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Dienstag, 27. März 2012

Artikelserie: Islamismus

Muhammad Badi'e, aktueller Vorsitzender der ägyptischen Muslimbruderschaft.
Wie oft bei islamistischen Führern, ein religiöser Laie, also ein ausgebildeter Tierarzt,
kein ausgebildeter Theologe oder religiöser Rechtsgelehrter.

Ich fasse hiermit mal einige zusammenhängende Blogpostings zusammen, und versehe dann dieses Posting mit dem Label "Artikelserien", damit man sie schneller über das rechte Menü finden kann.






(Bildquelle: Wikimedia Commons)

Chronologie des Osmanischen Reiches

Osmanisches Reich in seiner größten Ausdehnung im 16./17. Jahrhundert.

Chronologie des Osmanischen Reiches



1071 Schlacht von Mantzikert/Malazgirt: Der Seldschuke Alp Arslan besiegt die Byzantiner in Ostanatolien
1177 Die Seldschuken nehmen Malatya ein, einen Hauptsitz der mit ihnen konkurrierenden Danişmendiden
1204 Besetzung Konstantinopels durch die Kreuzfahrer; Gründung des Kaiserreichs von Trapezunt (Trabzon)
1220-37 Herrschaft Alaeddin Keykubad I., seine Herrschaft gilt als Höhepunkt der rumseldschukischen Epoche
1243 Seldschuken werden nach verlorener Schlacht am Kosedağ Vasallen der Mongolen (Ilkhaniden)
1261 der Basileus Michael VIII. gewinnt Konstantinopel zurück
1261-1300 Gründung der Fürstentümer Menteşe, Aydın, Saruhan, Karesi und Osmanlı (Osmanen) in Westanatolien
1288/9 überliefertes Todesjahr von Ertuğrul Gazi, dem Vater Osmans
ca. 1289/90 oder 1281-1324(?) Osman I.
1303 der letzte Seldschuke, Alaeddin Keykubad III., wird durch die Ilkhaniden hingerichtet
1324-62 Orhan
1324 stellt Sultan Orhan die älteste bekannte osmanische Urkunde aus
1326 osmanische Eroberung von Bursa, sie wird zur ersten Residenzstadt ausgebaut
1331 osmanische Eroberung von Nicaea (Iznik)
1335 Ende der mongolischen Ilkhaniden im Iran
1351 osmanische Militärallianz mit Genua gegen Venedig
1354 osmanische Einnahme von Ankara und Gallipoli
1361 oder 1369 osmanische Eroberung von Adrianopel (Edirne), sie wird Hauptstadt bis 1453
1362–89 Murad I.
1363–65 osmanische Expansion ins südliche Bulgarien und Thrakien
1371–73 osmanischer Sieg an der Maritza; Byzanz und die Balkanfürsten akzeptieren die osmanische Oberherrschaft
1373 Murad I. und der byzantinische Kaiser verbünden sich gegen ihre rebellischen Söhne; der Papst verurteilt diese Allianz (1374)
1376 Andronikos V. mit osmanischer Hilfe byzantinischer Kaiser, übergibt Gallipoli/Gelibolu an die Osmanen.
1385 osmanische Eroberung von Sofia; Heerführer Gazi Evrenos besetzt Thessalien
1386 türkischer Karamanenfürst in Anatolien unterwirft sich den Osmanen
1388 der Bulgaren-Zar Schischman unterwirft sich; 1393 verschwindet das bulgarische Reich mit der Einnahme von Tarnovo; Stiftung des Nilüfer Imâret in Iznik von Murad I. zum Andenken an seine Mutter
1389 osmanischer Sieg auf dem Amselfeld (Kosovo Polje) über eine Koalition von Balkanfürsten; nach der Schlacht wird Murad nach serbischer Überlieferung Opfer eines Attentats; ab jetzt verstärkte Eroberung anatolischer Kleinfürstentümer; ein schweres Erdbeben beschleunigt den Untergang der südwestanatolischen Fürstentümer von Menteşe und Aydın
1389-1402 Bayezid I. Yıldırım ("Der Blitz")
1394 Bayezid I. versucht Konstantinopel einzuschließen; im selben Jahr erreichen die Osmanen die Donaulinie; fast gleichzeitig gelangt der Mongolenherrscher Timur in Besitz von Erzincan
1396 Schlacht von Nikopolis, Bayezid I. besiegt europäisches Kreuzfahrerheer unter Sigismund von Ungarn
1402 Schlacht von Ankara, Zusammenbruch von Bayezids Reich, Wiederherstellung der Fürstentümer Anatoliens durch Timur Lenk
1403–13 Interregnum der Kronprinzen Bayezids
1413–21 Mehmed I. hat sich im Interregnum als Alleinherrscher durchgesetzt
1420 Abschluss der Befriedung Anatoliens durch den Sultan
1421–44 und 1446–51 Murad II.
1423–30 Sieg der Osmanen im osmanisch-venezianischen Krieg um Thessaloniki (Selanik)
1424 Grüne Moschee in Bursa wird nach zehnjähriger Bauzeit vollendet
1425 osmanische Annektierung von Izmir und die Rückeroberung Westanatoliens, vollendet spätestens 1430
1439 osmanische Annexion Serbiens und Einnahme Smederevos
1443 ungarischer Reichsverweser János Hunyadis Einfall in den Balkan
1444 Erneuerung der serbischen Herrschaft; Sieg über europäisches Koalitionsheer bei der Schlacht von Varna; Friede von Edirne
1444–46 und 1451–81 Mehmed II. Fatih ("der Eroberer")
1447 Üç Şerefeli Moschee (Moschee mit den drei Umgängen) wird nach zehnjähriger Bauzeit in Edirne vollendet
1448 zweite Schlacht auf dem Amselfeld (Kosovo Polje) mit der Niederlage Hunyadis
1453 Eroberung von Konstantinopel (Istanbul); Fall von Pera
1459 Eroberung von Serbien und der Morea, Baubeginn des Topkapı-Serail (bis 1478)
1461 Eroberung des Reiches von Trapezunt (Trabzon), der letzten griechischen Herrschaft in Kleinasien
1463–79 Krieg mit Venedig
1468 endgültige Eroberung von Karaman
1470 Eröffnung des Baukomplexes der Eroberermoschee Sultan Mehmed II. in Istanbul
1473 Sieg Mehmeds II. über den Fürsten der Akkoyunlu, Uzun Hasan, in der Schlacht von Başkent/Otluk Beli; erste osmanische Vorstöße nach Kroatien, Kärnten und in die Kraina
1475 Inbesitznahme der genuesischen Handelskolonien auf der Krim
1479 Apulienfeldzug mit der Einnahme von Otranto durch Ahmed Gedik Paşa (bis zum Tode Mehmeds 1481 in Besitz)

Sonntag, 25. März 2012

Geschichte und Kultur des Nahen Ostens - Muhammad

Mezquita-Catedral von Córdoba (Spanien),
umayyadischer Bau, begonnen 784
Heute möchte ich den Anfang einer unregelmäßigen Artikelserie starten, die einen wissenschaftlichen Überblick über die Geschichte des Islams und des Nahen Ostens gibt. Dazu gibt es auf zahlreichen Universitätsservern Vorlesungen oder Materialien, die hier zusammengefasst werden sollen. Diese sind mitunter auch seriöser, als so mancher Wikipedia Artikel, die manchmal in diesen Bereichen eine Schieflage haben, oder gänzlich für islamwissenschaftliche Antworten ungeeignet sind. (Dennoch verlinke ich öfters dahin, zwecks erster Orientierung oder weiterführender Links)

Dabei gehe ich deskriptiv vor, beschreibe also zum Beispiel, was es zu bestimmten Zeiten oder in bestimmten Regionen geheißen hat, ein Muslim zu sein, wie der Islam so wurde, wie wir ihn heute kennen, auf welcher Basis an Texten, Interpretationen, wir zu welchen Schlussfolgerungen kommen. Mitunter kommen auch durchaus abweichende Meinungen in der Gelehrtenwelt zu Wort, wenn sie gewisse Relevanz haben, oder es werden die unterschiedlichen Thesen zu bestimmten Zeiten vorgestellt, um zu demonstrieren, wie die Kenntnisse entstanden waren. Es wird dabei versucht islamwissenschaftlich zusammenzufassen, also nicht bekenntnisorientiert oder islamtheologisch. Dies ermöglicht mitunter einen Betrachtungsgegenstand von mehreren Seiten zu betrachten, also zum Beispiel nicht nur eine sunnitische Sicht der Dinge, sondern auch mal die schiitische Sicht zu betrachten.

Etliches mag vor allem Muslimen schon bekannt sein, anderes wird völlig unbekannt sein, zumindest die Wechselwirkungen diverser Entwicklungen oder Ereignisse, ich gehe jedenfalls von kaum Vorkenntnissen bei meinen Beschreibungen aus.
Ich verwende dabei die übliche Zeitrechnung nach Christus, ohne damit irgendeine Aussage zu verknüpfen. Die Koranübersetzungen folgen der Übersetzung von Rudi Paret.

Es werden zum Beispiel folgende Vorlesungen dafür verwendet:

Einführung in die Geschichte der islamischen Länder von Prof. Dr. Jürgen Paul

Geschichte und Geographie der islamischen Welt (Vorlesung WS 2004/2005) von Prof. Dr. Ulrich Rebstock
und vor allem:
Podcast-Tipp: Einführung in die Geschichte und Kulturen des Nahen Ostens von Prof. Dr. Thomas Eich


Muhammad

Muhammad wurde wahrscheinlich um 570 in Mekka geboren. Diese Region ist vor allem durch Oasenwirtschaft geprägt, wobei ungewöhnlicherweise Mekka durch Handel und einer vorislamischen Pilgerstätte und der Wallfahrt dorthin prosperierte. Es handelt sich dabei um die Kaaba (siehe Blogpost), die damals im Zentrum eines polytheistischen Kultes stand. Über die damalige Zeit sind wir relativ schlecht informiert, denn außer dem Koran gibt es kaum Quellen, und bis heute konnten kaum durch archäologische Ausgrabungen die Kenntnisse erweitert werden. (Später einmal mehr dazu.)

Muhammad wuchs relativ früh als Vollwaise auf, denn sein Vater Abdullah starb schon vor der Geburt und seine Mutter Āmina als er sechs Jahre alt war. Er wurde dann von Familienmitgliedern des Clans der Banu Haschim großgezogen, besonders von seinem Onkel Abu Talib (dem Vater des späteren vierten Kalifen Ali ibn Abi Talib). Sein Onkel war wahrscheinlich auch der Führer der Sippe. Obwohl er nie Muslim wurde, beschützte er doch Muhammad, selbst wenn es negative Folgen für die Sippe ergab, aber hier wirkte das arabische Prinzip des Tribalismus. Die Banu Haschim waren zu dieser Zeit noch kein führender Clan Mekkas. Er erlernte den Beruf des Händlers, und begleitete Karawanen bis hin nach Syrien, wo er wahrscheinlich mit Christen in Kontakt kam. Dabei erwarb er sich wohl den Beinahmen al-Amin, also "der Zuverlässige". Es ist allerdings umstritten und nicht endgültig geklärt, ob nicht dieser Name sein eigentlicher Name war, und Muhammad, also "der Gepriesene" eher sein Beiname war.
Etwa 595 heiratete er eine 15 Jahre ältere reiche Kaufmannswitwe, Chadidscha, mit der er bis zu ihrem Tod ca. 25 Jahre lang monogam zusammenlebte. Erst nach ihrem Tod begann Muhammad damit mehrere Frauen zu ehelichen. Bis zu seinem ersten Offenbarungserlebnis ist kaum etwas bekannt, und das was überliefert wurde, ist eher als legendenhaft anzusehen. Das was als ziemlich sicher gilt ist eine Angewohnheit Muhammads sich einmal im Jahr ungefähr einen Monat lang zur Mediation in eine Höhle auf dem Berg Hira bei Mekka zurückzuziehen. Dieses Zurückziehen machten etliche seiner Zeitgenossen ebenfalls, wenn sie spirituell Suchende waren. Diejenigen, die diese Askese- und Mediationsübungen vollzogen, wurden Hanifen genannt. In dem Berg Hira erlebte er dann auch seine erste Offenbarung gegen 610, in muslimischer Vorstellung durch den Erzengel Gabriel. Diese Offenbarungen setzten sich bis zu seinem Tode 632 fort. Dabei kamen allerdings diese Offenbarungen an allen Orten vor, nicht nur in der Höhle des Berges Hira. Aus diesen Offenbarungen entwickelte sich einige Zeit nach Muhammads Tod dann das gebundene Buch des Korans (ca. Mitte des 7. Jahrhunderts).
Die Koranverse wurden im Sadsch'-Stil offenbart. Das ist ein Reim- oder Metrum-Stil, indem die Texte durch gemeinsame Endkonsonanten zusammengehalten werden. Unter anderem dadurch zeigt sich, dass die Offenbarungen dazu da waren, memoriert, also auswendig gelernt zu werden, um dann vorgetragen zu werden. Das ist auch die Bedeutung des Wortes Koran: Lesung, Rezitierung, Vortrag. Das sollte man immer im Hinterkopf behalten, wenn man über den Koran spricht, dass eben die Rezitation, die orale, also mündliche Weitergabe, ein wichtiges Element des Korans darstellt. Jedenfalls wurden schon damals wohl Teile des Korans zur Erleichterung des Auswendiglernens auf diversen Materialien wie Stein, Leder, Holzstücke, etc. zumindest stenographieähnlich festgehalten.
Mit diesen Offenbarungen machte sich nun Muhammad daran, zuerst sein unmittelbares Umfeld, also seine Familie, seine Sippe davon in Kenntnis zu setzen. Er wandte sich mit den frühen Offenbarungen vor allem gegen die Polytheisten in seiner unmittelbaren Umgebung, erst in einer zweiten Phase öffentlich an die anderen Mekkaner. Er begriff sich dabei zuerst vorrangig als Warner, dann ab seiner Zeit in Medina verstärkt als Religionserneuerer, als Reformer der bestehenden monotheistischen Religionen Judentum und Christentum. Es gab auch schon Elemente in seinen frühen Predigten, die einen sozialen Wandel einleiten sollten. So forderte er beispielsweise in dieser frühen Phase bereits ein Almosen für die Armen ein. Aus diesen Forderungen des Korans entwickelte sich später dann im islamischen Staatsrecht das Konzept der Pflichtabgabe Zakat. Das ist aber nicht das gleiche, denn bei der Zakat hat letztlich meist der Herrscher zu entscheiden, wofür es Verwendung finden soll. Er soll damit zwar etwas wohltätiges tun, doch heißt dieses nicht zwangsläufig, dass er damit auch die Armen unterstützt, abgesehen davon, dass es z.B. dem Kalifen obliegt zu definieren, was "wohltätig" heißt, und wer die Begünstigten sind. (Beispielsweise wäre die Errichtung einer Bibliothek etwas wohltätiges, betrifft aber kaum die analphabetischen Armen einer Stadt.)

Im Umfeld Muhammads waren Christentum und Judentum bekannt. Im Koran wird dieses deutlich, und der Koran greift auch einige Konzepte dieser monotheistischer Religionen auf. Die zentrale Botschaft Muhammad war, es gibt einen einzigen übersinnlichen, transzendentalen Gott, der allmächtig, allbarmherzig, allwissend ist, und der von den Menschen verlangt, dass diese sich recht verhalten mögen, damit sie dann am Jüngsten Tag gerichtet werden können. Dabei wird dann entschieden, ob man ins Paradies gelangt, oder in die Hölle kommt. Dieses Thema prägte die Botschaft in den frühen Offenbarungen sehr stark, zum Beispiel in Sure 82:1 ff:
Wenn (dereinst) der Himmel sich spaltet, die Sterne (ihren Standort aufgeben und) sich (nach allen Richtungen) zerstreuen, die Meere über die Ufer treten und die Gräber ausgeräumt werden, bekommt einer zu wissen, was er früher (an guten Werken) getan, und was er versäumt hat.
Diese Botschaft Muhammads wurde von den meisten Mekkanern zurückgewiesen, denn das Thema Leben nach dem Tod war der große Unterschied zu den Polytheisten. Dies zeigt sich auch im Koran (45:24):
Und sie [die Polytheisten] sagen: "Es gibt nur unser diesseitiges Leben. Wir sterben und leben (in diesem Rahmen), und nur die Zeit (die allem, was existiert, den Stempel der Vergänglichkeit aufdrückt) (dahr) läßt uns zugrunde gehen." Sie haben aber kein Wissen darüber und stellen nur Mutmaßungen an.
Zu Beginn seiner Offenbarungen glaubten ihm also nur sehr wenige seines Umfeldes, als eine der ersten, die ihm glaubten und dann auch unterstützten gilt seine Frau Chadidscha.
Es gab vor allem zwei Argumente mit denen seine Gegner gegen ihn argumentierten:
  1. Die Sprache der Offenbarungen im oben erwähntem Sadsch'-Stil erinnerten seine Gegner an die ähnlichen Verse von zeitgenössischen Wahrsagern (kahin) und Stammesdichtern. Wieso sollte es sich also bei Muhammad um etwas anderes handeln, so dachten die Polytheisten. Hinzu kommt, dass die Vorstellung vorherrschte, dass diese Wahrsager und Stammesdichter als von Geistern besessen angesehen wurden. Das war also die Schublade, in die das Umfeld ihn steckte. Dazu schreibt auch der Koran (38:4):
    Sie wundern sich darüber, daß ein Warner aus ihren eigenen Reihen zu ihnen gekommen ist. Und sie sagen in ihrem Unglauben: "Dies ist ein verlogener Zauberer. Will er denn aus den (verschiedenen) Göttern einen einzigen Gott machen? Das ist doch merkwürdig." 
  2. Der zweite Vorwurf war der, dass Muhammads Offenbarungs-Verse nicht eigenständig seien, er habe dieses alles nur von den Juden und Christen abgeschaut, kopiert. Der Koran berichtet auch hier davon, in Sure 25:4 ff.:
    Und sie sagen: "Das ist nichts als ein Schwindel (ifk), den er ausgeheckt hat, und bei dem ihm andere Leute geholfen haben." Sie begehen aber (mit einer solchen Aussage) Frevel und (machen sich der) Lügenhaftigkeit (schuldig). Und sie sagen: "(Es sind) die Schriften der früheren (Generationen), die er sich aufgeschrieben hat. Sie werden ihm morgens und abends diktiert." Sag: (Nein!) Der hat ihn herabgesandt, der (alles) weiß, was im Himmel und auf Erden geheimgehalten wird. Er ist barmherzig und bereit zu vergeben.
Die Gegnerschaft der Mekkaner gegenüber Muhammad ist aus zwei Gründen nicht verwunderlich: 1. Bedrohte Muhammad mit seiner Botschaft die ökonomische Haupteinnahmequelle der Stadt, bzw.der Polytheisten, nämlich die Pilgerfahrt zur Kaaba. 2. Hätte die Befolgung der Offenbarungen immense Folgen für die soziale Ordnung in Mekka gehabt. Da Muhammad sich als Gesandter Gottes sah, hätte er eine völlig neue hierarchische Position im Mekka erhalten, hätten denn seine Missionsbemühungen breiten Erfolg gehabt. Zudem war es unter den Polytheisten bisher so, dass die Legitimation für Handlungen dadurch gegeben waren, dass es die Bräuche und Traditionen der Vorfahren waren, die man einfach tradiert und danach handelt. Durch Muhammads Lehren wäre nun anstelle der Vorfahren ein Gott getreten, der Legitimation für Handlungen verleihen würde. Das heißt, alle bisherigen tradierten Regeln würden durch Muhammads Anweisungen - nur ein transzendentaler Gott könne darüber entscheiden, was rechtes Handeln bedeutet - obsolet werden. Das alles erinnert an die Folgen des Christentums im antiken Römischen Reich, z. B. die Reaktionen der Mission von Paulus von Tarsus in Ephesos.
Durch das Werben für den Islam, das Warnen vor der Hölle, usw. kam es immer wieder zu konkreten Streitereien zwischen den polytheistischen Mekkanern und Muhammads ersten Anhängern, den Muslimen. Diese konnten jedoch meistens beigelegt werden. Diese Konflikte waren auch deshalb nicht verwunderlich, weil Muhammad nicht nur die anderen Stämme oder Clans Mekkas kritisierte, sondern auch vor seinem eigenen Stamm nicht Halt machte, was ganz entgegen den Gepflogenheiten des tribalen Verhaltensmusters erfolgte. Muhammads Gegner versuchten auf zwei Wegen seinen Einfluss in Mekka zu beschneiden: Einerseits gingen sie massiv auf sozial schwächer gestellte Anhänger Muhammads vor, bei dieser Gruppe hatte die Botschaft Muhammads übrigens die größten Erfolge gehabt. Durchaus auch mit physischer Gewalt, nicht nur durch Diskriminierung und Drangsalierung. Dieses Vorgehen hatte einigen Erfolg. Anderseits versuchten sie den Schutz des Stammes Banu Haschim für Muhammad aufzuweichen, dieses gelang allerdings nicht.

Montag, 19. März 2012

Iran und die Atombombe: Wie viel Zeit bleibt noch?

Ruhollah Chomeini, (1902-1989) war ein schiitischer Ajatollah und
 der politische und spirituelle Führer
 der Islamischen Revolution in Iran von 1978 bis 1979.

Heute ein Video eines Interviews mit Prof. Dr. Volker Perthes zu einer Frage, die seit Wochen in den Medien geistert: Iran und die Bombe, und was macht Israel? Mitunter ohne dabei viel Expertise dem Leser zugänglich zu machen. Denn das Säbelrasseln Israels eignet sich hervorragend Schlagzeilen zu gerieren, Angst zu schüren und: Umsatz zu machen. Differenziertere Stimmen stören da nur.

Es kommen solche Fragen zur Sprache, wie:

  • Iran und die Atombombe: Wie viel Zeit bleibt noch?
  • Gibt es nur eine militärische Option, die Atombombe zu vermeiden?
  • Gibt es noch diplomatische Möglichkeiten, wie sähen diese aus?
  • Lassen die militärischen Drohungen Israels mit einem Präventivschlag überhaupt noch Spielraum für diplomatische Lösungen?
  • Gibt es in den nächsten Monaten einen Militärschlag?
  • Was weiß man heute, wie nahe Iran der Atombombe ist?
  • Was bezweckt man mit der Eskalation der Drohungen gegenüber Iran?
  • Was möchte der Iran, möchte er tatsächlich die Atombombe?
  • Befürchtet Israel ernsthaft, dass der Iran sie angreift, sobald sie die Atomwaffen bauen?
  • Wie sieht das heutige Mächtegleichgewicht im Iran aus? Nach den Wahlen?
  • Welche iranischen Fraktionen gibt es, und was wollen diese?
  • etc.

Vom 18. März 2012:
Die Welt blickt besorgt auf Iran und dessen Atomprogramm. Lässt Teheran wirklich eine Atombombe entwickeln? Und droht deswegen ein militärischer Präventivschlag Israels? Was treibt Iran an? Und wie gefährlich ist die Lage wirklich?

Professor Volker Perthes ist Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin und einer der gefragtesten Experten für den Nahen und Mittleren Osten. Mit ihm unterhalten sich NZZ-Chefredaktor Markus Spillmann und Marco Färber über Machtverhältnisse und Triebkräfte in der iranischen Politik, über Stellenwert und Risiken der Atompolitik und über die Frage, was der richtige Umgang mit Iran wäre.

Dienstag, 3. Januar 2012

Debatte um den Islam - Wer bestimmt, was Muslime glauben?


Heute möchte ich auf eine interessante Probeausgabe (3/2010) der Zeitschrift zenith aufmerksam machen. Diese Zeitschrift beobachte ich schon länger, bietet sie doch mit die kenntnisreichsten Reportagen, Analysen, Hintergrundinformationen über den Nahen Osten in der deutschen Medienlandschaft. Abgesehen von Fachzeitschriften wissenschaftlicher Einrichtungen, deren Zielpublikum mitunter auch ein anderes ist. Und dieses uns übermittelte differenzierte und abseits von Tagesaktualität oft hervorragend tiefgründige Bild des Nahen Ostens kommt nicht von ungefähr: Sind doch die Redakteure Orientalisten oder angehende Orientalisten, meistens Islamwissenschaftler. Ihre im Studium erlernten Tugenden der genauen Recherche, der fundierten Quellensuche, des Blickes unter die Oberfläche, des komplexen differenzierendem Denken, der Betrachtung aus mehreren Blickwinkeln, und nicht zuletzt durch Auslandsaufenthalte erlernte soziale Kompetenz und Empathiefähigkeit, merkt man den meisten Artikeln an. Das bedeutet natürlich nicht, dass deren Qualität nicht auch schwanken kann. Doch meistens bieten die Artikel von zenith einen echten Mehrwert, verglichen mit anderen Medien, sofern dort nicht auch Orientalisten als Autoren beschäftigt sind.

Sie selbst beschreiben sich folgendermaßen:
zenith – Zeitschrift für den Orient ist das führende deutsche Magazin zum Nahen Osten, dem Maghreb und der muslimischen Welt. Kritisch, ausgewogen und kenntnisreich – diese Ansprüche stellt zenith an die eigene Berichterstattung.

Ein weltweites Netzwerk aus Autoren, Reportern und Fotografen zwischen Marokko, Israel, Iran und Indonesien, aber auch viele Korrespondenten in Europa wirken daran mit. Das Interesse an einer qualifizierten Orient-Berichterstattung ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Viele Medien konzentrieren sich jedoch vor allem auf Krisen und bewaffnete Konflikte: zenith ist vor Ort, bevor es knallt, und bleibt, wenn sich das Tränengas verzogen hat, um neben der großen Politik auch den Alltag der Menschen zu begleiten.

Um ein differenziertes Bild dieser Region zu vermitteln, gründeten 1999 in Hamburg sechs Studenten der Orientalistik das Magazin zenith, das inzwischen einen festen Platz am deutschen Zeitschriftenmarkt hat.

Neben Analysen, Hintergrundberichten und Top-Interviews bietet zenith starke, preisgekrönte Foto-Reportagen und Illustrationen. Die Schwerpunkt-Dossiers des Magazins beleuchten Themen des Zeitgeschehens auf unkonventionelle Art und Weise. Entscheidend für die Autoren ist die richtige Mischung aus journalistischer Aufbereitung und fachlicher Expertise. zenith versteht sich als Gradmesser für politische und soziale Entwicklung im Orient: das Magazin berichtet über diese Themen oft lange bevor sie Gegenstand der tagesaktuellen Medien werden. zenith versteht sich auch als Schmiede für junge Auslandsberichterstatter, die sich schwerpunktmäßig mit dem Nahen Osten und der islamischen Welt befassen. [...]

Täglich aktuell hingegen berichtet zenith auf www.zenithonline.de. Der gesamte Orient auf einen Klick: Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Kultur. Ein weltweites Netzwerk aus Journalisten berichtet vor Ort über die neuesten Entwicklungen und Geschehnisse.
Da ich gerade zuletzt einen Blogpost zu den neuen ethischen Fragen an den Islam durch Wissenschaft und Forschung verfasst habe, verlinke ich hier einen thematisch sehr passenden aktuellen Artikel von zenith:

Ein neues Jungfernhäutchen, bitte

Mai-Britt Wulf
Weltweit ist ein Anstieg der Hymenorrhaphie zu beobachten. Welche Motive treiben Frauen dazu, sich das Jungfernhäutchen wiederherstellen zu lassen und wie wird im Nahen und Mittleren Osten auf diese Entwicklung reagiert? [...]
Doch kommen wir nun zu dem Blogtitel und den Artikeln aus zenith, der der eigentliche Grund für meinen Post bilden. Ist doch diese Frage, wer bestimmt, was Muslime glauben gerade hochaktuell bezüglich der in Deutschland an einigen Universitäten neu geschaffenen bekenntnisorientiertem Studiengang Islamische Theologie, nach Vorbild der evangelischen und katholischen Fakultäten. Obwohl diese Ausgabe von 2010 ist, noch vor dem arabischen Frühling, zeigt sich doch die Qualität der Artikel daran, dass sie auch jenseits der Tagesaktualität interessant bleiben, Hintergründe erläutern, und einige auch ebenso heute wieder erscheinen könnten.

Kampf um den Islam

Das Ringen um Macht und Moral – eine Spurensuche von der Frühzeit des Islams bis zum radikalen Fundamentalismus heute

Los geht es mit einer Fotoserie:
Tee mit Terroristen

Wie resozialisiert man Gotteskrieger?
Saudi-Arabien versucht es im Umerziehungslager von Hayar auf die sanfte Art und Weise

Weiter geht es mit dem ersten interessanten Artikel:
Eine Religion im Belagerungszustand

Der Streit um den richtigen Glauben spaltet die Gemeinschaft der Muslime seit dem Tod des Propheten. Aber nie zuvor war die Deutungshoheit über den Koran so umkämpft wie heute. Dafür sind nicht zuletzt die westlichen Islam-Debatten verantwortlich

Der Kampf um den Islam begann am 15. März 2010. An diesem Tag weigerte sich eine Gruppe Gläubiger, die ihr auferlegten Pflichten zu erfüllen. Spannungen hatte es schon zuvor gegeben, nun trat das Zerwürfnis offen zutage. Es ging um Geld, aber auch um Macht und Ideologie; einige der Delinquenten betrachteten ihre Mission sogar als dschihad, als »heiligen Kampf«. Kurzzeitig sah es nach einem Sieg der Rebellen aus, doch dann verloren sie ausgerechnet ihren prominentesten Unterstützer. Die Auseinandersetzung führte schließlich zur Abspaltung der Gruppe, die sich einen neuen Namen gab und versprach, die ursprüngliche, ja »wahre« Mission fortzuführen. Dies zumindest kann man auf OnIslam.com nachlesen, das von der geschassten Redaktion des Internet-Portals IslamOnline.net seit kurzem betrieben wird. Zwischen den Redakteuren und ihrem damaligen Arbeitgeber war im Frühjahr ein bizarrer Machtkampf entbrannt. Die Website IslamOnline, eines der einflussreichsten Islam-Portale weltweit, gehört einer in Katar beheimateten Stiftung. Als die Inhaber die Verlagerung der redaktionellen Arbeit in das Golfemirat ankündigten und über Nacht die Passwörter wechselten, gingen die 330 Mitarbeiter in Kairo in Streik: Abgeschnitten vom Zugang zu ihrer eigenen Seite, besetzten sie ihrerseits über Wochen das Gebäude – letztlich erfolglos. [...]
Wer bis hierhin "lediglich" einen Artikel über einen lokalen Streit erwartet, der sollte weiterlesen, denn der Artikel behandelt weit mehr, wie die mitunter durchaus provokativen Zwischenüberschriften und Einschübe verdeutlichen:
  • 14 Jahrhunderte nach Muhammads Tod wirkt die Gemeinschaft der Muslime gespalten und führungslos
  • Es ist die zentrale Frage in einem Machtkampf um Glauben und Sünde: Wann hört ein Muslim auf, Muslim zu sein?
  • Wer bestimmt auf Dauer, was die mehr als eine Milliarde Muslime auf der Welt glauben sollen?
  • Ist der Kalif Uthman zu Recht getötet worden?
  • Verspätete Medienrevolution in der arabischen Welt
  • Selbst wie man einen Dschihad zu führen hat, ist unter Radikalen inzwischen umstritten
  • Die Schiiten – eine »lauernde Schlange«
  • Was Islam bedeutet, kann heute nicht mehr ohne den Westen diskutiert werden
  • Europa fungiert als Zerrspiegel für den Islam
Ihr seht schon, alleine diese Zwischentitel machen Lust den Artikel zu lesen...

Weiter geht es mit einem Interview eines der weltweit bedeutendsten Kenner der islamischen Theologie. Hoch aufschlussreich:
»Der Koran ist eine reformatorische Schrift«

Wann wurde der Islam zum Islam? Der Orientalist Josef van Ess im zenith-Gespräch über Prophetengenossen, verrückte Gnostiker und die Gebetsgymnastik der frühen Muslime

zenith: Herr van Ess, seit wann gibt es den Islam?
Josef van Ess: Diese Frage ist überhaupt nicht zu beantworten. Zumal man ja schon unterschiedlicher Meinung darüber ist, seit wann es den Koran gibt. Eines ist klar: Als es den Koran gab, gab es noch lange nicht den Islam.
zenith: Wie ist das zu verstehen?
Josef van Ess: Eine Religion braucht Generationen, bis sie weiß, warum sie da ist. Als Offenbarungsreligion hat der Islam bestimmte Grundvoraussetzungen: ein Gottesbild und die Notwendigkeit eines Stifters etwa. Aus diesen Voraussetzungen folgen Optionen. Und dann müssen Entscheidungen gefällt werden – was Zeit braucht, zum Teil Jahrhunderte.Durch diese Entscheidungen wird der Entscheidungsspielraum immer weiter eingegrenzt – sozusagen eine natürliche Erstarrung, die es bei allen Religionen gibt.
zenith: Häufig heißt es, der Islam brauche eine Reformation – einen »islamischen Luther«, um die Erstarrung aufzuhalten.
Josef van Ess: Ach, das ist doch ein alter Hut. Der Gedanke taucht schon im späten 19. Jahrhundert auf, und man hört es auch jetzt immer wieder. Dahinter steht der etwas amorphe Wunsch nach Reform, weil man mit der Gegenwart unzufrieden ist.Dabei ist schon der Koran eine reformatorische Schrift – insofern, als die älteren Religionen als Irrwege abgetan werden. Was natürlich eine Illusion ist: Der Koran ist nie zu den Anfängen zurückgekehrt. Aber dahinter steht vermutlich eine historische Erfahrung: Die Zeitgenossen des Propheten erlebten das Christentum nicht als einheitliche Religion, sondern als drei verschiedene »Kirchen«, die sich wüst beschimpften.
[...]
zenith: Sie zeichnen ein fast schon atomistisches Bild vom Islam.
Josef van Ess: Oder ich stelle das gängige Bild auf den Kopf. Die Pluralität steht am Anfang, die Einheit kommt später. Ein Fundamentalist würde es genau umgekehrt sehen. [...]
Zwischen den Artikeln kommen 18 höchst unterschiedliche Muslime zu Wort um zu definieren, was für sie "der Islam" sei.