Sonntag, 26. Juni 2011

Islam eine Missionsreligion? 4. Teil


Taj Mahal, Zeichen islamischer kultureller Blüte in Indien,
übrigens mit feststellbarem osmanischen Einfluß

So, langsam sollte ich mal zum Ende mit dieser Internet-Diskussion kommen, in der es über die Ausbreitung des Islams, Dschihad, Konversion von Nichtmuslimen, Toleranz oder Intoleranz unter muslimischer und unter christlicher Herrschaft, usw. ging.

Hier der 1. Teil, der 2. Teil und der 3. Teil.

Mein Gesprächspartner widerspricht mir in dieser Diskussion, dass uns heutige oder Mitte des 19. Jahrhunderts bis Anfang des 20. Jahrhunderst vorhandene Minoritäten zeigen können, wie duldsam der Islam oder das Christentum mit Minoritäten umgegangen seien (dieser obige Stichtag eignet sich besser, weil danach große Arbeitsmigrationsbewegungen das Bild veränderten, außerdem auch im 20. Jahrhundert die Regime und Diktaturen im islamischen Raum die Lage der Christen, usw. mitunter stark verschlechterten, der Geist des (europäischen) Nationalismus auch im Nahen Osten Einzug gehalten hat, und daher Minoritäten im Zeitalter des Imperialismus und auch danach manchmal als "5. Kolonne" der christlichen Mächte gesehen wurden. Dieses Verhalten darf man aber nicht auf 1400 Jahre zurückprojizieren.)



Nun also möchte mir mein Gesprächspartner Beispiele aufzeigen, die meine durchaus pauschale Aussage von dem "toleranteren" islamischen Herrschaftsgebieten widerlegen sollen.

Er fängt an bei Indien zu differenzieren und Beispiele von "christlicher" und "islamischer" Herrschaft zu zeigen, die beweisen sollen, dass der Islam doch genauso intolerant ist, wie christliche Herrschaft, oder sogar noch intoleranter:
"Indien war rund 250 Jahre von England besetzt, hat aber den Hinduismus uneingeschränkt bewahrt. Christen gibt es nur in ganz minimaler Zahl. Ganz anders hingegen die dünne Machtelite der Moslems, die Indien seit dem 13. Jh. besetzt hielt - erst im Norden mit dem Sultanat Delhi, unter den Großmoguln dann auch den Süden.

Der muslimische Sultan Aurangzeb (1618-1707) brach mit dem Konzept der annähernden Gleichberechtigung von Muslimen und Hindus, das schon sein Vater vernachlässigt hatte. Er ließ 1669 im ganzen Land Hindutempel zerstören (z.B. den ältesten Shivatempel in Benares, an dessen Stelle eine Moschee gebaut wurde), führte eine Fülle von Restriktionen ein (z.B. 1668 Verbot der Hindu-Pilgerfeste), zu deren Überwachung Zensoren eingesetzt wurden, und entfernte die Hindus soweit möglich aus der Verwaltung, besonders dem Steuerwesen und den hohen militärischen Rängen. Schließlich führte er 1679 die Dschisja (d.h. Kopfsteuer für Nicht-Moslems, einst von Akbar abgeschafft) wieder ein."



Ich präzisierte darauf:
"Ich rede vor allem von den heute noch christlichen Gebieten, wie z.B. "Germanien", Osteuropa, Skandinavien, Baltikum, Nord- und Südamerika, Teile Ozeaniens, Australien, Teile Schwarzafrikas, usw. wo mal mehr mal weniger gewaltsam, aber letztlich öfters alle Vorreligionen ausgelöscht wurden oder mit mal mehr mal weniger Resten und Rückzugsräumen. Insofern ist deine Meinung, dass das nicht richtig sei, durch meine Präzisierung widerlegt.

Du kannst tausende Beispiele aufzählen, wo bei "christlich" eroberten Gebieten die Herrscher "mildtätig und tolerant" den Vorreligionen gegenüber waren, und bei islamisch eroberten Gebieten gegenüber den Vorreligionen die Eroberer unduldsam, intolerant und grausam waren.

Fakt bleibt, dass in den christlichen Kerngebieten kaum Reste der Vorreligionen überlebt haben, hingegen in den islamischen Kerngebieten bis ins 20. Jahrhundert hinein beachtliche und weniger beachtliche Minderheiten der vor dem Islam befindlichen Religionen existierten."

Dann macht er einen entscheidenden Fehler jeder Diskussion über historische Epochen. Er verweist auf heute, wohl mit der Intention, dass das dann wohl schon immer so gewesen sein muss:
"Die letzten Christen der orientalischen Kirchen Vorderasiens werden gerade zur Zeit von den Muslimen ausgerottet und emigrieren zu tausenden nach Europa."

Ich antwortete sogleich:
"Hier begibst du dich als historisch Interessierter in "gefährliches" Fahrwasser, weil man in Versuchung gelangen kann, aktuelle Prozesse zurückzuprojizieren. Daher ende ich mit meiner Darstellung über "christliche" oder "islamische" Herrschaftsweisen auch immer im frühen 20. oder gar im 19. Jh., denn viele gravierende Veränderungen der Populationen im Nahen Osten erweisen sich nach diesem Zeitraum einerseits eher als wirtschaftliche Emigrationen im Zuge der Industrialisierung, andererseits als Veränderungen der Prozente (nicht unbedingt auch der absoluten Zahlen der christlichen Minoritäten) durch immenses Bevölkerungswachstum der Muslime und natürlich auch in der zunehmenden Spannung von Muslimen und Nichtmuslimen aufgrund des Aufkommens des Nationalismus unter allen Völkern, des Aufkommens des Imperialismus und seiner propagandistischen Wirkung und der Expansion der Großmächte in den Nahen Osten hinein. Also als Reaktion auf diese neuen teils existentiellen Bedrohungen des Nahen Ostens mussten nicht selten die örtlichen Minoritäten zunehmend als Sündenböcke herhalten. Dieses ist aber eine junge und moderne Entwicklung in der 1400-jährigen islamisch-christlichen Geschichte und nicht in die Vergangenheit projizierbar! Und erst recht bietet diese neue Entwicklung keine Rückschlüsse darauf, wie intolerant "der" Islam "in Wirklichkeit" sei."

Dann wirft er mir einen Denkfehler vor, bezüglich meiner in den vorigen Posts getroffenen Aussage, dass in christlichen Reichen eine größere Homogenität, und in islamischen Reichen eine größere Pluralität herrschte:
"Du begehst hier einen entscheidenden Denkfehler. Aggressoren waren allein die Muslime, die christliches Territorium eroberten und so Millionen Christen unter ihre Herrschaft brachten. Die Christen haben kein muslimisches Territorium erobert und somit auch keine Muslime unterworfen. Die christlichen Staaten haben höchstens Gebiete zurückerobert, die ihnen die muslimischen Machthaber zuvor entrissen hatten, und so den ursprünglichen Zustand wiederhergestellt. Und auch das nur in Spanien und Südosteuropa. Insofern hinkt der Vergleich, denn es gibt kein originäres muslimisches Gebiet, das Chrsiten erobert hätten. Und deshalb gibt es auch Christen in islamischen Gebieten."

Ich entgegnete:
"Mein Denkfehler sei es also, dass wenn Muslime christliche Territorien eroberten, und sie die Bevölkerung meist christlich (bis ins 19./20. Jh. hinein) sein ließen, dieses eigentlich illegitim laut Koran sei, während die Christen, die islamische Gebiete "zurückerobert" hatten, das Recht besaßen, die Muslime zwangsweise zu christianisieren, zu vertreiben oder zu vernichten?

1. Welche Religionen herrschten denn in Gebieten vor, die die Christen zwangschristianisiert hatten, abgesehen von islamischen Gebieten? Frag mal einen Prußen. Frag mal einen Sachsen. Etc.

2. Weißt du, wie lange Spanien christlich war, bevor der Islam kam, und wie lange dann Spanien islamisch war, bevor es wieder "zurückerobert" wurde?

3. Kennst du das Buch von dem Christen Adel Th. Khoury: Toleranz und Religionsfreiheit im Islam. Bachem, 1995?

4. Legitimierst du also Zwangsbekehrungen, Vertreibungen und Vernichtungen damit, dass irgendwann mal ein Gebiet christlich war? Wieso beklagst du dich dann überhaupt, wenn Muslime dieses Vorgehen (ganz selten) auch mal anwendeten?"

Dann er:
"Zur Zeit der muslimischen Eroberung Spaniens gab es keine keltiberische Identität mehr. Wohl aber gab es zur Zeit der muslimischen Expansion in Nordafrika und Vorderasien ethnische Identitäten der Perser, der Ägypter, der Aramäer, der Syrer, der Byzantiner usw.
Der Vergleich hinkt!"

Dann wieder ich:
"Du erweckst öfters den Eindruck, die Islamisierung würde in Teilen der islamischen Welt dem gleichen, was in Spanien unter der Eroberung durch die Christen oder in Osteuropa, oder auf dem Balkan geschah.

Außerdem fällt mir auf, dass im Gegensatz zu dir, ich sehr wohl Standardliterartur zur Stützung meiner Aussagen verwende in dieser Diskussion verwenden kann. Gibt es vielleicht keine seriöse Standardliteratur, die deine Thesen stützen?

Um diesen oben erwähnten Eindruck zu widerlegen, hier nochmals einen kurzen Abriss der Geschichte aus:

Heinz Halm: Der Islam - Geschichte und Gegenwart. München 2005.

Die Expansion der arabischen Herrschaft über den Vorderen Orient, Zentralasien, den nordwestlichen Indischen Subkontinent, Nordafrika und die Iberische Halbinsel setzte zwei Prozesse in Gang, die in den einzelnen Regionen mit unterschiedlicher Geschwindigkeit und unterschiedlichem Erfolg verliefen: die Arabisierung und die Islamisierung.
...
Die innere Islamisierung der vom Kalifenreich beherrschten Territorien war ein langwieriger Prozeß, der noch nicht in allen Einzelheiten erforscht ist. Es war schon die Rede davon, daß den Eroberern an einer Konversion der Unterworfenen nicht gelegen war; sie gewährten den Christen, Juden und Zarathustriern den Schutz (dimma) des islamischen Staates und begnügten sich mit ihren Abgaben, aus denen der Unterhalt der muslimischen Kämpfer bestritten wurde. Im Osten scheint der Zarathustrismus sehr rasch geschwunden zu sein; seine hauptsächlichen Träger, die Schicht des iranischen Landadels, der „Barone“ (dabāqīn, Sing, dihqān), hat sich sehr schnell in die islamische Gesellschaft integriert und den Islam angenommen, wobei ihr die Landbevölkerung folgte. Die bedeutende Religionsgemeinschaft der Manichäer mit ihren Schwerpunkten im Irak, wegen ihrer dualistischen Lehre den Muslimen als polytheistisch verdächtig und von einzelnen Bagdader Kalifen im 8. Jahrhundert verfolgt, zog sich nach Zentralasien zurück. Die christlichen Kirchen genossen den erwähnten Schutz; das Oberhaupt der Nestorianer, der Katholikos, nahm am Hof der Kalifen von Bagdad einen hohen Ehrenrang ein, und die monophysitische syrische (jakobitische) Kirche behauptete sich mit ihrer Hierarchie und einem reichen Besitz an Ländereien, Kirchen und Klöstern. Die koptische Kirche in Ägypten, durch die arabische Eroberung vom griechisch-orthodoxen Druck befreit, konnte ihre Stellung sogar ausbauen [Ergänzung: Gleiches gilt übrigens auch für die griechisch-orthodoxe Kirche auf dem Balkan, nachdem das Osmanische Reich dieses eroberte]; der Einfluß des Patriarchen von Alexandria reichte weit nach Süden über Nubien und den Sudan bis ins christliche Äthiopien. Die Bevölkerung Ägyptens scheint noch bis ins 14. und 15. Jahrhundert überwiegend christlich gewesen zu sein; noch heute macht die koptische Minderheit einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung Ägyptens (ca. 10%) aus. Nur in Nordafrika ist die römisch-katholische Kirche – und mit ihr die lateinische Sprache – gänzlich verschwunden – vermutlich wegen ihrer schwachen Infrastruktur. Zwar gab es am Ende des 10. Jahrhunderts in Nordafrika noch 47 Bistümer, davon 14 in Südtunesien, aber schon 1050 klagt Papst Leo IX. in einem Brief an den Bischof von Karthago, daß es „in ganz Afrika“ nur noch fünf besetzte Bistümer gebe.
Die innere Islamisierung des Kalifenreiches ist nur zum Teil aus der Zuwanderung von Arabern aus der Arabischen Halbinsel in die umgebenden Regionen zu erklären. Der Hauptgrund war wohl der gesellschaftliche Sog [Pull- statt Push-Faktoren] der herrschenden Religion, die ja die Religion der Herrschenden war; einem Muslim boten sich ganz andere Aufstiegschancen als einem dimmī, obwohl auch immer zahlreiche Nichtmuslime in hohen Stellungen anzutreffen sind; sogar im Rang von Wesiren treffen wir Juden und Christen an, und einzelnen Juden und Christen eröffnete die Konversion den Zugang zu hohen militärischen Rängen. In Ägypten war jahrhundertelang die gesamte Finanz- und Steuerverwaltung in den Händen christlicher Beamter; allerdings läßt sich gerade anhand der koptischen Beamtenfamilien der Prozeß der Islamisierung verfolgen: nach und nach finden alle es opportun, den Islam anzunehmen. Dem Sog der Attraktivität korrespondierte nur selten ein Druck von oben; so hat der ägyptische Kalif al-Hākim (996–1021) versucht, seine Beamten vor die Wahl zwischen Konversion oder Auswanderung ins byzantinische Reich zu stellen, aber dieser Versuch war nicht nur eine Ausnahme, er blieb auch erfolglos; al-Hākims Nachfolger mußte den Exilierten die Rückkehr in die Heimat und zum alten Glauben gestatten. ...

Zitat Ende."

Ich werde nochmal in einem anderen Blogpost einige interessante Zitate speziell zu der Expansion in der Frühzeit des Islams einbringen.

künstlerische Darstellung der Befreiung der afrikanischen Sklaven,
Insel Gorée
Es scheint mir so, dass dieses oben skizzierte muslimische Verhalten den Christen gegenüber, kaum eine Entsprechung bei christlichen Eroberungen muslimischen Territoriums hat.

Ich möchte zum Schluss dieser Diskussion nur anmerken, dass ich in den vorigen Postings vor allem von interreligiösen Dingen wie Duldung, Toleranz, Homogenisierung, usw. (im Vergleich Christentum-Islam) gesprochen habe (oder darauf den Fokus legen wollte), und nicht von innerreligiösen oder interkonfessionellen Zuständen und Verwerfungen. Diese zu beurteilen fällt mir schwerer, wenngleich ich es so einschätzen würde, dass es auch da innerhalb des Christentums summa sumarum in der Geschichte erheblich "blutiger" zuging, wie es innerhalb der islamischen Reiche/Gruppierungen zuging. (natürlich waren interkonfessionelle Spannungen/Kriege sowohl im Islam als auch im Christentum nicht selten auch Vorwand für in Wirklichkeit Machtpolitik, Streben nach Reichtum, usw.)
Diese Einschätzung kann aber auch darin begründet sein, dass ich all diese ganzen Kriege zwischen Lateinern und Orthodoxen, zwischen Protestanten und Katholiken, zwischen Anglikanern und Katholiken, zwischen Bulgarisch-Orthodoxen und Griechisch-Orthodoxen, zwischen Russisch-Orthodoxen und Katholiken, usw., etc. pp. besser kenne, als die Kriege zwischen Sunniten und Schiiten, zwischen Siebener-Schiiten und Zwölfer-Schiiten, zwischen der Unterdrückung von Drusen, Aleviten, usw.

Ende dieser Diskussion und dieser Blogserie, die sich so oder ähnlich unzählige Male im Internet wiederholt.

(Bildquellen: Wikimedia Commons und Juan Falque 2)

Kommentare:

  1. Ja, ich habe auch schon davon gehört, denn es räumt auch gleichermaßen die Beschönigung des "toleranten" Andalusien auf, bietet also eine differenziertere Sicht, jenseits vom "Mythos Andalusien".

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