier, der zweite hier nachgelesen werden.

Aus: Lexikon des Mittelalters. 2000.

(Beim Scannen gingen die diakritischen Zeichen verloren, Transkription ist nach der DMG)

Arabische Philosophie:

1. Allgemeine Charakterisierung: 
Als arabische Philosophie bezeichnet man die Tradition rationaler Seinserklärung, die seit dem 9. Jh. im islamischem Kulturkreis gepflegt worden ist. Ihr Ursprung lag in der Begegnung mit dem griechischem Denken. Ihr Ziel war es, eine umfassende philosophische Deutung des Diesseits und Jenseits vorzulegen, die mit den Prinzipien der islamischen Religion vereinbart werden konnte. Aufgrund dieses universalen Anspruches jedoch und infolge ihrer Verwurzelung in einer als fremd empfundenen Tradition wurde die arabische Philosophie nicht in den Kanon der eigtlichen islamischen Wissenschaften aufgenommen. Sie begleitete, wie schon in der Spätantike, als weltanschauliche Orientierung die Naturwissenschaften, vor allem die Medizin. Aber sie blieb getrennt von den Disziplinen, in denen die religiös inspirierte Metaphysik zum Ausdruck kam (Theologie, Mystik). Erst ab dem 12. Jh. fand philosophisches Lehrgut auch hier Eingang, allerdings nur in ausgewählter Form und um den Preis seiner Einordnung in ein bereits festgelegtes gedankliches System.

Freitag, 26. August 2011

Islamische Philosophie - 2. Teil

Der syrische Philossoph Sadiq Dschalal al-Azm an der
Universität von Californien, 2006.


Wie entwickelte sich denn die islamische Philosophie nach ihrer Blütezeit?

Im ersten Blogpost dieser Artikelserie steht schon, dass im Laufe des 20. Jahrhunderts alte Gewissheiten der Geschichtswissenschaft oder der Philosophiegeschichte verworfen wurden, und obwohl man noch viel erforschen muss, einiges sich heute anders darstellt, als noch vor einigen Dekaden. Hier möchte ich nun einen kleinen Einblick in obige Frage geben.

Auszüge aus:
Ulrich Rudolph: Islamische Philosophie. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. München 2004.
(in googlebooks weit einsehbar)

Ein neuer Ansatz:
Mullâ Sadrâ und die Schule von Isfahan

Dass die beharrliche Reflexion über die vertrauten Texte auch zu neuen Ergebnissen führte, sollte sich im Übrigen zu Beginn des 17. Jahrhunderts erweisen. In dieser Zeit wirkte in Iran eine Reihe von Denkern, die als die «Schule von Isfahan» bekannt geworden ist. Sie studierten ebenfalls die Werke von Avicenna, Suhrawardî, Ibn al-‛Arabî und deren Interpreten. Außerdem lasen sie Schriften von Averroes (zumindest in Auswahl) und griffen sogar die Lehrüberlieferung, die vor Avicenna gepflegt worden war, wieder auf (d. h. Aristoteles, Alexander von Aphrodisias, die Theologie des Aristoteles, Kindî, Fârâbî u.a.). Trotzdem sind ihre eigenen Überlegungen nicht einfach die Repetition des Tradierten. Im Gegenteil: Sie enthalten neue Konzepte und originelle Interpretationsansätze. Deswegen gehen manche Beobachter so weit, im Zusammenhang mit dieser Entwicklung von einer «Renaissance» der Philosophie in der islamischen
Welt zu sprechen.

Polygynie / Polygamie im Koran

Frühes Koran-Manuskript in Hidschazi-Schrift

Mich hat mal vor Jahren interessiert, was es mit der Mehrehe im Islam
(Vielehe, " Vielweiberei ", Polygamie oder auch Polygynie genannt) auf sich hat. Vor allem, was steht eigentlich im Koran, wie kann man es deuten und wie sieht es in der Praxis aus.
Im Netz finden sich dazu ja meistens nur die beiden Extrempositionen auf den ersten Seiten der Suchmaschinen. Also die kompromisslosen Verteidiger oder Apologeten der Polygynie, oder diejenigen Seiten, die es unbedingt verdammen, und dabei manchmal auch hetzen.
Daher bevorzuge ich es in vielen Fällen lieber erstmal in Sekundärliteratur hineinzuschauen, um einen ersten Eindruck zu bekommen. Dieses ist dank googlebooks auch online möglich - sofern man in etwa weiß, in welchen Büchern man einen guten überblicksartigen Einstieg erhalten kann.

Polygynie beim Islamwissenschaftler Hartmut Bobzin: Der Koran. Eine Einführung. 1999.
(in googlebooks ausführlich einsehbar)

Die außerhalb des Islam bekannteste ist die durch Sure 4, 3 sanktionierte Polygynie, d. h. die Möglichkeit für den Mann, mehrere Frauen zu heiraten. Den Wortlaut dieses Verses zu verstehen und richtig zu interpretieren, ist jedoch außerordentlich schwierig:

[3] Und wenn ihr fürchtet, daß ihr die Waisen nicht gerecht behandelt, dann heiratet, was euch gut dünkt an Frauen [von diesen Waisen], zwei, drei oder vier; doch wenn ihr fürchtet, nicht gerecht zu sein, dann eine, oder eine Sklavin (wörtl. „was eure Rechte besitzt“, mā malakat aimānukum); das ist passender, damit ihr nicht Unrecht tut.

Schon beim ersten Lesen ist klar, daß es sich keineswegs um eine allgemeine Regelung handeln kann, da der Vers, indem er mit einem Bedingungssatz beginnt, deutlich an den vorhergehenden anknüpft:

[2] Und gebt den Waisen ihr Vermögen und tauscht nichts Schlechtes gegen Gutes ein, und zehrt ihr Vermögen nicht auf, zu eurem eigenen Vermögen hinzu; das wäre ein großes Vergehen.

Donnerstag, 25. August 2011

Islamische Philosophie - 1. Teil

Ibn Sina (Avicenna), einer der größten
Universalgelehrten des Islams aus dem 11. Jh.
Hier ein Blatt aus seinem berühmten
Kanon der Medizin.
Kopie aus dem Jahre 1597/98 n. Chr.


Ich finde es immer wieder spannend, wenn sich durch neue Forschungsergebnisse tradierte Geschichtsbilder ändern. So auch in der islamischen Philosophie. Alte Gewissheiten der Philosophiegeschichte müssen in einigen Punkten revidiert werden, und obwohl man noch viel erforschen muss, stellt sich einiges heute anders dar, als noch vor einigen Dekaden.
Des weiteren möchte ich hier einige einführende Texte in die islamische Philosophie zitieren und einige bedeutende philosophische Vertreter aus dem islamischen Kulturraum in dieser Artikelserie kurz vorstellen.

Gute Bücher für den Einstieg:


Wolfgang Günter Lerch: Denker des Propheten. Die Philosophie des Islam. Patmos Verlag, Düsseldorf 2000.

Ulrich Rudolph: Islamische Philosophie. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. C. H. Beck, München 2004.
(in googlebooks weit einsehbar)

Aus letzterem einige Auszüge aus dem Vorwort:

Denn schließlich waren sie [die Muslime] es, die das antike Erbe durch die griechisch-arabischen Übersetzungen (ab dem 8.Jh.) bewahrt hatten und später an das lateinische Mittelalter weitergaben (vor allem im 13.Jh.). Diese Perspektive bestimmte das Forschungsinteresse bis in  die Mitte des 20. Jahrhunderts. Es konzentrierte sich folglich auf den Zeitraum (9.-12.Jh.) und auf die muslimischen Denker (Kindî, Fârâbî, Avicenna und Averroes), von denen man sich  Aufschlüsse über das europäische Mittelalter versprach. Was danach in der islamischen Welt geschah, war – so gesehen –  irrelevant. Also fand es auch kein wissenschaftliches Interesse.
Viele Forscher vertraten sogar die Ansicht, dass es vom 13. Jahrhundert an (wegen der Rückeroberung Spaniens durch die Christen und/oder wegen der kritischen Äußerungen Ghazâlîs) gar keine Philosophie mehr im islamischen Kulturkreis gegeben habe.
Diese Auffassung wurde seit der Mitte des 20. Jahrhunderts zunehmend erschüttert. 

Dienstag, 23. August 2011

Istanbul - Sehenswürdigkeiten, Tipps und "must-see"

Sonnenuntergang am Bosporus, mit Sultan Ahmet Moschee, Hagia Sophia
und Hagia Irene (von links nach rechts)
Ich habe vor einiger Zeit einmal einige Tipps beziehungsweise einige Sehenswürdigkeiten für Bekannte herausgesucht, die noch nie in dieser vielleicht nach Rom kultur- und geschichtsträchtigsten Stadt Europas waren. Was muss man gesehen haben? Was sind also die "must-see"? Welches sind die Top-Sehenswürdigkeiten und wieviel Zeit sollte man für deren Besichtigung einplanen? Natürlich hat jeder andere Interessen, natürlich ergibt sich daraus auch immer eine unterschiedliche Intensität, wie lange man etwas anschauen möchte. Ich bin da wohl ein "Extrem-Sightseeing-Gucker", aber auch ich durchlief dabei eine Entwicklung. In meinen minderjährigen Teenagertagen, wo ich erstaunlicherweise schon alleine (mit Freunden) reisen durfte, reiste ich eher planlos, lies mich eher treiben, hatte vielleicht einen dünnen Reiseführer dabei. Später dann, wenn ich zu einer Sehenswürdigkeit kam, und in diesen dünnen Reiseführer schaute, dann las ich innerhalb einer Minute in den wenigen Sätzen des Reiseführers das Wichtigste zu dieser Sehenswürdigkeit, aber eine Frage drängte sich immer stärker dabei in den Vordergrund: Wieso war nun eigentlich diese Kirche, oder diese Moschee, oder diese Ruinenstätte, usw. "sehenswerter", als jene dort drüben? Wieso hatte es diese Sehenswürdigkeit in die Top 10 der Stadt oder des Landes geschafft, oder bekam einen, zwei oder drei Sterne vom Reiseführer? Was machte die Architektur des Gebäudes so besonders, oder wieso war es geschichtlich bedeutend, oder was war nun so originell an diesem und jenem Bauwerk? Für mich sahen nach einigen Besichtigungstrips doch irgendwie viele Moscheen, viele Kirchen, viele archäologischen Museen, viele griechisch-römischen Ruinenstädte einander recht ähnlich, ja flapsig hätte man damals auch sagen können: Sehen doch alle gleich aus...
Ihr kennt sicherlich diesen Satz von euch selber oder aus eurem Freundeskreis.
Jedenfalls begann dann meine Suche nach obigen Antworten, und so kaufte ich mir immer mehr und immer dickere Reiseführer, und erhielt langsam diese Antworten. Später genügten aber nicht mehr diese Reiseführer, denn wenn ich eine ganze damalige antike Weltstadt wie Ephesos, oder ein UNESCO-Weltkulturerbe wie die Würzburger Residenz mit einem allgemeinen Reiseführer anschaute, dann las ich vielleicht gerade einige wenige Seiten über diese Sehenswürdigkeiten, erfuhr also das Nötigste, war aber mit dem Lesen innerhalb von höchsten 10 Minuten netto zu Ende (also rumgehen, schauen, lesen, rumgehen, schauen, lesen...). Den Rest der Stunde, oder Stunden, in denen ich die Sehenswürdigkeiten besichtigte, bildeten sich wieder Fragezeichen auf meiner Stirn. Aha, das sind also die berühmten antiken Villen in den Hanghäusern in Ephesos, und schöne römische Fresken und Mosaiken, aber was ist denn darauf dargestellt? Und was ist daran so besonders? Und in der Würzburger Residenz: Was ist das nun schon wieder ein Saal? OK, den Namen des Saales kenne ich, aber was wurde hier gefeiert? Wie kam er zu seinem Namen? Vielleicht kennt ihr auch diese Fragen, vielleicht erfreut ihr euch aber auch nur an den Farben, Formen, Darstellungen, Raumwirkungen, Architekturen, usw. ohne das sich bei euch weitere Fragen im Kopfe zusammenbrauen, oder ihr an den Antworten interessiert seid.
Bei mir war es jedenfalls so, dass ich nun begann, speziellere Reiseführer zu kaufen, bzw. aus den Bibliotheken auszuleihen, also zum Beispiel Architekturführer, spezielle archäologische Reiseführer oder sonstige archäologische Bücher, Kunstreiseführer, spezielle Reiseführer nur für Kultur. Später weitete sich übrigens mein intensives Interesse vom "klassischem" Sightseeing von Bauwerken, etc. hin zu Sightseeing von Naturbesonderheiten. UNESCO-Weltnaturerbe, etc. aus, also nicht nur durch schöne Landschaften fahren oder wandern, sondern auch wissen, was an denen so besonders hinsichtlich der Flora und Fauna ist. Wieso diese Reptilienart so interessant sein soll, was an diesem Wald so speziell ist, was diesen Sumpf oder dieses Flussdelta so einmalig macht, usw.
Natürlich konnte ich neben meiner Fotoausrüstung von mehreren Kilo nicht noch zusätzlich mehrere Kilo hochglänzende Kunstreisebücher durch Florenz, Sevilla, Kathmandu oder Trabzon schleppen, so dass ich davon Kopien der entsprechenden Seiten erstellte, und dann immer nur diese mitnahm. So setzte ich mich also in den Petersdom in Rom, und machte mit der Raffinesse der Architektur vertraut, ließ meinen Blick wandern, und las dann nach, wieso diese Architektur diese und jene Wirkung auf den Betrachter hatte, welche optischen und architektonischen Kniffe angewendet wurden, um eine gewisse Wirkung zu erzielen oder wie das Gewicht getragen wurde, wie diese Statik verborgen wurde, was dieses Gemälde zu bedeuten hatte, wieso es gerade dort hängt, und so weiter. Dasselbe auch mit den Moscheen in der Türkei. So konnte ich vielleicht 50 oder auch doppelt so viele Moscheen alleine in Istanbul besichtigen, und mir wurde nie langweilig, eben weil dann für mich eine Moschee nicht mehr wie die andere Moschee aussah - wie es früher der Fall war und ich mich schon nach der dritten Moschee begann zu langweilen. Ich also Entwicklungen in der Architekturgeschichte der Moscheen nachvollziehen konnte, und viele Moscheen irgendwelche Besonderheiten aufzuweisen hatten, die auch einen Umweg zu ihnen rechtfertigte. Und das waren nicht einmal irgendwelche unbedeutenden "Popel"-Moscheen, die ich besichtigte.

Noch eine Nebenbemerkung: Nun kommt ja demnächst das Computerspiel Assassins's Creed: Revelations heraus, welches im Istanbul des 16. Jahrhunderts spielen soll. Nachdem ich den vorherigen zweiten Teil dieses guten Spieles mal angespielt hatte, worin man im Rom Machiavellis spielte, bin ich sehr gespannt, denn Rom wurde recht genau (für ein Computerspiel) umgesetzt, mit den wichtigsten Sehenswürdigkeiten. Wenn man also dieses Spiel gedenkt zu kaufen, und sowieso Istanbul mal besichtigen möchte, lohnt es sich bestimmt, erst das Spiel zu spielen, und dann Istanbul zu bereisen, denn ich könnte mir vorstellen, dass die Orientierung in der flirrenden Megacity dadurch zumindest im Altstadtbereich erleichtert werden könnte.

Tja, wie bin ich nun eigentlich zu diesem Themenausflug gekommen?
Ach ja, weil ich sagte, es hängt immer von einem selber ab, wieviel Zeit man für eine Sehenswürdigkeit veranschlagt. Daher möchte ich mal beschreiben, welche Kriterien ich für dieses "Zeitmanagement" der unten stehenden Besichtigungestouren veranschlagt habe:

Hagia Sophia, erst Kirche, dann Moschee, heute Museum
Also, diese Bekannten sind eher älteren Semesters gewesen, insofern ist vom Zeitplan eine gewisse "Gemütlichkeit" eingeplant gewesen, auch wichtig bei der Sommerhitze Istanbuls, damit es nicht stressig wird, genügend Zeit zum Schauen, auch mal nach rechts und links. Zum gemütlichen Kaffee und Kuchen (oder Baklava) essen zwischendurch, zum gelegentlichen Einkaufen am Wegesrand. Es wurde vorausgesetzt, dass sie sich nicht zuuu lange in einer Sehenswürdigkeit aufhalten, vielleicht so lange, wie es dauert mit einem "klassischem" Baedeker Reiseführer Istanbul und dem Lesen entsprechender Absätze zu den einzelnen Sehenswürdigkeiten. Ich bin sowieso eher der Meinung, man sollte nicht versuchen möglichst viele "Zwei-Sterne"-Sehenswürdigkeiten abzuklappern, sondern lieber etwas weniger von denen, dafür aber mehr Zeit zum Besichtigen nehmen.

Achtung! Die praktischen Empfehlungen zu Öffnungszeiten, usw. sind eventuell veraltet, da ca. 15 Jahre alt! Daher unten Links, wo ihr einiges nachprüfen könnt, ob die Öffnungszeiten, etc. noch stimmen. Alles andere ist zeitlos.

  • 1. Tag: Zu Fuß:

    *** Zuerst am besten bei dem Sultan Ahmet Platz in der Touristen-Info einen aktuellen Stadtplan umsonst holen (wenn man eh schon dort ist) und Broschüren und Metro-Plan, etc. Ausserdem die Fragen stellen, die sich aus diesen Empfehlungen ergeben, also aktuelle Öffnungszeiten, etc. solange man keinen aktuellen Reiseführer besitzt. ***

    Vormittags:
    * Topkapı Sarayı: Eingang, wenn man vor der Hagia Sophia steht und hinter einem die Sultan Ahmet Moschee ist, rechts neben der Hagia Sophia, hinter dem Brunnenhaus Ahmet III. Am besten nach dem Eintritt in den Saray gleich schnell zum Harem links hinten weitergehen und dort Karten für die deutsche Führung kaufen, da sie schnell vergriffen sind. Denn dann hat man noch genug Zeit erstmal die verschiedenen Innenhöfe anzuschauen, bis die Führung durch den Harem beginnt, also danach wieder zurückgehen und einen Rundgang starten. geöffnet jeden Tag außer Dienstags 9.00-17.00
    Nachmittags, Abends:
    * Ägyptischer Basar (Mısır Çarşısı), bei der Galata-Brücke. Innen und außen, Gewürze, Tier, Pflanzenmarkt, etc. immer geöffnet, außer Sonntags, schließt ca. um 18.00 Uhr
    * Yeni Cami (Moschee) direkt daneben kurz mal reinschauen, denn es zeigt sich, dass man einen schönen "Aha-Effekt" erzielen kann, wenn man erstmal kleiner Kuppelbauwerke anschaut, bevor man in die größten reingeht. Außerdem kann man sich in dieser durchaus nicht kleinen Moschee ohne rieeesigen Touristenandrang (je nach Tageszeit) mit den Grundelementen einer Moschee besser vertraut machen, also Minbar, Mihrab, Sultansloge, usw.
    * Vielleicht mal Boza trinken, ein ganz leicht alkoholisiertes sämiges Bier, welches schon die Janitscharen tranken, vielleicht schon die Türken Zentralasiens im 10. Jh., im Vefa Bozacısı, bei der Yeni Cami in der Nähe gab es früher mal einen Laden oder Ausschank, bei dem Sultanslogengebäude, welches die innere Loge mit dem Gebäude verbindet, vielleicht inzwischen geschlossen. Hauptgeschäft von 1876, wo schon Atatürk getrunken hatte, ist im Stadtteil Vefa zwischen der Süleymaniye und der Prinzen (Şehzade) Moschee: Katip Çelebi Cad. No: 104/1 PS: Dieses Getränkt ist eher was für die kühlere Jahreszeit.
    * Bei der Galata-Brücke oder in der Brücke vielleicht abends nach Sonnenuntergang an der Brücke essen gehen oder im Restaurant Pandeli, Eingang gleich am Eingang zur Wasserseite des Ägyptischen Basars, Treppe hoch, Fensterplätze mit Aussicht. Traditionsreiches Restaurant seit 1901. Peter Ustinov und andere aßen dort. Montag -Samstag 11.00-16.00, Hauptgerichte 9YTL-18YTL . Reservierung möglich unter: 0212/5273909

Sultan Süleyman Moschee ist wieder offen

Sultan Süleyman Moschee, Nordseite.

Nach einer mehrjährigen Restaurierungsphase wurde in diesem Ramadanmonat die weltberühmte Sultan Süleyman Moschee in Istanbul (Türkei) wieder für das Publikum eröffnet.
Zu diesem Anlass poste ich hier mal meinen Wikipedia-Artikel dieser außergewöhnlichen Moschee. Erbaut wurde sie vom "Michelangelo der Osmanen", Sinan. Fertiggestellt 1557.

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Quelle


Die Süleymaniye-Moschee oder Sultan-Süleyman-Moschee (türkisch Süleymaniye Camii) ist eine der großen Moscheen in İstanbul. Sie wurde im Auftrag von Sultan Süleyman dem Prächtigen in einer sehr kurzen Bauzeit zwischen den Jahren 1550 und 1557 erbaut und ist ein wichtiges Werk des Architekten Sinan. Die monumentale Külliye, zu der die Moschee gehört, hat einen ähnlichen städtebaulichen und imperialen Anspruch wie die Fatih-Moschee Mehmed des Eroberers. Der Komplex nimmt die schwierige Topographie auf dem steilen dritten Hügel der Stadt und die umgebenden Straßen als Herausforderung an und wartet mit originellen architektonischen Lösungen auf. Meisterlich sind z. B. die dritte und vierte Medrese (râbi und sâlis medresesi), 1558/59 fertiggestellt, mit ihren Terrassierungen zum Goldenen Horn hin. Im Inneren der Moschee wird erstmals das berühmte Bolus-Rot in den İznik-Fliesen verwendet. 130 farbige, bunte Steinglasfenster mit erlesener Kalligraphie lassen das Licht durch die Kiblawand treten. Der Innenhof wird wie in der Üç-Şerefeli-Moschee in Edirne von vier Minaretten umfasst, wobei die beiden der Moschee zugewandten höher sind (81 Meter).


Die Ausführung der Külliye wurde meistens durch freie Handwerker aus vielen Teilen des osmanischen Imperiums, darunter zahlreiche Griechen und Armenier (ca. 50% Anteil an Christen), bewerkstelligt. Janitscharenrekruten wurden etwa zu 40% vor allem bei Hilfsarbeiten beteiligt. Sklaven wurden hingegen zu unter 5% beschäftigt, meistens auf den Galeeren, die Baumaterialien transportierten. Insgesamt waren zwischen 2500 und 3000 Arbeiter mit dem Bau beschäftigt. Sinan bezeichnete die Süleymaniye-Moschee als sein „Gesellenwerk“ (kalfalık eseri)[1] und er übernahm dabei im Bauplan einer Vierpfeilermoschee das Kuppelsystem von Hauptkuppel, zwei Halbkuppeln und zwei Schildwänden von der Sultan-Beyazıt-Moschee und der Hagia Sophia, kam jedoch zu ganz anderen Raumwirkungen. Die Süleymaniye-Moschee gilt als beispielhaft für die Osmanische Architektur am Anfang ihres Höhepunktes.

Montag, 22. August 2011

Modell Türkei für die arabische Welt?

Der Vorläufer der Türkei, das Osmanische Reich, umfasste einstmals
den gesamten Nahen Osten
In den letzten Monaten ist verstärkt die Frage aufgekommen, was aus der arabischen Welt nach den Revolutionen dieses Frühjahrs werden wird. Welche Staaten kommen da als Rollenmodelle in Frage? Dabei wird immer wieder die Türkei erwähnt, ein zumindest in dieser Region einmaliges Beispiel für eine zunehmend wirtschaftlich erfolgreiche Demokratie mit einer mehrheitlich muslimischen Bevölkerung.

Dazu hat sich der ehemalige Leiter der Istanbul-Abteilung der deutsch-morgenländischen Gesellschaft Günter Seufert vor einigen Monaten Gedanken gemacht und mal ein wenig differenziert verschiedene Fragestellungen durchgegangen:

Der türkische Weg?

Günter Seufert

Viele Gründe sprechen dafür, dass die Türkei ein Modell für die weitere Entwicklung der politischen Systeme in der arabischen Welt sein sollte. Doch die Voraussetzungen unterscheiden sich sehr – nicht zuletzt was das Verhältnis der EU zu diesen Ländern betrifft, sagt Günter Seufert.

[...] Könnte die Türkei mit ihrer weitgehend liberalen Demokratie und der Einbeziehung von Parteien mit islamistischem Hintergrund ein Modell für diese Länder sein? Die Antworten fallen höchst widersprüchlich aus. Der Grund dafür ist, dass sich hinter dieser einen Frage, „Ist die Türkei Modell“, eigentlich mehrere Fragen verbergen, die jede für sich beantwortet werden muss.
In diesem Sinne lautet für mich die erste Frage: Soll die Türkei ein Modell für die arabische Welt sein? Ich meine Ja! Denn kein anderes wäre erstrebenswerter und böte größere Chancen für Entwicklung, Demokratie und Stabilität. [...]

Türkei und EU: Die Suche nach einer ehrlichen Partnerschaft, Vortrag von Ministerpräsident a. D. Mesut Yilmaz

2008 hat der ehemalige türkische Ministerpräsident Mesut Yılmaz einen Vortrag (auf deutsch) in der Universität Tübingen zum Thema "Türkei und EU: Die Suche nach einer ehrlichen Partnerschaft" gehalten.
Zudem verfasste er vier Jahre zuvor ein Buch gleichen Titels.
Diesen Vortrag möchte ich hier zur Diskussion stellen.

Wer ist nun dieser Ministerpräsident a. D.?
Eine kurze Beschreibung aus der Wikipedia:

Mesut Yılmaz (* 6. November 1947 in Istanbul) ist ein türkischer Politiker.
Yılmaz besuchte zuerst das St. Georgs-Kolleg, schloss aber dann das Istanbul Lisesi ab und studierte an der Universität Ankara Politologie und Volkswirtschaft. Zwischen 1972 und 1974 schloss Yılmaz sein Studium der Volkswirtschaftslehre mit dem Erwerb des Diploms an der Universität zu Köln ab. 
1983 war er Gründungsmitglied der Mutterlandspartei (ANAP). Als Parlamentarier, der die Provinz Rize vertrat, wurde er in der ersten Özal-Regierung Regierungssprecher. Im Jahre 1986 wurde er Minister für Kultur und Tourismus. Nach den Wahlen von 1987 wurde er Außenminister in der Regierung Özal.
Aufgrund von Meinungsverschiedenheiten zur türkischen Irakpolitik während des Golfkriegs trat er am 20. Februar 1990 vom Amt des Außenministers zurück. Im Juni 1991 wurde er in einer Kampfabstimmung zum Vorsitzenden der ANAP gewählt. Im Juli 1991 erhielt er als Ministerpräsident mit seiner Regierung das Vertrauen des türkischen Parlaments. Im Oktober 1991 verlor die ANAP aber die Wahlen. Yılmaz war nun Oppositionsführer. Nach den Parlamentswahlen vom 24. Dezember 1995 koalierte die ANAP mit der DYP. Yılmaz wurde am 6. März 1996 erneut Ministerpräsident. Aufgrund von Differenzen scheiterte die Koalition und die DYP wählte am 28. Juni 1996 zusammen mit der RP Necmettin Erbakan zum Ministerpräsidenten. 1997 wurde er nach dem Rücktritt Necmettin Erbakans zum dritten Mal Ministerpräsident, bis er 1999 von Bülent Ecevit abgelöst wurde.
Er wurde mit diversen Korruptionsfällen und der Nähe zum organisiertem Verbrechen in Verbindung gebracht.
Nach den Wahlen am 27. November 2002 trat Yılmaz von der politischen Bildfläche ab. Von 2003 bis 2004 war er Gastprofessor an der Fakultät für Sozialwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum
Mesut Yılmaz war Stipendiat der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung und spricht fließend Deutsch. 






Donnerstag, 18. August 2011

Ausbreitung des Islams mit "Feuer und Schwert"? - ZDF - Doku "Der Heilige Krieg"

Die arabisch-islamische Expansion

Eigentlich wollte ich eine Kritik zu der von dem ZDF als Doku-Highlight des Jahres gepriesenem "Der Heilige Krieg" schreiben. Doch der Islamwissenschaftler Prof. Schöller kam mir zuvor und hat quasi all meine hier schon im Entwurf aufgeschriebenen Gedanken in Worte gegossen, so dass ich ihn nun zitiere werde, und meinen Entwurf gelöscht habe. Des weiteren gebe ich als Zugabe die Information, wie man sich denn islamische Expansion in etwa vorzustellen hat.

Nur soviel vorweg. Ich teile die Ansicht von Prof. Schöller, dass hier eine Chance vertan wurde, eine bessere Doku zu erstellen. Zumal beim Budget nicht gekleckert sondern geklotzt worden sein soll.
Und ich befürchte noch "schlimmeres" für die folgenden Dokus dieser Serie, schaut man sich die Literaturempfehlungen an. Sind diese noch für die erste Folge als gut zu bezeichnen, wechselt deren Qualität für die folgenden Serienteile doch deutlich.

Um es zu betonen: Was mich immer am meisten ärgert, sind faktische Fehler die zu vermeiden wären, würde man mal die Expertenstimmen nicht nur interviewen und irgendwie als schmückendes Beiwerk in die Doku einbetten, sondern sie bitten über das endgültige Skript des Autoren zu schauen.
Es zeigt sich das Bemühen, einerseits ein ausgewogenes Bild der islamischen Welt zu zeichnen, also nicht nur Blut und Terror des Islams zu zeigen, wie es seit Peter Scholl-Latour im ZDF üblich geworden war, andererseits wird gleichzeitig in den dargestellten Bildern das Gegenteil gemacht, indem zum Beispiel möglichst grimmig dreinblickende Schauspieler gecastet wurden, die die Mauren und Araber darstellen sollten. Weiterhin zeigt sich hier ein Geschichtsbild in dem Offsprecherkommentar, welches noch manchmal auf dem Forschungsstand der 1950er Jahre steckengeblieben ist, einerseits bei den Fakten, anderseits eine künstliche Dichotomie, also eine Überbetonung von "wir" gegen "die da unten" erzeugt wird, vor allem ein unzulässiger roter Faden von Tours und Poitiers bis zum 11. September gezogen wird.
Das fängt schon damit an, dieses Scharmützel um Tours und Poitiers als "Entscheidungsschlacht" hochzustilisieren, und dieses Ereignis überhaupt so groß zu thematisieren, andererseits betont die Doku, dass dieses Ereignis eigentlich relativ unbedeutend war für die arabisch-abendländischen Beziehungen.
Und hört damit auf, die Kreuzzüge in der Doku quasi mit der alten "Kirchenpropaganda" zu legitimieren, dass der Papst "nur" den freien Zugang zu den Pilgerstätten wiederherstellen wollte, und die geschändete Grabeskirche rächen wollte. Unterschlägt aber, dass zu der Zeit, wo der Papst dieses propagierte, schon Generationen (!) von Pilgern in eine schon vor Generationen wiederaufgebaute Grabeskirche (1009 zerstört, durch einen fanatischen schiitischen Fatimiden) frei pilgern konnten, also dieser konkrete Anlass nur ein Vorwand war. Wenn der Papst diese Gründe aufführte, dann log er bewusst seine Zuhörer an, denn ihm musste die Lage der christlichen Pilger zu seiner Zeit bekannt gewesen sein. Was anderes war die Lange des byzantinischen Reiches, welches durch die Seldschuken in die Defensive geriet.

Siehe Kreuzzüge im Schnelldurchgang hier im Blog, wo ich in etwa die wichtigsten Gründe aufzählte.

Und wieso sich auch in dieser Doku die Skript-Autoren gelegentlich über die zitierten Experten erheben, und nach dem Interview ihre eigene Sicht darlegen, mit dem Wort "dennoch" oder "aber" einleitend, bleibt nur ihr eigenes Geheimnis. Dabei sind durchaus honorige Experten für arabisch-islamische Geschichte geladen worden, was bei etlichen Dokus nicht immer der Fall ist, da oft auch Allgemeinhistoriker oder Generäle a.D. diese Rolle ausfüllen müssen.

Und geradezu lächerlich wird diese Doku, und die suggerierte Seriosität und der publizierte Aufwand, wenn man sich neben dem historisch nicht immer korrekten Equipment der Protagonisten - als gäbe es keinerlei Kataloge mit islamischer Kunst, Waffen, Ausrüstungen, etc - einige Computersimulationen anschaut. So wird zum Beispiel das neu gegründete Bagdad mit osmanischen Moscheenachbauten gezeigt (neben der Stilistik liegen 800 Jahre dazwischen!), so als würde man Paris statt mit dem Notre Dam, mit der Jahrhunderte später errichteten St. Pauls Kathedrale aus London darstellen, oder mit der Sagrada Família aus Barcelona von Gaudi. Das zeigt einmal mehr, wie wenig Ahnung diejenigen haben, die die Gesamtleitung besitzen und alles zu überblicken und abzusegnen haben.

Aber ich breche hier mal ab, sonst schreibe ich noch genau dieselbe Kritik, die ich im Entwurf bereits verfasste, oder greife der sowieso unten noch folgenden Kritik zu viel vorweg.

Ich schrieb im Titel des Blogs "Ausbreitung des Islams mit "Feuer und Schwert"?" bewusst mit Fragezeichen.

Damit will ich auch die in dieser Doku (eher leise) anklingenden Mär ansprechen, dass die Religion des Islams sich mit Feuer und Schwert verbreitete, wie es in der Öffentlichkeit allgemein geglaubt wird. Also nach dem Motto: "Stirb, oder konvertiere zum Islam!"
Nein.
Man muss die territoriale Ausbreitung des arabischen und folgender Reiche trennen von der Ausbreitung der Religion des Islams.


Ich hatte dazu im Blog schon ein Gespräch aus einem Forum zu diesem Missverständnis gepostet, ein Missverständnis, welches sich wohl aus Erfahrungen mit christlichen Reichen speist, und dieses auf die islamischen Reichen unzulässigerweise übertragen bzw. pauschalisiert wird.

Islam eine Missionsreligion?

Trotz all der Kritik, die Prof. Schöller und ich gleichermaßen haben, müssen wir die Kirche auch im Dorf lassen, denn es ist einerseits nicht alles falsch, was in der Doku gesagt wird, erst recht nicht von den interviewten Experten, es gibt qualitativ sehr hochwertige Bilder, und man muss auch bedenken, dass wir schon wesentlich schlechtere Dokus gesehen haben. Immerhin wird ja erwähnt, dass die Religion oft nur Vorwand war, dass die eigentlichen Beweggründe nicht selten auch oder vorrangig Machtpolitik war. Oder Beute. Und dieses auf beiden Seiten. Damit bekommen wir gleichermaßen einen Einblick in den stattgefundenen oder stattfindenden Wandel des historischen Bildes des "Glaubenskriegers des Islams", von der Vorstellung des Ghazi, des "islamische Ritters", also der Evolution der früheren Ansicht der Historiker, aufgrund seines Glaubenseifers habe das Ghazitum so viel Erfolg bei der Gründung islamischer Reiche, hin zu einer anderen Bewertung seiner Beweggründe oder der Erfolgsfaktoren bei der Expansion zum Beispiel des Osmanischen Reiches. Siehe z.B. die Wittek-Debatte.

Aber wie schon erwähnt, leider trotz GEZ-Millionen Chance vertan!

Hier kann man sich den ersten Teil der Serie Der heilige Krieg: Das Schwert des Propheten vollständig anschauen:
(Bitte Doppelklick auf das Fenster für Vollbildansicht)




5000 Jahre im Nahen Osten in 90 Sekunden

Heute mal zwischendurch ein interessantes Flash-Video, welches in etwa zeigt, wer so alles im Nahen und Mittlerem Osten während der letzten 5000 Jahre das Sagen hatte. Und all das in 90 Sekunden. Crashkurs geographische Geschichte...

(Dabei bedenkt aber, dass die Grenzziehungen nicht selten eher als ungefähr zu betrachten sind und Eroberung nicht immer bedeutete, dass auch beherrscht wurde, also oft kaum eine Kontrolle über alle "eroberten" Gebiete herrschte)

Who has controlled the Middle East over the course of history? Pretty much everyone. Egyptians, Turks, Jews, Romans, Arabs, Persians, Europeans...the list goes on. Who will control the Middle East today? That is a much bigger question.



Quelle.

Und als Variation noch eine weitere Karte über die Ausbreitung von Religionen:

Montag, 15. August 2011

Sultan Süleyman der Prächtige

Sultan Süleyman I. ca 1530;
Gemälde Tizian zugeschrieben

Heute möchte ich mal ein frei verfügbares Beispiel eines Artikels der renommierten Encyclopaedia of Islam vorstellen. Wer seriöse und fundierte Information zu allen möglichen Themen des Nahen Ostens, aber auch zu ehemals beherrschten Gebieten oder heutigen Regionen mit muslimischer Bevölkerung erfahren möchte, ist bei dieser Enzyklopädie an der richtigen Stelle. Es gibt auch einen Ableger in türkischer Sprache: İslâm Ansiklopedisi. Besonders bei Orientalisten ist dieses Nachschlagewerk ein unersetzliches Werkzeug, sollte aber auch bei hobbymäßig Interessierten in den Blick genommen werden. Zum Kaufen wird sie für die meisten sowohl in der CD-Version, als auch in Buchform zu teuer sein. Es gibt jedoch die Möglichkeit zumindest als Student in der Uni einen Zugang zur Online- oder zur CD-Version zu bekommen. Daneben bietet googlebooks Einblicke in viele Bände der Erstauflage.
Man sollte jedoch beachten, dass manchmal die Artikel der 2. Auflage etwas oder sogar sehr veraltet sein können. Daher ist momentan auch eine Neuauflage in Arbeit, in die sukzessive nachgeschlagen werden kann.

Sonntag, 14. August 2011

"Die Türken kommen - rette sich, wer kann"


Ghettos in Deutschland - Eine Million Türken

Manchmal hilft ein Blick in die Vergangenheit, die Gegenwart besser einzuordnen, oder die Zukunft besser einzuschätzen.
Hier mal ein recht langer Spiegel-Artikel von 1973 mit dem Titel "Die Türken kommen - rette sich, wer kann". Da fragt man sich, ob es wirklich schon immer "Denkverbote" wegen der sogenannten "Political Correctness"-"Diktatur" gegeben hat, die letztes Jahr im Zuge der Sarrazin-Debatte wieder einmal zum Vorschein kam. Vielleicht hat sich dieses Klima aber auch erst ein Jahrzehnt später eingestellt, mit dem Einzug der Grünen in den Bundestag, im Zuge dessen vielleicht sich der Sprachgebrauch zunehmend etwas sensibilisierte, bis vielleicht tatsächlich über das Ziel hinausgeschossen wurde, und geforderte deutsche Sprachkompetenz mit "Zwangs-Germanisierung" als Argument "totgeschlagen" wurde. Aber diese Zeiten der (auch verbalen) Verharmlosung von Integrationsproblemen sind ja schon lange vorbei, wenn es sie denn je so gegeben hatte, wie die Kritiker behaupten.
Jedenfalls scheint der Spiegel hier in den 70ern kein Blatt vor dem Mund zu nehmen.

Einige Auszüge

... Der Andrang vom Bosporus verschärft eine Krise, die in den von Ausländern überlaufenen Ballungszentren schon Lange schwelt. Städte wie Berlin, München oder Frankfurt können die Invasion kaum noch bewältigen: Es entstehen Gettos, und schon prophezeien Soziologen Städteverfall, Kriminalität und soziale Verelendung wie in Harlem.

Breivik, Sarrazin und die Medien

Auf das orangenfarbige Play-Symbol in der Mitte des Bildes klicken, um das Radio abzuspielen.

aus: Podcast.de
Mirror ARD Mediathek und WDR

Der Rechtspopulismus im Internet, wie sollen Medien damit umgehen? Ignorieren, beobachten, berichten?
Man möchte keine Plattform für den Osloer Terroristen Anders Breivik geben, dennoch ist seine "PR-Strategie" voll aufgegangen. Eine Gratwanderung von Informationspflicht und Instrumentalisierung. Was ist den Zuhörern aufgefallen? Wie denken die Radiohörer? Werden Feindbilder zum Islam genügend in den Medien hinterfragt? Was kann man gegen Rechtspopulismus und Islamhasser tun? War die Berichterstattung in den letzten Wochen gegenüber dem Terroristen Breivik in den Medien angemessen?

Es diskutieren mit der Moderatorin Dorothee Dregger und den Zuschauern:

  • Dr. Sabine Schiffer, Leiterin des Instituts für Medienverantwortung, Erlangen
  • Prof. Dr Christian Schicha, Professor im Fach Medienmanagement an der Mediadesign Hochschule in Düsseldorf

Freitag, 12. August 2011

Die Türkei nach dem Rückzug der Generäle

Parade zum Tag des Sieges 30. August 2007
Nun sind also vor kurzem die Generäle aller Truppengattungen (bis auf die paramilitärische Gendarmerie) zurückgetreten. Nach einer vernünftigen Zeit des Abwartens und der Analyse schreiben nun Auslandskorrespondenten ihre Schlüsse für die Zukunft des Landes. Auf diese möchte ich hinweisen, zuvor jedoch noch einige meiner Gedanken hinzufügen.

1. Das die Macht des Militärs dem Staate untergeordnet wird, finde ich gut, und nur folgerichtig bei der Anpassung der Türkei an EU-Standards.

2. Das dabei mitunter mit juristisch unlauteren Mitteln vorgegangen wird ist vielleicht bedauerlich (z.B. längere Inhaftierungen im Rahmen der Egernekon-Prozesse ohne schnellere Anklagen), reiht sich jedoch in die gelegentliche Praxis der türkischen Justiz ein, ist insofern nichts ungewöhnliches. Trifft nur diesmal eine andere Gruppe.

3. Ja, die Türkei wird islamischer, ja, sie wird auch konservativer. Nur fragt es sich, ob sie im Kern nicht mehrheitlich eh schon recht islamisch war, was immer man darunter versteht. Und diese Frömmigkeit jetzt nur im Zuge der tatsächlich gewachsenen Liberalität immer mehr an die Öffentlichkeit gelangt? In die Golf-, Reit- und Tennisclubs, in die modernen Einkaufszentren, auf die Straße, auf den Boulevard, immer selbstbewusster wird, aber die Frömmigkeit sich im Grunde kaum geändert hat.

4. Gleichzeitig mit der eventuellen Islamisierung der Gesellschaft, ist unbestritten, dass es noch nie so liberal in der Gesellschaft zuging. Zuerst auf dem Papier, zunehmend auch in der Praxis. Themen wie das der Kurden, der Armenier, der Griechen, des Osmanischen Reiches, sogar auch Atatürk, werden seit einigen Jahren öffentlich auch jenseits der Universitäten stärker diskutiert, was zuvor so kaum gegeben war. Parallel lässt sich immer öfters ein stärkerer sozialer Druck feststellen, ein Druck der Gesellschaft, sich auch öffentlich zur islamischer Praxis zu bekennen, also Beten, Alkohol, Baden, Fasten, Kopftuch. Die Gesellschaft scheint hier gespalten.

5. Dieser Konservatismus und Frömmigkeit mag vielleicht für uns Mittel- und Nordeuropäer befremdlich, gar unsympathisch sein, doch blicken wir nach Polen, blicken wir zu einigen Gegenden in Südeuropa, so stellen wir schon eine wesentlich geringere Differenz im Niveau der Lebenseinstellungen, im Konservatismus fest. Das zeigt uns, wie sozialdemokratisch und liberal unsere Gesellschaft seit Ende der 1990er Jahre schon geworden ist.

6. Ist es legitim dem Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan gegenüber misstrauisch zu sein? Ja, dass ist es. Es zeigen sich immer wieder Anzeichen, dass er eben ein Kind der türkischen Republik ist, und ebenso wie viele seiner Vorgänger Tendenzen zum autoritärem Führungsstil, zum Populismus, gelegentlich zum Nationalismus, auch zu einer islamisch-religiösen Instrumentalisierung neigt. Neu mag die religiöse Betonung bei ihm sein, obwohl dieses schon mit Turgut Özal begann. Das bedeutet allerdings für mich nicht, dass man in Hysterie, in Alarmismus verfallen muss. Denn trotz aller Warnungen der Kemalisten vor einer schleichenden Islamisierung oder gar einer Gefahr, dass die Türkei so wie der Iran enden könne, hat sich in der Realität in den bisherigen Jahren nichts davon in dieser befürchteten Weise bewahrheitet. Im Gegenteil, die Türkei wurde demokratischer, die Türkei wurde liberaler.

"Islamkritik" - eine populistische Ideologie

"Mekka Deutschland - Die stille Islamisierung"
Chimäre oder realitäsnahe Prophezeiung?

Heute möchte ich auf einen Artikel verweisen. Ich finde den Artikel gelungen, wenn auch an einigen Stellen vielleicht nicht ganz meinen Vorstellungen entsprechend. Er fokussiert sich vor allem darauf, ob die sogenannte "Islamkritik" legitime Kritik im Sinne der Aufklärung ist, oder eher ein Schüren von Ängsten, die keinerlei oder kaum Grundlage in der Wirklichkeit besitzt, sondern nur als hysterisch zu bezeichnen ist. Dieselbe Position findet sich in meinem Blog ebenfalls mehrfach wieder.

Legitime Islamkritik ist für mich vor allem eine theologische Frage, wie sie zum Beispiel Nasr Hamid Abu Zaid oder einige Islamwissenschaftler wie Tilman Nagel betreiben. Denn sie haben durchaus eine fundierte (auch wissenschaftlich seriös erarbeitete) Grundlage an Argumentationen, auf denen sie Kritik an bestimmten tradierten Vorstellungen "des" Islams üben oder hinterfragen. (Ob damit ein Paradigmenwechsel, beziehungsweise ein Umschwenken der Mehrheitsmeinung in der Zunft erreicht werden kann, steht auf einem anderen Blatt.) Daneben gibt es noch eine legitime Islamismuskritik, die eine Ausprägung des Islams, den Islamismus, den Dschihadismus, eine Minderheitenposition innerhalb der islamischen Gemeinde, dafür kritisiert, dass grundlegende Menschenrechte, die zumindest im Westen als unveräußerlich gelten, verletzt werden. Letztere Kritik ist nötig, legitim, und wird im übrigen auch in der islamischen Welt betrieben, so wurden zum Beispiel die islamistischen Terroristen von der berühmten Al-Azhar Universität in Kairo zu Nichtmuslimen erklärt. Dürfte hier kaum bekannt sein...
Daneben hat jeder das Recht den Islam als Religion blöd zu finden. Für sich persönlich unsympathisch oder unlogisch oder widersprüchlich oder teilweise ungerecht, oder nur als eine schlechte Kopie des Christentums zu sehen. Oder unmodern, oder rückständig, oder nur was für Männer, oder nur was für sonnenverwöhnte Regionen, oder was auch immer...

Nicht legitime "Islamkritik" ist diejenige, deren Grundlage sich wissenschaftlich nicht halten lässt. Deren Daten, deren Analysen, deren Statistiken veraltet, falsch gedeutet, oder gar ausgedacht sind. Die alles pauschalisiert, alle Phänomene in der islamischen Welt in einen Topf wirft, umrührt und alles miteinander verknüpft und pauschal verteufelt. Die keine Unterscheidung von diversen Strömungen innerhalb des Islams macht, die keine Unterscheidung von Wirkung und Ursache, keine Unterscheidung von Kausalität und Korrelation, keine Unterscheidung von Tradition und Religion macht. Die Feindbilder aufbaut, statt die Welt realistisch zu erklären. Die anderen Zwecken als der Aufklärung dient. Die mehr über die "Kritiker" aussagt, als über den zu betrachtenden Gegenstand.

Normalerweise zitiere ich andere Quellen nur ausschnittsweise. Hier jedoch möchte der Autor gerne, dass der ganze Text zitiert wird, oder aber die Kürzungen müssten abgesprochen werden. Nun gut, dem Wunsch des ganzen Zitates komme ich gerne nach:

Donnerstag, 11. August 2011

Feindbild Islam - 9. Teil

Gibt es nicht andere Möglichkeiten der Bebilderung
oder  Erstellung von Schlagzeilen?
(Bitte auf das Bild für die volle Auflösung klicken)

Nachdem ich bereits hier den ersten Teil eine Leseprobe einer empfehlenswerten Untersuchung zu dem Feindbild Islam vorstellte, und im zweiten Teildritten Teil und viertem Teil angefangen habe die ersten 16 typischen Argumentationstechniken der selbsternannten "Islamkritiker" zu entschlüsseln, setze ich nun diese Reihe der 21 häufigsten Argumentationsstrategien der Rechtspopulisten und "Islamkritiker" weiter fort und komme damit zum Ende der Zitate aus dieser unten verlinkten Analyse.


Bisher hatten wir etwas über diese Techniken und Strategien erfahren:
  1. Aneinanderreihung von Negativbeispielen
  2. Beleidigen, herabwürdigen, verspotten
  3. Vorurteile
  4. Alarmismus, Dramatisierung, fiktive Bedrohungsszenarios
  5. Verzicht auf Belege und Beweise, Simplifizierung von Sachverhalten
  6. Ausblenden von Ursachen 
  7. Desinformation
  8. Apologetik der christlich-abendländischen Kultur, Eurozentrismus
  9.  Aufruf zum Nationalstolz und Einreden von Fremdenliebe
  10. Themenhopping
  11. Pauschalisierung
  12. Verallgemeinerung von subjektiven Erfahrungen
  13. Vermischung von Theologie und kulturellen Traditionen
  14. Aufwertung der Gewährsleute
  15. Falsche Vergleiche
  16. Anachronismus
Nun geht es weiter mit den letzten fünf Argumentationstechniken, die euch sicherlich in diesem Diskurs nicht unbekannt sind.

Aus: Thorsten Gerald Schneiders (Hg.): Islamfeindlichkeit. Wenn die Grenzen der Kritik verschwimmen. Wiesbaden 2009.

(Wie schon mehrfach darauf hingewiesen: Große Teile des Buches lassen sich in dem obigen Googlebooks-Link einsehen. Insofern könnte man auch dort weiter lesen, wenn man nicht auf meinen nächsten Post warten möchte, oder noch besser: Kaufen.)


17. Auslandsvergleiche

Saudi-Arabien ist eine absolute Monarchie. Der Staat basiert auf einer streng orthodoxen und dogmatischen Auslegung islamischer Quellen. Das Land wendet die Todesstrafe durch Enthaupten an. Deutschland ist demgegenüber eine parlamentarische Demokratie. Der Staat will religiös und weltanschaulich neutral sein. Es gilt der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit. Der Staatsaufbau und die politische Kultur beider Länder differieren also deutlich von einander. Doch dessen ungeachtet, stößt man häufig auf Versuche, das Handeln hier und dort gegeneinander aufzuwerten, und deutsche Muslime für etwaige ‚eruierte‘ Defizite im Ausland haftbar zu machen. Bei Udo Ulfkotte gehören solche Formen der Reziprozität zum grundlegenden Argumentationsprinzip seines Buchs SOS Abendland (2009). Ein weiterer Gewährsmann ist Henryk Broder: Während in Deutschland „rund 2000 Moscheen“ errichtet werden durften, stellt „in Saudi-Arabien schon der Besitz einer Bibel ein unkalkulierbares Risiko“ dar (2006: 29f.). Indirekt fordert Broder hier folglich, solange Saudi-Arabien keine freiheitliche, religiös neutrale Grundordnung umgesetzt hat, soll Deutschland wieder in autoritäre Zeiten zurückfallen – oder zumindest darüber nachdenken – und Teile seiner eigenen Bevölkerung schlechter als andere stellen (zum Thema Muslime im Rechtsstaat – Ansprüche und Rechte siehe auch Schneiders/Kaddor 2000).
Ähnlich nimmt sich auch der unter so genannten Islamkritikern beliebte Vergleich zu Afghanistan (ebd.): Eine Gegenüberstellung von deutschen Freiheiten und den von einem kruden Islamverständnis afghanischer Taliban geprägten Zwängen, kann für die deutsche Demokratie wohl kaum Ziel führend sein. Selbst bei Deutschland und der Türkei muss man sich die Frage stellen, wie hilfreich kann angesichts der unterschiedlichen Staatsphilosophie ein Vergleich etwa im Hinblick auf die Errichtung von Sakralbauten sein? (Giordano 2007) Derartige Argumentationen erinnern letztlich mehr an eine trotzige Anwendung des archaischen Talionsprinzips als an einen Beitrag zur Konfliktlösung.

Mittwoch, 10. August 2011

Verantwortung der Medien - Selbstreflexion? Fehlanzeige!

Titelbilder schaffen mächtige Bilder in den Köpfen
(bitte auf Grafik klicken, um auch die Untertitel
 erkennen zu können)
Durch meinen ganzen Blog zieht sich ja die Frage, woher die weit verbreitete Islamophobie der deutschen Bevölkerung herrührt. Denn bei einem Bevölkerungsanteil von rund 4% Muslimen, können gar nicht alle übrigen ~96% Deutschen persönlichen Kontakt mit den Muslimen haben, und erst recht nicht negative Erlebnisse gehabt haben. Also rührt diese Angst, dieses Unbehagen, bis hin zur Paranoia einer angeblichen Islamisierung Deutschlands vor allem durch das Bild "des" Islams, der Muslime, der Migranten, welches durch Massenmedien vermittelt wird. Es entstehen somit Bilder in den Köpfen der Menschen, die je weniger ihr Bildungshintergrund ist, desto stärker lassen sie sich davon unreflektierend beeinflussen. Dabei habe ich hier noch nicht einmal Titelbilder der BILD-Zeitung herausgesucht, die noch klischeehafter und reißerischer Titelbilder für ihre Millionen Leser generiert. Neben zahllosen Magazinen sind leider auch die Öffentlich-rechtlichen Medien in ihrer Bildauswahl sowie oft auch in ihrer Sprachauswahl nicht viel besser, von den privaten Fernsehanstalten ganz zu schweigen (siehe Link unten).
Dieses ist hinreichend durch empirische Studien untersucht worden, worauf ich im Blog mehrfach hingewiesen habe.

Zum Beispiel:



Etc.

Also ergibt sich aus oben gesagtem, dass der Ansatz gelten muss, dass die Medien, die als vierte Säule im Staatsgefüge gelten, ihrer Verantwortung wesentlich seriöser gerecht werden, als es bislang der Fall war. Dies bedeutet keinesfalls Zensur, dieses bedeutet auch keine Unterschlagung von Integrationsproblemen oder internationalen Konflikten. Dieses bedeutet lediglich, dass die Medien einerseits ihre Grafiker, Photographen und Kameraleuten zu mehr Phantasie ermutigen sollten, bzw. den Bildredakteuren Richtlinien zur Auswahl von Bildern an die Hand geben sollten. Denn die Migranten laufen zum Beispiel mehrheitlich ohne Kopftücher herum, warum also immer diese Symbolbilder? Außerdem müssen die Medien ihre Themensetzungen mal überdenken. Früher hatten die Medien die Aufgabe uns Bürger die Welt zu erklären, uns in die Vielfalt der Welt mitzunehmen, wichtige Nachrichten von unwichtigen zu trennen, uns ein Bild der Realität aufzuzeigen, und kein Zerrbild! Wenn es hierzulande gerade mal mehrere Dutzend Burka-Trägerinnen gibt, dann erschließt es sich mir nicht, warum selbst sogenannte "Leitmedien" dieses großmächtig thematisieren müssen. Werden in diesen Medien auch die Vermummungen der Autonomen über Jahre hinweg immer wieder thematisiert? Dazu kommt noch, dass diese Burkas in der Bildauswahl überproportional vertreten sind. Bei einem Anteil von unter einer Promille unter den muslimischen Kopfbedeckungen, wird somit ein Zerrbild der Realität beim Zuschauer generiert.

Wir können die Integrationsbemühungen noch so intensivieren, wir können die Anti-Diskriminierungsgesetze noch so verschärfen, wenn wir nicht an einer der Hauptursachen des Feindbildes Islam in der Gesellschaft ansetzen, dann wird sich dieses Angstbild vom Islam oder den Migranten nicht nachhaltig ändern. Und bei diesen Ursachen haben die Medien einen erheblichen Anteil.