Freitag, 16. Dezember 2011

Istanbul, warum eigentlich?

Heute Abend nur mal ein Hinweis und Auszüge aus einem sehr schönen Artikel von Türkei-Kenner Dieter Sauter, den ich schon seit fast einem Jahr als offenen Tab in meinem Firefox-Browser zur Bearbeitung geöffnet hatte:

Istanbul - größte Stadt zwischen Moskau und Kairo,
zwischen Teheran und London


Istanbul - Land ohne Hauptstadt

(15.01.2011) Es ist gerade mal 10 Jahre her, da hatte ich noch einen Mitleidsbonus, wenn ich in Deutschland irgend Jemandem erzählte, ich lebe in Istanbul. Man konnte das „Ach Gott, der Arme – halt’ durch Junge!“ in fast allen Gesichten erkennen. Und heute? Heute nicken die meisten anerkennend und bei manchen scheint auch ein bisschen Neid auf: „Ahaaa – Istanbul !! Ja, da wollte ich auch schon lange mal hin!“

Warum eigentlich ? Wegen der Lebensqualität ? Vergiss’ es !


Zur Erholung stehen dem Einwohner von Istanbul gerade 1,5 qm Fläche zur Verfügung ( dem Einwohner von Hamburg gut 17 qm ). Die meiste Zeit verbringt der Istanbuler sowieso in einem Stau. Weht zwei Tage kein Wind am Bosporus, dann muss wegen des Smogs auch der Schiffverkehr gestoppt werden. Im grössten Wasserreservoir der Stadt wurden zum Jahreswechsel hochgiftige Substanzen gemessen. In Sachen Lebensqualität landete Istanbul vor einem Jahr nach der Zeitschrift „The Economist“ weltweit auf Platz 110 von 140. In der Disziplin „Wie teuer ist es?“ hat sich die Stadt dagegen weltweit schon auf einen guten Platz 20 hochgearbeitet. Wer als Krankenschwester oder Polizist nach Istanbul versetzt wird, wehrt sich mit Händen und Füssen, schon wegen der Mieten. Erst seit unzählige Kameras die Strassen überwachen geht der Taschendiebstahl zurück, der bis dahin alle Rekorde schlug.

All das kann aber dem Ruf Istanbuls nichts anhaben. [...]

Istanbul in die EU aufnehmen ?

Es gibt kaum ein Land, dessen Image sich derart von dem seiner grössten Stadt unterscheidet. Wer Türkei sagt, denkt an übermächtige Militärs, die Kurdenfrage, an Islamismus oder den EU-Beitritt, den keiner will - aber Istanbul? Das hat damit anscheinend überhaupt nichts zu tun. Istanbul in die EU aufnehmen ? Damit hätte er kein Problem, meinte letztes Jahr sogar der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) bei seinem Besuch am Bosporus. „Istanbul ist das New York des Orient’“ hörte ich kürzlich eine Museumsdirektorin aus Washington auf einer Vernissage in Zentrum der Stadt schwärmen. „If I can make it there - I'll make it anywhere”, was Frank Sinatra über New York singt, gilt auch für die Stadt am Bosporus. [...]

Die alten Residenzen und Herrensitze am Bosporus bröselten langsam vor sich hin. Mit der Vertreibung vor allem der grossen griechischen Gemeinde in Istanbul in den 50iger und 60iger Jahren des vergangenen Jahrhunderts verfielen auch zahlreiche prächtige Bürgerhäuser im Zentrum der Stadt, in Beyoglu, auf der europäischen Seite. Arme aus Anatolien, die dort kein Auskommen mehr hatten, besetzten das ehemalige Stadtzentrum, weil dort sowieso keiner leben wollte.

Als ich vor rund 20 Jahren nach Istanbul kam, lag der Stadtteil Beyoglu nachts im Dunkeln. Nur wenige wagten sich nach 22 Uhr noch auf die Strasse. Selbst tagsüber verriegelten ängstliche Taxifahrer die Türen ihrer Fahrzeuge, wenn sie bestimme Strassenzüge passierten. Es gab keine Galerien, nur ein paar Kinos mit durchgesessenen Polstern und Filmen auf dem Niveau des deutschsprachigen Quatschkinos der 60iger Jahre.



Nichts bleibt wie es war

Kaum eine Stadt auf der Welt hat sich mit dem Fall des Eisernen Vorhangs derart geändert, wie Istanbul – vielleicht noch Berlin, wenn auch in kleinerem Maßstab. Mit der Öffnung der Grenzen rund um die Türkei öffnete sich auch die Stadt.

Während die Politiker im alten Europa mit dem Slogan warben: „Alles soll so bleiben, wie es ist!“ – blieb in Istanbul nichts wie es war. Eine rissige Fassade nach der anderen verschwand hinter einem Gerüst. Läden, die Schirmmützen und billige Socken verkauften wichen Geschäften für Sportartikel, Antiquitäten und Natur-Kost. [...] Die Mieten stiegen in den letzten 9 Jahren in Istanbul um das 7 bis 20(!) fache, errechnete der Unabhänge Verein der Buchhalter und Finanzberater. [...]

Vom Nähsaal zur Modemetropole

[...]

Die Zeiten sind vorbei, da türkische Modedesigner erst beweisen müssen, dass sie nicht irgendeine Mode aus dem Westen kopiert haben. Das war vor rund 15 Jahren, als man in Istanbul noch Kleider trug, keine Mode und die Textilindustrie vor allem preisgünstig T-Shirts fürs Ausland nähte.

Heute will Istanbul nicht mehr der Nähsaal Europas sein sondern selbst Modemetropole werden. [...] Sie hatte auch in Italien studiert, wollte dort noch ein Praktikum machen, „aber da habe ich gemerkt, was es heisst, Türkin zu sein. Es war einfach unmöglich, das nötige Visum zu bekommen“.

„Baut mir ein Museum für Picasso“

Trotz der hohen „Mauer“, die für Türken Visaantragstelle heisst: Der neue türkische Autorenfilm räumt schon seit ein paar Jahren fast überall auf der Welt Preise ab.
[...]

Sothebys hat letzten Monat ein Auktionshaus in Istanbul eröffnet. Internationale Kunst wird ausserdem seit 5 Jahren auf der jährlichen Messe „Contemporary Art“ verkauft. [...]
Beyoglu ist nachts nun hell erleuchtet und bis morgens um vier Uhr drängeln sich vor allem junge Leute, nicht wenige mit Bierdosen in der Hand denn für viele sind die Preise in den rund 4.000 Bars und Discos im Zentrum einfach zu hoch.

Es rumort in den Seitenstrassen

Istanbul, das Wirtschaftszentrum, die Filmstadt, die Modemetropole, die Residenz der Kunst und des Sports ? Wenn das so einfach wäre ! Der Besucher sieht die neue Formel 1 Rennstrecke, die restaurierte Altstadt, das verkehrsberuhigte Viertel um den Topkapi Palast und die Hagia Sofia oder die unerschwinglichen Villen am Bosporus, wenn er sich mit einem Schiff die alte Wasserstrasse hinauffahren lässt. Nur selten erlebt der Besucher aus dem Ausland, wie es in den Seitenstrassen rumort.

Im vergangenen September, nach der Sommerpause, hatten im Stadtteil Beyoglu mehrere Galerien am gleichen Abend ihre Pforten mit einer neuen Ausstellung wieder öffnet. Plötzlich überfielen etwa 30 Männer mit Stöcken und Knüppeln die Kunstinteressierten, die da zu Hunderten auf den Bürgersteigen in der lauen Sommernacht ihren Rotwein tranken. Weingläser, Brillengläser, und Schaufenster gingen zu Bruch – und auch die Hoffnung, man könne in wenigen Jahren die Bewohner eines Stadtteils geräuschlos vertreiben. Rasch war klar: Es ging den Angreifern nicht um den “unislamischen Alkoholgenuss” auf der Strasse. Die Schläger kippten selbst ganz gerne einen hinter die Binde. Es war die verzweifelte Wut einiger Anwohner, die dem unerbittlichen Druck der Mieterhöhung weichen müssen. Dabei verlieren sie nicht nur ihre Wohnung, ein über viele Jahre gewachsenes soziales Gefüge zerbricht, denn meist leben die ehemaligen Bauern eines Ortes wieder zusammen in einem Stadtviertel.

Das Viertel der Roma wurde bereits abgerissen. Drei Jahre lang protestierten sie, Eingaben wurden geschrieben, Filme gedreht, Solidaritätsadressen verfasst – vergeblich. Seit über 600 Jahren wohnten die Roma an der alten byzantinischen Stadtmauer. [...]

Das grosse Chaos – bleibt aus

Aber diese “Reibereien” bei der “Modernisierung” Istanbuls erscheinen der Stadtverwaltung eher klein im Vergleich zum wuchtigsten Problem der Stadt: Ihrer schieren Grösse. Sie hat inzwischen mehr Einwohner als die meisten EU Staaten – und sie wächst in schwindelerregendem Tempo.
[...]

Welcher Verwaltung gelingt es, jedes Jahr die komplette Infrastruktur für eine Stadt von der Grösse Zürichs neu aufzubauen und zu organisieren? Auch in Istanbul gelingt das nicht. Immer wieder fällt der Strom aus oder das Wasser wird abgestellt - aber das grosse Chaos bleibt aus. Allein das ist eine grosse Leistung.

Dabei ist schon die Wasserversorgung der Stadt ist ein schier unlösbares Problem. Wo das Wasser hernehmen ?
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15 000 km Wasserleitung

Selbst wenn es mehr als gewöhnlich regnet, wie im letzten Jahr: Die Wasserwerke sollen nicht nur ständig neue Leitungen verlegen, schon jetzt sind rund 15.000 km Rohre zu warten. Viele sind alt und brüchig. Bei manchen versickert auf dem Weg zum Waschbecken mehr als die Hälfte des Wassers im Erdreich. Das Leitungsnetz in New York ist rund 10.000 km lang. Es daure rund 110 Jahre, um das gesamte Netz zu erneuern, meinen die Fachleute dort.

30 Jahre dauert es, so Professor Mikdat Kadıoğlu von der Technischen Universtität in Istanbul, um die oft liederlich gebauten Häuser, Kliniken und Schulen in der Stadt vor den Folgen eines Erdbebens zu sichern. Der Mann weiss, wovon er spricht, er gehört zum Katastrophenstab Istanbuls. Wenn er aus seinem Bürofenster schaut, blickt er auf viele ungepflegte Betonbauten, die wahrscheinlich nie einen ernsthaften Statiker gesehen haben.


Über 50 % aller Gebäude in der Stadt seien schwarz, d.h. ohne behördliche Genehmigung gebaut. [...]
Wenn nichts geschieht, dann werden mindestens 150 000 Menschen ums Leben kommen.
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Jeden Tag 600 Autos mehr

Schwarzbauten, die, meist vor einer Kommunalwahl von den Behörden schliesslich legalisiert wurden, sind auch das große Problem beim Verkehr.
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Die meisten Istanbuler haben (noch) kein Auto. In Paris gibt es schon fünf Mal soviele Fahrzeuge. Zur Zeit, so kürzlich der Oberbürgermeister, zählen wir jeden Tag 600 neue Fahrzeuge auf Istanbuls Strassen.

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Trotz eines modernen Radarsystems schrammt Istanbul fast jedes Jahr an einer Beinahe-Katastrophe vorbei.

Der zweite Bosporus und das zweite Istanbul

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Istanbul öffnet sich

Tayyip Erdogan selbst hat sich aber im “alten” Istanbul ein paar Gebäude des Dolmabahce Sultan-Palastes zu einem zweiten Regierungssitz umbauen lassen. [...]
Es sei einer der wenigen Orte der Welt, der die Globalisierung nicht erlebt, sondern an dem Globalisierung gemacht wird, meinen Finanzexperten in London. Alle Medien haben ihren Sitz in Istanbul – und allenfalls ein zweites Büro in der Hauptstadt Ankara, die grossen Industriebetriebe sowieso. Inzwischen geht gut die Hälfte des türkischen Exports vom Bosporus aus in die Welt, und auch die Hälfte aller Steuern des Landes werden hier bezahlt.

[...]
Was wäre Istanbul ohne die Armenier, ohne die griechische Architektur - solche Fragen waren vor 10 Jahren noch Tabu. Heute sind sie Titel von Ausstellungen in den Museen am Bosporus. Istanbul wir Unterrichtsstoff an den türkischen Schulen, ist Schauplatz für deutsche Krimiserien, es entwickelt sich zum Zentrum für Gesundheitstouristen aus aller Welt, die in der Stadt preisgünstig neue Zähne und Brillen erstehen oder sich Fett absaugen lassen, und nun will sich die Istanbul auch für die Olympischen Spiele 2020 bewerben.

Istanbul, sagt die türkische Dichterin Gülten Akin, ist mehr als ein Teil der Türkei. Es war der Sitz von 88 byzantinischen Kaisern und 36 osmanischen Sultanen, es hat rund 40 Erdbeben und 60 Feuersbrünste überstanden, etwa ein Dutzend Belagerungen, die Plünderung durch die Kreuzfahrer, die Eroberung durch die osmanischen Reiter und die Besetzung durch die Truppen Grossbritanniens, eine Revolution, drei Putsche des Militärs und die Bomben islamistischer Terroristen. Istanbul, meint sie, ist ein Land ohne Hauptstadt.

Komplett bitte hier lesen.


(Bildquelle: Wikimedia Commons)

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