Donnerstag, 13. Januar 2011

Juden-Hetzer und Islam-Hetzer mit Parallelen

Ein Jahr ist es her, seitdem der Historiker Wolfgang Benz (Leiter des Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin, Herausgeber der "Dachauer Hefte", mit denen er die KZ-Forschung etablierte).mit diesem SZ-Artikel Aufsehen erregte:

Antisemiten des 19. Jahrhunderts und manche "Islamkritiker" des 21. Jahrhunderts arbeiten mit ähnlichen Mitteln an ihrem Feindbild.

Das Feindbild "Westen" im arabischen Kulturkreis wird von Populisten im Westen mit dem Feindbild "Islam" erwidert. Es folgt den gleichen Konstruktionsprinzipien.

Feindbilder bedienen verbreitete Sehnsüchte nach schlichter Welterklärung, die durch rigorose Unterscheidung von Gut (das immer für das Eigene steht) und Böse (das stets das Fremde verkörpert) sowie darauf basierender Ausgrenzung und Schuldzuweisung zu gewinnen ist. Feindbilder, die eine solche Welt beschwören, lindern politische und soziale Frustrationen und heben das Selbstgefühl.(...)
Bausteine des Feindbilds sind Verallgemeinerung und Reduktion von wirklichen oder vermeintlichen Sachverhalten auf Negativa. Gerüchte, Unterbewusstes, Hörensagen, literarische und volkstümliche Überlieferung erheben sich zu "Tatsachen" - die jedoch nur vom Glauben leben.
Mehr in der Süddeutschen Zeitung, von Wolfgang Benz

Mehrfaches terroristisches Anschlagsziel
in Berlin 2010
Man kann diesen Vergleich der Methodik von Antisemitismus und Islamophobie nicht oft genug betonen, auch wenn diese Diskussion um Zulässigkeit oder Unzulässigkeit des Vergleichs schon vehement im deutschen Feuilleton in der ersten Hälfte 2010 geführt wurde. Oft mit dem Missverständnis, als ob diejenigen Professoren, die auf eine Ähnlichkeit der beiden Argumentationsmuster hingewiesen haben, in irgendeiner Form die antisemitischen Zustände Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts mit den Zuständen gegenüber Muslimen heute gleichsetzen wollten. Mitnichten. Diese Unterstellung diente letztlich nur dazu abzulenken, und die möglichen Gefahren der unzulässigen sogenannten "Islamkritik" (die scharf von der zulässigen Islamkritik zu unterscheiden ist! Maßstab: Strenge Wissenschaftlichkeit.) für eine Eskalation nicht wahrnehmen zu müssen.
Das Projekt "Hybride europäisch-muslimische Identitätsmodelle" der Humboldt-Universität Berlin hat eine eindrucksvolle Zusammenstellung der Mediendebatte um Islamkritik erstellt.
In den letzten Monaten fand in den Feuilletons deutscher Zeitungen sowie anderen Ressorts und Medien eine Debatte um die Beschaffenheit von Islamkritik in Deutschland statt.
Manchmal ist es interessant einen Schritt zurückzutreten, und mal zu betrachten, was sich seitdem so getan hat.
2010 war das Sarrazin-Jahr. Nach diesem Jahr können wohl kaum noch die Kritiker von Wolfgang Benz ihre Thesen aufrechterhalten.
Zumal die Zahl der Attacken auf islamische Einrichtungen doch deutlich zugenommen hat. Darunter mehrere Brandanschläge auf Moscheen alleine in Berlin:

1. Anschlag 16. Juni 2010Sehitlik-Moschee (DITIB) Neukölln, Columbiadamm, größte Moschee Berlins
2. Anschlag 1. August, früher Morgen: Sehitlik-Moschee (DITIB) , Feuer an Fenster von Nebengebäude
3. Anschlag 10. August: Sehitlik-Moschee (DITIB)
4. Anschlag 19. November, 6.15 Uhr: Sehitlik-Moschee (DITIB)  Feuer an der Außenwand, rasch von Mitarbeiter gelöscht, Propangasflasche nicht explodiert
5. Anschlag 28. NovemberAl-Nur-Moschee Neukölln, Haberstr.
6. Anschlag 9. Dezember, früher Morgen: Islamische Kulturgemeinde der Iraner in Berlin-Brandenburg, Tempelhof,  Brandsatz geworfen, Fassadenbrand
7. Anschlag 8. Januar 2011, ca. 2 Uhr: Ahmadiyya Moschee Wilmersdorf, Briennerstr. Brandkörper gegen Tür
Mehr Hintergründe in dem sehr empfehlenswertem Migrations-Blog.
Nicht zu sprechen von zahlreichen in den Medien (fast) nie veröffentlichten Fällen von Vandalismus, Beschmierungen mit Farbe, manchmal Tierkörper oder Blut an Moscheen oder islamischen Gemeindehäusern, sowie Schändungen von muslimischen Gräbern. Sind das keine Nachrichten wert? Lassen sich damit keine Zeitungen verkaufen?

Sollten die Kritiker von Wolfgang Benz weiterhin keinen Zusammenhang in der Methodik und argumentativen Logik derjenigen sehen wollen, die den Antisemitismus befeuerten und denjenigen, die islamophobe Feindbilder heraufbeschwören, so frage ich mich, was noch passieren muss, bis denen ein Licht aufgeht? Diese Einsicht ist wahrscheinlich recht schwierig, denn die Kritiker von Wolfgang Benz sind ja manchmal dieselben Personen, die islamophobisch argumentieren, wie zum Beispiel Henryk M. Broder. Und Selbsterkenntnis und Selbstreflexion ist bekanntlich immer ein schwerer kathartischer Prozess.

Und das es eine Binsenweisheit ist, dass bekanntlich "hate speech" zu "hate crime" führt, wird nicht erst seit Sarah Palins rhetorischen Entgleisungen diskutiert.

Schon Anfang September 2010 wurden in Artikeln wie diesem Befürchtungen laut:
Es herrscht Pogromstimmung
Wenn erst die Moscheen brennen, will es wieder keiner gewesen sein!
(Hagen Rether, Jahresrückblick 2007!)
Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.(Heinrich Heine)

(...) Nicht einmal das Faktum, dass ein Bundesbanker sich an die Spitze der antiislamischen Hetze in Deutschland stellt, scheint als entlarvendes Warnsignal über Ziel und Zweck der Strategie wirklich ernst genommen zu werden. (...)

Dass viele aber im 21. Jahrhundert immer noch so tun, als wäre nicht bekannt, dass hate speech zu hate crime führt, ist beunruhigend. Nun hat es in den USA einen muslimischen Taxifahrer erwischt, der knapp eine Messerattacke überlebte, im ganzen Land werden seit Monaten Moscheen angegriffen (...)
In Deutschland werden kopftuchtragende Frauen Opfer von Anfeindungen, Moscheen werden attackiert, muslimische Gräberfelder verwüstet – wie jüdische Friedhöfe weiterhin. Während letzteres zumindest die Geschichtsbewussten auf den Plan bringt, scheinen die anderen „Einzelfälle“ bis hin zum Mord an Marwa El-Sherbini vor einem Jahr in Dresden weniger zu beunruhigen – von Regierungsseite gibt es nach wie vor keine Erklärungen, auch andere Stellen öffentlicher Empörung tun sich schwer mit der Anerkennung dieser neuen Form von Rassismus. Von Bekämpfung des Phänomens scheint man erst recht nichts wissen zu wollen.
(...)

So wird aus diesem Konflikt, wie aus vielen anderen auch, ein Religionskonflikt – zunächst herbei geredet und dann realiter, denn das ist die faktizierende Kraft der Worte. Wie die Progrome, die den jetzigen mehr oder weniger expliziten Aufrufen zu Hass und Gewalt folgen werden.
Mehr in dem Artikel der AG Friedensforschung.

Nun, niemand hat eine Wahrheitskugel, und ich persönlich würde nicht in Alarmismus verfallen, dennoch muss man Parallelen zur Stimmung in Deutschland in den 1990ern sehen, die zu brennenden Häusern, toten und verletzten Menschen führten, bis dann endlich die Mehrheitsgesellschaft aufwachte, erschrocken wirkte, und durch große Lichterketten demonstrierte, dass nicht alle Deutschen es so weit kommen lassen wollten, selbst wenn so mancher "Kerzengänger" einige Wochen zuvor am Stammtisch noch "fröhlich" über die "Asylantenflut" mitpolterte (und dabei womöglich vergaß, dass seine Großeltern glücklich waren, vor der Roten Armee der Sowjets Aufnahme in Deutschland finden zu dürfen).

Hier mal zur Erinnerung:

Brandanschläge, die einen ausländerfeindlichen Hintergrund hatten:

1990: 50 (Tatmotiv unbekannt, der Rest in den folgenden Jahren mit ausländerfeindlichem Tatmotiv. Laut Verfassungsschutz)
1991: 354
1992: 656
1993: 284
1994: 80
1995: 37

Quelle; leider endete sie 1997, nach dem 9.11. hätte ich gerne weitere Daten gelesen.

Man muss bei all dem auch die psychologische Wirkung auf die Muslime nicht außer acht lassen. Wer mitbekommt, dass auf seine Gemeinde ein Anschlag verübt wurde, der betet künftig sicherlich angespannter, vor allem, wenn man ungewöhnliche Geräusche von außen hört. Und durch die Verbreitung dieser Nachrichten in der islamischen Community mittels moderner Vernetzungen springen diese Ängste von Gemeinde zu Gemeinde weiter. Noch muss man vielleicht keine Angst haben, Anspannung ist aber an manchen Orten im Jahr 1 nach Sarrazin spürbar.

Jüngere Fälle werden in Statistiken übrigens kaum aufgeschlüsselt (also explizit islamfeindliche Straftaten), doch rechtsextreme Delikte dürften oft einen ausländerfeindlichen Hintergrund haben, was dechiffriert meistens heißt, sie hatten einen türkenfeindlichen, und somit gleichzeitig einen islamfeindlichen Hintergrund. Feindbilder sind fließend...
Hier wird man ggf. fündig:
MUT gegen rechte Gewalt ~ Chronik rechtsextremer Gewalt 2007 bis 2009

Rassistische und rechtsextremistische Taten in Deutschland - alltägliche Einzelfälle


(Bildquelle: Wikimedia Commons)

Kommentare:

  1. Wie, "was tun als Muslim"?
    Um die Gesellschaft zu sensibilisieren? Um solche Taten zu verhindern?
    Wählen gehen. Den eigenen Abgeordneten versuchen in einer Bürgersprechstunden zu befragen, ob er sich dessen bewusst ist und fragen, ob er Initiativen dagegen unterstützt? Andere Politiker, die grad in der Region an der Macht sind, ebenso in Bürgersprechstunden befragen. Ebenso kann man mal Briefe schreiben, vielleicht auch die aus Papier, falls die noch jemand kennt. Mehr Kontakte zu "Einheimischen" knüpfen wie bisher, statt sich einzuigeln, also in einen Verein eintreten, zur Freiwilligen Feuerwehr, zu den Johannitern, usw. Kann an auch parallel zur islamischen Gemeindearbeit machen. usw. Das fällt mir so grad heute Nacht ein.
    Dialog, Dialog, Dialog, bis sich die Balken biegen... ;-)

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