Dienstag, 25. März 2014

Gegenposition zum KRM-Gutachten zu Prof. Khorchide

Allāh-Kalligraphie in der
„Eski Cami“ (Moschee), Edirne, Türkei

Gastbeitrag 


Wallahu a’lam? Politik und Glaube

 

Islamismus und antimuslimischer Rassismus haben das Diskursfeld geprägt, in dem die politische Debatte um den islamischen Theologen Khorchide stattfindet. Es geht also nicht um Glauben und Religiosität, sondern um Macht und kollektive Identitäten


Von Hannes Bode *


Seit Monaten berichten die Medien über den ‚Fall Khorchide‘, die Auseinandersetzung zwischen sogenannten Islamverbänden auf der einen und islamischen Theologen und Uni Münster auf der anderen Seite. Der Streit war mit der Veröffentlichung eines im Auftrag des „Koordinationsrates der Muslime (KRM)“ erstellten „Gutachtens“ über ein populärwissenschaftliches Buch Khorchides eskaliert – im Schatten des Gutachtens wurde verbreitet, Khorchide würde den Rahmen islamischer Theologie verlassen haben, eine Behauptung, die durch das Gutachten nicht gestützt wird. Drei Punkte verdienen in diesem Zusammenhang Beachtung: 1. die argumentative Schwäche des Gutachtens, 2. die der Auseinandersetzung eigentlich zugrundeliegende Bemühung der Islamverbände, im Namen „der Muslime“ Einfluss zu erhalten, und 3. die Tatsache, dass die Verbände dabei in einem identitätslogischen Diskurs die Aussagen antimuslimischer Rassisten spiegeln und an der Konstruktion des Anderen, des ‚Kollektivsubjekts Muslim‘ teilhaben.

Das grundlegende Problem des Gutachtens ist die Vermengung von drei unterschiedlichen Bereichen: die Frage ‚säkularer‘ religions- oder textwissenschaftlicher Methoden, die Frage islamischer Methoden im Sinne der religiösen Islamwissenschaften sowie die Frage des Glaubens und der Religiosität, d.h. des Verhältnisses der Einzelnen zu Gott. So wird erklärt, „die propagierte ‚Theologie der Barmherzigkeit‘“ beruhe „überhaupt nicht auf einer eindeutig identifizierbaren wissenschaftlichen Methode – weder einer der Islamwissenschaft entnommenen Methode, noch einer der Christlichen Theologie entnommenen Methode und erst recht keiner eigenständig entwickelten, der Islamischen Theologie dienlichen Methode“. Eine theologische Reflexion auf die im sakralen Text des Koran dominierende Idee der Barmherzigkeit (rahma) des „Allerbarmers“ (al-rahman al-rahim) kann aber nicht auf Methoden der Islamwissenschaft beruhen – die Islamwissenschaft als Religionswissenschaft blickt kritisch auf eine Sammlung von Texten und erforscht, warum und wie Menschen sich zu verschiedenen Zeiten eine Vorstellung von Göttern oder einem Gott gemacht haben. Ein Islamwissenschaftler würde in Bezug auf die arabo-islamische Vergangenheit sicherlich keine „Geschichte der Barmherzigkeit“ schreiben. Khorchide, ein gläubiger Muslim, betrachtet den Koran jedoch nicht historisch-kritisch und distanziert als ‚Quelle‘, sondern als Fundament seiner Beziehung zu Gott, was für die Verbände eigentlich kein Kritikpunkt sein dürfte. Auch der Vorwurf des Ignorierens christlich-theologischer Traditionen geht ins Leere – doch widerspricht sich das Gutachten selbst, wenn es einmal ihre Nichtverwendung und ein paar Seiten weiter wiederum ihre angebliche Verwendung kritisiert. Seine Ideen sind zudem keineswegs ‚neu‘ oder ‚fremd‘, vielmehr knüpfen sie an Debatten der arabo-islamischen nahda des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts sowie an ‚Reformer‘ des späten 20. Jahrhunderts an, und haben durchaus auch Vorläufer in der ‚islamischen‘ Geschichte der Pluralität und Ambiguität.

Im Gutachten wird die Unfähigkeit deutlich, das Wesen der theologischen Arbeit zu erfassen, die auf den sakralen Text und auf Gott bezogenen ist. Vielmehr handelt es sich um einen eindeutig ‚säkularen‘ Wissenschaftstext, der – in Teilen widersprüchlich – ein Sammelsurium an überwiegend textkritischen Argumenten gegen eine Idee in Stellung bringt, die ihrerseits auf der gläubigen Reflexion eines Theologen auf Basis einer holistischen Koranexegese beruht. Dass ihm so ‚Unwissenschaftlichkeit‘ unterstellt wird, um ihn dann aber aus einer ‚islamischen‘ Position heraus als ‚unislamisch‘ bzw. ‚ungläubig‘ zu diskreditieren, ist paradox.

Donnerstag, 19. Dezember 2013

Fethullah Gülen - Geschichte und Analyse

Fethullah Gülen 2012 während eines Interviews


Wer hätte das gedacht? Nun eskaliert der schon seit einigen Jahren schwelende innermuslimische Disput in der Türkei zwischen den Anhängern des geistlichen Führers Fethullah Gülen und den AKP Politikern. Da die Informationen in den Zeitungen zu einem der weltweit einflussreichsten islamischen Prediger Fethullah Gülen naturgemäß recht spärlich sind, hier nun eine Analyse vom Türkei Experten Dr. Günter Seufert, die er noch vor der jüngsten Eskalation auf der SWP Internetseite veröffentlicht hatte. Er geht allerdings auch schon auf die Vorgeschichte der Entfremdung beider islamischer Machtblöcke seit 2010 ein.
Die Beurteilung von Gülen gestaltet sich schwierig. Man muss wohl jede Facette dieses Phänomens einzeln und differenziert betrachten. Einerseits die Positionen die er in früheren Jahren vertreten hatte, und anderseits diejenigen, die er heute hat. Einerseits die undurchsichtigen, intransparenten und geheimnistuerischen Strukturen, andererseits die guten Taten von vielen Anhängern an der Basis der Bewegung. Einerseits die Ziele und die Mittel zur Durchsetzung der Ziele in der Türkei, andererseits die in der Diaspora. Dabei gibt es eher weniger differenzierte Untersuchungen, entweder wird Fethullah Gülen verherrlicht oder verdammt. Daher nun diese Studie als PDF, die ein wenig Licht ins Dunkel bringen kann, ohne kritische Fragen auszublenden, aber auch nicht in islamophobe Panik bei der Beurteilung zu verfallen.



SWP-Studie
Stiftung Wissenschaft und Politik
Deutsches Institut für Internationale Politik und Sicherheit

Günter Seufert
Überdehnt sich die Bewegung von Fethullah Gülen? 
Eine türkische Religionsgemeinde als nationaler und internationaler Akteur 
Dezember 2013 Berlin

Hier nun ein Auszug, der der Frage nachgeht:  NGO - Netzwerk, Religionsgemeinde oder politischer Geheimbund?

Gülen und seine Anhänger: Versuch einer
Bestimmung
NGO
-
Netzwerk, Religionsgemeinde oder
politischer Geheimbund?
 
Als Reaktion auf Kritik an mangelnder Transparenz
gesteht die Gülen-Bewegung seit etwa zwei Jahren zu,
dass sie mehr ist als eine Reihe nebeneinander existie-
render Institutionen. In internationalen Publikationen
bezeichnet sie sich mittlerweile als »Gesellschaft«
(society) und weist gleichzeitig den Begriff »Gemeinde«
(community/cemaat) für sich zurück. Die Selbstdefini-
tion als Gesellschaft dient zwei Zwecken: Erstens will
die Bewegung damit suggerieren, es gebe keine feste
Mitgliedschaft (und damit auch keine feste innere
Struktur) und keine Abgrenzung nach außen. Zwei-
tens soll der Eindruck erweckt werden, die eigene
(ethische und politische) Orientierung decke sich voll-
kommen mit den Orientierungen des Mainstreams der
türkischen Gesellschaft, man repräsentiere diese und
gehe gleichzeitig in ihr auf. 108  In der aktuellen Selbst-
darstellung einer Institution des Netzwerks, in der der
Vorwurf zurückgewiesen wird, man verfolge eigen-
nützige politische Ziele, heißt es, man sei eine »demo-
kratische, zivilgesellschaftliche Bewegung«. 190
Von Religion ist in keiner der beiden angeführten Schlüssel-
dokumente die Rede. Tatsächlich spielen Missionie-
rung oder auch nur der Unterricht von Religion in den
offiziellen Institutionen der Bewegung keine Rolle. 
Die Bewegung macht jedoch gleichzeitig kein Hehl
daraus, dass ihre zivilgesellschaftlichen Aktivitäten
aus einem religiösen Antrieb heraus erfolgen. Die
entsprechenden Überlegungen ihres Spiritus Rector
dazu werden offen vorgetragen, und es ist kein Ge-
heimnis, dass die große Zahl der in Schulen und
Vereinen arbeitenden Ehrenamtlichen, aber auch die
Lehrer, die der Bewegung angehören, ihr pädagogi-
sches Engagement als gottgefälliges Handeln per se
verstehen. Gleichzeitig lässt sich feststellen, dass die
Aktivisten von einem starken Gefühl der Zugehörig-
keit zur Bewegung und der Loyalität mit ihr erfüllt
sind. Darüber hinaus ist ein gemeinsamer Habitus der
Gefolgsleute Gülens nicht zu übersehen.
Wo aber bilden sich diese Merkmale heraus? Als
Antwort darauf wird meist auf die Wohngemeinschaf-
ten der Bewegung verwiesen, die auf die Frühzeit von
Gülens Wirken zurückgehen und »Lichthäuser«
genannt werden. Ihr Alltag ist durch strikte Verrich-
tung der Ritualgebete, repetitives Gottesgedenken,
Koranlesen und die Lektüre von Schriften Gülens
gekennzeichnet. Hinzu kommen soziale Kontroll-
mechanismen, die das Verhalten der Aktivisten prägen
sollen, wie zum Beispiel Gruppendiskussionen und
das Gebot der gegenseitigen Übernahme von Verant-
wortung für das Handeln des jeweils anderen WG-Mit-
glieds. All dies führt zu einer Verstetigung von intel-
lektuellen, emotionalen und handlungsleitenden
Dispositionen, die den genannten Habitus hervor-
bringen. 111  Gülen selbst sieht in den Wohngemein-
schaften den dynamischen Kern seiner religiösen
Gemeinde. Deren ganze Energie soll nach ihm auf
weiteres Wachstum gerichtet sein und – als Fernziel –
auf die Versittlichung der Gesellschaft, was in Gülens
Denken im Hinblick auf die muslimischen Länder mit
einer zivilgesellschaftlichen Re-Islamisierung zusam-
menfällt. Um den Einzelnen zum »Soldaten des Lichts«
zu machen, der all sein Trachten auf diese Aufgabe
richtet, gelte es, die »leeren Köpfe« einer »nach inhalts-
losen Schablonen lebenden Generation« mit den Wahr-
heiten des Glaubens zu füllen. 112
Die Anhänger der Bewegung sind davon überzeugt,
dass sie einen offenbarten göttlichen Auftrag erfüllen
und beziehen sich dabei auf einen Ausspruch des
Propheten (Hadith), mit dem dieser auf die Frage nach
seinen treuesten Gläubigen Folgendes geantwortet
habe: »Meine aufrichtigsten Gefolgsleute befinden sich
nicht hier bei mir. Sie werden in einer Zeit hervor-
treten, in der der Islam von innen und von außen
angegriffen wird. Es werden ihre Tugend und ihr
mustergültiges Verhalten sein, die die Botschaft Gottes
stärken.« 113  Gülen gilt seinen Anhängern deshalb als
der erwartete Erneuerer des Glaubens, 114  und vielen
sind sein Wissen und seine Predigten Ausdruck gött-
licher Inspiration. 115
Die innere Struktur der Religionsgemeinde kann
man sich als eine Reihe konzentrischer Kreise vor-
stellen. 116  


Mittwoch, 27. November 2013

Rabia







Ein Artikel aus der EI² via A.I.M.... ;)

Rābiʿa al-ʿAdawiyya al-Ḳaysiyya
[von Margaret Smith; überarbeitet von Charles Pellat]
___________________________

Rābiʿa al-ʿAdawiyya al-Ḳaysiyya (a double nisba because she was attached to a family, the Āl ʿĀtik, of ʿAdī b. Ḳays (of Ḳurays̲h̲; see Ibn al-Kalbī-Caskel, tab. 35)), famous mystic and saint of Baṣra.

One cannot go so far as to throw into doubt her historical existence, but the traditions about her life and teachings include a very large proportion of legend which today can hardly be distinguished from authentic information. With this qualification borne in mind, one may nevertheless be permitted to present a portrait of the saint as it was conceived by her coreligionists over the course of the centuries.

She is said to have been born in 95/714 or 99/717-18 and to have breathed her last at Baṣra in 185/801, where her tomb was shown outside the city (see al-Harawī, Ziyārāt , ed. and tr. J. Sourdel-Thomine, 81/88). In the evolution of Ṣūfī mysticism, she became one of the three most famous female mystics of Baṣra, the two others being Muʿād̲h̲a al-ʿAdawiyya, wife of the “ascetic” ʿĀmir b. ʿAbd al-Ḳays al-ʿAnbarī [q.v.], and a certain Umm al-Dardāʾ (see Pellat, Le milieu baṣrien , 104).

Born into a poor home, she was stolen as a child and sold into slavery (she is even sometimes made into a ḳayna [q.v.]), but her sanctity secured her freedom, and she retired to a life of seclusion and celibacy, at first in the desert and then in Baṣra, where she gathered round her many disciples and associates, who came to seek her counsel or prayers or to listen to her teaching. These included ʿAbd al-Wāḥid b. Zayd (d. 177/793; see Pellat, Milieu , 102-3 and index), Mālik b. Dīnār [q.v.], the ascetic Rabāḥ al-Ḳaysī, the traditionist Sufyān al-T̲h̲awrī [q.v.] and the Ṣūfī S̲h̲aḳīḳ al-Balk̲h̲ī. Her life was one of extreme asceticism and otherworldliness. Asked why she did not ask help from her friends, she said, “I should be ashamed to ask for this world’s goods from Him to Whom they belong, and how should I seek them from those to whom they do not belong?” (it should be noted that al-D̲j̲āḥiẓ, more conscious of the neatness of this reply than of its deeper sense, cites it at least twice (in Ḥayawān , v, 589, and Bayān , iii, 127) and does not mention any other details concerning Rābiʿa, which seems to show that, in the 3rd/9th century, the legend around her had not yet totally crystallised. On the other hand, this tradition, perhaps authentic, is contradicted by a piece of evidence according to which she possessed a k̲h̲ādim/k̲h̲ādima and by the mention, in al-Ḥusaynī, of another saint called Maryam al-Baṣriyya, her servant and disciple, to whom she had communicated her doctrine of pure love, ʿilm al-maḥabba ).

To another friend she said, “Will God forget the poor because of their poverty or remember the rich because of their riches? Since He knows my state, what have I to remind Him of? What He wills, we should also will.” Miracles were attributed to her as to other Muslim saints. Food was supplied by miraculous means for her guests, and to save her from starvation. A camel, which died when she was on pilgrimage, was restored to life for her use; the lack of a lamp was made good by the light which shone round about the saint. It was related that when she was dying, she bade her friends depart and leave the way free for the messengers of God Most High. As they went out, they heard her making her confession of faith, and a voice which responded, “O soul at rest, return to thy Lord, satisfied with Him, giving satisfaction to Him. So enter among My servants into My Paradise” (sūra LXXXIX, 27-30). After her death, Rābiʿa was seen in a dream and asked how she had escaped from Munkar and Nakīr [q.v.], the angels of the tomb, when they asked her, “Who is your Lord?”, and she replied, “I said, return and tell your Lord, ‘Notwithstanding the thousands and thousands of Thy creatures, Thou hast not forgotten a weak old woman. I, who had only Thee in all the world, have never forgotten Thee, that Thou shouldst ask, Who is thy Lord?’”

Samstag, 6. Juli 2013

Sollten sich "anständiger Bürger" wegen der Überwachung sorgen?

Ein sehr interessanter Erfahrungsbericht, was im Zusammenspiel von Feindbildern und Vorurteilen die schon jetzt übliche Überwachung jedes einzelnen Bürgers für Folgen haben kann. Inklusive Einblicke in die Arbeitsmethoden etlicher Medien. Zitiert aus Dr. Michael Blume Scilogs Blog:

"

Sollten sich "anständiger Bürger" wegen der Überwachung sorgen? – Ein Erfahrungsbericht aus den Schattenkriegen

von Michael Blume, 06. Juli 2013, 13:52

Wir sollen uns doch bitte nicht so aufregen. Vor ein bisschen Überwachung und ausufernden Sicherheitsbehörden hätten "anständige Bürger" doch gar nichts zu befürchten. Wir sollten doch laut Sylvia Braun auf FOCUS.de einfach einsehen, dass "es gut ist, bestimmte Daten der User im Netz zu speichern." Wenn es beim Fangen von Terroristen und Kriminellen hilft, sollte es uns doch Recht sein! Und es übertreiben halt mal wieder die USA, vielleicht auch Chinesen und Russen – aber wir feinen Europäer doch nicht. So klingt es beschwichtigend in vielen Texten und Gesprächen in diesen Tagen und es ist klar: in wenigen Wochen werden wieder andere Themen die Medien und Politikforen dominieren.
 
Manchmal, wenn ich dieses leichtfertige Verspielen unserer Bürgerrechte nicht mehr aushalte, erzähle ich von dem, was ich selbst erlebt habe. Und das will ich, aus Respekt vor dem Mut von Edward Snowden, heute erstmals auch online tun.
 
Es geschah im Jahr 2003 – wie inzwischen aufflog, zog damals der NSU auch nach allerlei Hinweisen unbehelligt von Sicherheitsbehörden mordend durch die Republik und den Südwesten und ein Mitarbeiter des Landesamtes für Verfassungsschutz Baden-Württemberg warnte eine Zelle des Ku-Klux-Klans vor einer anstehenden Polizeiaktion. Statt dieser und anderer Extremisten bekam ich das "Vergnügen" der "Aufmerksamkeit" von Akteuren, die doch angeblich unsere Sicherheit und Verfassung beschützen.
 
Ich war damals Mitte 20 und darf wohl behaupten, so ziemlich das Musterbeispiel eines „anständigen Bürgers“ abgegeben zu haben: Abiturient und Scheffelpreisträger mit blütenweißem Führungszeugnis, aktiv als Orts- und Kreisvorstand der Jungen Union, ehemaliger Jugendgemeinderat sowie gewählter Jung-Stadtrat (CDU) in meiner Heimatstadt Filderstadt. Hinzu kam eine Finanzausbildung mit Auszeichnung („Spitzenazubi“) bei der Landesbank Baden-Württemberg, gefolgt von einem Studienstipendium der Begabtenförderung der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS). Ich war (und bin) praktizierender Christ in der evangelischen Landeskirche, Gründungsvorsitzender einer jungen, interreligiösen Initiative aus Christen, Muslimen und Juden, Magister der Religions- und Politikwissenschaft in Tübingen, jung verheiratet mit einer Deutsch-Türkin und frisch Vater einer süßen Tochter. Auch, dass ich die Welt nur in rosarot gesehen hätte, lässt sich schlecht behaupten: Die Bilder von den Flugzeugattentaten des 11. September 2001 erreichten mich an der Evangelischen Akademie Bad Boll, in der wir gerade eine Sommerakademie vorbereiteten mit dem Titel: „Christen und Muslime – Gemeinsam Gewalt verhindern“. Und dann hatte ich mit einer Ausarbeitung über „Heimat und Identität“ auch noch einen 3. Preis des Bundesministerium des Inneren gewonnen; die vom damaligen Minister Otto Schily (SPD) unterzeichnete Urkunde bewahre ich bis heute auf.
 
Über diese Auszeichnung hatte der damalige baden-württembergische Staatsminister Dr. Christoph Palmer (CDU) in der "Stuttgarter Zeitung" gelesen – und so bekam ich einen Anruf seines Büros, ob ich nicht Lust und Zeit hätte, mit dem mir bis dahin persönlich unbekannten Minister einen Kaffee zu trinken. Natürlich hatte ich! Nach einem ausführlichen, intensiven und guten Gespräch kam er zur Sache: Es mache ihm Sorgen, dass es bislang in der Landesverwaltung praktisch nur Islamexperten aus dem Sicherheitsbereich gebe; aber noch keinen zivilgesellschaftlichen Dialog mit der großen, friedliebenden Mehrheit der Muslime. Wann ich denn mit dem Studium fertig sei?
 
Und so trat ich also 2003 meine erste, halbe und befristete Stelle an – überglücklich und noch überhaupt nicht ahnend, dass ich damit Interessengruppen in den Weg geraten war, die es gar nicht toll fanden, dass ein „ziviler Grünschnabel“ und „Moslemversteher“ ihre Pfründe bedrohen könnte. Ich war insofern tatsächlich "naiv", dass ich meinte, jede(r) müsse Dialog, Verständigung und den Abbau von gegenseitigen Vorurteilen und Ängsten doch letztlich gut finden. Nun sollte ich auf die harte Tour lernen, dass ganze Institutionen und Karrieren auch genau von Ängsten leben!
 
Während ich also noch völlig ahnungslos meinen Arbeitsbereich aufbaute, begannen "Kollegen" der Sicherheit schon auf eigene Faust "belastendes" On- und Offlinematerial (einschließlich eMails) zusammen zu tragen und schließlich Journalisten sowie Oppositionsabgeordnete damit „zu füttern“. Ich weiß bis heute nicht, auf welcher Rechtsgrundlage diese Leute überhaupt gegen einen unbescholtenen Mitarbeiter "ermittelten" - und dann Auswahlen ihrer "Funde" auch noch weitergaben! Nun, sie taten es einfach - und eröffneten damit die Jagd.
 
Ich werde nie den Anruf eines Journalisten von den „Stuttgarter Nachrichten“ vergessen, in dem mich dieser allen Ernstes fragte, ob ich ihm denn „beweisen“ könne, Christ zu sein – schließlich sei ich „doch mit einer Muslimin verheiratet“. Ob ich nicht zugeben wolle, „heimlich konvertiert“ und in die Landesverwaltung „eingeschleust worden“ sei? Ob ich denn "ausschlien könne", dass ein muslimischer Freund "Mitglied bei Milli Görüs war oder noch ist?" (War er nie - aber da schlucken Sie erstmal...) Ob meine Frau eigentlich Kopftuch trägt? (Nein. Und wenn?)
.
Immerhin: Seitdem kann ich existentiell nachvollziehen, was es für religiöse Minderheiten bedeutet, von Verschwörungstheorien eingedeckt zu werden...
 
In einem großen – inzwischen vom Netz genommenen – Artikel mit bedrohlich inszeniertem Foto wurde ich sodann zum „umstrittenen Islamberater“ ernannt, gestützt auf Verfassungsschutzquellen, die sich verächtlich über mein interreligiöses Engagement, meine Magisterarbeit und meine mutmaßliche „Naivität“ im Umgang mit Muslimen ausließen. Auch der Verweis auf meine „türkische Ehefrau“ durfte selbst in "seriösen" Zeitungen damals nicht fehlen. (Dass auch sie in Deutschland geboren und längst deutsche Staatsbürgerin war, ihr Abi an einem katholischen Gymnasium gemacht hatte etc. interessierte dabei naturgemäß überhaupt nicht. Mit "türkischer Ehefrau" wurden die entsprechenden Bilder beschworen - und eine Prise Rassismus macht so eine Story ja nur noch würziger. Vergleiche: "Dönermorde"...)
.
Weitere Zeitungen wie die rechtsgerichtete „Junge Freiheit“ – Storytitel: „Mit Allah in die Staatskanzlei“ - und die türkisch-kemalistische „Cumhurriyet“ stiegen begeistert ein. Obskure deutsche und türkische „Journalisten“ tauchten auch bei uns daheim auf und boten an, mich zu „beschützen“, wenn ich ihnen nur „mehr Material“ gäbe. Äußerte ich mich nicht, so wurde mir das negativ ausgelegt ("...verweigerte jede Auskunft."). Äußerte ich mich, nicht weniger. ("...stritt alles ab.") Wir erhielten Drohanrufe und –mails, so dass wir die Polizei einschalten und eine nichtöffentliche Telefonnummer beantragen mussten. Der Abgeordnete Stephan Braun (SPD) assistierte mit einer Landtagsanfrage zum „Fall Michael B.“, die zur Diskussion meiner Magisterarbeit im Landtag führte.
 

Samstag, 1. Juni 2013

Proteste in Istanbul und das Lagerdenken

Friedliche Demonstranten wurden in Istanbul brutal niedergeknüppelt,
daraufhin zahlreiche Solidaritätsdemonstrationen in der Türkei

Heute geht es um die Proteste rund um Taksim, den Gezi Park, der sich inzwischen auf die ganze Türkei ausgedehnt hat, und die Diskussionen darüber. Stichwort #occupygezi

Ich sollte vielleicht mal wieder vermehrt im Blog veröffentlichen, denn meine Statements in Facebook und auf Google Plus verschwinden doch recht schnell in der Versenkung, sind aber oftmals zeitlos gültig, und könnten immer mal wieder hervorgeholt werden. Sollte dieser Artikel vermehrt auf sozialen Netzwerken geteilt werden, werde ich mir eine zukünftige stärkere Aktivität hier auf dem Blog überlegen... ;-)

Komme ich gleich zum Kern meines heutigen Postings:
Was ich voll bescheuert finde: Bezüglich der Proteste in der Türkei gibt es mal wieder extremes Lagerdenken in Diskussionen hierzulande. Es wird einfach nicht einmal versucht den Blick vom Mars auf die Sachen hier auf der Erde zu richten. Also quasi von einem neutralen Standpunkt aus. Zumindest versuchen! meistens Fehlanzeige in sozialen Netzwerken. Sondern es wird extrem aus diversen Fan-Gruppierungen aus die Lage beurteilt. Fan? Ja, Fan. Bei Fußballfans ist oft die Ratio ausgeschaltet, Emotionen herrschen vor, man weiß oft selber nicht genau wieso. Wieso man oft bedingungslos seine Fußballmannschaft vor jeder Kritik in Schutz nimmt, gleichzeitig aber andere Fußballmannschaften bei den gleichen Vorgängen dafür heftig kritisiert. Gruppenzugehörigkeit ist wohl ein sehr, sehr starker Trieb des Menschen, der den Verstand manchmal vernebeln kann. Bei Fußballfans, sowie bei politischen Partei-Fans. Daher gehen nun die üblichen Gruppierungen aufeinander los, mit allen Übertreibungen, mit allen Pauschalisierungen, die man so kennt. Viele befinden sich dabei plötzlich in einem Boot, in dem sie sich ungern sehen möchten.