Dienstag, 27. November 2012

Fethullah Gülen

Fethullah Gülen beim Papst 1998
Im August beschäftigte ein Thema die deutschen Muslime und teilweise einige Medien: Fethulla Gülen. Im sehr guten Andalusian-Blog wurde darauf ausführlich eingegangen:
Zur Eskalation der deutschen Gülen-Debatte (Teil 1)

Genug Grund für mich, um mal in meine Sekundärliteratur zu schauen, ob ich dort eventuell näheres über die Gülen-Bewegung erfahren könnte. Idealerweise aus einigermaßen neutralerer Sicht, also weder aus besonders gülenkritischer, noch gülenverehrender Sicht. Die Suche war leider nicht sehr ergiebig.

Wolfgang Günter Lerch: Muhammads Erben. die unbekannte Vielfalt des Islam. Düsseldorf 1999.
(...) Origineller und wohl auch einflußreicher als die Süleymancilik ist die Nurculuk-Bewegung einzuschätzen. Ihr Gründer ist Bediüzzaman Said-i Nursi, geboren 1879, gestorben 1960, in dem der türkische Wissenschaftler Şerif Mardin einen der bedeutendsten Erneuerer islamischen Denkens im 20. Jahrhundert überhaupt sieht sowie den einzigen „Türken“, der im modernen Islam durch unkonventionelle Gedanken von sich reden gemacht habe. Auf diesem beschränkten Raum ist es nicht möglich, Said Nursis Gedankenwelt erschöpfend darzustellen, einige Stichworte müssen genügen.
Said Nursi stammte aus Bitlis und war eigentlich Kurde. Schon als Jugendlicher wurde er Nakşbendi. Nach 1900 lebte er eine Zeitlang in Istanbul und sympathisierte mit den Jungtürken. Er beteiligte sich auch am nationalen Befreiungskampf unter Mustafa Kemal Pascha. Erst 1925, im Zusammenhang mit dem Kurdenaufstand unter dem Nakşbendi-Scheich Said, kam es zum Bruch. Von diesem Jahr an bis zum Jahre 1950, das heißt dem Regierungsantritt der Demokrat Partisi von Menderes, lebte er in der innertürkischen Verbannung. In seiner Risale-i Nur, dem „Traktat über das göttliche Licht“, einer Schrift, die bei seinen Anhängern bis heute autoritativen Rang genießt, erweist sich Said-i Nursi in der Tat eher als theologischer Reformist denn als Reaktionär. Ihr Kern ist das Bestreben, die moderne Naturwissenschaft und ihre Ergebnisse mit den Lehren des Islams zu verbinden, etwas ganz Neues in der islamischen Theologie. Said-i Nursi versuchte für den Islam zu leisten, was vor Jahrhunderten etwa gläubige Philosophen und Wissenschaftler wie Leibniz für ein sich immer stärker verweltlichendes Christentum geleistet hatten: die naturwissenschaftliche Methode der Welterklärung durch eine religiös-metaphysische Deutung zu ergänzen. Bei Said-i Nursi heißt das „Mechanik der Natur“, gemeint ist eine göttliche Mechanik, in der neben der modernen Physik auch traditionelle islamische Philosophien wie die des andalusischen Mystikers Ibn al-Arabi und der persischen Ischrak-Schule berücksichtigt sind. Die Ideen Nursis haben in der Türkei stetig an Anhängern gewonnen, man schätzt, daß heutzutage mehr als eine Million Menschen mit den Nurcu sympathisieren.
Nachfolger Saidi-i Nursis in der Nurculuk-Bewegung wurde Fethullah Gülen, geboren 1938, und zwar genau an jenem Novembertag, an dem Kemal Atatürk in Istanbul starb. In Gülen sehen auch viele liberal gesinnte Türken in unseren Tagen einen durchaus originellen Islamisten, auf den der Vorwurf des „irtica“, der religiösen Dunkelmännerei, nicht zutrifft. Gülen hat niemals die Republik zur Disposition gestellt und versucht heute die Frage zu beantworten, welchen Part eine moderne republikanische Türkei im Weltislam spielen könne. Er unterscheidet zwischen dem Islam der Araber, der durch die Scharia gekennzeichnet sei, dem Islam der Perser, der vorwiegend schiitisch geprägt ist, und eben dem türkischen Islam mit seinen vielen volksverbundenen Traditionen. Da sich Gülen und seine Anhänger, die Fethullahcilar, bemüht haben, am Parteiengezänk nicht teilzuhaben, können sie auch in laizistischen Kreisen auf ein gewisses Gehör rechnen. Dazu trug auch bei, daß Fethullah Gülen sich von der Refah Partisi („Wohlfahrts-partei“) Necmettin Erbakans fernhielt, die 1996 und 1997 für ein knappes Jahr über die Türkei regierte, bevor man sie für illegal erklärte. Auch von der Nurculuk-Bewegung hat sich Gülen schon seit geraumer Zeit abgesetzt und hebt hervor, daß er den laizistischen Staat respektiere.
Von ihm stammt das Stichwort von der türkisch-islamischen Synthese, das sich auch ein Politiker wie der 1993 verstorbene Staatspräsident Turgut Ozal zu eigen gemacht hatte. Ozal war es auch, der immer wieder seine schützende Hand über Gülen hielt, wenn ihm das Militär an den Kragen wollte. So etwa im Gefolge des Militärputschs von 1980. Fethullah Gülen ist auch ein guter Freund des laizistischen Links-Politikers Bülent Ecevit, der sich als Erz-Laizist versteht. Gülen hat fast nichts publiziert, verbreitet seine Auffassungen vielmehr als moderner Wanderprediger. Wenn ich ihn richtig interpretiere, hält Gülen die massiven Verweltlichungsprozesse der vergangenen hundertfünfzig Jahre für irreversibel, ein authentischer türkischer Islam müsse dieser Entwicklung durch entsprechende Flexibilität Rechnung tragen. (...)

Freitag, 13. Juli 2012

Filmklassiker als osmanische Miniaturen

Star Wars

Detail aus Star Wars - Leia, Han Solo und Chewbacca

Detail aus Star Wars - Darth Vader und Sturmtruppen
Der türkische Grafikdesigner und Künstler Murat Paltat hat im Rahmen seiner Abschlussarbeit an seiner Universität eine Idee gesucht, eine besondere Idee. Er kam dabei darauf, sich auf die klassische osmanische Miniaturmalerei des 16. bis 18. Jahrhunderts zu beziehen, und moderne Klassiker des Films in jenem alten Stil neu zu beleben. Mit einem gehörigen Schuss Humor. Einige typische Szenen des Hollywood-Films kann man nun wohl erstmal als "osmanische Miniaturmalerei" bewundern.
Unten noch als Beispiel eine originale Miniatur des osmanischen Meisters Levni, der schon langsam anfing europäische Malstile zu integrieren. Klickt wie immer auf die Bilder, um eine größere Ansicht zu haben.
Viel Spaß...


junge osmanische Dame, 1. Hälfte 18. Jahrhundert, von Levni



Scarface


Der Pate

Detail aus Der Pate - Don Corleone (Marlon Brando)


Alien I


Detail aus Alien I


Donnerstag, 12. Juli 2012

Beschneidung - 1. Teil

Zirkumzision eines Jungen (Zentralasien, vermutlich Turkmenistan,
etwa 1865–1872, restaurierter Albuminpapierabzug)
Das Thema Beschneidung, auch Zirkumzision genannt, ist ja dieser Tage in aller Munde. Dabei vermisse ich jedoch einige Aspekte, die ich hier etwas näher beleuchten möchte. Nämlich, was sagen eigentlich die islamischen Quellen zur Beschneidung? Ich kenne es vor allem als türkisch-hanefitischen Brauch. Der als selbstverständlich gilt. Aber gilt diese Betrachtungsweise auch weltweit? Und in jeder zurückliegenden Epoche? Was sagen eigentlich die Gelehrten in der 1400-jährigen Geschichte des Islams? Sprachen alle mit einer Stimme, oder gab es auch mal exegetisch begründeten Dissenz? Und wie schaut der Ritus in den diversen Ländern aus? Gibt es da Unterschiede, und wenn ja, warum? Ist der Ritus festgelegt? Wie entwickelte sich die Beschneidung, und woher kam sie? Gibt es Spielräume in der Interpretation, oder ist alles sehr eindeutig? Ist es eher islamisch festgelegt, oder kommt hier eine Tradition stärker zum Tragen?

Und wie schaut es mit der weiblichen Beschneidung aus? Kommt mir nun nicht damit, man könne nicht die weibliche mit der männlichen Beschneidung vergleichen (wie es einige Rechtspopulisten gerne tun). Denn vergleichen, heißt nicht (zwangsläufig) gleichsetzen. Man kann sich beide Argumentationsmuster sehr wohl anschauen, wie sieht bei beiden die Legitimationsgrundlage aus, so wie man die heutige Islamfeindlichkeit selbstverständlich mit dem Antisemitismus früherer Jahrhunderte vergleichen kann, um zum Beispiel ähnliche Strukturen zu erkennen.
Wenn die weibliche Beschneidung heutzutage immer weiter zurückweicht, auch mithilfe von einflussreichen Gelehrten samt ihren Fatwas in der arabischen Welt, auch mithilfe von westlichem Druck durch Nichtregierungsorganisationen oder einzelnen Personen wie Rüdiger Nehberg, wie sieht es dann mit der Interpretation der Quellen bei der männlichen Beschneidung aus, wenn also zum Beispiel auf einen Hadith verwiesen wird, dass die männliche Beschneidung geboten ist, aber in dem Hadith auch steht, dass das auch für die Mädchen gilt, wieso wird dann eine Passage für ungültig, die andere jedoch weiterhin für gültig erklärt?
Wie werden Muslime gesehen, die sich nicht beschneiden, wie zum Beispiel die chinesischen Muslime? Sind das dann Sünder? Oder halbe Muslime? Und wie sieht es mit dem Alter aus? Gäbe es da Spielräume, oder ist ein Alter genau festgelegt?
Und wie sieht es eigentlich mit den anderen in Hadithen genannten Anweisungen aus? Wenn zum Beispiel die Beschneidung in einem Atemzug mit der Achselhaar-Entfernung genannt wird, wieso legen Muslime auf das eine sehr viel wert, und auf das andere weniger?

Übrigens, die in der Diskussion vorgebrachten "rationalen" Gründe für eine Beschneidung, halte ich für nicht zielführend. Also zum Beispiel die Argumentation mit der Gesundheitsvorsorge, oder den positiven Effekten für das Liebesleben, oder hygienische Vorteile, usw. Denn das setzt Gottes Wille auf eine (menschliche) Stufe herab, als müsste Gott irgendwas rechtfertigen, als würden nur diejenigen Gebote gelten, die wir auch "verstehen" können. Nein, solche Argumentationen für die Beschneidungsgegner gedacht, beraubt Gott seiner transzendenten Eigenschaft, macht aus Gott letztlich nur einen einfachen Ratgeber-Knigge für gutes Leben... Gott hätte auch den Genuss von Lollis verbieten können, und die Muslime hätten es zu akzeptieren, ohne zu versuchen, dieses irgendwie "logisch" herleiten zu wollen, und sich damit anzumaßen, Gottes Beweggründe zu ergründen. Denn mit dem Vorbringen von "rationalen" Rechtfertigungen für ein Gebot Gottes, macht man sich in Diskussionen gleichzeitig auch immer angreifbarer, denn Studien könnten falsch interpretiert worden sein, die man für seine Begründung heranzog, oder neuere Studien führen zu neuen Erkenntnissen, und so weiter. Somit gelangt man gleich auf das Glatteis, dass dann die Diskussionsgegner fragen, ob denn Gott dieses nicht gewusst habe, er sei doch allwissend, allmächtig, usw.? Diese muslimischen Argumentationsmuster findet man überall, doch sind diese Muster westliche Muster, und man sollte sich nicht auf diese rationale Ebene begeben, um seinen Glauben zu rechtfertigen, also zum Beispiel das Verbot von Schweinefleisch als vermeintlich schädlich für den Menschen "logisch" begründen zu wollen. (Es gibt nämlich noch mehr als Schweinefleisch, was man eigentlich nicht verzehren sollte, was kaum bekannt ist, und man kann eben nicht alles (vielleicht auch nur das wenigste), was Gott dem Menschen aufgetragen hat, rational mit menschlichen Maßstäben erklären.) Ich glaube, ihr versteht, was ich mit diesem Absatz ausdrücken wollte.

Falls es jemand interessiert, obwohl es nichts zur Sache tut, da man solche obigen Fragen als Gegner und als Befürworter gleichermaßen stellen könnte: Ich stehe Beschneidungen positiv gegenüber, und sehe hier das Erziehungsrecht der Eltern als vorrangig an. Es gibt andere ebenso "einschneidende" Erziehungsmaßnahmen, die irreversibel sind, und wo will man da anfangen, wo aufhören?

Es gibt also genügend Fragen, die teilweise hier beantwortet werden. Bei anderen müsste man sich nochmal genauer in die Quellen stürzen, aber man hat nun einen Anhaltspunkt, welche dafür relevant sind, und welche weiteren Bücher es dazu noch so gibt.

Wer in den Hadithen selber etwas stöbern möchte, dem sei diese einigermaßen seriöse Sammlung zu raten.

Englische Übersetzungen der großen Hadith-Sammlungen beim Center for Muslim-Jewish Engagement der University of Southern California


Ich fange mal mit einem Zitat des entsprechendem Artikels aus der renommierten Encyclopaedia of Islam in der 2. Auflage an, die als autoritativ gilt, und islamwissenschaftlich die Dinge betrachtet (wie übrigens alle ersten drei Artikel). Diese Enzyklopädie ist so angesehen, dass diese als Islam Ansiklopedisi auch ins türkische übersetzt und erweitert wurde. Übrigens wirkten auch Muslime an deren Erstellung mit. Der folgende Artikel ist vermutlich Mitte der 1970er Jahre aktualisiert worden. Damit mag er teilweise veraltet sein, sofern er sich auf die Gegenwart beziehen sollte. Ansonsten, exegetisch eher nicht. Übrigens gibt es manchmal einen Vorteil, ältere Artikel zu bestimmten Islam-Themen zu lesen, denn mitunter werden dort noch Dinge (ggf. offener) geschildert, wie der Islam dies und jenes sieht, oder zu einem bestimmten Jahrhundert gesehen hat, ohne dass vielleicht etwas "beschönigt" oder weggelassen wird, weil es vielleicht heutzutage nicht mehr "politisch korrekt" erscheint, oder die Autoren keine "Gefühle negativ berühren möchten". Zum Beispiel das Thema Sklaverei, oder Mädchenbeschneidung, oder Heiratsalter von Fatima, oder andere kontroverse Themen, wo heutige Islamwissenschaftler sich meist eher sehr defensiv verhalten, wissen sie doch, wie solche Themen durch Islamhasser ausgeschlachtet werden. Und daher diese "heißen Eisen" eher meiden, leider, und dadurch jenen das Feld überlassen, die sich selbst "Islamkritiker" nennen. Naja, ich schweife ab...

Wie üblich, habe ich einige Sätze für die Diagonalleser markiert, ausserdem einiges markiert, damit man auf einen Blick erkennt, welche Region gerade beschrieben wird.

Wer nicht alle Artikel lesen möchte, der findet je nach Zeit die man zur Verfügung hat, unterschiedlich lange Artikel, die alle empfehlenswert und interessant sind, auch wenn einiges sich wiederholt. Lediglich der letzte Artikel ist nur denen Islaminteressierten zu empfehlen, die sich wirklich alles durchlesen wollen, da dort der Islam nicht speziell behandelt wird, sondern das Phänomen Beschneidung als Ganzes betrachtet wird, also auch bei "Naturvölkern", und der Islam dort nicht der Schwerpunkt ist.
KHITÂN (a.), circumcision.

The term is used indifferently for males and females, but female excision is particularly called khifâd or khafd [q.v.]. In the dual, al-khitânâni are “the two circumcised parts” (viz. that of the male and that of the female), and according to tradition “If the two circumcised parts have been in touch with one another, ghusl is necessary” (Bukhârî, Ghusl , bâb 28; Muslim, Hayd , trad. 88; Abû Dâwûd, Tahâra , bâbs 81, 83).
Some words connected with the root kh-t-n denote the father-in-law, the son-in-law, the daughter-in-law (khatan, khatana), or marrying (khutûna). Some of these words must have belonged to the primitive Semitic language, as they occur also in the same or cognate forms in North-Semitic languages.
Circumcision must have been a common practice in early Arabia. It is mentioned, not in the Qur'ân, but in old poetry and hadîth , and the ancient language also has special words for “uncircumcised”, sc. alkhan, aqlaf, aghlaf and aghral (Hebrew 'arel).
In hadîth it is said that Ibrâhîm was circumcised in his 80th year (Bukhârî, Anbiyâ', bâb 8; Muslim, Fadâ'il , trad. 151). This tradition is based on the Biblical report. Ibn Sa'd has preserved a tradition according to which the patriarch was already circumcised at the age of 13 ( Tabaqât , i/1 24). This tradition is apparently a reflex of the practice of circumcision in the first centuries of Islam. We may confront it with the statements concerning Ibn 'Abbâs' circumcision in hadîth . According to some traditions (Ahmad b. Hanbal, i, 273) he was 15 years old when Muhammad died. In other traditions it is said that he was already circumcised at that time (Bukhârî, Isti'dhân, bâb 51; Ahmad b. Hanbal, i, 264, 287; Tayâlisî, Nos. 2639, 2640).
Circumcision is mentioned in hadîth in the story of the Emperor Heraclius' horoscope (Bukhârî, Bad' al-wahy , bâb 6). Heraclius read in the stars the message of “the king of the circumcised”. Thereupon an envoy of the king of Ghassân arrived who reported the news of Muhammad's preaching of Islam. This envoy appeared to be circumcised himself and he informed the Emperor of the fact that circumcision was a custom prevalent among the Arabs.

It is further recognised in hadîth that circumcision belongs to pre-Islamic institutions. In the traditions which enumerate the features of natural religion ( al-fitra ), circumcision is mentioned together with the clipping of nails, the use of the toothpick, the cutting of moustaches, the more profuse length of the beard etc. (Bukhârî, Libâs , bâb 63; Muslim, Taharâ, trad. 49, 50; Tirmidhî, Adab , bâb 14, etc.). In a tradition preserved by Ahmad b. Hanbal (v, 75) circumcision is called sunna for males and honourable for females.

There are differences between the several madhhab's concerning rules for circumcision. Instead of giving a survey of the different views it may be sufficient to translate the passage al-Nawawî in his commentary on Muslim, Tahâra , trad. 50 (ed. Cairo 1283, i, 328) has devoted to the subject, also because it contains a description of the operation:
“Circumcision is obligatory ( wâdschib ) according to al-Schâfi'î and many of the doctors, sunna according to Mâlik and the majority of them. It is further, according to al-Schâfi'î, equally obligatory for males and females. As regards males it is obligatory to cut off the whole skin which covers the glans, so that this latter is wholly denudated. As regards females, it is obligatory to cut off a small part of the skin in the highest part of the genitals. The sound ( sahîh ) view within the limits of our school, which is shared by the large majority of our friends, is that circumcision is allowed, but not obligatory in a youthful age, and one of the special views is that the walî is obliged to have the child circumcised before it reaches the adult age. Another special view is, that it is prohibited to circumcise a child before its tenth year. The sound view according to us, is that circumcision on the seventh day after birth is mustahabb (recommendable), Further, there are two views regarding the question whether in the 'seventh day' the birthday is included or not”.
The treatment of circumcision has not a prominent place in the books of law (see e.g. al-Qayrawânî, Risâla , 161, 305). More important, however, is the value attached to it in popular estimation. “To the uneducated mass of Muslims” says Snouck Hurgronje “as well as to the great mass of non-Muslims, both of whom pay the greatest attention to formalities, abstention from pork, together with circumcision, have even become to a certain extent the criteria of Islam. The exaggerated estimation of the two precepts finds no support in the law, for here they are on the same level with numerous other precepts, to which the mass attaches less importance(De Islam , Baarn 1912, 30; Verspr. Geschriften, i, 402; cf. iv/1, 377). In Java circumcision is generally considered as the ceremony of reception into Islam and therefore sometimes called njelamakéselam (“rendering Muslim”). Apart from this term many other words denoting circumcision are used on Java (op. cit., iv/1, 205-6). In Atcheh circumcision of infidels only is considered as the ceremony of reception into Islam (Snouck Hurgronje, The Achehnese, i, 398).

Mittwoch, 11. Juli 2012

Artikelserie: Feindbild Westen bei einem Teil der Muslime

arabisches Buchcover von Henry Fords
"Der internationale Jude"

Ich fasse hiermit mal einige zusammenhängende Blogpostings zusammen, und versehe dann dieses Postings mit einem Label "Artikelserien", damit man sie schneller über das rechte Menü finden kann.



Feindbild Westen bei einem Teil der Muslime 1. Teil

Feindbild Westen bei einem Teil der Muslime 2. Teil

Feindbild Westen bei einem Teil der Muslime 3. Teil


Thematisch passend dazu vielleicht noch eine kleine Vorgeschichte zu den heutigen Feindbildern im Nahen Osten oder unter Muslimen:

Hat der "islamische Antisemitsmus" eine lange Tradition in der Geschichte?

Kürzlich hat ja der Sprecher des Islamrats, Ali Kizilkaya, in einem Interview "unglücklich" gemeint: "Es gibt im Islam keinen Antisemitismus, denn Antisemitismus ist eine Form von Rassismus." Das ist natürlich Käse und eine wunderbare Steilvorlage zu Häme, die Realitätsverlust unterstellen, ähnlich der Äußerung vom türkischen Ministerpräsident Erdogan, bezugnehmend und Willkommen heißend, auf den sudanesischen Präsidenten und Schlächter Umar al-Baschir, der meinte: "Ein Muslim kann keinen Völkermord begehen."
Selbst wenn in beiden Aussagen gemeint sein sollte (dabei sträflicherweise nicht auf die Fragen und den daraus resultierenden Kontext eingehend), dass zum Beispiel ein völkermordender Mensch alle seine Eigenschaften als Muslim verwirkt habe, da dieses Verhalten ebenso wie Rassismus nicht konform mit den Grundsätzen des Islams sei. Beide Autoren dieser Sätze sind politisch und interviewtechnisch erfahren genug, das sie wissen sollten, dass diese Behauptungen ihnen selber wieder auf die Füße fallen und daher rhetorisch mehr als ungeschickt. Denn in beiden Fällen lassen sie außer Acht, dass in Geschichte und Gegenwart beides sehr wohl gegeben hat, und zwar von Menschen, die sich für gute Muslime hielten.
Nun ist der Antisemitismus beispielsweise im Nahen Osten eine eher moderne Erscheinung, nicht vergleichbar zu dem Antijudaismus der jahrhundertelang im Okzident wirkte. Daher noch mein Verweis auf den letzten Link. Abgesehen davon darf man nicht vergessen, dass dieser Antisemitismus des Nahen Ostens sich nicht nur auf die Muslime erstreckt, sondern auch Teile von Christen erfasst, zum Beispiel christliche Palästinenser, die teilweise sogar in der Intifada mit ihren muslimischen Nachbarn zusammen Steine schmissen, und manchmal in antisemitische rassistische Denkmuster verfielen.


(Bildquelle: Wikimedia Commons

Srebrenica

Srebrenica, Beerdigung identifizierter Ermordeter am 11, Juli 2007
Heute jährt sich ja das Massaker von Srebrenica zum 17. Mal. Dieses nehme ich zum Anlass, eine Leseprobe mit dem historischen Kontext zu posten. Ich wähle dazu ein Buch, welches mir schon in diverser wissenschaftlicher Sekundärliteratur über den Weg gelaufen ist, es also wohl als zitierfähig gilt. Darunter dann noch ein Absatz einer wissenschaftlichen Untersuchung, welche Faktoren bei der Islamisierung des Balkans unter anderem zum Tragen kamen.

Leslie Benson: Yugoslavia. A Concise History. Basingstoke 2001.

(in googlebooks einsehbar)

[...] The failure of Vance–Owen spelt more disaster for the Bosnian government. On 16 June, Miloseviç and Tudjman met to discuss the partition of Bosnia-Hercegovina, and Miloseviç was pushed by Seselj into purging 43 generals of the Army of Yugoslavia, including the Chief of Staff, in order to secure his hold on power by pre-empting the high ground of nationalist fervour. Renewed offensives brought Mount Igman, overlooking Sarajevo, under Serb control (4 August), and on 24 August the Croatian Republic of Herceg-Bosna was proclaimed. On 27 September, Fikret Abdiç (of ‘Agrokomerc’ fame) announced the formation of the Autonomous Province of Western Bosnia, his old stamping ground around Bihaç, rejecting the authority of the Sarajevo government. Fighting erupted between Muslim and Croat forces for control of the Neretva valley, ending in the capture of Mostar by Croatian forces in November. Mostar, the capital of Hercegovina and religious centre of the Muslims for centuries, was divided into two ethnic ghettos separated by the gap-toothed remains of the legendary bridge, destroyed by Croatian fire, which had stood for 400 years and gave Mostar its name.

The reputation of the United Nations was in tatters, and there was talk of ending the UNPROFOR operation. Hostage-taking, the routine penetration by Serb warplanes of the no-fly zone over Bosnia, refusal to allow passage to humanitarian convoys, all demonstrated the simple truth, that the UN would continue to be brought into contempt as long as it was hobbled by the role of peacekeeper. The fall of Srebrenica to the Serbs in April roused the UN commander General Philippe Morillon to such a pitch of angry compassion for the Muslim population that Security Council Resolution 819 declared Srebrenica a ‘safe area’, followed by five others: Sarajevo, Gorazde, Zepa, Tuzla and Bihaç. But since the UN had no means to defend or supply them, they were anything but safe, and the shepherding of Muslims into these enclaves did the work of ethnic cleansing for the Serbs, putting them all tidily into a demilitarized limbo for later mopping-up. Bosniak forces used the ‘safe areas’ in eastern Bosnia (Srebrenica, Gorazde and Zepa) to launch offensives, but they too were unable to defend them. That was left to the UN, which had only a fifth of the 35 000 troops promised for the task.

Für eine Zukunft ohne Rassismus und Islamophobie!

Sachliche Berichterstattung bzw. Bebilderung oder Stereotypen?

Heute mal kurz ein Aufruf von mir eine Online Petition zu unterschreiben. In der Wortwahl ist die Begründung sicherlich manchmal übertreibend, aber ich finde diese Petition in der Sache richtig und zumindest erwähnenswert, legt sie doch einen Fokus auf eine unterschätzte Strömung in der Gesellschaft, die sich von den extremen Rändern bis weit in deren Mitte hinein manifestiert. Daher bin ich auch für eine repräsentative Demokratie, und Plebisziten gegenüber reserviert, sofern diese nicht ganz konkrete, zum Beispiel kommunale Belange betreffen.

Für eine Zukunft ohne Rassismus und Islamophobie!


Von: Florian Schäfer aus Leipzig

An: Bundeskanzlerin in Deutschland

Für eine Zukunft ohne Rassismus und Islamophobie!

Unter der Schirmherrschaft der Bundeskanzlerin Angela Merkel findet seit Februar 2012 auf der Internetplattform www.dialog-ueber-deutschland.de der so genannte „Zukunftsdialog“ statt. Die Bürger sind aufgerufen, zu diskutieren, wie „Deutschland in fünf bis zehn Jahren“ aussehen soll und wie wir „gegen Ende des Jahrzehnts“ zusammenleben wollen.
Deutlich ist, dass es sich bei dieser Simulation einer Basisdemokratie lediglich um eine Vorbereitung des Wahlkampfes für Angela Merkel handelt, die in Zeiten harscher Kritik aufgrund ihrer (durch Unterwerfung unter "die Märkte" geprägten) Krisenbewältigungsstrategie auf dem Rücken der Mehrheit der Bevölkerung, dennoch im kommenden Jahr wiedergewählt werden will.
Durch technische Mängel und fehlende Moderation begünstigt, ist der„Zukunftsdialog“ ein willkommenes Mittel für kampagnenorientierte AktivistInnen. Diese können durch hohe Stimmenzahl in einzelnen Vorschlägen vortäuschen, tatsächlich existierende Bedürfnisse der Mehrheit der BürgerInnen zu vertreten.
Es verwundert daher nicht, dass das Forum in hohem Maße von Rechtsradikalen und Islamfeinden genutzt wird, um für deren Ideologien zu werben. So erhielt besonders der in rechtsextremen Internetblogs stark beworbene Vorschlag „offene Diskussion über den Islam“ von Thomas Martin starke Zustimmungswerte und erreichte im Ergebnis mit knapp 150.000 Stimmen den dritten Platz der Bewertungsskala. Das Forum unter der Verantwortung des Bundeskanzleramts ist ein Tummelplatz von RassistInnen jeder Coleur, so werden Kommentare wie der folgende geäußert – und unter Verweis auf die Freiheit der Meinungsäußerung auch freigeschaltet:
„...Natürlich gibt es Menschenrassen, sonst würde es die Wissenschaft der Anthropologie nicht geben. Rassen gibt bei Mensch und Tier. Es gibt die Europide, Mongolide, Negride und Australo-Melaneside. Das sind die Grundrassen der Menschheit. Allerdings ist Islam keine Rasse, sondern bekanntlich eine Religion. Sonst wären Katholizismus oder Hinduismus auch eine Rasse. Das ist natürlich purer Unsinn. Islamkritik hat also absolut nichts mit Rassismus zu tun. Wenn ich einen deutschen Moslem kritisiere, was soll daran rassistisch sein...“
Siehe dazu zur Aufklärung auch das neue Video rechts oben (drauf klicken für die Vollbildansicht), über den Ursprung des Rassismus, wie es zu dieser Fehlinformation kam. Es gibt beim Homo Sapiens keine Rassen! Das steht zum Beispiel anhand der Genetik seit vielen Dekaden zweifelsfrei fest!

Dienstag, 19. Juni 2012

Bosnien und Herzegowina auf dem steinigen Weg

Zerstörtes Medienzentrum in Sarajevo
Heute mal nur einen kleinen interessanten Artikel auf eine komplexe Region, die leider nicht im Fokus liegt:

EU-Beitrittskandidat

Bosnien und Herzegowina auf dem steinigen Weg

Seit der Gipfelerklärung von Thessaloniki im Jahr 2003 ist Bosnien und Herzegowina ein potenzieller Beitrittskandidat für die Europäische Union. Eine Vollmitgliedschaft sei noch vor 2020 möglich, sofern Bosnien und Herzegowina die wirtschaftliche Situation kontinuierlich verbessere, demokratische Strukturen stärke und ethnische Spannungen abbaue. Welcher Maßnahmen bedarf es damit das südosteuropäische Land die notwendigen Schritte geht? Und vor allem: ist es in der Lage diese alleine zu gehen oder bedarf es mehr europäischer Stützen?

Bosnien-Herzegowina und die EU

Einen wichtigen Schritt auf den Weg in die EU stellt das Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen dar. 2008 wurde der Pakt zwischen der EU und Bosnien und Herzegowina beschlossen und gilt als wichtigste Vorstufe für den EU-Beitritt. Mit dem Abkommen wird versucht, die Wirtschaft Bosnien-Herzegowinas zu stabilisieren und sie an die der Europäischen Union zu binden. [...]
Josip Juratovic, Mitglied des deutschen Bundestages (SPD), sieht die Entwicklung des Landes allerdings kritisch: “Das Land bewegt sich bestenfalls im Schneckentempo”.

Es geht voran am Balkan

Das Nachbarland Kroatien hat mittlerweile alle Voraussetzungen für einen EU-Beitritt 2013 erfüllt. [...]
Am 01. März teilte der EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy mit, dass auch Serbien den Kandidatenstatus erreicht habe. Ein Startdatum für den mehrjährigen Prozess stehe allerdings noch nicht fest. Im Gegensatz zu seinen damaligen Kriegsgegnern Serbien und Kroatien scheint Bosnien und Herzegowina außen vor.

Ein Rückblick auf den Krieg.

[...] Dem UN-Sonderberichterstatter Tadeusz Mazowiecki zufolge verübten die Serben rund 80 Prozent der Kriegsverbrechen.

Montag, 18. Juni 2012

Was ist Wissenschaft? Die Kunst der Wissenschaft, Unsinn zu entlarven

Carl Sagan, 1980


Es ist leider festzustellen, dass in breiten Bevölkerungsschichten die Schere zwischen Wissenschaft und dessen Rezipienten immer weiter auseinander geht. Dieses ist einerseits das Versäumnis vieler Wissenschaftler, ihren Stoff populärwissenschaftlich aufzubereiten, dass auch ein Laie dem folgen könnte, andererseits der Entwicklung der Medienlandschaft und des Internets geschuldet. Man kann zwar die Demokratisierung des Wissens zum Beispiel durch das Internet durchaus begrüßen, dennoch zeigt sich exemplarisch anhand der Wikipedia, wie das Niveau von Wissen verflachen kann, verglichen mit den professionell redaktionell betreuten Enzyklopädien in den Bücherregalen. Besonders in den geisteswissenschaftlichen Bereichen der Wikipedia oder den Bereichen, wo wenig Expertise durch echte Fachautoren vorhanden ist. Da wird beispielsweise nicht selten ausführlich auf die Liebschaften eines Renaissance-Fürsten eingegangen, weil wahrscheinlich dieses Thema kontrovers in der Wissenschaft debattiert wird oder wurde, noch häufiger aber in den Massenmedien oder im Fernsehen thematisiert wurde, doch wie es um die historische Bedeutung dieses Fürsten bestellt ist erfährt der Leser oft  nicht. Oder überblickt der Leser nicht, da die Episode der Liebschaften alleine vom Anteil des gesamten Artikels so übergewichtet ist, dass der Laie ihm automatisch eine hohe Bedeutung beimisst, mit der flachen Begründung, ansonsten wäre es doch nicht so ausführlich abgehandelt worden, wenn es nicht auch wichtig für die Biographie der Person sei. Ich möchte nicht behaupten, dass die historischen Fakten der Liebschaften falsch wären, oder dass sie gänzlich irrelevant wären. Ich wage aber zu behaupten, dass die meisten Leser, die vorher keine oder kaum Kenntnisse aus der Standardsekundärliteratur gewonnen haben, kaum einschätzen könne, wie sie nun die historischen Leistungen dieses Fürsten gewichten sollten, was nun wichtig, was eher unwichtig in seinem Wirken war, wie die historische Relevanz aussieht. Es schleicht sich somit in etliche Wikipedia-Artikel eine gewisse Boulevardisierung ein, eine Verflachung und Verwischung, von Wichtigem und Unwichtigem. Und mit der unheilvollen Tendenz, den Extremmeinungen ein unnötiges, ja dem laienhaftem Bildungsniveau des Lesers abträgliches Gewicht zu verleihen. Besonders in scheinbar oder tatsächlichen umstrittenen Themen, die auch in den Massenmedien eine Rolle spielen. Zum Beispiel suggerieren die Medien nicht selten einen riesigen Disput, wo wissenschaftlich gesehen weitgehender Konsens besteht, in ihrem durchaus nicht immer negativ zu sehenden Versuch, ausgewogen berichten zu wollen - also ein Thema von zwei Seiten beleuchten zu wollen. Jeder kennt die Debatte über den menschengemachten Klimawandel, und der (jahrelange) Eindruck in den Massenmedien, es gäbe darüber zwei etwa gleichgroße Lager, zwischen Klimawandelskeptikern und Klimawandel"befürwortern". Gleiches haben wir bei der in den Massenmedien groß publizierten Hypothese von Christoph Luxenberg und seiner aramäischen Lesart des Korans beobachten können. Eine inzwischen in der islamwissenschaftlichen Zunft weitgehend widerlegte These. Doch in den Medien bis heute nicht vergessen. Von islamfeindlichen Blogs ganz zu schweigen, wo diese Hypothese als Tatsache hingestellt wird. Und natürlich wurde die Widerlegung von Christoph Luxenberg in den Massenmedien kaum thematisiert. Dieses Verhalten der Medien ist natürlich der Tatsache geschuldet, Schlagzeilen, Sensationen produzieren zu müssen, um die Auflage und die Einnahmen zu steigern. Diese Medienmechanismen habe ich ja schon hier im Blog ausführlichst anhand des Beispieles Feindbild Islam thematisiert. Wo Minderheitenmeindungen von wissenschaftlichen Laien wie Henryk M. Broder, Necla Kelek oder Thilo Sarrazin künstlich aufgebauscht werden, bis der Leser denkt, hier nun wirklich eine gleichwertige und vertretbare Hypothese oder noch schlimmer, Fakten lesen zu können. Gleiches finden wir auch zum Beispiel in den Massenmedien zum Thema Evolutionsbiologie.
Aber nach meinem Eindruck ist das, was an Vereinfachungen oder Boulevardisierungen in den Massenmedien durch gehetzte Journalisten stattfindet, nichts im Vergleich zu dem, was im Internet allgemein zu beobachten lässt. Dort verwischen zusehens die Trennlinien zwischen Pseudowissenschaft und Wissenschaft. Zwar (noch) nicht unbedingt in der Wikipedia, wo nur schiefe Zerrbilder in den Köpfen der Leser durch falsche Gewichtungen in den Artikeln generiert werden. Oder einfach Inkompetenz in den Orchideenfächern vor allem seitens der Admins bestehen, sie also bei widerstreitenden Thesen seitens der Wikipedia-Autoren nicht entscheiden können, welche nun wirklich in der Wissenschaft Relevanz besitzt, weil man inzwischen dank googlebooks jede noch so abstruse Hypthese in einen Wikipedia-Artikel einbauen kann.
Ich habe viele Jahre in dem Fachforum geschichtsforum.de mitgeschrieben, und unter anderem dort beobachten können, wie pseudowissenschaftliche Begründungen und Herleitungen besonders gerne auch aus Youtube.de ins Forum getragen wurden. Besonders gerne auch seitens Nationalisten und Ultranationalisten, die vielleicht ansonsten keine weitere Bestätigung ihrer abstrusen Thesen beispielsweise zum Ursprung von Völkern finden konnten. Und Geschichte ist nur ein Feld, wo man fast verzweifeln könnte, angesichts der Schwemme an dummen, völlig unwissenschaftlichen Videoinhalten. Fast jeder Bereich wird in youtube inzwischen abgedeckt, ob Politik, Verbraucherinformationen, Naturwissenschaften, Religion, usw. Dabei behaupte ich mal, dass das Verhältnis von "volksverdummenden" Videos, zu den wirklich echtes Wissen bringenden Videos 10 zu 1 ist. Und wenn man kaum Vorkenntnisse besitzt, oder allgemein das Bildungsniveau vielleicht nicht so hoch ist, oder man auch nie in der Schule gelernt hat, was es eigentlich heißt, wissenschaftlich etwas zu begründen, herzuleiten, dann verfällt man nicht selten den pseudowissenschaftlichen, oder populistischen, oder einfach "sensationellen" Thesen dieser Videos anheim. Man erkennt einfach nicht deren Schwächen, oder logische Fehler, von den Fakten ganz zu schweigen, die meiner Erfahrung nach selten einmal einem Faktencheck unterzogen werden. So werden nicht selten beispielsweise Mathematikprofessoren, für linguistische oder theologische Fachleute gehalten, einfach weil niemand die Biographie überprüft, ob dieser Prof. vielleicht gar keine Ausbildung in dem Bereich hatte, und daher es kein Wunder ist, dass er nur laienhaft z. B. seine nationalistischen oder religiösen Herleitungen übermitteln kann, die jeder Überprüfung eines echten Fachmannes der Zunft nicht standhalten würde.
Abgesehen davon, ist es für viele natürlich immer interessanter, spektakulärer, wenn man sich der Beschreibung einer vermeintlichen "Sensation" hingibt, und diese weiter verbreitet. Egal, ob es sich nun um Atlantis handelt, oder andere untergegangene Städte, die man anhand von geologischen Anomalien unter Wasser vermutet, ob es sich um "das Gesicht auf dem Mars" handelt, um Erdstrahlen, allerlei Verschwörungstheorien, oder den riesigen Bereich der Esoterik, wobei einige Bereiche durchaus ernstzunehmen sind, andere hingegen Hokuspokus darstellen, wenn man sich einmal die Mühe macht deren Aussagen wissenschaftlich abzuklopfen - sofern man die Methoden der Wissenschaft überhaupt kennt...
Natürlich verbreitet sich heutzutage all der Schwachsinn im Internet noch viel rasender, da durch die sozialen Netzwerke wie Google Plus, Facebook, Twitter und Co. nicht mehr nur Homepagebesitzer wie früher als Multiplikatoren von unhaltbaren Thesen dienten, sondern jeder quasi der Funke dafür sein kann, dass plötzlich eine riesige Gruppe von Leuten denken, sie dürften ihre Kinder nicht mehr vor Kinderkrankheiten impfen lassen - hat man doch so auf youtube gesehen...
Überhaupt: Ich habe so den Eindruck, dass in den letzten 10 Jahren, vielleicht auch wegen des Internets, die Leute immer mehr den Extremen zuneigen. Extreme Meinungen und Erklärungen meine ich. Auch in politischen Erklärungsmustern. Und das geht quasi auch in beide politische Richtungen, rechts und links. Einmal diejenigen (oft Rechten), die trotz aller Fakten, den Thesen eines Sarrazin zustimmen, ist ja so schön einfach... Einfach in seine eigene Realität flüchten, und der komplexe Globus bekommt endlich wieder Struktur und macht nicht mehr so viel Angst, wenn man weiß, woher die "Gefahr" ( = Islam) kommt.
Andererseits diejenigen Linken, die denken, eine sozialistische Räterepublik wäre das Beste für das Land, so dass man bei einigen den Eindruck hat, sie wären geschichtsvergessen, blenden all die Dutzenden diesbezüglichen gescheiterten Versuche in allen Teilen der Welt aus. Auch hier, Resistenz gegen jede Faktenlage. Gegen jede Realität.
Und das Traurige ist ja eben, dass man heutzutage für jede noch so abstruse Idee oder These, scheinbar felsenfeste Begründungen im Netz finden kann. Sei es in zahlreichen Blogs oder Homepages, sei es in diversen Foren, sei es auf youtube, und seit einigen Jahren vor allem in sozialen Netzwerken.
Schwarmintelligenz gibt es. Das kann auch hoch produktiv und positiv sein, siehe Vroniplag oder auch die Wikipedia insgesamt, gewisse Bereiche mal ausgeklammert. Es gibt aber offensichtlich auch eine große Schwarmdummheit. Je mehr Leute z. B. denken, Evolution gibt es nicht, (was vermutlich aufgrund des US-amerikanischen Einflusses weltweit zugenommen hat), desto eher wird kritiklos in diese Richtung gedacht. Genauso, wie immer mehr Leute meinen, der Islam sei eine Gefahr. Wenn es nur oft genug direkt oder noch öfter (z. B. alleine durch die Bebilderung) indirekt in den Massenmedien betont wird.

Ich möchte mit diesen Ausführungen nun gar nicht behaupten, dass der Mainstream, in Wissenschaft, Forschung, Medien, Politik, und so weiter keine Kritik verdienen, keine Gegenöffentlichkeit benötigen, keine skeptische Begleitung bedürfen, sei es durch Blogs, oder durch kritische Zeitgenossen in Facebook, Google+ und Co. Ich sage auch nicht, dass man unkritisch autoritätshörig sein müsse - im Sinne von, angesehenen Professoren gegenüber unkritisch zu sein. Ich weiß auch, dass Wissenschaft, oder Erkenntnisse immer im Wandel begriffen sind, und viele Gelehrte oder Forscher am Anfang als "Spinner" abgetan wurden, als Querulanten, gegebenenfalls gar als Gefahr für Pfründe alteingesessener Strukturen. Und ohne Querdenker, ohne "revolutionäre" Gedanken, keine neuen Impulse für Wissenschaft und Gesellschaft, keine Paradigmenwechsel.
Doch eines der Grundübel für die massenhafte Verbreitung von wirklich unhaltbaren Hypothesen jedweder Bereiche ist meines Erachtens der Bildungsmangel beim Ottonormalbürger, wie eigentlich die Wissenschaft funktioniert, wie also aus anfangs exotisch erscheinenden völlig abwegigen Hypothesen, in einem längerem Prozess innerhalb der Zunft, eine allgemein akzeptierte Hypothese wird, bis sie als Theorie schließlich Eingang in alle Lehrbücher findet.
Da etliche Ottonormalbürger diese Mechanismen der Wissenschaft nicht kennen, können viele eben Pseudowissenschaft nicht von Wissenschaft unterscheiden, und verfallen recht oft den besonders "reizvollsten" Vorstellungen oder Erklärmustern, meistens diejenigen, die besonders plakativ sind, oder populistisch, Schlagwörter benutzend, Emotionen hervorrufend, Sensationslust befriedigend.

Dabei ist es eigentlich gar nicht so schwer, sich die Instrumente, den Werkzeugkasen einmal genauer anzuschauen, womit Wissenschaftler weltweit arbeiten um diverse Thesen zu untersuchen, mal mehr mal weniger gelungen.  Auch werden unten diejenigen Mechanismen aufgezählt, woran man erkennen könnte, wer ein gutes Argument hat, und wer eher durch rhetorische Tricks davon ablenkt, eben nichts substantielles aufbieten zu können. Dieses ist besonders in der Politik oder in Geisteswissenschaften beliebt, wo doch dort oft alleine durch Rhetorik versucht wird eine Meinung durchzusetzen. Diese Methoden zu erkennnen, heißt, zu erkennen, wo Schwächen in der These liegen, dass auf diese Weise davon abgelenkt werden muss.

Leider wird wahrscheinlich solche Methodik, die ich unten zitiere, in der Schule weniger gelehrt. Ebenso wird wohl in der Schule weniger gelehrt, wie man lernt oder sein Lernen optimieren kann. Die Methodik des Lernens also. Zumindest war es bei mir der Fall, wo die Punkte Kriterien der Wissenschaftlichkeit, Rhetorische Tricks bei schwachen Sachargumenten und Lernmethodik, nur durch engagierte Lehrer abseits des offiziellen Lehrplanes zufälligerweise gelehrt wurde. War es bei euch nicht auch so?

Nun gut, falls jemand mal lernen möchte, wie Wissenschaft funktioniert und wie es sich von Pseudowissenschaft unterscheidet, der findet hier einige Hilfen. Gleichzeitig werden auch Argumentationsmuster oder rhetorische Kniffe aufgezeigt, anhand derer man erkennen kann, wo jemand die rein sachliche Ebene verlassen hat, um durch diese Tricks jemand anderes zu überzeugen. Findet man in jeder Facebook- oder Forumsdiskussion. Ist euch sicherlich auch schon täglich begegnet. Besonders verbreitet bei politischen Themen.

Ich hatte das Glück, Carl Sagans populärwissenschaftliche Fernsehreihen in meiner Kindheit zu sehen, so dass ich später auch auf das Buch unten Aufmerksam wurde. Dazu muss noch erläutert werden, dass Carl Sagan (Buch erschien 1996) Naturwissenschaftler ist, insofern die Wissenschaft es in diesem Bereich gegebenenfalls leichter hat eine relative Faktizität zu erzeugen, als bei Geisteswissenschaften, wo es größere Interpretationsschwankungen geben kann, und daher auch Eindeutigkeiten mitunter nicht immer so zuverlässig zu erzielen sind, wie zum Beispiel in der Physik.
Deshalb vertraue ich in diesen geistesgeschichtlichen Fällen, wo ich Antworten suche, auch auf anerkannte Autoritäten (oder wie Carl Sagan richtigerweise sagen würde, Fachleuten), solange keine aktuelleren Koryphäen mit neu entdeckten Quellen auf dem Plan treten und in der Zunft positive Resonanz finden. Besonders in Bereichen, wo ich mich nicht so gut auskenne, denn ich habe eben anders als z.B. professionelle Byzantinisten mit jahrzehntelanger Erfahrung nicht den Ein- und Überblick über das aktuelle Geschehen, den Konsens und Entwicklungslinien der Zunft. Daher verwende ich meistens Standardwerke der Sekundärliteratur zur ersten Orientierung, also Bücher, die in verschiedensten Universitäten übereinstimmend in  Listen der Leseempfehlungen für die Studenten als grundlegende Literatur angegeben sind.

Bevor ich nun zu meinen Zitaten komme, noch ein wenig Hintergrundinformationen zu diesem ausverkauften Buch, woraus ihr ableiten könntet, ob dieses Buch neben meiner Leseprobe für euch von Interesse ist. Erwähnenswert ist allerdings, dass dieses Buch vieles anhand von Aliens und UFOs veranschaulicht, etwas, was heutzutage vielleicht etwas out zumindest in Deutschland ist, aber man kann dieselbe Methodik auf alle möglichen Bereiche anwenden, die heute vielleicht "in" sind, z.B. 9/11 Verschwörungen, Illuminati, Kreationismus, "Weltjudentum", Freimaurer, usw.


Der Drache in meiner Garage oder: Die Kunst der Wissenschaft, Unsinn zu entlarven




Längere Leseprobe: "Der Drache in meiner Garage" 

Was es mit diesem Buch auf sich hat: Einleitung zur riesigen Rezension, wieso dieses Buch überhaupt so ausführlich rezensiert wird, warum jemand Kapitel für Kapitel durchgeht.

Und hier die Übersicht der kompletten Rezension, die jedes Kapitel durchgeht, und schaut, ob man das Alter von 16 Jahren anmerkt.



Ich habe die Kursiv-Italic-Schreibung aus dem Originaltext hier beibehalten.
S. 259 ff.

[...] In der Wissenschaft stehen am Anfang vielleicht Ergebnisse von Experimenten, Daten, Beobachtungen, Messungen, »Fakten«. Wir denken uns, wenn wir können, eine Vielzahl möglicher Erklärungen aus und konfrontieren jede Erklärung systematisch mit den Fakten. Im Laufe ihrer Ausbildung legen sich Wissenschaftler das nötige Rüstzeug zur Entlarvung von Unsinn zu. Dieses Rüstzeug wird ganz nüchtern immer dann angewandt, wenn neue Ideen untersucht werden sollen. Falls die neue Idee dieser Überprüfung standhält, übernehmen wir sie freudig, wenn auch mit aller Vorsicht. Wenn man so zu arbeiten pflegt, wenn man nicht jeden Unsinn akzeptiert, dann kann man gewisse Vorkehrungen dafür treffen: Es gibt nämlich eine bewährte, immer wieder getestete Methode. Was befindet sich in unserem Rüstzeug?

Instrumente zum skeptischen Denken.

Skeptisches Denken läuft darauf hinaus, daß es die Mittel zur Verfügung stellt, ein durchdachtes Argument zu formulieren und zu verstehen sowie - was besonders wichtig ist - ein irriges oder betrügerisches Argument zu durchschauen. Es kommt nicht darauf an, ob uns die Schlußfolgerung gefällt, die sich aus einer Argumentationskette ergibt, sondern ob die Schlußfolgerung sich aus der Prämisse oder vom Ausgangspunkt her ableiten läßt und ob diese Prämisse wahr ist.

Sonntag, 22. April 2012

Antimuslimischer Rassismus - Medien zwischen Breivik-Schlagzeilen, Salafisten und Blindheit

Antimuslimischer Rassismus - Medien zwischen Breivik-Schlagzeilen, Salafisten und Blindheit


Anders Behring Breivik
Produkt unserer Gesellschaft?

Ich bekam heute Post. Ich wurde gefragt, ob ich nicht unten stehenden Artikel veröffentlichen wolle. Einige kennen ihn schon von diversen anderen Blogs, dieser hier ist jedoch vom Autoren und weiter unten von mir noch erweitert worden. Da ich mich im Blog z. B. schon hier Artikelserie: Feindbild Islam ausführlich mit dem Phänomen der Islamhasser und selbsternannten Islamkritikern auseinandersetzte, sowie auch Anders Breivik mehrfach thematisierte, zudem kürzlich im ZEIT-Blog von Jörg Lau ein ähnlich gelagertes Posting recht zutreffend fand (mehr dazu unten), komme ich dieser Bitte gerne nach. Thematisch passende "Gastautoren" sind immer willkommen:

(Anmerkung: Einige Links führen ggf. zu Hetzseiten über einen Anonymisierungsdienst.)
Der Prozess gegen den rechtsextremen Islamhasser Anders Breivik in Norwegen hat in Europa die Schlagzeilen in den vergangenen Tagen beherrscht. Doch über die Ideologie, die Breivik und viele andere rassistische “Islamkritiker” vertreten, liest man wenig.
Von Roland Sieber

Gökalp Babayigit begründet in einer Kolumne auf Sueddeutsche.de: „Wieso wir Anders Breivik zeigen“ , im Feuilleton der FAZ schreibt Nils Minkmar: „Die Aufgabe der Medien kann nicht das Ausblenden des Übels sein.“. Er schließt damit ab, dass die vornehmste Aufgabe der Medien eine klare und schonungslose Berichterstattung in Wort und Bild sei. Verantwortungsbewusst berichtet bis jetzt auch Spiegel Online. Die Medienberichterstattung kommentierte auch Dietmar Näher in seinem Blog. Anders als viele Medien berichtet er jedoch kontinuierlich über die Ideologie hinter den Terroranschlag und Massenmord in Oslo und auf Utöya. Diese ist auch in Deutschland verbreitet. Der Politblogger titelte passend: „RBB: Auf dem rechten Auge blind“ zu der Abendschau vom Samstag.

Aufruf von Michael Mannheimer
zu einem gewaltsamen Aufstand.
In einem Beitrag werden die salafistischen Koranverteiler in Berlin zu Recht kritisch dargestellt. Dahingegen konnte Lena Duggen vom Berliner Landesvorstand der ultrarechten Kleinstpartei „Die Freiheit“ ihren antimuslimischen Rassismus öffentlich in dem Beitrag verbreiten. Nicht das Interview mit ihr an sich ist dabei zu kritisieren, sondern die Tatsache dass die Zuschauer nicht auf die Parteizugehörigkeit und den ideologischen Hindergrund aufmerksam gemacht werden. Es wurden eben nicht nur zufällig vorbeikommende Passanten, sondern auch Aktivisten einer organisierten antiislamischen Hetzkampagne befragt. Diese Information wird in der Abendschau bewusst oder aus Unwissenheit unterschlagen und somit das Ereignis einseitig verzerrt dargestellt.
Das nach der Frankfurter Rundschau „Netz der Islamfeinde“ wurde so eine kostenlose Plattform in einem öffentlich-rechtlichen Fernsehsender gegeben. Laut dem größten Blog der Islamhassszene, „Politically Incorrect“ (PI) waren an der Berliner Aktion die PI-Gruppe Berlin, die Bürgerbewegung Pax Europa (BPE), Die Freiheit, die Sarraziner und das „Netzwerk Demokratischer Widerstand“ beteiligt.  Auf letztgenannten befindet sich auch der Internetpranger „Nürnberg 2.0“. Es gibt Hinweise, die darauf hindeuten, dass hinter diesem virtuellen Volksgerichtshof der Hassblogger Karl-Michael Merkle steckt, der öffentlich nur mit seinem Künstlernamen Michael Mannheimer als Sprecher der Initiative1683 in Erscheinung tritt.

Freitag, 30. März 2012

Landminen in Bosnien und Herzegowina

Brennendes Parlamentsgebäude in Sarajevo - durch serbische
Granaten während des Bosnienkrieges Anfang der
1990er entzündet.


Trotz aller aktuellen Konflikte, sollte man vergangene militärische Konfrontationen nicht vergessen, denn diese hinterlassen oftmals Folgen, die noch Generationen beschäftigen können. Von einem dieser vergangenen Konflikte und den Folgen, handelt folgende Reportage.

Das tödliche Erbe des Bosnienkrieges:

Landminen in Bosnien und Herzegowina
Minenräumung: ein Projekt für Jahrzehnte


"(...) Viel Metall im Boden

Mostar war hart umkämpft und so verwandelte sich die Hochebene in ein Schlachtfeld voller Gefahren. "Es gibt hier viel Metall im Boden", erklärt der Übersetzer vielsagend und blickt über seine Schulter ohne die Geschwindigkeit zu reduzieren. Im Radio sülzt Claudia Jung weiter: "Ich kann für nichts garantieren wenn du jetzt bleibst." In der Entfernung lässt sich ein Camp ausmachen. (...)

Genaue Landkarten

Ein anderer Soldat rüstet sich mit seiner Splitterschutzweste aus, setzt den Helm auf und marschiert langsam, jeden Schritt beachtend, Richtung Minenfeld. Ein weiterer holt eine Liste in die sich jeder Besucher des Camps eintragen muss. Das wichtigste Feld ist die Blutgruppe, falls etwas Unvorhergesehenes passiert. (...) Auch die Karte selbst ist genauer als jede handelsübliche Landkarte. Bis auf 50 cm genau lässt sich jede Position bestimmen. (...)
Frontverlauf in Bosnien und Herzegowina (1993)



Dienstag, 27. März 2012

Artikelserie: Islamismus

Muhammad Badi'e, aktueller Vorsitzender der ägyptischen Muslimbruderschaft.
Wie oft bei islamistischen Führern, ein religiöser Laie, also ein ausgebildeter Tierarzt,
kein ausgebildeter Theologe oder religiöser Rechtsgelehrter.

Ich fasse hiermit mal einige zusammenhängende Blogpostings zusammen, und versehe dann dieses Posting mit dem Label "Artikelserien", damit man sie schneller über das rechte Menü finden kann.






(Bildquelle: Wikimedia Commons)

Chronologie des Osmanischen Reiches

Osmanisches Reich in seiner größten Ausdehnung im 16./17. Jahrhundert.

Chronologie des Osmanischen Reiches



1071 Schlacht von Mantzikert/Malazgirt: Der Seldschuke Alp Arslan besiegt die Byzantiner in Ostanatolien
1177 Die Seldschuken nehmen Malatya ein, einen Hauptsitz der mit ihnen konkurrierenden Danişmendiden
1204 Besetzung Konstantinopels durch die Kreuzfahrer; Gründung des Kaiserreichs von Trapezunt (Trabzon)
1220-37 Herrschaft Alaeddin Keykubad I., seine Herrschaft gilt als Höhepunkt der rumseldschukischen Epoche
1243 Seldschuken werden nach verlorener Schlacht am Kosedağ Vasallen der Mongolen (Ilkhaniden)
1261 der Basileus Michael VIII. gewinnt Konstantinopel zurück
1261-1300 Gründung der Fürstentümer Menteşe, Aydın, Saruhan, Karesi und Osmanlı (Osmanen) in Westanatolien
1288/9 überliefertes Todesjahr von Ertuğrul Gazi, dem Vater Osmans
ca. 1289/90 oder 1281-1324(?) Osman I.
1303 der letzte Seldschuke, Alaeddin Keykubad III., wird durch die Ilkhaniden hingerichtet
1324-62 Orhan
1324 stellt Sultan Orhan die älteste bekannte osmanische Urkunde aus
1326 osmanische Eroberung von Bursa, sie wird zur ersten Residenzstadt ausgebaut
1331 osmanische Eroberung von Nicaea (Iznik)
1335 Ende der mongolischen Ilkhaniden im Iran
1351 osmanische Militärallianz mit Genua gegen Venedig
1354 osmanische Einnahme von Ankara und Gallipoli
1361 oder 1369 osmanische Eroberung von Adrianopel (Edirne), sie wird Hauptstadt bis 1453
1362–89 Murad I.
1363–65 osmanische Expansion ins südliche Bulgarien und Thrakien
1371–73 osmanischer Sieg an der Maritza; Byzanz und die Balkanfürsten akzeptieren die osmanische Oberherrschaft
1373 Murad I. und der byzantinische Kaiser verbünden sich gegen ihre rebellischen Söhne; der Papst verurteilt diese Allianz (1374)
1376 Andronikos V. mit osmanischer Hilfe byzantinischer Kaiser, übergibt Gallipoli/Gelibolu an die Osmanen.
1385 osmanische Eroberung von Sofia; Heerführer Gazi Evrenos besetzt Thessalien
1386 türkischer Karamanenfürst in Anatolien unterwirft sich den Osmanen
1388 der Bulgaren-Zar Schischman unterwirft sich; 1393 verschwindet das bulgarische Reich mit der Einnahme von Tarnovo; Stiftung des Nilüfer Imâret in Iznik von Murad I. zum Andenken an seine Mutter
1389 osmanischer Sieg auf dem Amselfeld (Kosovo Polje) über eine Koalition von Balkanfürsten; nach der Schlacht wird Murad nach serbischer Überlieferung Opfer eines Attentats; ab jetzt verstärkte Eroberung anatolischer Kleinfürstentümer; ein schweres Erdbeben beschleunigt den Untergang der südwestanatolischen Fürstentümer von Menteşe und Aydın
1389-1402 Bayezid I. Yıldırım ("Der Blitz")
1394 Bayezid I. versucht Konstantinopel einzuschließen; im selben Jahr erreichen die Osmanen die Donaulinie; fast gleichzeitig gelangt der Mongolenherrscher Timur in Besitz von Erzincan
1396 Schlacht von Nikopolis, Bayezid I. besiegt europäisches Kreuzfahrerheer unter Sigismund von Ungarn
1402 Schlacht von Ankara, Zusammenbruch von Bayezids Reich, Wiederherstellung der Fürstentümer Anatoliens durch Timur Lenk
1403–13 Interregnum der Kronprinzen Bayezids
1413–21 Mehmed I. hat sich im Interregnum als Alleinherrscher durchgesetzt
1420 Abschluss der Befriedung Anatoliens durch den Sultan
1421–44 und 1446–51 Murad II.
1423–30 Sieg der Osmanen im osmanisch-venezianischen Krieg um Thessaloniki (Selanik)
1424 Grüne Moschee in Bursa wird nach zehnjähriger Bauzeit vollendet
1425 osmanische Annektierung von Izmir und die Rückeroberung Westanatoliens, vollendet spätestens 1430
1439 osmanische Annexion Serbiens und Einnahme Smederevos
1443 ungarischer Reichsverweser János Hunyadis Einfall in den Balkan
1444 Erneuerung der serbischen Herrschaft; Sieg über europäisches Koalitionsheer bei der Schlacht von Varna; Friede von Edirne
1444–46 und 1451–81 Mehmed II. Fatih ("der Eroberer")
1447 Üç Şerefeli Moschee (Moschee mit den drei Umgängen) wird nach zehnjähriger Bauzeit in Edirne vollendet
1448 zweite Schlacht auf dem Amselfeld (Kosovo Polje) mit der Niederlage Hunyadis
1453 Eroberung von Konstantinopel (Istanbul); Fall von Pera
1459 Eroberung von Serbien und der Morea, Baubeginn des Topkapı-Serail (bis 1478)
1461 Eroberung des Reiches von Trapezunt (Trabzon), der letzten griechischen Herrschaft in Kleinasien
1463–79 Krieg mit Venedig
1468 endgültige Eroberung von Karaman
1470 Eröffnung des Baukomplexes der Eroberermoschee Sultan Mehmed II. in Istanbul
1473 Sieg Mehmeds II. über den Fürsten der Akkoyunlu, Uzun Hasan, in der Schlacht von Başkent/Otluk Beli; erste osmanische Vorstöße nach Kroatien, Kärnten und in die Kraina
1475 Inbesitznahme der genuesischen Handelskolonien auf der Krim
1479 Apulienfeldzug mit der Einnahme von Otranto durch Ahmed Gedik Paşa (bis zum Tode Mehmeds 1481 in Besitz)

Sonntag, 25. März 2012

Geschichte und Kultur des Nahen Ostens - Muhammad

Mezquita-Catedral von Córdoba (Spanien),
umayyadischer Bau, begonnen 784
Heute möchte ich den Anfang einer unregelmäßigen Artikelserie starten, die einen wissenschaftlichen Überblick über die Geschichte des Islams und des Nahen Ostens gibt. Dazu gibt es auf zahlreichen Universitätsservern Vorlesungen oder Materialien, die hier zusammengefasst werden sollen. Diese sind mitunter auch seriöser, als so mancher Wikipedia Artikel, die manchmal in diesen Bereichen eine Schieflage haben, oder gänzlich für islamwissenschaftliche Antworten ungeeignet sind. (Dennoch verlinke ich öfters dahin, zwecks erster Orientierung oder weiterführender Links)

Dabei gehe ich deskriptiv vor, beschreibe also zum Beispiel, was es zu bestimmten Zeiten oder in bestimmten Regionen geheißen hat, ein Muslim zu sein, wie der Islam so wurde, wie wir ihn heute kennen, auf welcher Basis an Texten, Interpretationen, wir zu welchen Schlussfolgerungen kommen. Mitunter kommen auch durchaus abweichende Meinungen in der Gelehrtenwelt zu Wort, wenn sie gewisse Relevanz haben, oder es werden die unterschiedlichen Thesen zu bestimmten Zeiten vorgestellt, um zu demonstrieren, wie die Kenntnisse entstanden waren. Es wird dabei versucht islamwissenschaftlich zusammenzufassen, also nicht bekenntnisorientiert oder islamtheologisch. Dies ermöglicht mitunter einen Betrachtungsgegenstand von mehreren Seiten zu betrachten, also zum Beispiel nicht nur eine sunnitische Sicht der Dinge, sondern auch mal die schiitische Sicht zu betrachten.

Etliches mag vor allem Muslimen schon bekannt sein, anderes wird völlig unbekannt sein, zumindest die Wechselwirkungen diverser Entwicklungen oder Ereignisse, ich gehe jedenfalls von kaum Vorkenntnissen bei meinen Beschreibungen aus.
Ich verwende dabei die übliche Zeitrechnung nach Christus, ohne damit irgendeine Aussage zu verknüpfen. Die Koranübersetzungen folgen der Übersetzung von Rudi Paret.

Es werden zum Beispiel folgende Vorlesungen dafür verwendet:

Einführung in die Geschichte der islamischen Länder von Prof. Dr. Jürgen Paul

Geschichte und Geographie der islamischen Welt (Vorlesung WS 2004/2005) von Prof. Dr. Ulrich Rebstock
und vor allem:
Podcast-Tipp: Einführung in die Geschichte und Kulturen des Nahen Ostens von Prof. Dr. Thomas Eich


Muhammad

Muhammad wurde wahrscheinlich um 570 in Mekka geboren. Diese Region ist vor allem durch Oasenwirtschaft geprägt, wobei ungewöhnlicherweise Mekka durch Handel und einer vorislamischen Pilgerstätte und der Wallfahrt dorthin prosperierte. Es handelt sich dabei um die Kaaba (siehe Blogpost), die damals im Zentrum eines polytheistischen Kultes stand. Über die damalige Zeit sind wir relativ schlecht informiert, denn außer dem Koran gibt es kaum Quellen, und bis heute konnten kaum durch archäologische Ausgrabungen die Kenntnisse erweitert werden. (Später einmal mehr dazu.)

Muhammad wuchs relativ früh als Vollwaise auf, denn sein Vater Abdullah starb schon vor der Geburt und seine Mutter Āmina als er sechs Jahre alt war. Er wurde dann von Familienmitgliedern des Clans der Banu Haschim großgezogen, besonders von seinem Onkel Abu Talib (dem Vater des späteren vierten Kalifen Ali ibn Abi Talib). Sein Onkel war wahrscheinlich auch der Führer der Sippe. Obwohl er nie Muslim wurde, beschützte er doch Muhammad, selbst wenn es negative Folgen für die Sippe ergab, aber hier wirkte das arabische Prinzip des Tribalismus. Die Banu Haschim waren zu dieser Zeit noch kein führender Clan Mekkas. Er erlernte den Beruf des Händlers, und begleitete Karawanen bis hin nach Syrien, wo er wahrscheinlich mit Christen in Kontakt kam. Dabei erwarb er sich wohl den Beinahmen al-Amin, also "der Zuverlässige". Es ist allerdings umstritten und nicht endgültig geklärt, ob nicht dieser Name sein eigentlicher Name war, und Muhammad, also "der Gepriesene" eher sein Beiname war.
Etwa 595 heiratete er eine 15 Jahre ältere reiche Kaufmannswitwe, Chadidscha, mit der er bis zu ihrem Tod ca. 25 Jahre lang monogam zusammenlebte. Erst nach ihrem Tod begann Muhammad damit mehrere Frauen zu ehelichen. Bis zu seinem ersten Offenbarungserlebnis ist kaum etwas bekannt, und das was überliefert wurde, ist eher als legendenhaft anzusehen. Das was als ziemlich sicher gilt ist eine Angewohnheit Muhammads sich einmal im Jahr ungefähr einen Monat lang zur Mediation in eine Höhle auf dem Berg Hira bei Mekka zurückzuziehen. Dieses Zurückziehen machten etliche seiner Zeitgenossen ebenfalls, wenn sie spirituell Suchende waren. Diejenigen, die diese Askese- und Mediationsübungen vollzogen, wurden Hanifen genannt. In dem Berg Hira erlebte er dann auch seine erste Offenbarung gegen 610, in muslimischer Vorstellung durch den Erzengel Gabriel. Diese Offenbarungen setzten sich bis zu seinem Tode 632 fort. Dabei kamen allerdings diese Offenbarungen an allen Orten vor, nicht nur in der Höhle des Berges Hira. Aus diesen Offenbarungen entwickelte sich einige Zeit nach Muhammads Tod dann das gebundene Buch des Korans (ca. Mitte des 7. Jahrhunderts).
Die Koranverse wurden im Sadsch'-Stil offenbart. Das ist ein Reim- oder Metrum-Stil, indem die Texte durch gemeinsame Endkonsonanten zusammengehalten werden. Unter anderem dadurch zeigt sich, dass die Offenbarungen dazu da waren, memoriert, also auswendig gelernt zu werden, um dann vorgetragen zu werden. Das ist auch die Bedeutung des Wortes Koran: Lesung, Rezitierung, Vortrag. Das sollte man immer im Hinterkopf behalten, wenn man über den Koran spricht, dass eben die Rezitation, die orale, also mündliche Weitergabe, ein wichtiges Element des Korans darstellt. Jedenfalls wurden schon damals wohl Teile des Korans zur Erleichterung des Auswendiglernens auf diversen Materialien wie Stein, Leder, Holzstücke, etc. zumindest stenographieähnlich festgehalten.
Mit diesen Offenbarungen machte sich nun Muhammad daran, zuerst sein unmittelbares Umfeld, also seine Familie, seine Sippe davon in Kenntnis zu setzen. Er wandte sich mit den frühen Offenbarungen vor allem gegen die Polytheisten in seiner unmittelbaren Umgebung, erst in einer zweiten Phase öffentlich an die anderen Mekkaner. Er begriff sich dabei zuerst vorrangig als Warner, dann ab seiner Zeit in Medina verstärkt als Religionserneuerer, als Reformer der bestehenden monotheistischen Religionen Judentum und Christentum. Es gab auch schon Elemente in seinen frühen Predigten, die einen sozialen Wandel einleiten sollten. So forderte er beispielsweise in dieser frühen Phase bereits ein Almosen für die Armen ein. Aus diesen Forderungen des Korans entwickelte sich später dann im islamischen Staatsrecht das Konzept der Pflichtabgabe Zakat. Das ist aber nicht das gleiche, denn bei der Zakat hat letztlich meist der Herrscher zu entscheiden, wofür es Verwendung finden soll. Er soll damit zwar etwas wohltätiges tun, doch heißt dieses nicht zwangsläufig, dass er damit auch die Armen unterstützt, abgesehen davon, dass es z.B. dem Kalifen obliegt zu definieren, was "wohltätig" heißt, und wer die Begünstigten sind. (Beispielsweise wäre die Errichtung einer Bibliothek etwas wohltätiges, betrifft aber kaum die analphabetischen Armen einer Stadt.)

Im Umfeld Muhammads waren Christentum und Judentum bekannt. Im Koran wird dieses deutlich, und der Koran greift auch einige Konzepte dieser monotheistischer Religionen auf. Die zentrale Botschaft Muhammad war, es gibt einen einzigen übersinnlichen, transzendentalen Gott, der allmächtig, allbarmherzig, allwissend ist, und der von den Menschen verlangt, dass diese sich recht verhalten mögen, damit sie dann am Jüngsten Tag gerichtet werden können. Dabei wird dann entschieden, ob man ins Paradies gelangt, oder in die Hölle kommt. Dieses Thema prägte die Botschaft in den frühen Offenbarungen sehr stark, zum Beispiel in Sure 82:1 ff:
Wenn (dereinst) der Himmel sich spaltet, die Sterne (ihren Standort aufgeben und) sich (nach allen Richtungen) zerstreuen, die Meere über die Ufer treten und die Gräber ausgeräumt werden, bekommt einer zu wissen, was er früher (an guten Werken) getan, und was er versäumt hat.
Diese Botschaft Muhammads wurde von den meisten Mekkanern zurückgewiesen, denn das Thema Leben nach dem Tod war der große Unterschied zu den Polytheisten. Dies zeigt sich auch im Koran (45:24):
Und sie [die Polytheisten] sagen: "Es gibt nur unser diesseitiges Leben. Wir sterben und leben (in diesem Rahmen), und nur die Zeit (die allem, was existiert, den Stempel der Vergänglichkeit aufdrückt) (dahr) läßt uns zugrunde gehen." Sie haben aber kein Wissen darüber und stellen nur Mutmaßungen an.
Zu Beginn seiner Offenbarungen glaubten ihm also nur sehr wenige seines Umfeldes, als eine der ersten, die ihm glaubten und dann auch unterstützten gilt seine Frau Chadidscha.
Es gab vor allem zwei Argumente mit denen seine Gegner gegen ihn argumentierten:
  1. Die Sprache der Offenbarungen im oben erwähntem Sadsch'-Stil erinnerten seine Gegner an die ähnlichen Verse von zeitgenössischen Wahrsagern (kahin) und Stammesdichtern. Wieso sollte es sich also bei Muhammad um etwas anderes handeln, so dachten die Polytheisten. Hinzu kommt, dass die Vorstellung vorherrschte, dass diese Wahrsager und Stammesdichter als von Geistern besessen angesehen wurden. Das war also die Schublade, in die das Umfeld ihn steckte. Dazu schreibt auch der Koran (38:4):
    Sie wundern sich darüber, daß ein Warner aus ihren eigenen Reihen zu ihnen gekommen ist. Und sie sagen in ihrem Unglauben: "Dies ist ein verlogener Zauberer. Will er denn aus den (verschiedenen) Göttern einen einzigen Gott machen? Das ist doch merkwürdig." 
  2. Der zweite Vorwurf war der, dass Muhammads Offenbarungs-Verse nicht eigenständig seien, er habe dieses alles nur von den Juden und Christen abgeschaut, kopiert. Der Koran berichtet auch hier davon, in Sure 25:4 ff.:
    Und sie sagen: "Das ist nichts als ein Schwindel (ifk), den er ausgeheckt hat, und bei dem ihm andere Leute geholfen haben." Sie begehen aber (mit einer solchen Aussage) Frevel und (machen sich der) Lügenhaftigkeit (schuldig). Und sie sagen: "(Es sind) die Schriften der früheren (Generationen), die er sich aufgeschrieben hat. Sie werden ihm morgens und abends diktiert." Sag: (Nein!) Der hat ihn herabgesandt, der (alles) weiß, was im Himmel und auf Erden geheimgehalten wird. Er ist barmherzig und bereit zu vergeben.
Die Gegnerschaft der Mekkaner gegenüber Muhammad ist aus zwei Gründen nicht verwunderlich: 1. Bedrohte Muhammad mit seiner Botschaft die ökonomische Haupteinnahmequelle der Stadt, bzw.der Polytheisten, nämlich die Pilgerfahrt zur Kaaba. 2. Hätte die Befolgung der Offenbarungen immense Folgen für die soziale Ordnung in Mekka gehabt. Da Muhammad sich als Gesandter Gottes sah, hätte er eine völlig neue hierarchische Position im Mekka erhalten, hätten denn seine Missionsbemühungen breiten Erfolg gehabt. Zudem war es unter den Polytheisten bisher so, dass die Legitimation für Handlungen dadurch gegeben waren, dass es die Bräuche und Traditionen der Vorfahren waren, die man einfach tradiert und danach handelt. Durch Muhammads Lehren wäre nun anstelle der Vorfahren ein Gott getreten, der Legitimation für Handlungen verleihen würde. Das heißt, alle bisherigen tradierten Regeln würden durch Muhammads Anweisungen - nur ein transzendentaler Gott könne darüber entscheiden, was rechtes Handeln bedeutet - obsolet werden. Das alles erinnert an die Folgen des Christentums im antiken Römischen Reich, z. B. die Reaktionen der Mission von Paulus von Tarsus in Ephesos.
Durch das Werben für den Islam, das Warnen vor der Hölle, usw. kam es immer wieder zu konkreten Streitereien zwischen den polytheistischen Mekkanern und Muhammads ersten Anhängern, den Muslimen. Diese konnten jedoch meistens beigelegt werden. Diese Konflikte waren auch deshalb nicht verwunderlich, weil Muhammad nicht nur die anderen Stämme oder Clans Mekkas kritisierte, sondern auch vor seinem eigenen Stamm nicht Halt machte, was ganz entgegen den Gepflogenheiten des tribalen Verhaltensmusters erfolgte. Muhammads Gegner versuchten auf zwei Wegen seinen Einfluss in Mekka zu beschneiden: Einerseits gingen sie massiv auf sozial schwächer gestellte Anhänger Muhammads vor, bei dieser Gruppe hatte die Botschaft Muhammads übrigens die größten Erfolge gehabt. Durchaus auch mit physischer Gewalt, nicht nur durch Diskriminierung und Drangsalierung. Dieses Vorgehen hatte einigen Erfolg. Anderseits versuchten sie den Schutz des Stammes Banu Haschim für Muhammad aufzuweichen, dieses gelang allerdings nicht.

Montag, 19. März 2012

Iran und die Atombombe: Wie viel Zeit bleibt noch?

Ruhollah Chomeini, (1902-1989) war ein schiitischer Ajatollah und
 der politische und spirituelle Führer
 der Islamischen Revolution in Iran von 1978 bis 1979.

Heute ein Video eines Interviews mit Prof. Dr. Volker Perthes zu einer Frage, die seit Wochen in den Medien geistert: Iran und die Bombe, und was macht Israel? Mitunter ohne dabei viel Expertise dem Leser zugänglich zu machen. Denn das Säbelrasseln Israels eignet sich hervorragend Schlagzeilen zu gerieren, Angst zu schüren und: Umsatz zu machen. Differenziertere Stimmen stören da nur.

Es kommen solche Fragen zur Sprache, wie:

  • Iran und die Atombombe: Wie viel Zeit bleibt noch?
  • Gibt es nur eine militärische Option, die Atombombe zu vermeiden?
  • Gibt es noch diplomatische Möglichkeiten, wie sähen diese aus?
  • Lassen die militärischen Drohungen Israels mit einem Präventivschlag überhaupt noch Spielraum für diplomatische Lösungen?
  • Gibt es in den nächsten Monaten einen Militärschlag?
  • Was weiß man heute, wie nahe Iran der Atombombe ist?
  • Was bezweckt man mit der Eskalation der Drohungen gegenüber Iran?
  • Was möchte der Iran, möchte er tatsächlich die Atombombe?
  • Befürchtet Israel ernsthaft, dass der Iran sie angreift, sobald sie die Atomwaffen bauen?
  • Wie sieht das heutige Mächtegleichgewicht im Iran aus? Nach den Wahlen?
  • Welche iranischen Fraktionen gibt es, und was wollen diese?
  • etc.

Vom 18. März 2012:
Die Welt blickt besorgt auf Iran und dessen Atomprogramm. Lässt Teheran wirklich eine Atombombe entwickeln? Und droht deswegen ein militärischer Präventivschlag Israels? Was treibt Iran an? Und wie gefährlich ist die Lage wirklich?

Professor Volker Perthes ist Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin und einer der gefragtesten Experten für den Nahen und Mittleren Osten. Mit ihm unterhalten sich NZZ-Chefredaktor Markus Spillmann und Marco Färber über Machtverhältnisse und Triebkräfte in der iranischen Politik, über Stellenwert und Risiken der Atompolitik und über die Frage, was der richtige Umgang mit Iran wäre.