Dienstag, 26. Juli 2011

Islamistischer und anderer Terrorismus



Bombenattentat der baskischen Terrororganisation ETA in Madrid 2006



Einige Ausführungen zu dem islamistischen oder dschihadistischen Terrorismus. Wie groß ist die Bedrohung? Wieviele Attentate gab es? Welche anderen Terroristen gibt es eigentlich noch?

Denn es sind jedem die spektakulären Bombenattentate der Dschihadisten von London oder Madrid in Erinnerung, aber kaum die anderen Anschläge, geschweige denn die ca. 150 Toten durch Rechtsextremismus seit 1990 allein in Deutschland.

Wieviele Vereinigungen, die die Europäische Union (EU) als terroristisch einstuft, sind seit den Anschlägen vom 11. September 2001 in Deutschland in Erscheinung getreten (bis 2009)?

Volkskongress Kurdistan (früher: PKK)
die Revolutionäre Volksbefreiungspartei
Babbar Khalsa International
International Sikh Youth Federation
Liberation Tigers of Tamil Eelam ( LTTE)
HAMAS
Al Aqsa e. V.

"Nur" letztere beiden sind islamistisch.
Zwei andere sind sikhistisch
Die LTTE Sri Lankas führt weltweit die Statistiken mit den meisten Selbstmordattentätern an.


Wie hoch sind wohl die Bargeldreserven der genannten Organisationen zusammengenommen in Deutschland, die in den letzten acht Jahren (bis 2009) nach EU-Recht eingefroren wurden?

203 Euro und 93 Cent. 

Genauer nachzulesen bei:
"Deutscher Bundestag Drucksache 17/388
17. Wahlperiode 04. 01. 2010
...
Antwort der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage ...
EU-Terrorlisten und Außenwirtschaftsgesetz"


Ich glaube via politblogger.

Wie viele Terroranschläge gab es eigentlich 2006 in Europa?


Nur ein einziger der 498 aufgeführten Anschläge in elf EU-Ländern hatte laut Europol-Bericht einen islamistischen Hintergrund. Dabei ging es um die Kofferbomben in Deutschland. Hinter 424 Attentaten steckten separatistische Gruppen, vor allem in Frankreich und Spanien.
aus dem Fokus

Und wie sieht es 2010 aus?

Laut Europol-Jahresbericht gab es 249 Terroranschläge im Jahr 2010. Ein Rückgang von 21,2 Prozent - insgesamt sieben Tote. Nur drei Anschläge mit islamistischem Hintergrund. Demnach wurden die Anschläge in neun Mitgliedsstaaten begangen.

aus dem Standard.

Und wie sieht das Szenario in den USA aus?


Terrorist Attacks on U.S. Soil by Group, From 1980 to 2005, According to FBI Database:

Erstaunlich: In den USA rangieren die von jüdischen Extremisten verübten
Terrorangriffe sogar noch vor denen, die islamistische Extremisten verübten


aus: All Terrorists are Muslims…Except the 94% that Aren’t

The terrorist threat posed by radicalized Muslim-Americans has been exaggerated, according to a study released Wednesday by researchers at Duke University and the University of North Carolina at Chapel Hill.

A small number of Muslim-Americans have undergone radicalization since the September 11, 2001, terrorist attacks on New York and Washington, the study found. It compiled a list of 139 individuals it categorized as "Muslim-American terrorism offenders" who had become radicalized in the U.S. in that time -- a rate of 17 per year.

That level is "small compared to other violent crime in America, but not insignificant," according to the study, titled "Anti-Terror Lessons of Muslim-Americans. ...

Muslim-American organizations and the vast majority of individuals that we interviewed firmly reject the radical extremist ideology that justifies the use of violence to achieve political ends," David Schanzer,..., said in the statement.

...It is the Muslim-American communities themselves who play a large role in keeping the number of radicalized members low through their own practices, according to the study. Leaders and Muslim-American organizations denounce violent acts, for instance, in messages that have weight within communities.

In addition, such communities often self-police -- confronting those who express radical ideology or support for terrorism and communicating concerns about radical individuals to authorities. Some Muslim-Americans have adopted programs for youth to help identify those who react inappropriately to controversial issues so they can undergo counseling and education, the researchers said.

"Muslim-American communities have been active in preventing radicalization," said Charles Kurzman, professor of sociology at UNC, in the statement. "This is one reason that Muslim-American terrorism has resulted in fewer than three dozen of the 136,000 murders committed in the United States since 9/11."

However, "since 9/11, there has been increased tension among Muslim-Americans about their acceptance in mainstream American society," the study said. Muslim-Americans report feeling a stronger anti-Muslim bias from the media as well as from day-to-day interactions..."

aus CNN:
Study: Threat of Muslim-American terrorism in U.S. exaggerated - CNN.com

Erster Satz in der Übersetzung:

"Die terroristische Bedrohung durch radikalisierte amerikanische Muslime wird übertrieben dargestellt."

Mehr für Englischunkundige.

via Hinter meinem Schreibtisch

Angesichts der realen Bedrohung, oder der realen Terrorangriffe seitens der Islamisten, frage ich mich immer wieder: Warum diese so große Aufmerksamkeit in den Medien gerade für diese Gruppe? OK, der Angriff auf das World Trade Center und das Pentagon waren etwas besonders Spektakuläres. Auch die Attentate auf London, Bali und Madrid. Aber ansonsten?
Es besteht scheinbar ein Leser-Markt für das Richten der Scheinwerfer auf den dschihadistischen Terror, statt auf z.B. den jüdischen, oder den der Tamilen, der vielen wohl gänzlich unbekannt ist. Denn Zeitungen rechnen mit spitzen Bleistift.

Siehe dazu auch das Interview mit dem Islamwissenschaftler Peter Heine:

Islamistische Gewalt

"Man sollte die Gefahr nicht übertreiben"

Das gescheiterte Attentat auf den Karikaturisten Kurt Westergaard verstärkt Ängste vor religiösen Extremisten. Der Islamwissenschaftler Peter Heine erklärt im SPIEGEL-ONLINE-Interview, wie der Islam zur Gewalt steht - und wie groß die fundamentalistische Bedrohung in Deutschland wirklich ist.

(...)

SPIEGEL ONLINE: Nicht nur von der deutschen Politik wird das Bedrohungsszenario eines islamischen Fundamentalismus genutzt, immer mehr Sicherheitsgesetze durchzusetzen. Wie groß ist die Bedrohung wirklich?
Heine: Hier in Deutschland ist die Bedrohung meiner Meinung nach relativ gering. Hinter den Fällen, die wir hier bisher gehabt haben, standen eigentlich Einzeltäter. Einzeltäter wird man auch durch eine noch so gute Überwachung nur sehr schwer unter Kontrolle bringen können. Man darf die Gefahr nicht ignorieren, aber man sollte sie auch nicht übertreiben.
SPIEGEL ONLINE: Was allerdings gestiegen zu sein scheint, ist das Misstrauen, eine Grundablehnung auf den Straßen, insbesondere zwischen jungen Türken und Deutschen.
Heine: Diese Beobachtung gibt es im Grunde seit den Attentaten auf Türken in Mölln und Solingen. Da hat sich insbesondere in der jüngeren Generation, die gerade zur Assimilation tendierte, eine andere Grundhaltung entwickelt, die sagte: Gut, die Deutschen wollen uns nicht, dann wollen wir sie auch nicht. Wenn eine Minderheit angefeindet wird, wird sie darauf reagieren. Das ist so.
weiter im Spiegel


Außerdem darf man nicht den Fehler machen und der jeweiligen Propaganda aufsitzen. Denn nicht jeder Terror der religiös begründet ist, stellt sich nach Analyse der Motive auch als "religiöser Terror" heraus.

Olivier Roy, weltweit anerkannter Politologe meint:


Islamistische Terroristen, einsam und entwurzelt

Olivier Roy sieht im Fundamentalismus kein religiöses Motiv.
Selbstmordattentäter würden häufig im Westen radikalisiert. Die Bedrohung komme nicht von irgendeinem Ort, in den man einmarschieren oder den man besetzen könne. Daher sei es für den Westen so schwer, im Kampf gegen den Terror zu bestehen.

Was haben die Terroristen, die 2009 Anschläge auf die USA verüben wollten, miteinander gemein? Inwieweit sind sie dem arabischen Nahen Osten verbunden, der oft als Wiege islamischer Radikalisierung dargestellt wird? Sehr wenig, scheint die Antwort zu lauten.

Was aber verbindet Umar Farouk Abdulmutallab, den in Nigeria geborenen, in Großbritannien ausgebildeten, im Jemen trainierten Mann, dessen Sprengstoffattentat auf ein Flugzeug am Weihnachtstag scheiterte, dann mit Anwar al-Awlaki, dem radikalen islamischen Hassprediger, der ein Ingenieursdiplom von der Colorado State University besitzt und keinen arabischen Magister in Theologie? Und was verbindet ihn mit Nidal Malik Hasan, dem US-Army-Psychiater palästinensischer Herkunft, der im November im texanischen Fort Hood Amok gelaufen ist?

Um das zu begreifen, müssen wir weniger bekannte Aktivisten hinzuzählen, etwa Daniel Patrick Boyd, einen weißen, zum Islam konvertierten US-Bürger, dem vorgeworfen wird, in North Carolina eine Dschihad-Gruppe gegründet zu haben, und Bryant Neal Vinas, einen hispanischstämmigen US-Bürger aus Long Island, der sich im vergangenen Jahr schuldig bekannt hat, al-Qaida Beihilfe geleistet zu haben.

Kovertiten sind bei Al-Qaida überrepräsentiert

All diese Männer sind keine frommen, nahöstlichen Muslime, die eine vom Krieg verheerte fundamentalistische Gesellschaft verlassen haben, um den Westen anzugreifen. Die meisten von ihnen haben nur entfernte Verbindungen zum Nahen Osten. Konvertiten sind unter Al-Qaida-Aktivisten überrepräsentiert, von José Padilla bis zu Dhiren Barot, der 2006 in Großbritannien verurteilt wurde, weil er unter anderem einen Sprengstoffanschlag auf die New Yorker Börse geplant hatte. ..."
weiter:
Analyse: Islamistische Terroristen, einsam und entwurzelt - WELT ONLINE

Wer mehr über die Begründungen der Analysen von Roy nachlesen möchte, möge sich diese Artikel mal anschauen:

kürzeres Interview:

Interview: Lasst uns aufhören, über Religion zu reden! | Frankfurter Rundschau

ausführlicher:
9/11: Terror aus dem Westen - ZEIT ONLINE
terrorismus: Wiedergeboren, um zu töten - ZEIT ONLINE




Aufgebauschte islamistische Terrorängste führen nun bei uns zu immer mehr bürgerlichen Einschränkungen. Angesichts der realen Gefahr (die durchaus gegeben ist), frage ich mich manchmal nach der Verhältnismäßigkeit, erst recht in der medialen Darstellung. Wie sieht denn die organisierte Kriminalität in Deutschland z.B. durch Mafia aus Italien/Russland/etc. aus? Da hört man nur mal was, wenn mal wieder ein Bandenkrieg auf dem Kiez herrscht, sonst eher Schweigen im Blätterwalde... Zumindest in meiner Wahrnehmung als Nachrichtenjunkie. Aber geradezu Medien-"Hysterie" beim islamistischen Terrorismus, genauso wie die Berichterstattung über die Kriminalität in den USA in den letzten 30 Jahren und deren Folgen für deren Gesellschaft (Reality-TV mit Livebildern z.B. aus Hubschraubern von Verhaftungen und Schusswechsel. Folge: Steigende Waffenverkäufe). Wie oben schon angemerkt, offensichtlich gibt es einen Bedarf der Leserschaft etwas zum dschihadistischen Terror zu lesen. Angefacht durch Medienkampagnen und Themensetzung.
Driften wir in amerikanische Verhältnisse, oder gehen wir den Weg von Kanada?
Keine Ahnung...


Zum Schluss noch kurz was zum Schmunzeln:



(Bildquelle: Wikimedia Commons, Sebastián García)

Kommentare:

  1. Was sagt uns das?
    Zahlenmäßig dominiert der linke Terror (PKK, IRA, ETA)
    Einmal nimmt man 2006, dann mal wieder ein anderes Jahr...
    Übrigens zitiert rechtaußen gerne die Islamisten
    http://de.altermedia.info/general/muslim-markt-europa-muss-sich-befreien-von-norwegen-geht-die-neue-chance-aus-24-07-11_68497.html

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  2. Es ging mir darum aufzuzeigen, dass die oft anzutreffende Befürchtung der Bevölkerung vor "dem" Islam oder genauer vor dem dschihadistischen Terrorismus nicht unbegründet ist, aber in der Hysterie, die man manchmal wahrnimmt übertrieben ist, angesichts der realen Zahlen an Anschlägen und der Gefahren von anderen Terrorgruppen.
    Und das Rechtsextremisten und Islamisten gemeinsame Schnittmengen haben, und Rechtspopulisten und die Islamisten sich gegenseitig für ihre jeweiligen Feindbilder benötigen, ist allseits bekannt, oder sollte es zumindest sein.

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  3. Die Frage sollte nicht sein, wie viele Terroramschläge aufs Konto von wem auch immer gehen, sondern wie viele dabei umkommen.
    Global betrachtet ist der islamistische Terror da weit vorne. Auch in Europa und in den USA wurden in den letzten Jahren deutlich mehr Menschen von islamisten umgebracht als von anderen terroristen. Vergleiche mal 9/11 und Fort Hood mit den Anschlägen von Kommunisten, Latinos(?) oder die Anschläge in madrid und London mit denen von der ETA oder den irischen Terroristen. Die Islamisten liegen auch hier vorne. Global betrachtet ist der Anteil noch viel größer.
    Zeitungen rechen nicht mit spitzen Bleistiften, sie kümmern sich nun mal um das Spektakulärste, und dass sind nun mal die mit den meisten Todesopfern. Der Artikel macht für mich deshalb leider den Eindruck einer Verharmlosung mit statistischem Gerede.
    Auch kann ich nicht verstehen, wie du implizieren kannst, das Terroristen "einsame" und "entwurzelte" Menschen sind und dementsprechend auch hier ein Stück verharmlost(Würdest du dass auch über Breivik sagen?).
    Mit diesem Thema habe ich mich auch schon befasst:
    http://arprin.wordpress.com/2011/05/17/terroristenversteherlogik/

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  4. Mag sein, dass die Anzahl der Toten durch Terror von Exmuslimen (z.B. hat die recht autoritative theologische Universität Al-Azhar quasi die Terroristen von Al-Qaida "exkommuniziert"), mehr ist, als bei anderem Terror (was noch zu belegen wäre. Es gehen oft Meinungen und Fakten bei diesen Themen unter!) Und ich schrieb oben ja auch, dass 9/11, Madrid, London, usw. schon recht oder sogar sehr "spektakulär" waren, insofern die Medienberichterstattung für diese Ereignisse absolut gerechtfertigt ist. Aber 1. ist nicht jeder Terroranschlag durch islamistische Häretiker (besonders nicht die im Nahen Osten, die den höchsten Anteil machen, und zudem den größten Teil der muslimischen Opfer bilden) gleich ein religiöser Terroranschlag, sondern meist ein separatistischer, machtpolitischer, wahnhafter, oder auch oft ein schlicht krimineller Anschlag. So spricht auch niemand vom christlichen IRA-Terror, obwohl dort die Religion eine prägnante Komponenten ist, denn die meisten haben erkannt, dass es tiefer liegende Gründe dafür gibt und gab, ebenso für den korsischen oder baskischen Terror, etc.
    2. Halte ich die Berichterstattung über "den" Islam oder den islamistischen Terror in den Medien für künstlich aufgebauscht und manchmal gar hysterisch, denn schaut man sich eben an, wie oft in 365 Tagen im Jahr ich Opfer eines Anschlags in Europa werden kann (ich kann ja nur einmal sterben, ob mit 100 Leichen nehmen mir, oder nur mit einer Leiche nehmen mir, ändert nix an dieser Tatsache), dann ergibt sich zwangläufig eine höhere Wahrscheinlichkeit für mich gerade dann an einem Ort mich aufzuhalten, wo ein "nichtislamistischer" Anschlag erfolgt.

    Ziel meines obigen Postings ist außerdem nicht die Verharmlosung des Terrors, egal ob von Exmuslimen, oder von anderen, sondern die korrekte Einordnung in das weltweite "Terrorgeschehen" zwecks Abbau von Ängsten. Ängste entstehen oft durch Unkenntnis. Viele Menschen, die täglich die Zeitungen lesen, denken sicherlich, dass der nächste islamistische Anschlag kurz bevor steht und fürchten sich - wie Umfragen belegen. Dabei wissen sie kaum was vom Terror der ETA, während sie Urlaub in Spanien machen oder dem Terror der International Sikh Youth Federation, während sie Sightseeing in London machen. Daher haben sie davor auch keine Angst (sollten sie auch nicht, angesichts der geringen Zahl der Anschläge pro Jahr).

    Und ja, die meisten Terroristen sind wohl einsam, einsam in ihrer Kapsel des Wahns, der Neurose, der Paranoia, z.B. von der jud. Weltverschwörung, von der unmittelbar bevorstehenden Islamisierung Europas, von einem göttlichen Auftrag. In diese Kapsel fern der Realität können durchaus viele Menschen unbewusst oder bewusst hinein gezogen werden, siehe den verbreiteten Rechtspopulismus, siehe die Verbreitung von Verschwörungstheorien anderer Art.

    Also, man sollte sich nicht durch Angst verrückt machen lassen, weder vor islamistischem Terror, noch durch rechtspopulistischem (oder neo-rechtsradikalem) Terror. Man sollte auch die Medien anschreiben, in ihrer Berichterstattung mal ausgewogener zu werden, nicht so alarmistisch. Denn wie sagte schon Yoda: "Furcht führt zu Wut, Wut führt zu Hass, Hass führt zu unsäglichem Leid"

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