Samstag, 9. Juli 2011

Medizin im Reich des Kalifen

Miniatur aus einem Werk des Chirurgen Şerafeddin Sabuncuoğlu,
das eine psychatrische Behandlungsmethode darstellt
osmanisch, 15. Jh.


Wie war eigentlich zur islamischen Blütezeit vor 1000 Jahren die ärztliche Versorgung im Nahen und Mittleren Osten?

Ein Brief als Exempel:

Lieber Vater! Du fragst, ob du mir Geld bringen sollst. Wenn ich entlassen werde, bekomme ich vom Krankenhaus einen neuen Anzug und fünf Goldstücke für die erste Zeit, damit ich nicht sofort wieder arbeiten muss. Du brauchst also von deiner Herde kein Tier verkaufen. Du musst aber bald kommen, wenn du mich noch finden willst. Ich liege auf der orthopädischen Station neben dem Operationssaal. Wenn du durch das Hauptportal kommst, gehst du an der südlichen Außenhalle vorbei. Das ist die Poliklinik, wohin sie mich nach meinem Sturz gebracht hatten. Dort wird jeder Kranke zuerst von den Assistenzärzten und Studenten untersucht, und wer nicht unbedingt Krankenhausbehandlung braucht, bekommt dort sein Rezept, das er sich nebenan in der Krankenhausapotheke anfertigen lassen kann. Ich wurde nach der Untersuchung dort registriert und dem Oberarzt vorgeführt, ein Wärter trug mich in die Männerstation, machte mir ein Bad und steckte mich in saubere Krankenhauskleidung.
Aber du lässt linker Hand auch die Bibliothek und den großen Hörsaal, wo der Chefarzt die Studenten unterrichtet, hinter dir. Der Gang links vom Hof führt zur Frauenstation, du musst dich also rechts halten und an der Inneren Abteilung und der Chirurgischen vorbeigehen... Wenn du Musik oder Gesang aus einem Raum vernimmst, sieh hinein. Vielleicht bin ich dann schon in dem Tagesraum für die Genesenden, wo wir Musik und Bücher zu unserer Unterhaltung haben.
Als der Chefarzt heute morgen mit seinen Assistenten und Wärtern auf Visite war und mich untersuchte, diktierte er dem Stationsarzt etwas, was ich nicht verstand. Der erklärte mir hinterher, dass ich morgen aufstehen darf und bald entlassen werde. Dabei mag ich gar nicht fort. Alles ist so hell und sauber hier. Die Betten sind weich, die Laken aus weißem Damast und die Decken flaumig und fein wie Samt. In jedem Zimmer ist fließendes Wasser, und jedes wird geheizt, wenn die kalten Nächte kommen. Fast täglich gibt es Geflügel oder Hammelbraten für den, dessen Magen es verträgt. Mein Nachbar hatte sich schon eine ganze Woche lang kränker gestellt, als er war, nur um die zarten Hühnerbrüstchen noch ein paar Tage länger genießen zu können. Der Chefarzt hat aber Verdacht geschöpft und ihn gestern nach Hause geschickt, nachdem er zum Beweis seiner Gesundheit noch einen Laib Brot und ein ganzes Huhn verzehren durfte.
Also komm, bevor mir mein letztes Huhn gebraten wird!

zitiert nach: S. Hunke: Allahs Sonne über dem Abendland – Unser arabisches Erbe. Stuttgart 1960.

Dieser Brief schildert die Verhältnisse eines arabischen Krankenhauses von vor 1000 Jahren. Solche Verhältnisse fand man in jeder größeren Stadt jener Zeit, von Zentralasien bis Spanien. Allein Cordoba hatte Mitte des 10. Jahrhunderts 50 Krankenhäuser und Bagdad hatte zu der Zeit 860 Ärzte, die beamteten Regierungsärzte nicht eingerechnet.

Alle Patienten, ob arm ob reich wurden (meist) behandelt.  Die Behandlung, Unterkunft, Verpflegung und die Medikamente waren (meist) kostenlos. Dazu erhielten sie noch Kleidung und Zahlgeld für einen Monat bei ihrer Entlassung hinzu.
Dieses blieb so gängige Praxis bis in die späte Neuzeit, also zum Beispiel auch noch im Osmanischen Reich.

Die Chefärzte wurden streng selektiert, um keine "Kurpfuscher" zu erhalten. So musste z.B. der später berühmte Arzt ar-Razi seine Überlegenheit gegen über 100 Mitbewerber beweisen. Daraufhin verfügte er über einen Stab von 24 Fachärzten, Internisten, Nervenärzte, Chirurgen, Orthopäden, Augenärzte, usw. die den Stationen vorstanden und turnusmäßig den Dienst wechselten.

Dieser ganze "Luxus" von einem Gesundheitssystem verschlang natürlich enorme Summen, so benötigte z.B. das Mansuri-Krankenhaus in Kairo jährlich ca. 1.000.000 Dirhem.
Finanziert wurden die Krankenhäuser, wie auch andere Sozialleistungen vorwiegend durch die Stiftungen (waqf) der Männer und Frauen aus dem Herrscherhaus, der Kaufleute, der Gelehrte, halt alle Reichen, die sich eine Stiftung leisten konnten.
Zu jeder Stiftung wurde zu ihrem eigenen Unterhalt z.B. Bauerhöfe, Länderein, Mühlen, Geschäfte, etc. dazu gestiftet. Es konnte aber auch Geld gestiftet werden, wo dann durch einen Zinssatz von 10-15% der Unterhalt der Stiftung gesichert wurde. Dieses war aber aus zwei Gründen nicht so gern gesehen, erstens aufgrund des religiösen Zinzverbots des Islam, mehr noch, weil die Sicherung des Unterhalts der Stiftung durch Geld unsicherer war, als z.B. durch landwirtschaftliche Ertragsgewinne. (Außerdem: Wenn in einem bestimmten Zeitabschnitt und Region sich das islamische Zinsverbot durchsetzte, dann umging man es durch diverse juristische und/oder theologische Kniffe.)

Zu einer Stiftung gehörte meist eine Moschee, kostenlose öffentliche Bibliotheken, Armenküchen zur kostenlosen Speisung Bedürftiger, kostenlose Grundschulen, kostenlose Universitäten, kostenlose Karawansereien, kostenlose Brunnen, Badehäuser, usw.

Das Stiftungswesen von Männern und Frauen war sehr weit verbreitet. (Frauen hatten im Islam ja "Verfügungsgewalt" über ihre Finanzen). Auch weniger reiche sahen es als ihre Pflicht an, für die Wohlfahrt etwas zu stiften, z.B. Gelehrte stifteten Geld für eine Bibliothek zum Büchererwerb.

Dafür gibt es zwei Hauptgründe:
  1. Sicherlich die Religion des Islams, mit seiner Ethik den Reichtum mit Bedürftigen zu teilen, da es als gottgefälliges Werk galt 
  2. Konnte damit das Erbrecht umgangen werden, und somit verfügt werden, dass aus den überschüssigen Einkünften der Stiftung die Erben versorgt werden können.

Die Volksmedizin war nicht so streng getrennt von der akademischen Pharmakologie. Das hat den einfachen Grund, dass jeder, der lesen konnte, sich in der öffentlichen Bibliothek in den medizinischen und Rezeptbüchern kundig machen konnte. Dabei gab es auch kurze (Reise-)Ratgeber, die aus den häufigsten Leiden und ihrer jeweiligen Heilungsmethode bestanden.

Auf dem Land fernab jeglicher Stadt sah es sicher anders aus. Aber auch da gab es beizeiten fahrende mobile Ärzte. Daneben verbreitete sich das akademische Wissen um Heilkräuter durch Feldapotheken und Feldlazarette. Und gänzlich abgeschnittene Beduinen nutzten das tradierte Wissen, welches zum Teil sogar noch aus vorislamischer Zeit stammte.
Ausserdem gab es noch einige Dorfbewohner, die über geringe medizinische Kenntnisse eher aus ihrer Tradition (zum Beispiel Antibiotika, also Schimmelbrote, usw.) heraus wussten.

Hier noch weiter führende Links:

Die arabische Medizin – Pflanzenheilkunde des Alten Orients und die Entwicklung der Grundlagen moderner Medizin


Sehr gut ist dieses PDF:
Hospitals in the Muslim Near East: A Historical Overview

und ein Beispiel einer Stiftung mit Hospital ( waqf bzw. külliye ) als PDF:
Süleymaniye and Sixteenth-century Istanbul

(ggf. rechte Maustaste auf den Link klicken und "Ziel speichern unter..." wählen.)

Kurzes Fazit:

Die medizinische Versorgung war relativ zu jener Zeit sehr gut und kostenlos für jeden Bedürftigen.
Die Volksmedizin profitierte von der Heilkunde und war teilweise recht nah dran an der damaligen akademischen Lehre.


TV-Tipp:

Im Bann der grünen Götter: Die Ärzte der Kalifen

"Avicennas Lehren
Stärkung durch Weihrauch

Die Stadt Isfahan wurde von den jüngsten Erdbeben verschont, sie ist noch immer ein Juwel des Alten Persien. In Isfahan, so heißt es, befand sich Avicennas sagenhafte "Schule der Medizin". ..."

weiter lesen beim ZDF.







(Bildquelle: Wikimedia Commons)

Kommentare:

  1. Ich würde auch alle Bücher von Gotthard STrohmaier empfehlen. Sehr lesenswert!

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  2. Sehr interessanter Artikel!
    Ich denke den werde ich auf meinem Blog verlinkten

    Viele Grüße

    Henning Schmidt

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  3. @Lynxx
    Ich habe aus einer Vorlesung meines sehr geschätzten Doktorvaters irgendwie im Ohr, dass die islamische Medizin im Bereich der Frauenheilkunde doch wegen des religiös durchaus problematischen Kntaktes des männlichen Aztes und seiner weiblichen Patient eher defizitär war. Stimmt diese?
    Heutzutage scheint es da ein Problem zu geben:http://diewahrereligion.tv/fatwah/?cat=77

    PS: "Verfügungsgewalt" über ihr Erbe und ihr Vermögen hatten Frauen im christlichen Europa auch. Bei gerichtlichen Auseinandersetzungen mußten sie sich allerdings eines männlichen "Vormundes" bedienen. Ist dieses bei einem Scharia-Gericht so anders?

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  4. Über die Behandlung von Frauen im Mittelalter weiß ich wenig, ich meine aber mal gelesen zu haben, dass diese durchaus auch behandelt wurden, z.B. indem man sie mittels eines Tuches berührt, also nicht direkt. Oder war dieses ein Vorgehen der Taliban in Afghanistan, die ja oft noch viel strenger sind, als die Muslime im Mittelalter gemeinhin waren?
    Vielleicht kann ich nochmal in meiner Literatur was dazu finden...
    Die Seite "wahrereligion" ist eine Seite der Salafisten, d.h. des extremen Spektrums der Islamauslegung, meist wortwörtlich Auslegung der Schriften (= Islamisten/Fundamentalisten), aber dabei aber nicht unbedingt "richtiger", denn einerseits blenden sie andere alternative Auslegungen konsequent aus, egal wie verbreitet oder wie autoritativ diese sind oder waren, andererseits übersetzen sie konsequent jede Formulierung in ihrer rigidesten Weise, obwohl westliche Sprachwissenschaftler oder nahöstliche Theologen eine andere Übersetzung für viel wahrscheinlicher halten, oder für sinnvoller, da Querverweise dieses sehr nahelegen. Außerdem verdecken sie dabei, dass eine Sache vielleicht nur in einem ganz konkreten historischen Fall Anwendung finden darf oder durfte.
    So finden sich z.B. in den Quellen über Jahrhunderte nicht eine einzige Steinigung im nahöstlichen Raum. Heute tun diese radikalen Fundamentalisten aber so, als würde dieses Bestrafung das "normalste" von der Welt wäre, und der "Wesenskern" des "wahren Islams".
    Über die "Juristerei" ist mein Wissen beschränkt, da müsste ich ebenfalls nachschlagen. Jedenfalls findet man in der Geschichte des Nahen Ostens immer wieder Mäzenatentum auch von Frauen. Dies verwundert manchmal westliche Beobachter oder Reisende, denken doch etliche, dass Frauen im Nahen Osten nix zu melden hatten. Allerdings ist dabei erwähnenswert, dass diese verstärkte Rolle der Frau vor allem mit der Völkerwanderung der Turkvölker (und später der Mongolen) in den Nahen Osten einen Aufschwung erfuhr, weil die Rolle der Frau in der zentralasiatischen Steppe wohl eine wesentlich unabhängigere/emanzipiertere war, als in der traditionellen arabischen Nomaden- oder Bauerngesellschaft. Dieses hatte ich eigentlich auch nur Sinn, als ich diese kleine Bemerkung machte. :)

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  5. @conring

    Ich habe aus einer Vorlesung meines sehr geschätzten Doktorvaters irgendwie im Ohr, dass die islamische Medizin im Bereich der Frauenheilkunde doch wegen des religiös durchaus problematischen Kntaktes des männlichen Aztes und seiner weiblichen Patient eher defizitär war. Stimmt diese?

    Nö stimmt nicht, zumal das eine mit dem anderen nichts zu tun hat.
    Außerdem defizitär im Vergleich zu was?

    Verfügungsgewalt" über ihr Erbe und ihr Vermögen hatten Frauen im christlichen Europa auch. Bei gerichtlichen Auseinandersetzungen mußten sie sich allerdings eines männlichen "Vormundes" bedienen.

    Nein in Sachen des Vermögens und allen anderen Dingen waren und sind sie autonome Rechtssubjekte.

    Ist dieses bei einem Scharia-Gericht so anders?

    Es gab keine Scharia-Gerichte.

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