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Dienstag, 25. März 2014

Gegenposition zum KRM-Gutachten zu Prof. Khorchide

Allāh-Kalligraphie in der
„Eski Cami“ (Moschee), Edirne, Türkei

Gastbeitrag 


Wallahu a’lam? Politik und Glaube

 

Islamismus und antimuslimischer Rassismus haben das Diskursfeld geprägt, in dem die politische Debatte um den islamischen Theologen Khorchide stattfindet. Es geht also nicht um Glauben und Religiosität, sondern um Macht und kollektive Identitäten


Von Hannes Bode *


Seit Monaten berichten die Medien über den ‚Fall Khorchide‘, die Auseinandersetzung zwischen sogenannten Islamverbänden auf der einen und islamischen Theologen und Uni Münster auf der anderen Seite. Der Streit war mit der Veröffentlichung eines im Auftrag des „Koordinationsrates der Muslime (KRM)“ erstellten „Gutachtens“ über ein populärwissenschaftliches Buch Khorchides eskaliert – im Schatten des Gutachtens wurde verbreitet, Khorchide würde den Rahmen islamischer Theologie verlassen haben, eine Behauptung, die durch das Gutachten nicht gestützt wird. Drei Punkte verdienen in diesem Zusammenhang Beachtung: 1. die argumentative Schwäche des Gutachtens, 2. die der Auseinandersetzung eigentlich zugrundeliegende Bemühung der Islamverbände, im Namen „der Muslime“ Einfluss zu erhalten, und 3. die Tatsache, dass die Verbände dabei in einem identitätslogischen Diskurs die Aussagen antimuslimischer Rassisten spiegeln und an der Konstruktion des Anderen, des ‚Kollektivsubjekts Muslim‘ teilhaben.

Das grundlegende Problem des Gutachtens ist die Vermengung von drei unterschiedlichen Bereichen: die Frage ‚säkularer‘ religions- oder textwissenschaftlicher Methoden, die Frage islamischer Methoden im Sinne der religiösen Islamwissenschaften sowie die Frage des Glaubens und der Religiosität, d.h. des Verhältnisses der Einzelnen zu Gott. So wird erklärt, „die propagierte ‚Theologie der Barmherzigkeit‘“ beruhe „überhaupt nicht auf einer eindeutig identifizierbaren wissenschaftlichen Methode – weder einer der Islamwissenschaft entnommenen Methode, noch einer der Christlichen Theologie entnommenen Methode und erst recht keiner eigenständig entwickelten, der Islamischen Theologie dienlichen Methode“. Eine theologische Reflexion auf die im sakralen Text des Koran dominierende Idee der Barmherzigkeit (rahma) des „Allerbarmers“ (al-rahman al-rahim) kann aber nicht auf Methoden der Islamwissenschaft beruhen – die Islamwissenschaft als Religionswissenschaft blickt kritisch auf eine Sammlung von Texten und erforscht, warum und wie Menschen sich zu verschiedenen Zeiten eine Vorstellung von Göttern oder einem Gott gemacht haben. Ein Islamwissenschaftler würde in Bezug auf die arabo-islamische Vergangenheit sicherlich keine „Geschichte der Barmherzigkeit“ schreiben. Khorchide, ein gläubiger Muslim, betrachtet den Koran jedoch nicht historisch-kritisch und distanziert als ‚Quelle‘, sondern als Fundament seiner Beziehung zu Gott, was für die Verbände eigentlich kein Kritikpunkt sein dürfte. Auch der Vorwurf des Ignorierens christlich-theologischer Traditionen geht ins Leere – doch widerspricht sich das Gutachten selbst, wenn es einmal ihre Nichtverwendung und ein paar Seiten weiter wiederum ihre angebliche Verwendung kritisiert. Seine Ideen sind zudem keineswegs ‚neu‘ oder ‚fremd‘, vielmehr knüpfen sie an Debatten der arabo-islamischen nahda des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts sowie an ‚Reformer‘ des späten 20. Jahrhunderts an, und haben durchaus auch Vorläufer in der ‚islamischen‘ Geschichte der Pluralität und Ambiguität.

Im Gutachten wird die Unfähigkeit deutlich, das Wesen der theologischen Arbeit zu erfassen, die auf den sakralen Text und auf Gott bezogenen ist. Vielmehr handelt es sich um einen eindeutig ‚säkularen‘ Wissenschaftstext, der – in Teilen widersprüchlich – ein Sammelsurium an überwiegend textkritischen Argumenten gegen eine Idee in Stellung bringt, die ihrerseits auf der gläubigen Reflexion eines Theologen auf Basis einer holistischen Koranexegese beruht. Dass ihm so ‚Unwissenschaftlichkeit‘ unterstellt wird, um ihn dann aber aus einer ‚islamischen‘ Position heraus als ‚unislamisch‘ bzw. ‚ungläubig‘ zu diskreditieren, ist paradox.

Dienstag, 13. März 2012

So liebt die Türkei

Viele Türkinnen und Türken unterscheiden sich in ihren Vorstellungen in nichts
 von ihren christlichen mediterranen Nachbarn. Unterschiede werden gleichwohl aber
zu einigen Ländern Mittel- und Nordeuropas deutlich. Andere Vorstellungen von
Türkinnen und Türken hingegen würden wohl auch diese jungen Leute aus einer
Istanbuler Disko befremden.
Heute mal keine Analyse wie gestern, sondern einfach ein schon etwas älterer Artikel, den man mal auf seine Klischees und Stereotypen hin betrachten könnte. Gleichwohl sind einige Umfrageergebnisse durchaus interessant. Aussagekräftiger werden sie jedoch nur dann, wenn man mehrere Jahre und Jahrzehnte zum Vergleich heranzieht, und außerdem diese mit benachbarten Ländern des südlichen Europas vergleicht. Dazu müsste man ggf. in eine Bibliothek gehen, um die alten Stern-Ausgaben einzusehen.
Und wie sieht es hier bei uns aus? Welche Vorstellungen haben die türkischstämmigen Migranten zum Thema Liebe und Sexualität? Sind diese schon mehrheitlich an die Mehrheitsgesellschaft angeglichen, oder verharren sie mehrheitlich in ihren Vorstellungen noch bei denen ihrer Eltern und Großeltern aus den anatolischen Dörfern?

Antworten könnte eine Fachtagung übermorgen in Berlin geben, in die jeder herzlich eingeladen ist:


Sexuelle Identität und Selbstbestimmung in muslimischen Milieus


Donnerstag, 15. März 2012
18.00 – 20.30 Uhr

Friedrich-Ebert-Stiftung
Politische Akademie

Konferenzsaal der Friedrich-Ebert-Stiftung
Haus 1

Hiroshimastraße 17
10785 Berlin
Telefon: 030 269 35 - 7142

Die sexuelle Selbstbestimmung von Menschen ist ein hohes Rechtsgut, welches mit Ehrkulturen und patriarchalen Strukturen in einem Spannungsverhältnis steht. In traditionell orientierten Milieus wird den Themen „Sexuelle Identität und Selbstbestimmung“ deshalb zumeist mit Vorurteilen und Tabuisierung begegnet. Das führt vor allem bei jungen Menschen zu Unsicherheit und Ablehnung. Infolgedessen sehen sich Lehrkräfte sowie Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen u. a. häufig mit homosexuellenfeindlichen Einstellungen unter Jugendlichen konfrontiert. Die Berufung auf religiöse Normen und Werte ist hierbei nicht selten ein maßgeblicher Faktor. Bei der Fachtagung wird u.a. der Frage nachgegangen, was „Sexuelle Selbstbestimmung“ aus islamischer Sicht bedeutet. Verschiedene Ansätze sexueller Aufklärung und Möglichkeiten der Kooperation sollen vorgestellt und diskutiert werden. Ziel ist es, das Wissen um die islamischen Perspektiven und die Handlungskompetenzen der handelnden Akteure zu erhöhen.
Sie sind herzlich eingeladen.
Folgendes Programm ist vorgesehen:


18.00 Uhr  Begrüßung und Einführung
Dr. Tobias Mörschel
Friedrich-Ebert-Stiftung

18.10 Uhr  Film
Islamische Positionen zum Thema Homosexualität

Impulse zum Thema:
Gabriele Heinemann
Leiterin von Mädchentreff MaDonna
Claudia Dantschke      
ZDK, Berlin
Ahmad Mansour
Projekt „Heroes“, Berlin
Jörg Steinert
Geschäftsführer LSVD Berlin-Brandenburg

19.00 Uhr Podiumsdiskussion

Lamya Kaddor
Islamische Religionspädagogin,  
Autorin und Erste Vorsitzende des  
Liberal-Islamischen Bundes e.V.
Andreas Ismail Mohr
Islamwissenschaftler, Berlin
Ahmad Mansour
Projekt „Heroes“, Berlin
Ulrich Keßler
Vorstand LSVD Berlin-Brandenburg

Moderation:
Margarete Steinhausen, rbb

20.30 Uhr Ende der Veranstaltung



Der Titel der Serie der Wochenzeitschrift Stern lautet:


Stern-Serie Teil 8

So liebt die Welt - Türkei

09.08.2007:

Infokasten:
  • WER KLÄRT AUF?
Nur 25 Prozent der jungen Türken werden von ihren Eltern aufgeklärt, im Alter zwischen 14 und 15 Jahren. Mit einigen Ausnahmen wird das Thema an den Schulen gemieden, obwohl sich 57 Prozent der Türken im Unterricht mehr Information über Sex wünschen.
  • WIE LERNT MAN SICH KENNEN?
In den Städten treffen Männer und Frauen wie bei uns aufeinander nämlich im Job oder an der Uni. Auf dem Land und unter den Migranten, die aus der Provinz in die Städte gezogen sind, ist es dagegen normal, dass Ehen von den Eltern arrangiert werden, vorzugsweise unter Verwandten: Im Osten der Türkei sind nach Schätzungen beinahe ein Drittel der Ehepartner blutsverwandt.
  • WANN HABEN TÜRKEN IHR ERSTES MAL?
Durchschnittlich mit fast 18 Jahren und somit eher spät (zwei Jahre später als Deutsche). Sex vor der Ehe haben gut 66 Prozent der männlichen und gerade einmal 8,5 Prozent der weiblichen Studenten. 15 Prozent der jungen Frauen zwischen I5 und 19 sind verheiratet. In traditionell lebenden Familien muss nach der Hochzeitsnacht immer noch ein blutiges Laken präsentiert werden.
  • WELCHE ROLLE SPIELT DIE PROSTITUTION?
Sie ist legal, für die meisten jungen Männer sind Prostituierte die einzige Möglichkeit Sex vor der Ehe zu erleben.
  • WANN UND WIE WIRD GEHEIRATET?
Nach solchen Zahlen sehnt sich der Vatikan: 92 Prozent der Türken heiraten im Lauf ihres Lebens, jedes Jahr wird kaum mehr als eine von 1000 Ehen (1,28) geschieden. Männer heiraten im Durchschnitt mit 28, Frauen mit 24 Jahren. Ober 80 Prozent der Ehen werden nicht nur vom Standesbeamten, sondern auch vom Imam geschlossen, gut 8 Prozent sogar ausschließlich von den islamischen Schriftkundigen, wobei diese Ehen rechtlich nicht anerkannt sind. Obwohl die Vielehe in der Türkei seit 1925 verboten ist, hat nach Schätzungen jeder neunte Mann in Südostanatolien mehr als eine Ehefrau. Nach dem Gesetz müssen die Ehepartner bei der Hochzeit 18 Jahre alt sein oder mindestens 16, wenn die Eltern zustimmen, und beide müssen sich vorher medizinisch untersuchen lassen. Aber bei den so genannten Imam-Ehen sind insbesondere die Frauen häufig jünger. Erst seit 2006 werden Zwangsehen von der türkischen Religionsbehörde als Sünde gegeißelt.
  • WELCHE RITUALE GIBT ES?
Ihre Initiation erleben türkische Jungen im Alter von drei bis zehn Jahren: „Sünnet“ die Beschneidung, die als wichtiger Schritt zur Männlichkeit angesehen wird. Spätesters mit dem ersten feuchten Traum lernen die Jungen „Abdest“, eine rituelle Waschung, der sich muslimische Männer und Frauen nach jeder sexuellen Handlung unterziehen. In Haushalten ohne fließendes warmes Wasser gilt noch heute: Stellt er abends den Kasel aufs Feuer, will er mit seiner Frau schlafen.
  • WIE STEHT'S MIT DER TREUE?
Einerseits: Kein anderes Land sprach sich bei einer Umfrage der Marktforschungsgruppe
GfK so sehr für die Treue aus: neun von zehn Türken halten eine Affäre für unverzeihlich. Andererseits: Eine Umfrage des Kondomherstellers Durex in 40 Ländern ergab das Gegenteil - Türken sind demnach Weltmeister im Seitensprung (58 Prozent gaben an, fremdgegangen zu sein). Und sie wechseln den Partner häufiger als alle anderen Nationalitäten - glaubt man den Antworten, bringen sie es im Durchschnitt auf 14,5 Bettgefährten.
  • WAS IST VERBOTEN?
Seit 1925 ist das Kopftuch in öffentlichen Gebäuden verboten. Seit 2005 wird Vergewaltigung in der Ehe als Straftat geahndet.
  • IST HOMOSEXUALITÄT AKZEPTIERT?
Sie ist nicht verboten, doch werden Schwule und Lesben geächtet. Geschlechtsumwandlungen sind seit 1988 erlaubt: Istanbul hat die größte Transvestiten- und Transsexuellenszene in der islamischen Welt. Dennoch berichtet Amnesty International von gezielten Medienkampagnen, gewalttätigen Polizei-Übergriffen und Geldstrafen gegen Transsexuelle.
  • WAS MACHT TÜRKEN AN?
Pornografie liegt mit 52 Prozent vorn. 2003 kam der erste Pornofilm auf Kurdisch auf den Markt und fand reißenden Absatz. Leider führt die Türkei auch in einer anderen Statistik: Weltweit wird nirgendwo so oft nach „Kinderpornografie“ gegoogelt.
  • WIE WIRD VERHÜTET?
64 Prozent der Frauen verhüten, davon die Hälfte mit Pessaren und Injektionen.
Weit verbreitet ist noch immer der Coitus Interruptus als einziges Verhütungsmittel. Nur sieben Prozent der Paare benutzen Kondome.
  • WIE HÄUFIG WIRD ABGETRIEBEN?
Seit 1983 sind Schwangerschaftsabbrüche bis zur zehnten Woche erlaubt, die Entscheidung kann die Frau allein treffen. 27 Prozent der verheirateten Frauen hatten schon mindestens eine Abtreibung.
  • WIE STEHT'S MIT DEM NACHWUCHS?
Türkische Frauen bekommen im Durchschnitt 2,4 Kinder (siehe Schaubild). 40 Prozent der Geburten in den vergangenen fünf Jahren waren nach Angaben des Gesundheitsministeriums keine Wunschkinder.

Inka Schmeling"


Dienstag, 3. Januar 2012

Debatte um den Islam - Wer bestimmt, was Muslime glauben?


Heute möchte ich auf eine interessante Probeausgabe (3/2010) der Zeitschrift zenith aufmerksam machen. Diese Zeitschrift beobachte ich schon länger, bietet sie doch mit die kenntnisreichsten Reportagen, Analysen, Hintergrundinformationen über den Nahen Osten in der deutschen Medienlandschaft. Abgesehen von Fachzeitschriften wissenschaftlicher Einrichtungen, deren Zielpublikum mitunter auch ein anderes ist. Und dieses uns übermittelte differenzierte und abseits von Tagesaktualität oft hervorragend tiefgründige Bild des Nahen Ostens kommt nicht von ungefähr: Sind doch die Redakteure Orientalisten oder angehende Orientalisten, meistens Islamwissenschaftler. Ihre im Studium erlernten Tugenden der genauen Recherche, der fundierten Quellensuche, des Blickes unter die Oberfläche, des komplexen differenzierendem Denken, der Betrachtung aus mehreren Blickwinkeln, und nicht zuletzt durch Auslandsaufenthalte erlernte soziale Kompetenz und Empathiefähigkeit, merkt man den meisten Artikeln an. Das bedeutet natürlich nicht, dass deren Qualität nicht auch schwanken kann. Doch meistens bieten die Artikel von zenith einen echten Mehrwert, verglichen mit anderen Medien, sofern dort nicht auch Orientalisten als Autoren beschäftigt sind.

Sie selbst beschreiben sich folgendermaßen:
zenith – Zeitschrift für den Orient ist das führende deutsche Magazin zum Nahen Osten, dem Maghreb und der muslimischen Welt. Kritisch, ausgewogen und kenntnisreich – diese Ansprüche stellt zenith an die eigene Berichterstattung.

Ein weltweites Netzwerk aus Autoren, Reportern und Fotografen zwischen Marokko, Israel, Iran und Indonesien, aber auch viele Korrespondenten in Europa wirken daran mit. Das Interesse an einer qualifizierten Orient-Berichterstattung ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Viele Medien konzentrieren sich jedoch vor allem auf Krisen und bewaffnete Konflikte: zenith ist vor Ort, bevor es knallt, und bleibt, wenn sich das Tränengas verzogen hat, um neben der großen Politik auch den Alltag der Menschen zu begleiten.

Um ein differenziertes Bild dieser Region zu vermitteln, gründeten 1999 in Hamburg sechs Studenten der Orientalistik das Magazin zenith, das inzwischen einen festen Platz am deutschen Zeitschriftenmarkt hat.

Neben Analysen, Hintergrundberichten und Top-Interviews bietet zenith starke, preisgekrönte Foto-Reportagen und Illustrationen. Die Schwerpunkt-Dossiers des Magazins beleuchten Themen des Zeitgeschehens auf unkonventionelle Art und Weise. Entscheidend für die Autoren ist die richtige Mischung aus journalistischer Aufbereitung und fachlicher Expertise. zenith versteht sich als Gradmesser für politische und soziale Entwicklung im Orient: das Magazin berichtet über diese Themen oft lange bevor sie Gegenstand der tagesaktuellen Medien werden. zenith versteht sich auch als Schmiede für junge Auslandsberichterstatter, die sich schwerpunktmäßig mit dem Nahen Osten und der islamischen Welt befassen. [...]

Täglich aktuell hingegen berichtet zenith auf www.zenithonline.de. Der gesamte Orient auf einen Klick: Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Kultur. Ein weltweites Netzwerk aus Journalisten berichtet vor Ort über die neuesten Entwicklungen und Geschehnisse.
Da ich gerade zuletzt einen Blogpost zu den neuen ethischen Fragen an den Islam durch Wissenschaft und Forschung verfasst habe, verlinke ich hier einen thematisch sehr passenden aktuellen Artikel von zenith:

Ein neues Jungfernhäutchen, bitte

Mai-Britt Wulf
Weltweit ist ein Anstieg der Hymenorrhaphie zu beobachten. Welche Motive treiben Frauen dazu, sich das Jungfernhäutchen wiederherstellen zu lassen und wie wird im Nahen und Mittleren Osten auf diese Entwicklung reagiert? [...]
Doch kommen wir nun zu dem Blogtitel und den Artikeln aus zenith, der der eigentliche Grund für meinen Post bilden. Ist doch diese Frage, wer bestimmt, was Muslime glauben gerade hochaktuell bezüglich der in Deutschland an einigen Universitäten neu geschaffenen bekenntnisorientiertem Studiengang Islamische Theologie, nach Vorbild der evangelischen und katholischen Fakultäten. Obwohl diese Ausgabe von 2010 ist, noch vor dem arabischen Frühling, zeigt sich doch die Qualität der Artikel daran, dass sie auch jenseits der Tagesaktualität interessant bleiben, Hintergründe erläutern, und einige auch ebenso heute wieder erscheinen könnten.

Kampf um den Islam

Das Ringen um Macht und Moral – eine Spurensuche von der Frühzeit des Islams bis zum radikalen Fundamentalismus heute

Los geht es mit einer Fotoserie:
Tee mit Terroristen

Wie resozialisiert man Gotteskrieger?
Saudi-Arabien versucht es im Umerziehungslager von Hayar auf die sanfte Art und Weise

Weiter geht es mit dem ersten interessanten Artikel:
Eine Religion im Belagerungszustand

Der Streit um den richtigen Glauben spaltet die Gemeinschaft der Muslime seit dem Tod des Propheten. Aber nie zuvor war die Deutungshoheit über den Koran so umkämpft wie heute. Dafür sind nicht zuletzt die westlichen Islam-Debatten verantwortlich

Der Kampf um den Islam begann am 15. März 2010. An diesem Tag weigerte sich eine Gruppe Gläubiger, die ihr auferlegten Pflichten zu erfüllen. Spannungen hatte es schon zuvor gegeben, nun trat das Zerwürfnis offen zutage. Es ging um Geld, aber auch um Macht und Ideologie; einige der Delinquenten betrachteten ihre Mission sogar als dschihad, als »heiligen Kampf«. Kurzzeitig sah es nach einem Sieg der Rebellen aus, doch dann verloren sie ausgerechnet ihren prominentesten Unterstützer. Die Auseinandersetzung führte schließlich zur Abspaltung der Gruppe, die sich einen neuen Namen gab und versprach, die ursprüngliche, ja »wahre« Mission fortzuführen. Dies zumindest kann man auf OnIslam.com nachlesen, das von der geschassten Redaktion des Internet-Portals IslamOnline.net seit kurzem betrieben wird. Zwischen den Redakteuren und ihrem damaligen Arbeitgeber war im Frühjahr ein bizarrer Machtkampf entbrannt. Die Website IslamOnline, eines der einflussreichsten Islam-Portale weltweit, gehört einer in Katar beheimateten Stiftung. Als die Inhaber die Verlagerung der redaktionellen Arbeit in das Golfemirat ankündigten und über Nacht die Passwörter wechselten, gingen die 330 Mitarbeiter in Kairo in Streik: Abgeschnitten vom Zugang zu ihrer eigenen Seite, besetzten sie ihrerseits über Wochen das Gebäude – letztlich erfolglos. [...]
Wer bis hierhin "lediglich" einen Artikel über einen lokalen Streit erwartet, der sollte weiterlesen, denn der Artikel behandelt weit mehr, wie die mitunter durchaus provokativen Zwischenüberschriften und Einschübe verdeutlichen:
  • 14 Jahrhunderte nach Muhammads Tod wirkt die Gemeinschaft der Muslime gespalten und führungslos
  • Es ist die zentrale Frage in einem Machtkampf um Glauben und Sünde: Wann hört ein Muslim auf, Muslim zu sein?
  • Wer bestimmt auf Dauer, was die mehr als eine Milliarde Muslime auf der Welt glauben sollen?
  • Ist der Kalif Uthman zu Recht getötet worden?
  • Verspätete Medienrevolution in der arabischen Welt
  • Selbst wie man einen Dschihad zu führen hat, ist unter Radikalen inzwischen umstritten
  • Die Schiiten – eine »lauernde Schlange«
  • Was Islam bedeutet, kann heute nicht mehr ohne den Westen diskutiert werden
  • Europa fungiert als Zerrspiegel für den Islam
Ihr seht schon, alleine diese Zwischentitel machen Lust den Artikel zu lesen...

Weiter geht es mit einem Interview eines der weltweit bedeutendsten Kenner der islamischen Theologie. Hoch aufschlussreich:
»Der Koran ist eine reformatorische Schrift«

Wann wurde der Islam zum Islam? Der Orientalist Josef van Ess im zenith-Gespräch über Prophetengenossen, verrückte Gnostiker und die Gebetsgymnastik der frühen Muslime

zenith: Herr van Ess, seit wann gibt es den Islam?
Josef van Ess: Diese Frage ist überhaupt nicht zu beantworten. Zumal man ja schon unterschiedlicher Meinung darüber ist, seit wann es den Koran gibt. Eines ist klar: Als es den Koran gab, gab es noch lange nicht den Islam.
zenith: Wie ist das zu verstehen?
Josef van Ess: Eine Religion braucht Generationen, bis sie weiß, warum sie da ist. Als Offenbarungsreligion hat der Islam bestimmte Grundvoraussetzungen: ein Gottesbild und die Notwendigkeit eines Stifters etwa. Aus diesen Voraussetzungen folgen Optionen. Und dann müssen Entscheidungen gefällt werden – was Zeit braucht, zum Teil Jahrhunderte.Durch diese Entscheidungen wird der Entscheidungsspielraum immer weiter eingegrenzt – sozusagen eine natürliche Erstarrung, die es bei allen Religionen gibt.
zenith: Häufig heißt es, der Islam brauche eine Reformation – einen »islamischen Luther«, um die Erstarrung aufzuhalten.
Josef van Ess: Ach, das ist doch ein alter Hut. Der Gedanke taucht schon im späten 19. Jahrhundert auf, und man hört es auch jetzt immer wieder. Dahinter steht der etwas amorphe Wunsch nach Reform, weil man mit der Gegenwart unzufrieden ist.Dabei ist schon der Koran eine reformatorische Schrift – insofern, als die älteren Religionen als Irrwege abgetan werden. Was natürlich eine Illusion ist: Der Koran ist nie zu den Anfängen zurückgekehrt. Aber dahinter steht vermutlich eine historische Erfahrung: Die Zeitgenossen des Propheten erlebten das Christentum nicht als einheitliche Religion, sondern als drei verschiedene »Kirchen«, die sich wüst beschimpften.
[...]
zenith: Sie zeichnen ein fast schon atomistisches Bild vom Islam.
Josef van Ess: Oder ich stelle das gängige Bild auf den Kopf. Die Pluralität steht am Anfang, die Einheit kommt später. Ein Fundamentalist würde es genau umgekehrt sehen. [...]
Zwischen den Artikeln kommen 18 höchst unterschiedliche Muslime zu Wort um zu definieren, was für sie "der Islam" sei.

Freitag, 16. September 2011

Ein Jahr nach Sarrazin

 Necla Kelek, die in ihrer Diplomarbeit das Gegenteil dessen schrieb, wie in ihren Bestsellern

Ein Jahr nach Thilo Sarrazins Bestseller "Deutschland schafft sich ab". Ein Jahr, in dem weltweit viel passierte was wahrlich bedeutsamer ist - und sein wird für die Weltgeschichte.
Auch bald ein Jahr seit Gründung dieses Blogs, nicht zuletzt aufgrund der damaligen Debatte. Ich hatte hier schon mehrfach diverse Artikel zum Thema verfasst.
Dieses hier soll keine Bilanz werden, sondern ein Rückblick auf ein Forenposting von mir, welches schon vor einem Jahr das Dilemma beschrieb was ursächlich für den Erfolg eines Sarrazin, Necla Kelek, etc. mitverantwortlich war:

Die öffentliche Meinung, und Großteile der veröffentlichten Meinung durch die Journalisten, folgen lieber ihren Vorurteilen statt der wissenschaftlichen Empirie.
Als Kronzeugen und Bestätigung dienen dann solche Bestseller von Thilo Sarrazin, Necla Kelek, Seyran Ateş, Henryk M. Broder, und Co.

...Bei diesen Werken handelt es sich um eine Mischung aus Erlebnisberichten und bitteren Anklagen gegen den Islam, der durchweg als patriarchale und reaktionäre Religion betrachtet wird. ...
Allerdings sollte man annehmen, dass Verwaltung und Ministerium dem interessierten Publikum eine Literatur empfehlen, die eine aufklärende Wirkung hat, also eine Literatur, deren Aussagen wissenschaftlich abgesichert sind. Tatsächlich ist aber genau das Gegenteil der Fall – bei den erwähnten Büchern handelt es sich um reißerische Pamphlete, in denen eigene Erlebnisse und Einzelfälle zu einem gesellschaftlichen Problem aufgepumpt werden, das umso bedrohlicher erscheint, je weniger Daten und Erkenntnisse eine Rolle spielen.
Die Literatur ist unwissenschaftlich und arbeitet ganz offensichtlich mit unseriösen Mitteln. Necla Kelek beispielsweise hat vor etwa drei Jahren ihre Dissertation zum Thema Islam und Alltag vorgelegt, in der sie zu ganz anderen Ergebnissen kommt als in Die fremde Braut.
...
Offenbar wurden hier die eigenen – und zwar wissenschaftlich abgesicherten – Erkenntnisse mutwillig verbogen, um am Buchmarkt einen Erfolg zu landen und sich dabei selbst als authentischen und vorgeblich wissenschaftlich legitimierten Ansprechpartner für alles, was mit »den Türken« oder »dem Islam« zu tun hat, in Szene zu setzen. Das Kalkül geht auf, von der taz bis zur ZEIT wird Kelek gern konsultiert, wenn es darum geht, »türkische« oder »islamische« Verhaltensweisen zu deuten.
...
Wir, die Verfasser und Unterzeichner dieses offenen Briefes, sind Forscher und Forscherinnen, die zu unterschiedlichsten Facetten des Themas Migration gearbeitet haben – zu Generationenbeziehungen, Zugehörigkeit, Islamvorstellungen, Lebensentwürfen, Ethnizität und Ethnisierung, Rassismus und Identitätsentwicklung.
In den letzten Jahren hat sich in Deutschland eine quantitativ und qualitativ-empirische Migrationsforschung entwickelt, die international anschluss- und konkurrenzfähig ist. Wenn auch Unterschiede existieren, was die theoretische Rahmung der Befragungsergebnisse betrifft, so gibt es doch ganz erstaunliche Übereinstimmungen in den Ergebnissen unserer Forschung.
...
Es wird also Zeit, eine rationale Diskussion über die zukünftige Gestaltung der Einwanderungsgesellschaft zu führen. Doch das kann man nicht auf der Grundlage von Boulevardliteratur tun, sondern indem man sich auf Erkenntnisse stützt, die auf rationale Weise gewonnen wurden."

60 Forscherinnen und Forscher unterschrieben diesen Offenen Brief:

Liane Aiwanger, Prof. Dr. Georg Auernheimer, Hayrettin Aydin M.A., Prof. Dr. Sigrid Baringhorst, Dipl.Päd. Sonja Bandorski, Dipl.-Sozialarbeiterin Isabel Basterra, Prof. Dr. Johannes Bastian, Robin Bauer, Prof. Dr. Ursula Boos-Nünning, Prof. Dr. Christoph Butterwegge, Ibrahim Cindark, Prof. Dr. Helene Decke-Cornill, Dr. Christoph Fantini, Schahrzad Farrokhzad, Prof. Dr. Hannelore Faulstich-Wieland, Prof. Dr. Helena Flam, Dr. Sara Fürstenau, Prof. Dr. Klaus F. Geiger, Prof. Dr. Ingrid Gogolin, Heike Mónika Greschke, Dr. Ursula Günther, Dr. Encarnation Gutierrez Rodriguez, Dr. Maria Hallitzky, Prof. Dr. Franz Hamburger, Prof. Dr. Gudrun Hentges, Prof. Dr. Leonie Herwartz-Emden, Prof. Dr. Havva Engin, Dipl.-Päd. Matthias Hofmann, Dr. Merle Hummrich, Dr. phil. Dipl.-Päd. Telse A. Iwers-Stelljes, Dr. Margarete Jäger, Prof. Dr. Siegfried Jäger, Prof. Dr. Barbara John, Elli Jonuz, Dipl.-Psych. Birsen Kahraman, Prof. Dr. Annita Kalpaka, Serhat Karakayali, Prof. Dr. Gritt Klinkhammer, Christoph Kodron, Dr. Annette Kracht, Dipl.-Psych. Angela Kühner, Dr. Susanne Lang, Dr. Rosa Maria Jiménez Laux, PD Dr. Rudolf Leiprecht, Prof. Dr. Ingrid Lohmann, PD Dr. Helma Lutz, Dipl.-Soz. Melanie Mahabat Bahar, PD Dr. Paul Mecheril, Dipl.-Päd. Claus Melter, Dipl.-Päd. Stephan Münte-Goussar, Prof. Dr. Ursula Neumann, Dr. Heike Niedrig, Dr. Ulrike Ofner, Mag. Dr. Nikola Orning, Dipl.-Psych. Berrin Özlem Otyakmaz, Prof. Dr. Karl-Josef Pazzini, Dr. Matthias Proske, Dr. Regina Römhild, Prof. Dr. Hans-Joachim Roth, Dr. Rosemarie Sackmann, Jörn Schadendorf, Dipl.-Päd. Anne Schondelmayer, Inga Schwarz, Uschi Sorg, Dr. Ugur Tekin, Prof. Dr. Dietrich Thränhardt, Dr. Anja Weiß, PD Dr. Erol Yildiz, Cigdem Yoksulabakan.
Quelle:
Petition auf der ZEIT

Donnerstag, 15. September 2011

Anschläge und Gewalt gegen Moscheen und Muslime

Diese Berliner Moschee wurde gleich
mehrfach Ziel eines Brandanschlages
Schon vor mehr als einem Jahr fragte ich mich, ob es denn nicht eine spezifische und detailliertere Untersuchung zu Gewalt gegen Muslime oder zu Anschlägen auf muslimische Einrichtungen wie zum Beispiel Moscheen gäbe.

Ich musste bei meinen Internetrecherchen schnell feststellen, das zwar die Gewalt durch Rechtsradikale zumeist auf Migranten durchaus untersucht und auch quantifiziert wurde, auch bezogen auf Gewalt gegen jüdische Einrichtungen, Friedhöfe, und dergleichen, jedoch speziell Gewalt gegen Muslime und deren Einrichtungen eher nicht erfasst oder untersucht wurde.

Und dies verwunderte mich, höre ich doch immer mal wieder seit Jahren von diversen Anschlägen gegen Moscheen, oder Kultureinrichtungen von Muslimen, von Brandsätzen angefangen, bis hin zu Attacken mit Schweineblut oder Hakenkreuz-Schmierereien. Wieso wird dieses nicht gesondert betrachtet, sondern verschwindet meist - wenn überhaupt - in irgendwelchen Lokalseiten kleiner Tageszeitungen? Müssen erst wieder Menschen verbrennen, bis ein öffentliches Bewusstsein geschaffen wird, und verstärkte Anstrengungen und geeignete Gegenmaßnahmen ergriffen werden?

Ich sprach im Blog schon einmal von dem vielleicht zunehmenden Unwohlsein von hiesigen Muslimen, und dem wohl oft geäußerten Wunsch, dieses im Einzelfall subjektiv als zumindest gastunfreundlich empfundenes Land zu verlassen - wenn man denn gut ausgebildet ist, also genau zu jenen Fachkräften gehört, die Deutschland so dringend benötigt - nicht zuletzt auch um dadurch weitere Arbeitsplätze im Niedriglohnsektor zu schaffen:

Brandanschlag auf Moschee und das Unwohlsein von Muslimen


Bekanntlich führt ja "hate speech" zu "hate crime".
Dies sollte eigentlich auch dem letzten Hinterbänkler nicht erst seit dem Terroranschlag des Rechtspopulisten Anders Breivik in Oslo bewusst sein.

Schauen wir also mal in diesem Blogposting, ob es da einigermaßen valide Daten zu einem eventuellem Anstieg von islamophober Gewalt gibt.