Freitag, 9. September 2011

Folgen vom Terroranschlag des 11. September auf die Geschichte

Die brennenden Wolkenkratzer des World Trade Centers in New York
Nun jährt sich zum 10. Mal der Jahrestag des Terroranschlags von 9/11. Zeit also mal zurückzublicken und zu schauen, welche Bedeutung hatte eigentlich dieser Anschlag für die Zeitgeschichte. In den Medien wird ja jedes Jahr mit großem Aufwand dieses schrecklichen Ereignisses gedacht. Das ist auch gerechtfertigt. Jedoch kann diese alljährliche Flut an Informationen, Berichterstattungen, Dokumentationen nicht die Frage beantworten, ob der 11. September tatsächlich - gemessen an der Präsenz in den Medien - diese Bedeutung für die Weltgeschichte hatte, oder ob hier nicht andere Ereignisse langfristig bedeutsamer für den Gang der Weltgeschichte sind, zum Beispiel die schon fast vergessene Immobilienblase in den USA, die aber in den Medien weniger oft Erwähnung finden. Nicht zuletzt auch deshalb, weil diese anderen Ereignisse weniger spektakuläre Bildern liefern. In diesem Artikel geht es also um die Frage, welche langfristigen Folgen für die Welt dieser Terroranschlag des 11. September hatte. Sich also nicht durch die immense Berichterstattung in den Medien in der Frage der Gewichtung dieses Angriffes beeinflussen zu lassen, sondern Experten zu Wort kommen zu lassen für eine Einordnung in die Zeitläufte.

Als erstes eine Analyse des Nahostexperten Prof. Dr. Volker Perthes, den ich schon seit 15-20 Jahren verfolge, und dessen Analysen meistens auch mit meinen Einschätzungen deckungsgleich waren und sind. Zudem bewahrheiteten sich seine zukunftsgerichteten Analysen eher als bei so manchem Nahostexperten.

Die Folgen des 11. Septembers

Volker Perthes
Zehn Jahre danach: Die Anschläge vom 11. September 2001 haben zwar die westliche Politik verändert, aber nicht die Welt, analysiert Volker Perthes. Jetzt wäre es im Übrigen an der Zeit, einige Kurskorrekturen vorzunehmen.

Zwar hat sich die Welt seit dem Jahr 2001 dramatisch gewandelt, aber die vor zehn Jahren von Politikern und Journalisten so sicher formulierte Behauptung, nach dem 11. September werde „nichts mehr so sein wie zuvor“, hat sich so nicht bewahrheitet. Der Aufstieg von Ländern wie China, Indien oder Brasilien, die Finanz- und Verschuldungskrise sowie der arabische Frühling haben die Welt deutlich stärker verändert als die Anschläge vor zehn Jahren.
Natürlich haben die Attentate die Politik einzelner Länder ebenso wie die der Staatengemeinschaft beeinflusst. Aber eine Dekade danach lässt sich deutlich zwischen den temporären und den langfristigen Folgen dieser Ereignisse unterscheiden. Dabei fallen drei Aspekte ins Gewicht: der amerikanische Unilateralismus; die Politik des Regimewechsels; die Fokussierung der Außenpolitik sowohl in den USA als auch in Europa auf den Aspekt der Sicherheit, besonders was die islamische Welt betrifft.

US-Unilateralismus dominierte die ersten zwei, drei Jahre nach den Anschlägen. [...]


Doch diese unilateralistische Haltung hielt nicht lange vor. Die Schwierigkeiten im Irak und in Afghanistan, anhaltende Spannungen und kriegerische Auseinandersetzungen im arabisch-israelischen Konflikt, der Atomstreit mit dem Iran, der Aufstieg Chinas und anderer „neuer“ Mächte, ebenso wie der Kollaps von Lehman Brothers und die Finanzkrise – all das ließ Washington die NATO, seine Partnerschaft mit der EU und schließlich auch den Wert des Multilateralismus an sich wiederentdecken. [...]
Die Politik des "Regimewechsels" wurde bald wieder fallengelassen
Die Invasion im Irak 2003 hatte für eine kurze Zeit als Modell für den künftigen Umgang mit „Schurkenstaaten“ gegolten. Sie demonstrierte Amerikas Stärke, zugleich aber auch die Grenzen militärischer Macht. Aus gutem Grund wurde das Muster später nicht wiederholt. Sogar im Blick auf den Iran zielte die US-Politik relativ rasch nicht mehr auf einen Regime-, sondern einen Politikwechsel ab. [...]
Während also der amerikanische Unilateralismus ebenso wie die Politik des Regimewechsels eher kurzfristige Folgen der Anschläge vom 11. September waren, sind die Auswirkungen der „Versicherheitlichung“ der Außen- wie Innenpolitik deutlich langfristiger. [...]
Allerdings wurden auf beiden Seiten des Atlantiks scharfe Antiterrorgesetze verabschiedet, sowie Visa- und Zuwanderungsregeln verschärft.
Vor allem aber dominierte auf bisher nicht dagewesene Weise das Primat der Sicherheit die Beziehungen zu den Staaten des Nahen Ostens sowie zu muslimischen Ländern insgesamt – wodurch Aussagen über die Natur der politischen Systeme, die soziale und wirtschaftliche Entwicklung, die Qualität der Regierungsführung oder die Freiheit und Würde der Bürger dieser Länder völlig ins Hintertreffen gerieten. So ist auch im Zusammenhang mit den Umstürzen in Tunesien, Ägypten und anderen arabischen Staaten meist zuerst gefragt worden, ob diese Entwicklungen die Sicherheit des Westens bedrohen.
Europa und die USA müssen das Prisma anpassen, durch das sie den Nahen Osten seit 2001 betrachten
Für Europäer war der Begriff von Sicherheit immer ganz eng mit dem Begriff von Stabilität in ihrer geopolitischen Umgebung verbunden. [...] Nachdem der Irak dann tatsächlich im Chaos versank, präsentierten sich die Assads, Mubaraks und andere arabische Autokraten nur zu gerne den Europäern, und etwas später auch den Amerikanern, als einzig verbliebene Garanten von Stabilität. [...]
Zu viele europäische (insbesondere südeuropäische) und amerikanische Politiker ignorierten, beziehungsweise rechtfertigten sogar Menschenrechtsverletzungen, die Einschränkung politischer Freiheiten, Korruption sowie die dynastischen Ambitionen einiger arabischer Herrscher, und verwechselten zu oft politische Stagnation mit Stabilität. Die Europäer akzeptierten sogar Forderungen arabischer Herrscher, im Rahmen der Mittelmeerunion stärker auf Regierungszusammenarbeit zu setzen und das Ausmaß zwischengesellschaftlicher Kontakte zurückzuschrauben – welche zuvor ein wichtiger Bestandteil der Europäischen Mittelmeerpolitik gewesen waren. Diese Politik hatte ihren Preis: Unter anderem deshalb tauchten sich neu entwickelnde, gesellschaftliche Kräfte und politische Akteure wie zum Beispiel die Jugendbewegungen, welche die arabischen Revolten und Revolutionen auslösten, gar nicht erst auf dem europäischen Radar auf.

Diese neuen Bewegungen und Revolten haben im Übrigen demonstriert, dass es eine echte Alternative zur Dschihadisten-Ideologie der al-Qaida gibt. Die Menschen in der Region beginnen zu realisieren, dass sie ihre Länder durch friedliche Massenproteste verändern können. Auch wenn seine Organisation immer noch existiert, so ist doch der Tod bin Ladens nur noch eine historische Fußnote zur Welle des politischen Wandels, die jetzt durch die arabische Welt geht.
Das bedeutet, dass Europa und die USA das Prisma anpassen müssen, durch dass sie die Region seit 2001 betrachten. Die USA müssen begreifen, dass ein reiner Sicherheitsansatz in Zukunft nicht mehr funktionieren wird. Regime, die beim Kampf gegen Terroristen kooperieren, sind nicht zwingendermaßen auch ein vertrauenswürdiger Partner. Europa muss seine Vorstellung von Stabilität neu definieren. Stabile Gesellschaften und stabile Beziehungen sind in der Tat erstrebenswert. Jedoch sollte eine einfache Erkenntnis aus der Politikwissenschaft Eingang in das außenpolitischen Denken finden: Echte Stabilität muss dynamisch sein, sie muss auf einem Gleichgewicht basieren und muss Wandel ermöglichen.
weiter lesen auf Stiftung Politik und Wissenschaft


Gestern wurden im Rahmen der Diskussionssendung bzw. Talkshow "Phoenix Runde" einige interessante Einschätzungen zum 11. September und den Folgen getätigt.
Besonders die Analysen des Orientalisten Michael Lüders verdienen größere Beachtung. Auch diesen Nahostexperten beobachte ich seit geraumer Zeit, und zähle ihn zu den besseren, fundierteren, der deutschen Nahostexperten. Ebenso wie die Analysen und Beurteilungen von Volker Perthes erwiesen sich auch seine in der Vergangenheit oft als zutreffend.

Erwähnenswert ist vor allem eine These, auf die sich Lüders bezieht, die ich hier kurz vorstellen möchte, da sie nicht sehr bekannt sein dürfte, und die schon im Jahre 2000 für Aufsehen in der wissenschaftlichen Zunft sorgte: Der Islamismus, der islamische Fundamentalismus, befindet sich im Niedergang nach seinem Höhepunkt in den 1990er Jahren.

Die Hauptthese des Buches von Gilles Kepel, einem französischen Soziologen und Islamexperten, dürfte viele überraschen. Er ist nämlich der Meinung, dass der Islamismus seinen Zenith schon lange überschritten hat und seit 1989 im Niedergang begriffen ist. Zu bedenken ist allerdings, dass sein Buch in Frankreich im Jahr 2000 erschien, also lange vor den Terroranschlägen vom 11. September vergangenen Jahres.
Ist seine These also überholt? Kepel bestreitet das entschieden in seinem Vorwort zur deutschen Ausgabe, die erst seit einigen Tagen [im Jahre 2002] auf dem Markt ist. Er sieht sich sogar bestätigt, weil doch die "apokalyptische Provokation" gerade ein Zeichen der Schwäche sei, ein letzter Versuch, den Niedergang aufzuhalten.
Komplette Rezension auf Deutschlandfunk lesen.

Diese These mag manche überraschen, doch zeigt sich eine zutreffende und fundierte Analyse für längerfristige geschichtliche Prozesse erst darin, wenn sie sich unabhängig macht von temporären Ereignissen, sich nicht beirren lässt von spektakulären Bildern. Und der 11. September und folgende Terrorakte waren zwar sehr bedeutsam, doch langfristig gesehen eher ein letztes Aufflackern des Islamismus oder seiner gewalttätigen Abzweigung des Dschihadismus. Denn den Ideen des Islamismus wollte die Mehrheit der islamischen Welt offenkundig nicht folgen, und somit wollte der Dschihadismus nun die Akzeptierung dieses Fundamentalismus herbeibomben. Nicht zuletzt mit dem teilweise aufgegangenen Kalkül von Al-Qaida, dass der Westen sich zu einer militärischen Offensive hinreissen lässt, und somit die islamische Bevölkerung sich den Dschihadisten vermehrt anschließen. Dieses Kalkül ist schon vor dem arabischen Frühling nicht aufgegangen. Auch vor der gescheiterten iranischen grünen Revolution 2009 konnte man dieses Scheitern von Al-Qaida oder den Islamisten absehen. Die tieferen Gründe für dieses Scheitern des Islamismus kann man im obigen Buch von Kepel nachlesen.
Jedenfalls zeigen die arabischen und iranischen Revolutionen inzwischen deutlich, dass Kepel Recht hatte, und selbst wenn Islamisten oder sogenannte gemäßigte Islamisten eventuell in Regierungsverantwortung kommen könnten, ist ideengeschichtlich ihr (ggf. langsamer) Niedergang nicht abzuwenden. Selbst wenn dieser in Wellen verläuft.

Wer mehr Hintergründe über den islamistischen Terrorismus erfahren möchte, der möge bitte die Erläuterungen von Olivier Roy in meinem Blogartikel Islamistischer und anderer Terrorismus lesen.

Hier nun die Phoenix-Runde von gestern mit mehr Themen, als die Ankündigung erwarten lässt. 
(Heute Abend um Mitternacht wird diese Sendung auf Phoenix wiederholt.)




Mehr Sicherheit oder mehr Angst? - Die Welt nach 9/11
Was haben die Maßnahmen nach 9/11 also bewirkt? Wie haben sie die Welt verändert?
PHOENIX RUNDE, Do, 08.09.11, 22.15 - 23.00 Uhr & Fr, 09.09.11, 00.00 - 00.45 Uhr
Alexander Kähler diskutiert in der PHOENIX RUNDE mit:
  • Hans-Ulrich Klose (stellv. Vorsitzender Auswärtiger Ausschuss)
  • Michael Lüders (Sicherheitsexperte)
  • Marcus Walker (Wall Street Journal)
  • Julie von Kessel (ZDF, Augenzeugin)
11.September 2001 - Terrorakte in New York und Washington fordern mindestens 2970 Opfer. Weltweit werden Menschen fassungslos Zeugen dieser Anschläge.
Mit dem ersten Entsetzen werden Sicherheitsmaßnahmen verschärft. Der Krieg gegen den Terror bekommt erste Priorität. Die USA – gestützt durch eine Staatenallianz - marschieren in Afghanistan ein, später auch in den Irak. Beide Länder gelten als „Brutstätte“ des Terrors.
Aber Anschläge werden weiter verübt – auf Bali, in Madrid und London. Die Angst vor dem Terror ist bis heute geblieben...

Zum Schluss dieses Postings möchte ich noch auf eine interessante Diskussionsreihe verweisen, deren Beiträge man sich auch als MP3s runterladen kann, um sie sich zum Beispiel unterwegs mal anzuhören.
Ich habe mal in den letzten, den dritten Teil reingehört, wo auch Volker Perthes zugegen war. (Leider teilweise mit deutscher Simultanübersetzung. Perthes kommt u.a. in den letzten 14 Minuten zu Wort.) Hier hört man zum Jahrestag durchaus mal neue Einsichten, anstelle oberflächlicher Berichte mit immer gleichen Bilder der einstürzenden Türme, fundiertere Einblicke in die Ergebnisse der Forschungen. Der letzte Teil ist von vorgestern.
Die Folgen von 9/11 - Teil 3
Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 sind viele Sicherheitsbestimmungen verschärft worden.
Ewig lange Fragebögen bei der Einreise in die USA, lange Schlangen beim Sicherheitscheck am Flughafen, Videoüberwachung, Sprengstofftests beim Handgepäck und nicht zuletzt der Nacktscanner - die Liste der Sicherheitsmaßnahmen ließe sich ewig weiterführen. Einige von ihnen, wie beispielsweise der Nacktscanner werden immer noch kontrovers diskutiert.
Die "Versicherheitlichung" des Lebens
Aber nicht nur Reisende sind betroffen. Unter dem Deckmantel der Sicherheit und Terrorismusbekämpfung sollen immer mehr Daten langfristig gespeichert werden. Eine Entwicklung, die durchaus kritisch beobachtet wird. Denn die "Versicherheitlichung" des Lebens legitimiert immer mehr Maßnahmen, die in die bürgerlichen und persönlichen Freiheiten eingreifen.
Auf dem Forum Berlin diskutierten am 28.05.2011 Pinar Bilgin, Assistenzprofessorin für Internationale Beziehungen der Bilkent University in Ankara, James Der Derian, Professor für Internationale Beziehungen am Watson Institut der Brown University in Providence, Volker Perthes, Direktor Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin und Kim Lane Scheppele, Professorin für Public Affairs an der Princeton University über "Die Sprache der Sicherheit". Die Moderation übernahm der Journalist Hansjürgen Rosenbauer.






Download dieses Beitrages als MP3

Hier noch der Text der Veranstaltung im Haus der Kulturen:

Die Zeit nach den Anschlägen ist bis heute gekennzeichnet durch eine deutliche Verschärfung von Sicherheitsmaßnahmen. Unter dem Signum der Terrorismusbekämpfung und (inter)nationalen Sicherheitspolitik hat sich eine spezifische Sprache der Sicherheit herausgebildet: Sie hat neue Politikfelder, aber auch Lebensbereiche vereinnahmt, die bislang nicht als sicherheitsrelevant galten. Außerordentliche Maßnahmen sind im Zuge dieser „Versicherheitlichung“ in zahlreichen Sphären legitimierbar – bis hin zu weit reichenden Eingriffen in bürgerliche und persönliche Freiheiten. Welche Einschränkungen finden dennoch Akzeptanz? Von welcher „Sicherheit“ sprechen wir nach 9/11 in unterschiedlichen Hemisphären der Welt? Und wie sieht das nach 9/11 grundlegend neu bestimmte Verhältnis von Sicherheit und Freiheit aus?

Mehr zum Thema bei DRadio Wissen:

Die Folgen von 9/11 - Teil 1
(Hörsaal vom 05.09.2011)

Die Folgen von 9/11 - Teil 2
(Hörsaal vom 06.09.2011)

(Bildquelle: Wikimedia Commons Michael Foran)

Kommentare:

  1. Ja Servus,

    sehr gut!

    wir brauchen mehr kompetente Einordnung, und mehr Leute, die sich dem Thema ohne ideologisches Brett vor dem Kopf nähern.

    So long

    Der Falke
    http://derfalke.blogspot.com/

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  2. THX! Man hört und sieht ja zurzeit (zurecht) sehr viel vom 11. September, aber man muss aufpassen, dass dieses nicht zu sehr zur US-eurozentrischen Nabelschau wird, nur weil die Bilder so schön Massenmedienkompatibel sind. Weltgeschichtlich sind wohl andere Ereignisse, Entwicklungen längerfristig wirkmächtiger, und das sollte nicht aus dem Blick kommen.

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