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Samstag, 6. Juli 2013

Sollten sich "anständiger Bürger" wegen der Überwachung sorgen?

Ein sehr interessanter Erfahrungsbericht, was im Zusammenspiel von Feindbildern und Vorurteilen die schon jetzt übliche Überwachung jedes einzelnen Bürgers für Folgen haben kann. Inklusive Einblicke in die Arbeitsmethoden etlicher Medien. Zitiert aus Dr. Michael Blume Scilogs Blog:

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Sollten sich "anständiger Bürger" wegen der Überwachung sorgen? – Ein Erfahrungsbericht aus den Schattenkriegen

von Michael Blume, 06. Juli 2013, 13:52

Wir sollen uns doch bitte nicht so aufregen. Vor ein bisschen Überwachung und ausufernden Sicherheitsbehörden hätten "anständige Bürger" doch gar nichts zu befürchten. Wir sollten doch laut Sylvia Braun auf FOCUS.de einfach einsehen, dass "es gut ist, bestimmte Daten der User im Netz zu speichern." Wenn es beim Fangen von Terroristen und Kriminellen hilft, sollte es uns doch Recht sein! Und es übertreiben halt mal wieder die USA, vielleicht auch Chinesen und Russen – aber wir feinen Europäer doch nicht. So klingt es beschwichtigend in vielen Texten und Gesprächen in diesen Tagen und es ist klar: in wenigen Wochen werden wieder andere Themen die Medien und Politikforen dominieren.
 
Manchmal, wenn ich dieses leichtfertige Verspielen unserer Bürgerrechte nicht mehr aushalte, erzähle ich von dem, was ich selbst erlebt habe. Und das will ich, aus Respekt vor dem Mut von Edward Snowden, heute erstmals auch online tun.
 
Es geschah im Jahr 2003 – wie inzwischen aufflog, zog damals der NSU auch nach allerlei Hinweisen unbehelligt von Sicherheitsbehörden mordend durch die Republik und den Südwesten und ein Mitarbeiter des Landesamtes für Verfassungsschutz Baden-Württemberg warnte eine Zelle des Ku-Klux-Klans vor einer anstehenden Polizeiaktion. Statt dieser und anderer Extremisten bekam ich das "Vergnügen" der "Aufmerksamkeit" von Akteuren, die doch angeblich unsere Sicherheit und Verfassung beschützen.
 
Ich war damals Mitte 20 und darf wohl behaupten, so ziemlich das Musterbeispiel eines „anständigen Bürgers“ abgegeben zu haben: Abiturient und Scheffelpreisträger mit blütenweißem Führungszeugnis, aktiv als Orts- und Kreisvorstand der Jungen Union, ehemaliger Jugendgemeinderat sowie gewählter Jung-Stadtrat (CDU) in meiner Heimatstadt Filderstadt. Hinzu kam eine Finanzausbildung mit Auszeichnung („Spitzenazubi“) bei der Landesbank Baden-Württemberg, gefolgt von einem Studienstipendium der Begabtenförderung der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS). Ich war (und bin) praktizierender Christ in der evangelischen Landeskirche, Gründungsvorsitzender einer jungen, interreligiösen Initiative aus Christen, Muslimen und Juden, Magister der Religions- und Politikwissenschaft in Tübingen, jung verheiratet mit einer Deutsch-Türkin und frisch Vater einer süßen Tochter. Auch, dass ich die Welt nur in rosarot gesehen hätte, lässt sich schlecht behaupten: Die Bilder von den Flugzeugattentaten des 11. September 2001 erreichten mich an der Evangelischen Akademie Bad Boll, in der wir gerade eine Sommerakademie vorbereiteten mit dem Titel: „Christen und Muslime – Gemeinsam Gewalt verhindern“. Und dann hatte ich mit einer Ausarbeitung über „Heimat und Identität“ auch noch einen 3. Preis des Bundesministerium des Inneren gewonnen; die vom damaligen Minister Otto Schily (SPD) unterzeichnete Urkunde bewahre ich bis heute auf.
 
Über diese Auszeichnung hatte der damalige baden-württembergische Staatsminister Dr. Christoph Palmer (CDU) in der "Stuttgarter Zeitung" gelesen – und so bekam ich einen Anruf seines Büros, ob ich nicht Lust und Zeit hätte, mit dem mir bis dahin persönlich unbekannten Minister einen Kaffee zu trinken. Natürlich hatte ich! Nach einem ausführlichen, intensiven und guten Gespräch kam er zur Sache: Es mache ihm Sorgen, dass es bislang in der Landesverwaltung praktisch nur Islamexperten aus dem Sicherheitsbereich gebe; aber noch keinen zivilgesellschaftlichen Dialog mit der großen, friedliebenden Mehrheit der Muslime. Wann ich denn mit dem Studium fertig sei?
 
Und so trat ich also 2003 meine erste, halbe und befristete Stelle an – überglücklich und noch überhaupt nicht ahnend, dass ich damit Interessengruppen in den Weg geraten war, die es gar nicht toll fanden, dass ein „ziviler Grünschnabel“ und „Moslemversteher“ ihre Pfründe bedrohen könnte. Ich war insofern tatsächlich "naiv", dass ich meinte, jede(r) müsse Dialog, Verständigung und den Abbau von gegenseitigen Vorurteilen und Ängsten doch letztlich gut finden. Nun sollte ich auf die harte Tour lernen, dass ganze Institutionen und Karrieren auch genau von Ängsten leben!
 
Während ich also noch völlig ahnungslos meinen Arbeitsbereich aufbaute, begannen "Kollegen" der Sicherheit schon auf eigene Faust "belastendes" On- und Offlinematerial (einschließlich eMails) zusammen zu tragen und schließlich Journalisten sowie Oppositionsabgeordnete damit „zu füttern“. Ich weiß bis heute nicht, auf welcher Rechtsgrundlage diese Leute überhaupt gegen einen unbescholtenen Mitarbeiter "ermittelten" - und dann Auswahlen ihrer "Funde" auch noch weitergaben! Nun, sie taten es einfach - und eröffneten damit die Jagd.
 
Ich werde nie den Anruf eines Journalisten von den „Stuttgarter Nachrichten“ vergessen, in dem mich dieser allen Ernstes fragte, ob ich ihm denn „beweisen“ könne, Christ zu sein – schließlich sei ich „doch mit einer Muslimin verheiratet“. Ob ich nicht zugeben wolle, „heimlich konvertiert“ und in die Landesverwaltung „eingeschleust worden“ sei? Ob ich denn "ausschlien könne", dass ein muslimischer Freund "Mitglied bei Milli Görüs war oder noch ist?" (War er nie - aber da schlucken Sie erstmal...) Ob meine Frau eigentlich Kopftuch trägt? (Nein. Und wenn?)
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Immerhin: Seitdem kann ich existentiell nachvollziehen, was es für religiöse Minderheiten bedeutet, von Verschwörungstheorien eingedeckt zu werden...
 
In einem großen – inzwischen vom Netz genommenen – Artikel mit bedrohlich inszeniertem Foto wurde ich sodann zum „umstrittenen Islamberater“ ernannt, gestützt auf Verfassungsschutzquellen, die sich verächtlich über mein interreligiöses Engagement, meine Magisterarbeit und meine mutmaßliche „Naivität“ im Umgang mit Muslimen ausließen. Auch der Verweis auf meine „türkische Ehefrau“ durfte selbst in "seriösen" Zeitungen damals nicht fehlen. (Dass auch sie in Deutschland geboren und längst deutsche Staatsbürgerin war, ihr Abi an einem katholischen Gymnasium gemacht hatte etc. interessierte dabei naturgemäß überhaupt nicht. Mit "türkischer Ehefrau" wurden die entsprechenden Bilder beschworen - und eine Prise Rassismus macht so eine Story ja nur noch würziger. Vergleiche: "Dönermorde"...)
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Weitere Zeitungen wie die rechtsgerichtete „Junge Freiheit“ – Storytitel: „Mit Allah in die Staatskanzlei“ - und die türkisch-kemalistische „Cumhurriyet“ stiegen begeistert ein. Obskure deutsche und türkische „Journalisten“ tauchten auch bei uns daheim auf und boten an, mich zu „beschützen“, wenn ich ihnen nur „mehr Material“ gäbe. Äußerte ich mich nicht, so wurde mir das negativ ausgelegt ("...verweigerte jede Auskunft."). Äußerte ich mich, nicht weniger. ("...stritt alles ab.") Wir erhielten Drohanrufe und –mails, so dass wir die Polizei einschalten und eine nichtöffentliche Telefonnummer beantragen mussten. Der Abgeordnete Stephan Braun (SPD) assistierte mit einer Landtagsanfrage zum „Fall Michael B.“, die zur Diskussion meiner Magisterarbeit im Landtag führte.
 

Montag, 18. Juni 2012

Was ist Wissenschaft? Die Kunst der Wissenschaft, Unsinn zu entlarven

Carl Sagan, 1980


Es ist leider festzustellen, dass in breiten Bevölkerungsschichten die Schere zwischen Wissenschaft und dessen Rezipienten immer weiter auseinander geht. Dieses ist einerseits das Versäumnis vieler Wissenschaftler, ihren Stoff populärwissenschaftlich aufzubereiten, dass auch ein Laie dem folgen könnte, andererseits der Entwicklung der Medienlandschaft und des Internets geschuldet. Man kann zwar die Demokratisierung des Wissens zum Beispiel durch das Internet durchaus begrüßen, dennoch zeigt sich exemplarisch anhand der Wikipedia, wie das Niveau von Wissen verflachen kann, verglichen mit den professionell redaktionell betreuten Enzyklopädien in den Bücherregalen. Besonders in den geisteswissenschaftlichen Bereichen der Wikipedia oder den Bereichen, wo wenig Expertise durch echte Fachautoren vorhanden ist. Da wird beispielsweise nicht selten ausführlich auf die Liebschaften eines Renaissance-Fürsten eingegangen, weil wahrscheinlich dieses Thema kontrovers in der Wissenschaft debattiert wird oder wurde, noch häufiger aber in den Massenmedien oder im Fernsehen thematisiert wurde, doch wie es um die historische Bedeutung dieses Fürsten bestellt ist erfährt der Leser oft  nicht. Oder überblickt der Leser nicht, da die Episode der Liebschaften alleine vom Anteil des gesamten Artikels so übergewichtet ist, dass der Laie ihm automatisch eine hohe Bedeutung beimisst, mit der flachen Begründung, ansonsten wäre es doch nicht so ausführlich abgehandelt worden, wenn es nicht auch wichtig für die Biographie der Person sei. Ich möchte nicht behaupten, dass die historischen Fakten der Liebschaften falsch wären, oder dass sie gänzlich irrelevant wären. Ich wage aber zu behaupten, dass die meisten Leser, die vorher keine oder kaum Kenntnisse aus der Standardsekundärliteratur gewonnen haben, kaum einschätzen könne, wie sie nun die historischen Leistungen dieses Fürsten gewichten sollten, was nun wichtig, was eher unwichtig in seinem Wirken war, wie die historische Relevanz aussieht. Es schleicht sich somit in etliche Wikipedia-Artikel eine gewisse Boulevardisierung ein, eine Verflachung und Verwischung, von Wichtigem und Unwichtigem. Und mit der unheilvollen Tendenz, den Extremmeinungen ein unnötiges, ja dem laienhaftem Bildungsniveau des Lesers abträgliches Gewicht zu verleihen. Besonders in scheinbar oder tatsächlichen umstrittenen Themen, die auch in den Massenmedien eine Rolle spielen. Zum Beispiel suggerieren die Medien nicht selten einen riesigen Disput, wo wissenschaftlich gesehen weitgehender Konsens besteht, in ihrem durchaus nicht immer negativ zu sehenden Versuch, ausgewogen berichten zu wollen - also ein Thema von zwei Seiten beleuchten zu wollen. Jeder kennt die Debatte über den menschengemachten Klimawandel, und der (jahrelange) Eindruck in den Massenmedien, es gäbe darüber zwei etwa gleichgroße Lager, zwischen Klimawandelskeptikern und Klimawandel"befürwortern". Gleiches haben wir bei der in den Massenmedien groß publizierten Hypothese von Christoph Luxenberg und seiner aramäischen Lesart des Korans beobachten können. Eine inzwischen in der islamwissenschaftlichen Zunft weitgehend widerlegte These. Doch in den Medien bis heute nicht vergessen. Von islamfeindlichen Blogs ganz zu schweigen, wo diese Hypothese als Tatsache hingestellt wird. Und natürlich wurde die Widerlegung von Christoph Luxenberg in den Massenmedien kaum thematisiert. Dieses Verhalten der Medien ist natürlich der Tatsache geschuldet, Schlagzeilen, Sensationen produzieren zu müssen, um die Auflage und die Einnahmen zu steigern. Diese Medienmechanismen habe ich ja schon hier im Blog ausführlichst anhand des Beispieles Feindbild Islam thematisiert. Wo Minderheitenmeindungen von wissenschaftlichen Laien wie Henryk M. Broder, Necla Kelek oder Thilo Sarrazin künstlich aufgebauscht werden, bis der Leser denkt, hier nun wirklich eine gleichwertige und vertretbare Hypothese oder noch schlimmer, Fakten lesen zu können. Gleiches finden wir auch zum Beispiel in den Massenmedien zum Thema Evolutionsbiologie.
Aber nach meinem Eindruck ist das, was an Vereinfachungen oder Boulevardisierungen in den Massenmedien durch gehetzte Journalisten stattfindet, nichts im Vergleich zu dem, was im Internet allgemein zu beobachten lässt. Dort verwischen zusehens die Trennlinien zwischen Pseudowissenschaft und Wissenschaft. Zwar (noch) nicht unbedingt in der Wikipedia, wo nur schiefe Zerrbilder in den Köpfen der Leser durch falsche Gewichtungen in den Artikeln generiert werden. Oder einfach Inkompetenz in den Orchideenfächern vor allem seitens der Admins bestehen, sie also bei widerstreitenden Thesen seitens der Wikipedia-Autoren nicht entscheiden können, welche nun wirklich in der Wissenschaft Relevanz besitzt, weil man inzwischen dank googlebooks jede noch so abstruse Hypthese in einen Wikipedia-Artikel einbauen kann.
Ich habe viele Jahre in dem Fachforum geschichtsforum.de mitgeschrieben, und unter anderem dort beobachten können, wie pseudowissenschaftliche Begründungen und Herleitungen besonders gerne auch aus Youtube.de ins Forum getragen wurden. Besonders gerne auch seitens Nationalisten und Ultranationalisten, die vielleicht ansonsten keine weitere Bestätigung ihrer abstrusen Thesen beispielsweise zum Ursprung von Völkern finden konnten. Und Geschichte ist nur ein Feld, wo man fast verzweifeln könnte, angesichts der Schwemme an dummen, völlig unwissenschaftlichen Videoinhalten. Fast jeder Bereich wird in youtube inzwischen abgedeckt, ob Politik, Verbraucherinformationen, Naturwissenschaften, Religion, usw. Dabei behaupte ich mal, dass das Verhältnis von "volksverdummenden" Videos, zu den wirklich echtes Wissen bringenden Videos 10 zu 1 ist. Und wenn man kaum Vorkenntnisse besitzt, oder allgemein das Bildungsniveau vielleicht nicht so hoch ist, oder man auch nie in der Schule gelernt hat, was es eigentlich heißt, wissenschaftlich etwas zu begründen, herzuleiten, dann verfällt man nicht selten den pseudowissenschaftlichen, oder populistischen, oder einfach "sensationellen" Thesen dieser Videos anheim. Man erkennt einfach nicht deren Schwächen, oder logische Fehler, von den Fakten ganz zu schweigen, die meiner Erfahrung nach selten einmal einem Faktencheck unterzogen werden. So werden nicht selten beispielsweise Mathematikprofessoren, für linguistische oder theologische Fachleute gehalten, einfach weil niemand die Biographie überprüft, ob dieser Prof. vielleicht gar keine Ausbildung in dem Bereich hatte, und daher es kein Wunder ist, dass er nur laienhaft z. B. seine nationalistischen oder religiösen Herleitungen übermitteln kann, die jeder Überprüfung eines echten Fachmannes der Zunft nicht standhalten würde.
Abgesehen davon, ist es für viele natürlich immer interessanter, spektakulärer, wenn man sich der Beschreibung einer vermeintlichen "Sensation" hingibt, und diese weiter verbreitet. Egal, ob es sich nun um Atlantis handelt, oder andere untergegangene Städte, die man anhand von geologischen Anomalien unter Wasser vermutet, ob es sich um "das Gesicht auf dem Mars" handelt, um Erdstrahlen, allerlei Verschwörungstheorien, oder den riesigen Bereich der Esoterik, wobei einige Bereiche durchaus ernstzunehmen sind, andere hingegen Hokuspokus darstellen, wenn man sich einmal die Mühe macht deren Aussagen wissenschaftlich abzuklopfen - sofern man die Methoden der Wissenschaft überhaupt kennt...
Natürlich verbreitet sich heutzutage all der Schwachsinn im Internet noch viel rasender, da durch die sozialen Netzwerke wie Google Plus, Facebook, Twitter und Co. nicht mehr nur Homepagebesitzer wie früher als Multiplikatoren von unhaltbaren Thesen dienten, sondern jeder quasi der Funke dafür sein kann, dass plötzlich eine riesige Gruppe von Leuten denken, sie dürften ihre Kinder nicht mehr vor Kinderkrankheiten impfen lassen - hat man doch so auf youtube gesehen...
Überhaupt: Ich habe so den Eindruck, dass in den letzten 10 Jahren, vielleicht auch wegen des Internets, die Leute immer mehr den Extremen zuneigen. Extreme Meinungen und Erklärungen meine ich. Auch in politischen Erklärungsmustern. Und das geht quasi auch in beide politische Richtungen, rechts und links. Einmal diejenigen (oft Rechten), die trotz aller Fakten, den Thesen eines Sarrazin zustimmen, ist ja so schön einfach... Einfach in seine eigene Realität flüchten, und der komplexe Globus bekommt endlich wieder Struktur und macht nicht mehr so viel Angst, wenn man weiß, woher die "Gefahr" ( = Islam) kommt.
Andererseits diejenigen Linken, die denken, eine sozialistische Räterepublik wäre das Beste für das Land, so dass man bei einigen den Eindruck hat, sie wären geschichtsvergessen, blenden all die Dutzenden diesbezüglichen gescheiterten Versuche in allen Teilen der Welt aus. Auch hier, Resistenz gegen jede Faktenlage. Gegen jede Realität.
Und das Traurige ist ja eben, dass man heutzutage für jede noch so abstruse Idee oder These, scheinbar felsenfeste Begründungen im Netz finden kann. Sei es in zahlreichen Blogs oder Homepages, sei es in diversen Foren, sei es auf youtube, und seit einigen Jahren vor allem in sozialen Netzwerken.
Schwarmintelligenz gibt es. Das kann auch hoch produktiv und positiv sein, siehe Vroniplag oder auch die Wikipedia insgesamt, gewisse Bereiche mal ausgeklammert. Es gibt aber offensichtlich auch eine große Schwarmdummheit. Je mehr Leute z. B. denken, Evolution gibt es nicht, (was vermutlich aufgrund des US-amerikanischen Einflusses weltweit zugenommen hat), desto eher wird kritiklos in diese Richtung gedacht. Genauso, wie immer mehr Leute meinen, der Islam sei eine Gefahr. Wenn es nur oft genug direkt oder noch öfter (z. B. alleine durch die Bebilderung) indirekt in den Massenmedien betont wird.

Ich möchte mit diesen Ausführungen nun gar nicht behaupten, dass der Mainstream, in Wissenschaft, Forschung, Medien, Politik, und so weiter keine Kritik verdienen, keine Gegenöffentlichkeit benötigen, keine skeptische Begleitung bedürfen, sei es durch Blogs, oder durch kritische Zeitgenossen in Facebook, Google+ und Co. Ich sage auch nicht, dass man unkritisch autoritätshörig sein müsse - im Sinne von, angesehenen Professoren gegenüber unkritisch zu sein. Ich weiß auch, dass Wissenschaft, oder Erkenntnisse immer im Wandel begriffen sind, und viele Gelehrte oder Forscher am Anfang als "Spinner" abgetan wurden, als Querulanten, gegebenenfalls gar als Gefahr für Pfründe alteingesessener Strukturen. Und ohne Querdenker, ohne "revolutionäre" Gedanken, keine neuen Impulse für Wissenschaft und Gesellschaft, keine Paradigmenwechsel.
Doch eines der Grundübel für die massenhafte Verbreitung von wirklich unhaltbaren Hypothesen jedweder Bereiche ist meines Erachtens der Bildungsmangel beim Ottonormalbürger, wie eigentlich die Wissenschaft funktioniert, wie also aus anfangs exotisch erscheinenden völlig abwegigen Hypothesen, in einem längerem Prozess innerhalb der Zunft, eine allgemein akzeptierte Hypothese wird, bis sie als Theorie schließlich Eingang in alle Lehrbücher findet.
Da etliche Ottonormalbürger diese Mechanismen der Wissenschaft nicht kennen, können viele eben Pseudowissenschaft nicht von Wissenschaft unterscheiden, und verfallen recht oft den besonders "reizvollsten" Vorstellungen oder Erklärmustern, meistens diejenigen, die besonders plakativ sind, oder populistisch, Schlagwörter benutzend, Emotionen hervorrufend, Sensationslust befriedigend.

Dabei ist es eigentlich gar nicht so schwer, sich die Instrumente, den Werkzeugkasen einmal genauer anzuschauen, womit Wissenschaftler weltweit arbeiten um diverse Thesen zu untersuchen, mal mehr mal weniger gelungen.  Auch werden unten diejenigen Mechanismen aufgezählt, woran man erkennen könnte, wer ein gutes Argument hat, und wer eher durch rhetorische Tricks davon ablenkt, eben nichts substantielles aufbieten zu können. Dieses ist besonders in der Politik oder in Geisteswissenschaften beliebt, wo doch dort oft alleine durch Rhetorik versucht wird eine Meinung durchzusetzen. Diese Methoden zu erkennnen, heißt, zu erkennen, wo Schwächen in der These liegen, dass auf diese Weise davon abgelenkt werden muss.

Leider wird wahrscheinlich solche Methodik, die ich unten zitiere, in der Schule weniger gelehrt. Ebenso wird wohl in der Schule weniger gelehrt, wie man lernt oder sein Lernen optimieren kann. Die Methodik des Lernens also. Zumindest war es bei mir der Fall, wo die Punkte Kriterien der Wissenschaftlichkeit, Rhetorische Tricks bei schwachen Sachargumenten und Lernmethodik, nur durch engagierte Lehrer abseits des offiziellen Lehrplanes zufälligerweise gelehrt wurde. War es bei euch nicht auch so?

Nun gut, falls jemand mal lernen möchte, wie Wissenschaft funktioniert und wie es sich von Pseudowissenschaft unterscheidet, der findet hier einige Hilfen. Gleichzeitig werden auch Argumentationsmuster oder rhetorische Kniffe aufgezeigt, anhand derer man erkennen kann, wo jemand die rein sachliche Ebene verlassen hat, um durch diese Tricks jemand anderes zu überzeugen. Findet man in jeder Facebook- oder Forumsdiskussion. Ist euch sicherlich auch schon täglich begegnet. Besonders verbreitet bei politischen Themen.

Ich hatte das Glück, Carl Sagans populärwissenschaftliche Fernsehreihen in meiner Kindheit zu sehen, so dass ich später auch auf das Buch unten Aufmerksam wurde. Dazu muss noch erläutert werden, dass Carl Sagan (Buch erschien 1996) Naturwissenschaftler ist, insofern die Wissenschaft es in diesem Bereich gegebenenfalls leichter hat eine relative Faktizität zu erzeugen, als bei Geisteswissenschaften, wo es größere Interpretationsschwankungen geben kann, und daher auch Eindeutigkeiten mitunter nicht immer so zuverlässig zu erzielen sind, wie zum Beispiel in der Physik.
Deshalb vertraue ich in diesen geistesgeschichtlichen Fällen, wo ich Antworten suche, auch auf anerkannte Autoritäten (oder wie Carl Sagan richtigerweise sagen würde, Fachleuten), solange keine aktuelleren Koryphäen mit neu entdeckten Quellen auf dem Plan treten und in der Zunft positive Resonanz finden. Besonders in Bereichen, wo ich mich nicht so gut auskenne, denn ich habe eben anders als z.B. professionelle Byzantinisten mit jahrzehntelanger Erfahrung nicht den Ein- und Überblick über das aktuelle Geschehen, den Konsens und Entwicklungslinien der Zunft. Daher verwende ich meistens Standardwerke der Sekundärliteratur zur ersten Orientierung, also Bücher, die in verschiedensten Universitäten übereinstimmend in  Listen der Leseempfehlungen für die Studenten als grundlegende Literatur angegeben sind.

Bevor ich nun zu meinen Zitaten komme, noch ein wenig Hintergrundinformationen zu diesem ausverkauften Buch, woraus ihr ableiten könntet, ob dieses Buch neben meiner Leseprobe für euch von Interesse ist. Erwähnenswert ist allerdings, dass dieses Buch vieles anhand von Aliens und UFOs veranschaulicht, etwas, was heutzutage vielleicht etwas out zumindest in Deutschland ist, aber man kann dieselbe Methodik auf alle möglichen Bereiche anwenden, die heute vielleicht "in" sind, z.B. 9/11 Verschwörungen, Illuminati, Kreationismus, "Weltjudentum", Freimaurer, usw.


Der Drache in meiner Garage oder: Die Kunst der Wissenschaft, Unsinn zu entlarven




Längere Leseprobe: "Der Drache in meiner Garage" 

Was es mit diesem Buch auf sich hat: Einleitung zur riesigen Rezension, wieso dieses Buch überhaupt so ausführlich rezensiert wird, warum jemand Kapitel für Kapitel durchgeht.

Und hier die Übersicht der kompletten Rezension, die jedes Kapitel durchgeht, und schaut, ob man das Alter von 16 Jahren anmerkt.



Ich habe die Kursiv-Italic-Schreibung aus dem Originaltext hier beibehalten.
S. 259 ff.

[...] In der Wissenschaft stehen am Anfang vielleicht Ergebnisse von Experimenten, Daten, Beobachtungen, Messungen, »Fakten«. Wir denken uns, wenn wir können, eine Vielzahl möglicher Erklärungen aus und konfrontieren jede Erklärung systematisch mit den Fakten. Im Laufe ihrer Ausbildung legen sich Wissenschaftler das nötige Rüstzeug zur Entlarvung von Unsinn zu. Dieses Rüstzeug wird ganz nüchtern immer dann angewandt, wenn neue Ideen untersucht werden sollen. Falls die neue Idee dieser Überprüfung standhält, übernehmen wir sie freudig, wenn auch mit aller Vorsicht. Wenn man so zu arbeiten pflegt, wenn man nicht jeden Unsinn akzeptiert, dann kann man gewisse Vorkehrungen dafür treffen: Es gibt nämlich eine bewährte, immer wieder getestete Methode. Was befindet sich in unserem Rüstzeug?

Instrumente zum skeptischen Denken.

Skeptisches Denken läuft darauf hinaus, daß es die Mittel zur Verfügung stellt, ein durchdachtes Argument zu formulieren und zu verstehen sowie - was besonders wichtig ist - ein irriges oder betrügerisches Argument zu durchschauen. Es kommt nicht darauf an, ob uns die Schlußfolgerung gefällt, die sich aus einer Argumentationskette ergibt, sondern ob die Schlußfolgerung sich aus der Prämisse oder vom Ausgangspunkt her ableiten läßt und ob diese Prämisse wahr ist.

Samstag, 10. Dezember 2011

Zivilisation oder Barbarei? Der Islam im historischen Kontext

Das Indien des Taj Mahal, wo Mehrdeutigkeit eine zeitlang als Segen Gottes galt
Mir ist gerade ein interessanter Artikel der Neuen Zürcher Zeitung über den Weg gelaufen, der Appetit auf ein Buch macht, welches gerade vor wenigen Tagen erschienen ist:

Alexander Flores: Zivilisation oder Barbarei? Der Islam im historischen Kontext. 2012.

Es ist noch zu frisch, als dass es dazu Rezensionen gäbe, so schauen wir erstmal auf den Klappentext, was dieser Islamwissenschaftler in dem Buch zu sagen hat:
In der laufenden Debatte über den Islam arbeiten sich Kritiker wie Apologeten an der jeweils anderen Position ab und drohen dabei die Sache selbst aus dem Blick zu verlieren. Demgegenüber plädiert Alexander Flores für eine Ausweitung des Horizonts über den aktuellen Tellerrand hinaus. Er kann zeigen, daß über weite Strecken der islamischen Geschichte die Hegemonie der Religion über das Leben menschliche Freiheit, Kreativität und Produktivität kaum eingeengt hat. Erst bestimmte neuzeitliche Entwicklungen haben dazu beigetragen, daß sich das bis zu einem gewissen Grad geändert hat. Die Gründe dafür liegen aber nicht zwingend in der Logik islamischen Denkens und Handelns, so daß heutige Muslime die Möglichkeit haben, ihre Religion menschenfreundlich zu verstehen, wenn sie das wollen und wenn man ihnen die Gelegenheit dazu einräumt.
Das hört sich doch schon einmal interessant an, und da es kaum Informationen zu diesem Buch gibt, stelle ich hier nun den heutigen NZZ-Artikel einmal vor, wo Alexander Flores Einblicke in seine Positionen und Forschungen gewährt. Darin erinnert er mich stellenweise an die etwas islamkritischeren Aussagen von Wolfgang Günter Lerch in dem zitierten Abschnitt seines Buches in meinem 4. Artikel zum Islamismus gestern.


Der Islam – Korsett oder weiter Mantel?

Die gegenwärtige Islamkritik im Spiegel historischer Realitäten


Die heutige Kritik an menschenrechtlichen Defiziten und ideologischen Verhärtungen in muslimischen Gesellschaften ist nicht unbegründet. Allerdings stützt sie sich oft auf Vorstellungen, die sich im genaueren Blick auf die Historie als unrichtig oder zumindest zu wenig differenziert erweisen.

Alexander Flores

Islamkritik ist in aller Munde. Wir konstatieren Probleme in den muslimischen Gesellschaften; wir sehen aggressives Verhalten und entsprechende Haltungen bei Muslimen. Viele glauben zu wissen, der Islam sei eine grundsätzlich problematische Religion, sei Barbarei, ein Stück in die Gegenwart ragendes Mittelalter. Diese Auffassung kursiert in zwei Versionen: Einmal wird ein besonders inhumaner, weil theozentrischer und aggressiver Charakter des Islam behauptet, der sich in den Glaubensinhalten und in der Scharia niederschlage, dem «Gottesgesetz», das den Gläubigen vom islamischen Staat rigoros aufgezwungen werde. Und das soll von besonderer Durchschlagskraft sein, weil es im Islam keine Trennung von religiösem und weltlichem Bereich gebe und geben könne.

Die zweite Version ist die Vorstellung vom Niedergang der islamischen Zivilisation nach einer Periode historischer Grösse. Diese Grösse, die man in den ersten Jahrhunderten der islamischen Geschichte verwirklicht sieht, sei neben der wirtschaftlichen Blüte durch geistige Freiheit, kulturelle Offenheit, Rationalität und durch weitgehend ungehinderte Bemühung um Problemlösungen auch im islamischen Recht gekennzeichnet gewesen. Dies alles sei durch Erstarrung, geistige Austrocknung und wirtschaftliche Stagnation abgelöst worden; spätestens mit dem 11. Jahrhundert habe ein Niedergang der islamischen Weltgegend eingesetzt. Dieser Niedergang habe die Region derart geschwächt, dass sie in der Konkurrenz mit Europa den Kürzeren gezogen habe und diesem beziehungsweise dem Westen bis heute hoffnungslos unterlegen sei, was dann wiederum zum irrationalen Ressentiment und manchmal zur Gewalt von Muslimen gegen den Westen führe. Der Grund für Stagnation und Niedergang liegt gemäss dieser Sicht der Dinge in kulturellen Faktoren, in erster Linie im Islam selbst. Die Frage, warum ihre Religion den Muslimen in der Frühzeit eine zivilisatorische Blüte gestattete, dann aber den genau umgekehrten Effekt gezeitigt haben soll, bleibt unbeantwortet.

Ein defizitärer Glaube?


Dienstag, 2. August 2011

Artikelserie: Islam eine Missionsreligion?

Kirchenfürst Juan de Ribera bei der Vertreibung
und Zwangchristianisierung von Morisken in Spanien des 17. Jh.

Ich fasse hiermit mal einige zusammenhängende Blogpostings zusammen, und versehe dann diese Postings mit einem Label, damit man sie schneller über das rechte Menü finden kann.

Islam eine Missionsreligion? 1. Teil

Islam eine Missionsreligion? 2. Teil

Islam eine Missionsreligion? 3. Teil

Islam eine Missionsreligion? 4. Teil



(Bildquelle: Wikimedia Commons)

Mittwoch, 6. Juli 2011

Antwort auf eine muslimische Konvertitin

Portrait eines Miniaturmalers, osmanisch, 15. Jh.


Es geht heute um eine Antwort auf den Erfahrungsbericht einer muslimischen Konvertitin, die davon schilderte, was sie so beschäftigt, ob der Koran wortwörtlich zu lesen sei, oder auch interpretiert werden könne. Außerdem schilderte sie ihre Erfahrungen in der muslimischen, Pardon, in ihrer muslimischen Gemeinde, oder ihrem Umfeld, in ihrer umma, die teilweise ihr gegenüber recht unduldsam wurde, als es um das Befolgen bestimmter muslimischer als existentiell angesehener Praktiken ging. Hier ihr Essay:

Konvertiert und Nachdenkend X – Der Qur’an: Wortwörtlich oder doch interpretierbar?

aus dem Blog:

Hannibal-Nur

Meine Antwort darauf:

Eine interessante und gute Notiz. Dir als Islamwissenschaftlerin brauche ich ja gar nichts erzählen, trotzdem sollte daran erinnert werden, dass im Koran die Stellen, die konkrete Anleitungen für den Lebensalltag beinhalten lediglich 6% (nach Prof. Falaturi) ausmachen. Das heißt, 94% des Korans legen gar nicht fest, ob man nun Kopftuch tragen soll, einen Bart tragen soll, Alkohol meiden soll, 5 mal am Tag beten soll, nur 4 Frauen haben soll, und so weiter. Hätte Gott auf all diese Dinge sooooooo viel Wert gelegt, wie einige Muslime, die bei Nichtbefolgung sofort starken Groll in ihren Herzen aufkommen lassen, meint ihr nicht auch, dass Gott dann wesentlich mehr von dieser Orthopraxie im Koran den Muslimen hätte zuteil werden lassen? Und wo er von Dingen spricht, die für den Alltag, die Lebensweise, usw. eines Teils der heutigen Muslime soooo immens wichtig sind, da spricht der Koran nicht nur einmal in Widersprüchen, beziehungsweise wenn nicht in Widersprüchen, so sind die Anweisungen doch zumindest recht vage gehalten, oder lassen Interpretationsspielräume. Wenn er ein Kopftuch, wenn er gar einen Gesichtsschleier für jede Frau gefordert haben soll, wieso sagt Gott dieses nicht unmissverständlich im Koran? (Siehe meinen Blogpost: Kopftuch im Koran) Wieso benutzt er nicht das altarabische Wort für Kopftuch im Koran, sondern umschreibt vielmehr in diversen Stellen diese heute für viele Muslime mehrheitlich obligatorische Pflicht?
Abgesehen davon, dass von den 6000 Versen im Koran nur 80 Verse rein juristische, also scharia-relevante Dinge enthalten. (Siehe dazu auch diese Einführung von Prof. Dr. Jürgen Paul.) Und abgesehen davon, dass wahrscheinlich die meisten praktischen Lebensanleitungen erst in den letzten Jahren der Offenbarungen Muhammads in Medina herabgesandt wurden, innerhalb von 23 Jahren also erst am Schluss kamen, und Gott viele, viele, viele andere Themen offensichtlich sehr viel wichtiger empfand und Muhammad diese denn auch bis zu 15-20 Jahre früher einflüsterte.