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Donnerstag, 12. Juli 2012

Beschneidung - 1. Teil

Zirkumzision eines Jungen (Zentralasien, vermutlich Turkmenistan,
etwa 1865–1872, restaurierter Albuminpapierabzug)
Das Thema Beschneidung, auch Zirkumzision genannt, ist ja dieser Tage in aller Munde. Dabei vermisse ich jedoch einige Aspekte, die ich hier etwas näher beleuchten möchte. Nämlich, was sagen eigentlich die islamischen Quellen zur Beschneidung? Ich kenne es vor allem als türkisch-hanefitischen Brauch. Der als selbstverständlich gilt. Aber gilt diese Betrachtungsweise auch weltweit? Und in jeder zurückliegenden Epoche? Was sagen eigentlich die Gelehrten in der 1400-jährigen Geschichte des Islams? Sprachen alle mit einer Stimme, oder gab es auch mal exegetisch begründeten Dissenz? Und wie schaut der Ritus in den diversen Ländern aus? Gibt es da Unterschiede, und wenn ja, warum? Ist der Ritus festgelegt? Wie entwickelte sich die Beschneidung, und woher kam sie? Gibt es Spielräume in der Interpretation, oder ist alles sehr eindeutig? Ist es eher islamisch festgelegt, oder kommt hier eine Tradition stärker zum Tragen?

Und wie schaut es mit der weiblichen Beschneidung aus? Kommt mir nun nicht damit, man könne nicht die weibliche mit der männlichen Beschneidung vergleichen (wie es einige Rechtspopulisten gerne tun). Denn vergleichen, heißt nicht (zwangsläufig) gleichsetzen. Man kann sich beide Argumentationsmuster sehr wohl anschauen, wie sieht bei beiden die Legitimationsgrundlage aus, so wie man die heutige Islamfeindlichkeit selbstverständlich mit dem Antisemitismus früherer Jahrhunderte vergleichen kann, um zum Beispiel ähnliche Strukturen zu erkennen.
Wenn die weibliche Beschneidung heutzutage immer weiter zurückweicht, auch mithilfe von einflussreichen Gelehrten samt ihren Fatwas in der arabischen Welt, auch mithilfe von westlichem Druck durch Nichtregierungsorganisationen oder einzelnen Personen wie Rüdiger Nehberg, wie sieht es dann mit der Interpretation der Quellen bei der männlichen Beschneidung aus, wenn also zum Beispiel auf einen Hadith verwiesen wird, dass die männliche Beschneidung geboten ist, aber in dem Hadith auch steht, dass das auch für die Mädchen gilt, wieso wird dann eine Passage für ungültig, die andere jedoch weiterhin für gültig erklärt?
Wie werden Muslime gesehen, die sich nicht beschneiden, wie zum Beispiel die chinesischen Muslime? Sind das dann Sünder? Oder halbe Muslime? Und wie sieht es mit dem Alter aus? Gäbe es da Spielräume, oder ist ein Alter genau festgelegt?
Und wie sieht es eigentlich mit den anderen in Hadithen genannten Anweisungen aus? Wenn zum Beispiel die Beschneidung in einem Atemzug mit der Achselhaar-Entfernung genannt wird, wieso legen Muslime auf das eine sehr viel wert, und auf das andere weniger?

Übrigens, die in der Diskussion vorgebrachten "rationalen" Gründe für eine Beschneidung, halte ich für nicht zielführend. Also zum Beispiel die Argumentation mit der Gesundheitsvorsorge, oder den positiven Effekten für das Liebesleben, oder hygienische Vorteile, usw. Denn das setzt Gottes Wille auf eine (menschliche) Stufe herab, als müsste Gott irgendwas rechtfertigen, als würden nur diejenigen Gebote gelten, die wir auch "verstehen" können. Nein, solche Argumentationen für die Beschneidungsgegner gedacht, beraubt Gott seiner transzendenten Eigenschaft, macht aus Gott letztlich nur einen einfachen Ratgeber-Knigge für gutes Leben... Gott hätte auch den Genuss von Lollis verbieten können, und die Muslime hätten es zu akzeptieren, ohne zu versuchen, dieses irgendwie "logisch" herleiten zu wollen, und sich damit anzumaßen, Gottes Beweggründe zu ergründen. Denn mit dem Vorbringen von "rationalen" Rechtfertigungen für ein Gebot Gottes, macht man sich in Diskussionen gleichzeitig auch immer angreifbarer, denn Studien könnten falsch interpretiert worden sein, die man für seine Begründung heranzog, oder neuere Studien führen zu neuen Erkenntnissen, und so weiter. Somit gelangt man gleich auf das Glatteis, dass dann die Diskussionsgegner fragen, ob denn Gott dieses nicht gewusst habe, er sei doch allwissend, allmächtig, usw.? Diese muslimischen Argumentationsmuster findet man überall, doch sind diese Muster westliche Muster, und man sollte sich nicht auf diese rationale Ebene begeben, um seinen Glauben zu rechtfertigen, also zum Beispiel das Verbot von Schweinefleisch als vermeintlich schädlich für den Menschen "logisch" begründen zu wollen. (Es gibt nämlich noch mehr als Schweinefleisch, was man eigentlich nicht verzehren sollte, was kaum bekannt ist, und man kann eben nicht alles (vielleicht auch nur das wenigste), was Gott dem Menschen aufgetragen hat, rational mit menschlichen Maßstäben erklären.) Ich glaube, ihr versteht, was ich mit diesem Absatz ausdrücken wollte.

Falls es jemand interessiert, obwohl es nichts zur Sache tut, da man solche obigen Fragen als Gegner und als Befürworter gleichermaßen stellen könnte: Ich stehe Beschneidungen positiv gegenüber, und sehe hier das Erziehungsrecht der Eltern als vorrangig an. Es gibt andere ebenso "einschneidende" Erziehungsmaßnahmen, die irreversibel sind, und wo will man da anfangen, wo aufhören?

Es gibt also genügend Fragen, die teilweise hier beantwortet werden. Bei anderen müsste man sich nochmal genauer in die Quellen stürzen, aber man hat nun einen Anhaltspunkt, welche dafür relevant sind, und welche weiteren Bücher es dazu noch so gibt.

Wer in den Hadithen selber etwas stöbern möchte, dem sei diese einigermaßen seriöse Sammlung zu raten.

Englische Übersetzungen der großen Hadith-Sammlungen beim Center for Muslim-Jewish Engagement der University of Southern California


Ich fange mal mit einem Zitat des entsprechendem Artikels aus der renommierten Encyclopaedia of Islam in der 2. Auflage an, die als autoritativ gilt, und islamwissenschaftlich die Dinge betrachtet (wie übrigens alle ersten drei Artikel). Diese Enzyklopädie ist so angesehen, dass diese als Islam Ansiklopedisi auch ins türkische übersetzt und erweitert wurde. Übrigens wirkten auch Muslime an deren Erstellung mit. Der folgende Artikel ist vermutlich Mitte der 1970er Jahre aktualisiert worden. Damit mag er teilweise veraltet sein, sofern er sich auf die Gegenwart beziehen sollte. Ansonsten, exegetisch eher nicht. Übrigens gibt es manchmal einen Vorteil, ältere Artikel zu bestimmten Islam-Themen zu lesen, denn mitunter werden dort noch Dinge (ggf. offener) geschildert, wie der Islam dies und jenes sieht, oder zu einem bestimmten Jahrhundert gesehen hat, ohne dass vielleicht etwas "beschönigt" oder weggelassen wird, weil es vielleicht heutzutage nicht mehr "politisch korrekt" erscheint, oder die Autoren keine "Gefühle negativ berühren möchten". Zum Beispiel das Thema Sklaverei, oder Mädchenbeschneidung, oder Heiratsalter von Fatima, oder andere kontroverse Themen, wo heutige Islamwissenschaftler sich meist eher sehr defensiv verhalten, wissen sie doch, wie solche Themen durch Islamhasser ausgeschlachtet werden. Und daher diese "heißen Eisen" eher meiden, leider, und dadurch jenen das Feld überlassen, die sich selbst "Islamkritiker" nennen. Naja, ich schweife ab...

Wie üblich, habe ich einige Sätze für die Diagonalleser markiert, ausserdem einiges markiert, damit man auf einen Blick erkennt, welche Region gerade beschrieben wird.

Wer nicht alle Artikel lesen möchte, der findet je nach Zeit die man zur Verfügung hat, unterschiedlich lange Artikel, die alle empfehlenswert und interessant sind, auch wenn einiges sich wiederholt. Lediglich der letzte Artikel ist nur denen Islaminteressierten zu empfehlen, die sich wirklich alles durchlesen wollen, da dort der Islam nicht speziell behandelt wird, sondern das Phänomen Beschneidung als Ganzes betrachtet wird, also auch bei "Naturvölkern", und der Islam dort nicht der Schwerpunkt ist.
KHITÂN (a.), circumcision.

The term is used indifferently for males and females, but female excision is particularly called khifâd or khafd [q.v.]. In the dual, al-khitânâni are “the two circumcised parts” (viz. that of the male and that of the female), and according to tradition “If the two circumcised parts have been in touch with one another, ghusl is necessary” (Bukhârî, Ghusl , bâb 28; Muslim, Hayd , trad. 88; Abû Dâwûd, Tahâra , bâbs 81, 83).
Some words connected with the root kh-t-n denote the father-in-law, the son-in-law, the daughter-in-law (khatan, khatana), or marrying (khutûna). Some of these words must have belonged to the primitive Semitic language, as they occur also in the same or cognate forms in North-Semitic languages.
Circumcision must have been a common practice in early Arabia. It is mentioned, not in the Qur'ân, but in old poetry and hadîth , and the ancient language also has special words for “uncircumcised”, sc. alkhan, aqlaf, aghlaf and aghral (Hebrew 'arel).
In hadîth it is said that Ibrâhîm was circumcised in his 80th year (Bukhârî, Anbiyâ', bâb 8; Muslim, Fadâ'il , trad. 151). This tradition is based on the Biblical report. Ibn Sa'd has preserved a tradition according to which the patriarch was already circumcised at the age of 13 ( Tabaqât , i/1 24). This tradition is apparently a reflex of the practice of circumcision in the first centuries of Islam. We may confront it with the statements concerning Ibn 'Abbâs' circumcision in hadîth . According to some traditions (Ahmad b. Hanbal, i, 273) he was 15 years old when Muhammad died. In other traditions it is said that he was already circumcised at that time (Bukhârî, Isti'dhân, bâb 51; Ahmad b. Hanbal, i, 264, 287; Tayâlisî, Nos. 2639, 2640).
Circumcision is mentioned in hadîth in the story of the Emperor Heraclius' horoscope (Bukhârî, Bad' al-wahy , bâb 6). Heraclius read in the stars the message of “the king of the circumcised”. Thereupon an envoy of the king of Ghassân arrived who reported the news of Muhammad's preaching of Islam. This envoy appeared to be circumcised himself and he informed the Emperor of the fact that circumcision was a custom prevalent among the Arabs.

It is further recognised in hadîth that circumcision belongs to pre-Islamic institutions. In the traditions which enumerate the features of natural religion ( al-fitra ), circumcision is mentioned together with the clipping of nails, the use of the toothpick, the cutting of moustaches, the more profuse length of the beard etc. (Bukhârî, Libâs , bâb 63; Muslim, Taharâ, trad. 49, 50; Tirmidhî, Adab , bâb 14, etc.). In a tradition preserved by Ahmad b. Hanbal (v, 75) circumcision is called sunna for males and honourable for females.

There are differences between the several madhhab's concerning rules for circumcision. Instead of giving a survey of the different views it may be sufficient to translate the passage al-Nawawî in his commentary on Muslim, Tahâra , trad. 50 (ed. Cairo 1283, i, 328) has devoted to the subject, also because it contains a description of the operation:
“Circumcision is obligatory ( wâdschib ) according to al-Schâfi'î and many of the doctors, sunna according to Mâlik and the majority of them. It is further, according to al-Schâfi'î, equally obligatory for males and females. As regards males it is obligatory to cut off the whole skin which covers the glans, so that this latter is wholly denudated. As regards females, it is obligatory to cut off a small part of the skin in the highest part of the genitals. The sound ( sahîh ) view within the limits of our school, which is shared by the large majority of our friends, is that circumcision is allowed, but not obligatory in a youthful age, and one of the special views is that the walî is obliged to have the child circumcised before it reaches the adult age. Another special view is, that it is prohibited to circumcise a child before its tenth year. The sound view according to us, is that circumcision on the seventh day after birth is mustahabb (recommendable), Further, there are two views regarding the question whether in the 'seventh day' the birthday is included or not”.
The treatment of circumcision has not a prominent place in the books of law (see e.g. al-Qayrawânî, Risâla , 161, 305). More important, however, is the value attached to it in popular estimation. “To the uneducated mass of Muslims” says Snouck Hurgronje “as well as to the great mass of non-Muslims, both of whom pay the greatest attention to formalities, abstention from pork, together with circumcision, have even become to a certain extent the criteria of Islam. The exaggerated estimation of the two precepts finds no support in the law, for here they are on the same level with numerous other precepts, to which the mass attaches less importance(De Islam , Baarn 1912, 30; Verspr. Geschriften, i, 402; cf. iv/1, 377). In Java circumcision is generally considered as the ceremony of reception into Islam and therefore sometimes called njelamakéselam (“rendering Muslim”). Apart from this term many other words denoting circumcision are used on Java (op. cit., iv/1, 205-6). In Atcheh circumcision of infidels only is considered as the ceremony of reception into Islam (Snouck Hurgronje, The Achehnese, i, 398).

Sonntag, 25. März 2012

Geschichte und Kultur des Nahen Ostens - Muhammad

Mezquita-Catedral von Córdoba (Spanien),
umayyadischer Bau, begonnen 784
Heute möchte ich den Anfang einer unregelmäßigen Artikelserie starten, die einen wissenschaftlichen Überblick über die Geschichte des Islams und des Nahen Ostens gibt. Dazu gibt es auf zahlreichen Universitätsservern Vorlesungen oder Materialien, die hier zusammengefasst werden sollen. Diese sind mitunter auch seriöser, als so mancher Wikipedia Artikel, die manchmal in diesen Bereichen eine Schieflage haben, oder gänzlich für islamwissenschaftliche Antworten ungeeignet sind. (Dennoch verlinke ich öfters dahin, zwecks erster Orientierung oder weiterführender Links)

Dabei gehe ich deskriptiv vor, beschreibe also zum Beispiel, was es zu bestimmten Zeiten oder in bestimmten Regionen geheißen hat, ein Muslim zu sein, wie der Islam so wurde, wie wir ihn heute kennen, auf welcher Basis an Texten, Interpretationen, wir zu welchen Schlussfolgerungen kommen. Mitunter kommen auch durchaus abweichende Meinungen in der Gelehrtenwelt zu Wort, wenn sie gewisse Relevanz haben, oder es werden die unterschiedlichen Thesen zu bestimmten Zeiten vorgestellt, um zu demonstrieren, wie die Kenntnisse entstanden waren. Es wird dabei versucht islamwissenschaftlich zusammenzufassen, also nicht bekenntnisorientiert oder islamtheologisch. Dies ermöglicht mitunter einen Betrachtungsgegenstand von mehreren Seiten zu betrachten, also zum Beispiel nicht nur eine sunnitische Sicht der Dinge, sondern auch mal die schiitische Sicht zu betrachten.

Etliches mag vor allem Muslimen schon bekannt sein, anderes wird völlig unbekannt sein, zumindest die Wechselwirkungen diverser Entwicklungen oder Ereignisse, ich gehe jedenfalls von kaum Vorkenntnissen bei meinen Beschreibungen aus.
Ich verwende dabei die übliche Zeitrechnung nach Christus, ohne damit irgendeine Aussage zu verknüpfen. Die Koranübersetzungen folgen der Übersetzung von Rudi Paret.

Es werden zum Beispiel folgende Vorlesungen dafür verwendet:

Einführung in die Geschichte der islamischen Länder von Prof. Dr. Jürgen Paul

Geschichte und Geographie der islamischen Welt (Vorlesung WS 2004/2005) von Prof. Dr. Ulrich Rebstock
und vor allem:
Podcast-Tipp: Einführung in die Geschichte und Kulturen des Nahen Ostens von Prof. Dr. Thomas Eich


Muhammad

Muhammad wurde wahrscheinlich um 570 in Mekka geboren. Diese Region ist vor allem durch Oasenwirtschaft geprägt, wobei ungewöhnlicherweise Mekka durch Handel und einer vorislamischen Pilgerstätte und der Wallfahrt dorthin prosperierte. Es handelt sich dabei um die Kaaba (siehe Blogpost), die damals im Zentrum eines polytheistischen Kultes stand. Über die damalige Zeit sind wir relativ schlecht informiert, denn außer dem Koran gibt es kaum Quellen, und bis heute konnten kaum durch archäologische Ausgrabungen die Kenntnisse erweitert werden. (Später einmal mehr dazu.)

Muhammad wuchs relativ früh als Vollwaise auf, denn sein Vater Abdullah starb schon vor der Geburt und seine Mutter Āmina als er sechs Jahre alt war. Er wurde dann von Familienmitgliedern des Clans der Banu Haschim großgezogen, besonders von seinem Onkel Abu Talib (dem Vater des späteren vierten Kalifen Ali ibn Abi Talib). Sein Onkel war wahrscheinlich auch der Führer der Sippe. Obwohl er nie Muslim wurde, beschützte er doch Muhammad, selbst wenn es negative Folgen für die Sippe ergab, aber hier wirkte das arabische Prinzip des Tribalismus. Die Banu Haschim waren zu dieser Zeit noch kein führender Clan Mekkas. Er erlernte den Beruf des Händlers, und begleitete Karawanen bis hin nach Syrien, wo er wahrscheinlich mit Christen in Kontakt kam. Dabei erwarb er sich wohl den Beinahmen al-Amin, also "der Zuverlässige". Es ist allerdings umstritten und nicht endgültig geklärt, ob nicht dieser Name sein eigentlicher Name war, und Muhammad, also "der Gepriesene" eher sein Beiname war.
Etwa 595 heiratete er eine 15 Jahre ältere reiche Kaufmannswitwe, Chadidscha, mit der er bis zu ihrem Tod ca. 25 Jahre lang monogam zusammenlebte. Erst nach ihrem Tod begann Muhammad damit mehrere Frauen zu ehelichen. Bis zu seinem ersten Offenbarungserlebnis ist kaum etwas bekannt, und das was überliefert wurde, ist eher als legendenhaft anzusehen. Das was als ziemlich sicher gilt ist eine Angewohnheit Muhammads sich einmal im Jahr ungefähr einen Monat lang zur Mediation in eine Höhle auf dem Berg Hira bei Mekka zurückzuziehen. Dieses Zurückziehen machten etliche seiner Zeitgenossen ebenfalls, wenn sie spirituell Suchende waren. Diejenigen, die diese Askese- und Mediationsübungen vollzogen, wurden Hanifen genannt. In dem Berg Hira erlebte er dann auch seine erste Offenbarung gegen 610, in muslimischer Vorstellung durch den Erzengel Gabriel. Diese Offenbarungen setzten sich bis zu seinem Tode 632 fort. Dabei kamen allerdings diese Offenbarungen an allen Orten vor, nicht nur in der Höhle des Berges Hira. Aus diesen Offenbarungen entwickelte sich einige Zeit nach Muhammads Tod dann das gebundene Buch des Korans (ca. Mitte des 7. Jahrhunderts).
Die Koranverse wurden im Sadsch'-Stil offenbart. Das ist ein Reim- oder Metrum-Stil, indem die Texte durch gemeinsame Endkonsonanten zusammengehalten werden. Unter anderem dadurch zeigt sich, dass die Offenbarungen dazu da waren, memoriert, also auswendig gelernt zu werden, um dann vorgetragen zu werden. Das ist auch die Bedeutung des Wortes Koran: Lesung, Rezitierung, Vortrag. Das sollte man immer im Hinterkopf behalten, wenn man über den Koran spricht, dass eben die Rezitation, die orale, also mündliche Weitergabe, ein wichtiges Element des Korans darstellt. Jedenfalls wurden schon damals wohl Teile des Korans zur Erleichterung des Auswendiglernens auf diversen Materialien wie Stein, Leder, Holzstücke, etc. zumindest stenographieähnlich festgehalten.
Mit diesen Offenbarungen machte sich nun Muhammad daran, zuerst sein unmittelbares Umfeld, also seine Familie, seine Sippe davon in Kenntnis zu setzen. Er wandte sich mit den frühen Offenbarungen vor allem gegen die Polytheisten in seiner unmittelbaren Umgebung, erst in einer zweiten Phase öffentlich an die anderen Mekkaner. Er begriff sich dabei zuerst vorrangig als Warner, dann ab seiner Zeit in Medina verstärkt als Religionserneuerer, als Reformer der bestehenden monotheistischen Religionen Judentum und Christentum. Es gab auch schon Elemente in seinen frühen Predigten, die einen sozialen Wandel einleiten sollten. So forderte er beispielsweise in dieser frühen Phase bereits ein Almosen für die Armen ein. Aus diesen Forderungen des Korans entwickelte sich später dann im islamischen Staatsrecht das Konzept der Pflichtabgabe Zakat. Das ist aber nicht das gleiche, denn bei der Zakat hat letztlich meist der Herrscher zu entscheiden, wofür es Verwendung finden soll. Er soll damit zwar etwas wohltätiges tun, doch heißt dieses nicht zwangsläufig, dass er damit auch die Armen unterstützt, abgesehen davon, dass es z.B. dem Kalifen obliegt zu definieren, was "wohltätig" heißt, und wer die Begünstigten sind. (Beispielsweise wäre die Errichtung einer Bibliothek etwas wohltätiges, betrifft aber kaum die analphabetischen Armen einer Stadt.)

Im Umfeld Muhammads waren Christentum und Judentum bekannt. Im Koran wird dieses deutlich, und der Koran greift auch einige Konzepte dieser monotheistischer Religionen auf. Die zentrale Botschaft Muhammad war, es gibt einen einzigen übersinnlichen, transzendentalen Gott, der allmächtig, allbarmherzig, allwissend ist, und der von den Menschen verlangt, dass diese sich recht verhalten mögen, damit sie dann am Jüngsten Tag gerichtet werden können. Dabei wird dann entschieden, ob man ins Paradies gelangt, oder in die Hölle kommt. Dieses Thema prägte die Botschaft in den frühen Offenbarungen sehr stark, zum Beispiel in Sure 82:1 ff:
Wenn (dereinst) der Himmel sich spaltet, die Sterne (ihren Standort aufgeben und) sich (nach allen Richtungen) zerstreuen, die Meere über die Ufer treten und die Gräber ausgeräumt werden, bekommt einer zu wissen, was er früher (an guten Werken) getan, und was er versäumt hat.
Diese Botschaft Muhammads wurde von den meisten Mekkanern zurückgewiesen, denn das Thema Leben nach dem Tod war der große Unterschied zu den Polytheisten. Dies zeigt sich auch im Koran (45:24):
Und sie [die Polytheisten] sagen: "Es gibt nur unser diesseitiges Leben. Wir sterben und leben (in diesem Rahmen), und nur die Zeit (die allem, was existiert, den Stempel der Vergänglichkeit aufdrückt) (dahr) läßt uns zugrunde gehen." Sie haben aber kein Wissen darüber und stellen nur Mutmaßungen an.
Zu Beginn seiner Offenbarungen glaubten ihm also nur sehr wenige seines Umfeldes, als eine der ersten, die ihm glaubten und dann auch unterstützten gilt seine Frau Chadidscha.
Es gab vor allem zwei Argumente mit denen seine Gegner gegen ihn argumentierten:
  1. Die Sprache der Offenbarungen im oben erwähntem Sadsch'-Stil erinnerten seine Gegner an die ähnlichen Verse von zeitgenössischen Wahrsagern (kahin) und Stammesdichtern. Wieso sollte es sich also bei Muhammad um etwas anderes handeln, so dachten die Polytheisten. Hinzu kommt, dass die Vorstellung vorherrschte, dass diese Wahrsager und Stammesdichter als von Geistern besessen angesehen wurden. Das war also die Schublade, in die das Umfeld ihn steckte. Dazu schreibt auch der Koran (38:4):
    Sie wundern sich darüber, daß ein Warner aus ihren eigenen Reihen zu ihnen gekommen ist. Und sie sagen in ihrem Unglauben: "Dies ist ein verlogener Zauberer. Will er denn aus den (verschiedenen) Göttern einen einzigen Gott machen? Das ist doch merkwürdig." 
  2. Der zweite Vorwurf war der, dass Muhammads Offenbarungs-Verse nicht eigenständig seien, er habe dieses alles nur von den Juden und Christen abgeschaut, kopiert. Der Koran berichtet auch hier davon, in Sure 25:4 ff.:
    Und sie sagen: "Das ist nichts als ein Schwindel (ifk), den er ausgeheckt hat, und bei dem ihm andere Leute geholfen haben." Sie begehen aber (mit einer solchen Aussage) Frevel und (machen sich der) Lügenhaftigkeit (schuldig). Und sie sagen: "(Es sind) die Schriften der früheren (Generationen), die er sich aufgeschrieben hat. Sie werden ihm morgens und abends diktiert." Sag: (Nein!) Der hat ihn herabgesandt, der (alles) weiß, was im Himmel und auf Erden geheimgehalten wird. Er ist barmherzig und bereit zu vergeben.
Die Gegnerschaft der Mekkaner gegenüber Muhammad ist aus zwei Gründen nicht verwunderlich: 1. Bedrohte Muhammad mit seiner Botschaft die ökonomische Haupteinnahmequelle der Stadt, bzw.der Polytheisten, nämlich die Pilgerfahrt zur Kaaba. 2. Hätte die Befolgung der Offenbarungen immense Folgen für die soziale Ordnung in Mekka gehabt. Da Muhammad sich als Gesandter Gottes sah, hätte er eine völlig neue hierarchische Position im Mekka erhalten, hätten denn seine Missionsbemühungen breiten Erfolg gehabt. Zudem war es unter den Polytheisten bisher so, dass die Legitimation für Handlungen dadurch gegeben waren, dass es die Bräuche und Traditionen der Vorfahren waren, die man einfach tradiert und danach handelt. Durch Muhammads Lehren wäre nun anstelle der Vorfahren ein Gott getreten, der Legitimation für Handlungen verleihen würde. Das heißt, alle bisherigen tradierten Regeln würden durch Muhammads Anweisungen - nur ein transzendentaler Gott könne darüber entscheiden, was rechtes Handeln bedeutet - obsolet werden. Das alles erinnert an die Folgen des Christentums im antiken Römischen Reich, z. B. die Reaktionen der Mission von Paulus von Tarsus in Ephesos.
Durch das Werben für den Islam, das Warnen vor der Hölle, usw. kam es immer wieder zu konkreten Streitereien zwischen den polytheistischen Mekkanern und Muhammads ersten Anhängern, den Muslimen. Diese konnten jedoch meistens beigelegt werden. Diese Konflikte waren auch deshalb nicht verwunderlich, weil Muhammad nicht nur die anderen Stämme oder Clans Mekkas kritisierte, sondern auch vor seinem eigenen Stamm nicht Halt machte, was ganz entgegen den Gepflogenheiten des tribalen Verhaltensmusters erfolgte. Muhammads Gegner versuchten auf zwei Wegen seinen Einfluss in Mekka zu beschneiden: Einerseits gingen sie massiv auf sozial schwächer gestellte Anhänger Muhammads vor, bei dieser Gruppe hatte die Botschaft Muhammads übrigens die größten Erfolge gehabt. Durchaus auch mit physischer Gewalt, nicht nur durch Diskriminierung und Drangsalierung. Dieses Vorgehen hatte einigen Erfolg. Anderseits versuchten sie den Schutz des Stammes Banu Haschim für Muhammad aufzuweichen, dieses gelang allerdings nicht.

Sonntag, 1. Januar 2012

Bioethische und gesundheitliche Herausforderungen für die islamische Welt: AIDS, Drogen und Reproduktionsmedizin

Das Auge nach Hunayn ibn Ishaq, ca. 1200
Ich finde die Errungenschaften in der arabischsprachigen mittelalterlichen Welt besonders im naturwissenschaftlichem Bereich höchst bemerkenswert und interessant. Hier habe bereits einige Einblicke und weiterführende Information dazu vorgestellt:

Islam und Wissenschaft. Ein Gegensatz? Gründe für den Niedergang der Blütezeit des Islams

Doch das ist Geschichte, in der Wissenschaft, in der Naturwissenschaft hat die arabische Welt, wie übrigens auch die meisten anderen Sphären außerhalb der europäisch-amerikanischen Welt - einschließlich Ostasiens abgesehen vom letzten halben Jahrhundert - nur wenig von sich Reden gemacht.

Doch wie begegnet heute die islamische Welt der Wissenschaft? Wie sieht sie unter religiösen Aspekten die Technologie, die ethischen Fragen, die sich auch hierzulande immer wieder neu den Kirchen aufgrund des technologischen Fortschritts stellen?

Dazu gab es 2007 eine höchst interessante und mitunter auch brisante Tagung:

Bioethische und gesundheitliche Herausforderungen für die islamische Welt:  
AIDS, Drogen und Reproduktionsmedizin


Beiträge eines wissenschaftlichen Kolloquiums am Asien-Afrika-Institut
der Universität Hamburg, 22. Juni 2007

Herausgegeben von Raoul Motika und Christian H. Meier
Redaktionelle Mitarbeit: Kamila Klepacki


Veranstalter: Lehrstuhl für Turkologie (Abteilung für Geschichte und Kultur des
Vorderen Orients / Asien-Afrika-Institut) an der Universität Hamburg in
Kooperation mit dem Heidelberger Centrum für Euro-Asiatische Studien
(HECEAS e.V.)



Den Tagungsband kann man komplett hier als PDF herunterladen - noch:

Tagungsband: Bioethische und gesundheitliche Herausforderungen für die islamische Welt: AIDS, Drogen und Reproduktionsmedizin


Aus dem Vorwort:

Globale Herausforderungen sind heute nicht mehr auf bestimmte Regionen oder Kulturen begrenzt. Dies gilt insbesondere für die Folgen des technologischen Fortschritts, aber ebenso für medizinische und gesundheitspolitische Probleme. So hat sich auch die islamische Welt mit den Implikationen der modernen Biotechnologie oder länderübergreifender Epidemien auseinanderzusetzen. Diese stellen die betroffenen Gesellschaften vor Herausforderungen, die für ihre Zukunft ebenso entscheidend sind wie politische und militärische Konflikte.
Gemeinsam ist diesen Problemfeldern, dass sie das Menschenbild der jeweiligen Kultur und der durch sie geprägten Gesellschaft in Frage stellen können. Gerade in der islamischen Welt wird die Debatte über Individualrechte versus gesellschaftliche Normen zunehmend heftig geführt. Verfügt ein Mensch als Individuum also über bestimmte Rechte wie dasjenige auf körperliche Unversehrtheit und Selbstverwirklichung oder hat er vorrangig als Mitglied einer Gemeinschaft bestimmte Grenzen und Normen zu respektieren, insbesondere bezogen auf die Bereiche Familie, Sexualität und „moralische Lebensführung“? Ein Großteil der heutigen Debatten um Körper, Gesundheit und Bioethik bewegt sich in diesem Spannungsfeld.
Während Diskussionen in Deutschland und der westlichen Welt von der Dichotomie einer christlich geprägten Ethik einerseits und der Artikulation wirtschaftlicher
Interessen andererseits dominiert werden, wissen wir immer noch wenig über den
Umgang anderer Religionen und Kulturen mit den ethischen (und rechtlichen) Bewertungen von Reproduktionsmedizin, Drogenkonsum oder AIDS. Die Fragestellungen, die sich in diesem Kontext stellen, sind von grundlegender und kulturübergreifender Relevanz: Wo verläuft die Trennlinie zwischen Erlaubtem und Verbotenem? In welchem Verhältnis stehen die individuelle und die gemeinschaftliche Sphäre zueinander? Wo beginnt und endet die Verfügungsgewalt des Menschen über biologische Grundlagen der Fortpflanzung, des Lebens und des Sterbens? Welcher Wert wird konkurrierenden sozialen Kategorien wie Bestrafung und Fürsorge jeweils beigemessen?
In den letzten Jahren haben sich einige jüngere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Disziplinen, die sich entweder schwerpunktmäßig wie die Islamwissenschaft/Turkologie und Iranistik oder zumindest projektbezogen wie die Politikwissenschaft oder Ethnologie mit dem islamischen Kulturraum beschäftigen, auch gegenwartsbezogenen Themen jenseits der Tagesaktualität zugewandt. Eine Auswahl dieser jüngeren Kolleginnen und Kollegen wollten wir erstmals auf einer Tagung zusammenführen, was uns auch gelungen ist.

[...]

Sonntag, 4. September 2011

Homosexualität im Islam - Theorie und Praxis

Homoerotische Darstellung, safawidisch, Iran, Smithsonian Institution,
Washington
Ich hatte mich im Blog ja schon zweimal mit dem "heißen Eisen" Homosexualität und Islam beschäftigt. Einmal aufgrund eines Artikels zum neuen Buch von Prof. Thomas Bauer, in dem er darauf hinweist, dass die drakonischen Strafen für Homosexuelle im islamischen Kulturraum nie angewandt wurden, und der Import der britischen viktorianischen Moralvorstellungen im 19. Jahrhundert dazu führte, dass die islamische homoerotische Poesie nach Jahrhunderten der Blüte eingestellt wurde.
Weiterhin gab ich hier einige weitere Hintergrundinformationen, z.B. mithilfe einer Hausarbeit, die auf dem Blog al-sharq veröffentlicht wurde, sowie einem Lexikon-Zitat.

Heute kommen nun weitere Erläuterungen in Zitaten, wie meistens bei mir von kurzen allgemeinen Zitaten, hin zu immer detaillierteren Informationen, so dass diverse Ansprüche des Informationbedürfnisses der Leser befriedigt werden könnten. Dazu noch einige weiterführende Links, sowie einige Gedanken von mir.

Aus dem Lexikon des Mittelalters:
(Einige Sonderzeichen (Transkriptionen) der DMG werden nicht korrekt angezeigt.)

Homosexualität im islamischen Bereich:

Die nach dem atl. Lot im Arabischen als Liwat bezeichnete Sodomie wird durch Koran (7:81-83; 26:165; 27:54-55) und Hadith verdammt, von den Juristen gemeinsam mit ehebrecherischem Verkehr (zina) als schweres Sittlichkeitsverbrechen behandelt, wobei in der Rechtspraxis allerdings strenge Beweisregeln die Ahndung praktisch verhinderten. Trotz des religiös-moralischen Verdikts wurden Transvestiten (muhannat) und Homosexuelle (luti) in den ehemaligen byzantinischen und iranischen Ländern von der islamischen Obrigkeit geduldet, insbesondere im städtischen und höfischen Bereich, wie Literaturzeugnisse homoerotischen Inhalts zeigen (Abu Nuwas, gest. 813 in Bagdad; »Mufaharat al-gawari wa'lgilman«, ein geistreiches Streitgespräch zwischen Homo- und Heterosexuellen von Gahiz, gest. 868/869 in Basra). Homosexuelle Kontakte, üblicherweise zwischen älteren Männern und heranwachsenden Knaben, wurden durch die Geschlechtertrennung in den muslimischen Städten gefördert; das juristische und populäre moralische Schrifttum warnt vor Verführung u. a. in Schulen und Sufi-Bruderschaften. In Liebesgedichten der arabischen, später der persischen und türkischen Literatur werden bevorzugt Knaben angesprochen, da die erotische Schilderung der Frau als unziemlich gilt und der fiktionale Schauplatz der erotischen Poesie in maskuliner Sphäre, namentlich in der Schenke, angesiedelt ist. Homoerotische Züge in der Dichtung sind oft nur Topoi. Aufgrund literarischer Belege erscheint Bisexualität noch bis ins 16. Jh. in der muslimichen Oberschicht als schickliche oder gar empfohlene Verhaltensweise, wobei die homoerotische Komponente öffentlich stärker hervortritt, das heterosexuell geprägte häuslich-private Leben dagegen geringere Beachtung erfährt. Sexuelle Exzesse jeder Art werden mißbilligt (vgl. den osman. Geschichtsschreiber Mustafa 'Ali).
C.H. Fleischer

Mittwoch, 31. August 2011

Burka, Kopftuch, Niqab und Hidschab - 2. Teil

Benazir Bhutto, 1988 erste
Premierministerin von Pakistan. Mit Schleier.
"Die Leute glauben, ich sei schwach, weil ich eine Frau bin. Wissen sie nicht, dass ich eine muslimische Frau bin und dass Musliminnen ein Erbe besitzen, auf das sie stolz sein können? Ich habe die Geduld der Bibi Khadidscha, der Frau des Propheten, Friede sei mit ihm. Ich habe die Ausdauer der Bibi Zainab, der Schwester des Imams Husain. Und ich habe den Mut der Bibi Aisha, der jüngsten Frau des Propheten, die auf ihrem Kamel an der Spitze eines islamischen Heeres in den Kampf zog. Ich bin die Tochter des Märtyrers Zulfikar Ali Bhutto, die Schwester des Märtyrers Schah Nawaz Khan Bhutto, und ich bin eure Schwester. Ich fordere meine Gegner heraus, sich mir auf dem Schlachtfeld der Demokratie zu stellen." (Benazir Bhutto, verstorben am 27. Dezember 2007)
Nun geht es weiter in der Artikelserie über das Kopftuch, den Schleier, den Gesichtsschleier Niqab, und weitere Formen dieser für Frauen typisch islamisch angesehenen Bekleidungsvorschrift. Hier kann man den ersten Teil nachlesen. Zuvor hatte ich schon hier einige Zitate und Gedanken veröffentlicht.

Zitate aus:
Adel Theodor Khoury, Ludwig Hagemann, Peter Heine: Lexikon des Islam. Geschichte, Ideen, Gestalten. 2004

Schleier

Kaum ein Kleidungsstück wird dermaßen mit einer vom Islam geprägten Lebensweise in Verbindung gebracht wie der Schleier. Traditionell wird er von Frauen und Mädchen nach der Geschlechtsreife getragen. Zwar tragen auch Männer bestimmter Nomadengruppen, wie der Tuareg der Sahara, Gesichtsschleier. Doch sind hier keine religiösen oder quasi-religiösen Gründe für diese Sitte von Bedeutung, sondern ausschließlich praktische und soziale Motive. Die zahlreichen regional unterschiedlichen und sozial differenzierten Formen der Verschleierung muslimischer Frauen lassen sich in fünf Typen einteilen: Körperschleier, Gesichtsschleier, Halbschleier, Gesichtsmaske und Kopftuch. [...]
Es lassen sich raffinierte Muster feststellen, die darauf schließen lassen, daß eine der Funktionen der Kleidung, nämlich die soziale Stellung des Trägers oder der Trägerin auszudrücken, auch hier besteht.

Körperschleier

Als Körperschleier (Tschador) werden solche Formen der Verhüllung von Frauen bezeichnet, die den gesamten Körper von Kopf bis Fuß bedecken und das Gesicht frei lassen. Es finden sich im übrigen Körperschleier, bei denen auch das Gesicht bedeckt ist und der Trägerin eine Orientierungsmöglichkeit durch einen von einem dünnen Stoff bedeckten Augenausschnitt gegeben ist. [...] Die Propagierung des »Tschador« durch die islamische Revolution im Iran hat dazu geführt, daß dies Kleidungsstück als »islamische Kleidung« in die Literatur eingegangen ist.
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Außer auf die »islamische« Haltung der Trägerin oder ihrer Familie weist die Form des Schleiers auch auf ihre soziale Stellung hin. Der Schleier ist vor allem ein städtisches Kleidungsstück.
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