Mittwoch, 6. Juli 2011

Antwort auf eine muslimische Konvertitin

Portrait eines Miniaturmalers, osmanisch, 15. Jh.


Es geht heute um eine Antwort auf den Erfahrungsbericht einer muslimischen Konvertitin, die davon schilderte, was sie so beschäftigt, ob der Koran wortwörtlich zu lesen sei, oder auch interpretiert werden könne. Außerdem schilderte sie ihre Erfahrungen in der muslimischen, Pardon, in ihrer muslimischen Gemeinde, oder ihrem Umfeld, in ihrer umma, die teilweise ihr gegenüber recht unduldsam wurde, als es um das Befolgen bestimmter muslimischer als existentiell angesehener Praktiken ging. Hier ihr Essay:

Konvertiert und Nachdenkend X – Der Qur’an: Wortwörtlich oder doch interpretierbar?

aus dem Blog:

Hannibal-Nur

Meine Antwort darauf:

Eine interessante und gute Notiz. Dir als Islamwissenschaftlerin brauche ich ja gar nichts erzählen, trotzdem sollte daran erinnert werden, dass im Koran die Stellen, die konkrete Anleitungen für den Lebensalltag beinhalten lediglich 6% (nach Prof. Falaturi) ausmachen. Das heißt, 94% des Korans legen gar nicht fest, ob man nun Kopftuch tragen soll, einen Bart tragen soll, Alkohol meiden soll, 5 mal am Tag beten soll, nur 4 Frauen haben soll, und so weiter. Hätte Gott auf all diese Dinge sooooooo viel Wert gelegt, wie einige Muslime, die bei Nichtbefolgung sofort starken Groll in ihren Herzen aufkommen lassen, meint ihr nicht auch, dass Gott dann wesentlich mehr von dieser Orthopraxie im Koran den Muslimen hätte zuteil werden lassen? Und wo er von Dingen spricht, die für den Alltag, die Lebensweise, usw. eines Teils der heutigen Muslime soooo immens wichtig sind, da spricht der Koran nicht nur einmal in Widersprüchen, beziehungsweise wenn nicht in Widersprüchen, so sind die Anweisungen doch zumindest recht vage gehalten, oder lassen Interpretationsspielräume. Wenn er ein Kopftuch, wenn er gar einen Gesichtsschleier für jede Frau gefordert haben soll, wieso sagt Gott dieses nicht unmissverständlich im Koran? (Siehe meinen Blogpost: Kopftuch im Koran) Wieso benutzt er nicht das altarabische Wort für Kopftuch im Koran, sondern umschreibt vielmehr in diversen Stellen diese heute für viele Muslime mehrheitlich obligatorische Pflicht?
Abgesehen davon, dass von den 6000 Versen im Koran nur 80 Verse rein juristische, also scharia-relevante Dinge enthalten. (Siehe dazu auch diese Einführung von Prof. Dr. Jürgen Paul.) Und abgesehen davon, dass wahrscheinlich die meisten praktischen Lebensanleitungen erst in den letzten Jahren der Offenbarungen Muhammads in Medina herabgesandt wurden, innerhalb von 23 Jahren also erst am Schluss kamen, und Gott viele, viele, viele andere Themen offensichtlich sehr viel wichtiger empfand und Muhammad diese denn auch bis zu 15-20 Jahre früher einflüsterte.


Wenn ich also alleine von der Gewichtung der Suren im Koran ausgehe, und davon ableite, was Gott wirklich wichtig ist, dann fallen offensichtlich viele der heute in der muslimischen Community so heiß diskutierten und gegebenenfalls sogar "böses Blut" verursachende Themen wie Kopftuch, halal, also islamisches Essen, usw. nicht so sehr ins Gewicht, wie seine viel stärker betonenden Aussagen in den übrigen 94%. Zum Beispiel die Barmherzigkeit. Wie oft betont der Koran diese. Und wo findet man diese dann in den Disputen einiger Muslime?

Nein, ich denke, diese Streitereien über diverse Auslegungen von Praktiken des Islams sind vor allem Oberflächlichkeiten, die durchaus ihre Berechtigung haben können, keine Frage. Doch wirklich wichtig war und ist Gott immer noch das Herz jedes Menschen, wenn ich mal meine Meinung kundtun darf.
Und da ich gerade dabei bin, meine persönliche Meinung zu sagen, die ich normalerweise hier im Blog eher zurückhalte und lieber die akademischen Aussagen verbreite:
Ich halte auch dieses teilweise extreme Befolgungen von islamischen Nahrungsmittelvorschriften die immer 1000%ig halal sein müssen für übertrieben. Nicht nur stellt sich der Islam in der 1400-jährigen Geschichte und in der Meinung von unzähligen Gelehrten als eine Religion des Ausgleichs, der Mitte, der Harmonie dar, nicht nur ruft der Koran zur Mäßigung, zur Vermeidung von Exzessen auf, nicht nur besagt der Islam, oder Gott, dass er das Leben der Menschen vereinfachen und nicht schwerer machen möchte. Nein, es sind auch ganz praktische vom gesunden Menschenverstand kommende Gedanken, die ich mir mache, wenn ich höre, dass Muslime Lebensmittel verweigern, weil vielleicht Gelatine, die aus Schweinen gewonnen wird in den Produktionsprozess nicht ganz ausgeschlossen werden kann. Also wenn z.B. für schweinegelatinefreie Produkte dieselben Förderbänder, oder dieselben, aber vorher ausgewaschenen Tanks oder Behälter verwendet werden, die Produkte aber selber keine Gelatine beinhalten. Dieselbe Diskussion finden wir auch bei Kosmetika. Einfach weil sie sich davor fürchten, Gott könne zornig werden, weil sie dadurch eventuell wider besseres Wissen einige Mikrogramm, ja sogar Nanogramm Schweinefleisch zu sich zu nehmen. Dann möchte ich mal erwähnen, dass sie diese Mengen an "Schweineprodukten" auch in ihren Körper aufnehmen, wenn sie mit dem Auto durch landwirtschaftlich bewirtschaftete Agrarflächen fahren. Denn wenn sie die Gülle, die auch aus Schweinekot und -urin bestehen kann, riechen, dann haben sie wohl schon die mehrfache Menge an Molekülen eingeatmet, die vielleicht in irgendwelchen Joghurts, Cremes oder anderen Produkten enthalten sein könnte. Haben sie beim Fahren durch Gebiete, wo Gülle benutzt wird, nun eine Sünde begangen?
Wie schaut es mit den menschlichen Exkrementen aus? Jedesmal, wenn man an einer Toilette vorbeikommt, und es stinkt oder wir riechen etwas, dann nehmen wir kleine Mengen an Molekülen von Kot und Urin auf. Wollen die Muslime beten, sollten sie natürlich (rituell) rein sein, und das heißt dann meist im Waschraum einer Moschee die Waschungen durchführen. Doch die sanitären Anlagen wie Waschräume und Toiletten sind nicht selten dicht beieinander. Müssen die Muslime dann jedesmal die Waschungen erneut durchführen, wenn sie diese menschlichen Exkrementen-"Düfte" riechen? Nach der Logik oben erwähnter "Helal-Extremisten" ;) dann sicherlich schon... Denn wenn diese befürchten, einige Moleküle Schweinepartikel im Joghurt zu finden, dann müssten sie konsequenterweise auch einen Bogen um die Moscheen machen, deren sanitäre Einrichtungen nicht getrennt voneinander sind, und diese Moscheen dann auch nur bei Windstille besuchen... Und auf dem Lande dürften sie dann zumindest in Deutschland auch nicht mehr wohnen... Wohlgemerkt, in ihrer eigenen Logik, und wenn sie denn konsequent sein wollen...
Naja, das sind nur einige bescheidene Überlegungen zur Logik einiger weniger Muslime, die sich das Leben durch solcherlei übereifriges Befolgenwollen von islamischen Vorschriften unnötig schwer machen, dabei aber vielleicht den "Markenkern" des Islams vergessen - zumindestens, wenn sie andere Muslime dafür "dissen", dass diese nicht ihre rigide Sicht teilen.

Außerdem sollte man beim Lesen obiger Dinge bedenken, dass die jetzige Hinwendung von etlichen (nicht allen!) Konvertiten zu einer eher strengen Auslegung des Islams auch ein junges Phänomen ist, beziehungsweise eine "Modeerscheinung". (Angesichts Globalisierung, Krisen, Individualisierung, Materialismus, Verunsicherung, usw. suchen offenbar etliche einen starken Halt in klaren und unmissverständlichen Regeln, die der orthodoxe bis ultraorthodoxe Islam vermeintlich gibt.)
Denn ich kenne etliche Konvertiten aus den 70-80 Jahren vor der islamischen Revolution im Iran, und diese Konvertiten legten den Islam in seiner die Lebenspraxis bezogenen Dinge wesentlich weniger streng aus, als etliche der heutigen. (Es ging sogar "soweit", dass viele Frauen in jener Zeit in der hamburger "ökumenischen" (also sunnitisch-schiitischen) Imam-Ali-Moschee keine Kopftücher trugen (aber nicht beim Gebet.)) Waren diese Konvertiten damals denn die "schlechteren" Muslime? Folgten sie denn nicht auch den damaligen maßgeblichen Gelehrten?
Ich verstehe den Wunsch von Konvertiten möglich klare Regeln befolgen zu wollen, nur ist es in der Geschichte des Islams erst eine recht junge Entwicklung, diese zu 100% eindeutigen Regeln auch jederzeit geben zu können oder zu wollen. Es ist eine Entwicklung, die erst durch den Einfluss des Westens auf den Orient entstand. Siehe dazu den Lesetipp: Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islams. Nicht umsonst gibt es den Spruch: Und Allah weiß es besser. Es ist seit den Anfangstagen des Islams immer wieder diskutiert worden, was es heißt ein guter Muslim zu sein. Dabei wurde nicht selten eine Mehrdeutigkeit durchaus zugelassen, was eine seinerzeit erstaunliche Toleranz und Vielfältigkeit des Islams ermöglichte, die heutigen ultraorthodoxen Muslimen in ihrer Suche nach Eindeutigkeit so sehr ein "Dorn im Auge" ist, dass einige Gruppen zum Beispiel bei den Salafisten gar 1400 Jahre islamischer Geschichte und alle Muslime darin als  "Ungläubige" ansehen.Welche Hybris!

Und was mich immer wieder erstaunt: Es schwirren diverse "Scheichs" in Youtube mit allen möglichen Anweisungen herum, oft auf englisch oder mit englischen Untertiteln. Überprüfen eigentlich die Muslime, die diese Videos verbreiten, wer diese Scheichs sind? Welcher Richtung des Islams sie angehören, gegebenenfalls welcher Rechtsschule, oder wer diese "legitimiert" hat? Was ihre Intention ist? Woher sie Geld beziehen? Ob deren Auslegungen die Mehrheitsmeinungen der großen theologischen Fakultäten in Kairo, Damaskus, Istanbul, Jakarta widerspiegeln?

Nicht zuletzt ist eine 100% "wortwörtliche" Auslegung des Korans in der Geschichte des Islams eigentlich ein recht seltener Fall, denn schon von Anfang an, haben die Muslime sich gefragt, in welchem (historischen) Kontext, zu welcher Gelegenheit hat denn Muhammad diese und jene Botschaft empfangen? (asbāb an-nuzūl) Denn aus der Sure heraus blieb einiges ansonsten unklar, also haben sie schon die Suren nicht aus sich heraus sprechen lassen, sondern ihre Ratio (Verstand) zum Teil hinzugefügt. Gleichzeitig ist zu bedenken, dass der Koran beim Rezipienten (Empfänger) eine gewisse Vorbildung, einen gewissen kulturellen Background, eine ähnliche Denkweise, bzw. Kenntnisse von Mythen, Legenden und Geschichtsbilder voraussetzt, möchte man alle Suren und alle darin enthaltenen Anspielungen auch erkennen oder verstehen. Halt um den Subtext und die Konnotationen des Korans erkennen zu können. Und je mehr die Gemeinde wuchs, je mehr der Koran auch zu Völkern (Empfängern) anderer Sprachen und mit anderen Traditionen sprach, umso schwieriger war es ohne Kenntnisse oder erläuternde Kommentare durch Gelehrte alles genau zu verstehen. Denn es treten noch weitere Schwierigkeiten, neben den vielleicht immer schwerer zu verstehenden Andeutungen hinzu: Bedeutungsverschiebungen von Wörtern. Was im 7. Jahrhundert eine gewisse Bedeutung hatte, kann schon nach 50 Jahren eine ganz andere Bedeutung haben. So hat zum Beispiel für uns heute das Wort "geil" in der Alltagssprache eine für uns sonnenklare und eindeutige Bedeutung. Diese Bedeutung hatte es aber vor 50 bis 100 noch nicht, sondern eine ganz andere. Wenn wir diese Bedeutungsverschiebungen nicht kennen, selbst wenn wir die Originalsprache (von dem Wort "geil") also Deutsch als Muttersprache haben, so werden uns Sätze mit diesem Wort unter Umständen unverständlich bleiben. Dasselbe muss man beim Lesen des Korans, selbst im Original bedenken, nicht zu reden von den Übersetzungen, deren Intentionen man auch kennen sollte, sonst kann es vorkommen, dass einige Worte bewusst etwas "verniedlicht" werden, um zum Beispiel Konvertiten nicht vor den Kopf zu stoßen. Oder Mehrdeutigkeiten werden verschwiegen oder nach eigener Auslegung interpretiert. Daher ist es wichtig diese Auslegung des Koranübersetzers auch zu kennen. Hinzu kommt, dass der Koran voller Widersprüche ist, die ebenfalls zu Deutungen einladen. Hinzu kommt, dass der Koran etliche "dunkle Stellen" enthält, die seit den Frühmuslimen zu Diskussionen anregten, was denn Gott wohl damit gemeint haben könnte. Hinzu kommt, das es immer eine Spannung gibt zwischen Metapher, Sinn, Allegorie, und dem wortwörtlichem Text. Also wenn im Koran Gott mit Händen erwähnt wird, wenn er als sitzend beschrieben wird, usw., also wenn er also anthropomorph (in menschlicher Gestalt) beschrieben wird, hat denn Gott auch einen Hintern, auf den er sitzt? Wie passt es mit den Stellen zusammen, die ihn als unvergleichlich, nicht vorstellbar, transzendent beschreiben? Die meisten Gelehrten haben diese Stellen als Metaphern verstanden. Sie also wiederum mithilfe der Ratio gedeutet. (Andere wiederum, wie die Hanbaliten (die heute z.B. in Saudi-Arabien herrschende Rechtsschule) meinten, solche Stellen sollte man einfach hinnehmen, "ohne zu fragen"... Damit stellten sie sich aber wiederum gegen all die ganzen tradierten Aussagen von Muhammad, wo der die Muslime auffordert, den Verstand zu nutzen, Wissen zu schaffen.) Aber wenn heutige Ultraorthodoxe oder Salafisten den Koran wortwörtlich verstehen wollen, dann sind diese inkonsequent, wenn sie sich nur die Suren rauspicken, die ihnen "in den Kram" passen.

Wie ihr seht, ist es alles nicht so einfach...
Oder eben auch ganz einfach, wenn man sich auf der Suche nach dem Sinn des Ganzen begibt, und dabei zu den Kern der Offenbarungen vorstößt und sich nicht mit den äußeren Ercheinungsformen in extremer Weise beschäftigt.
Ich höre hier besser mal auf, denn es ist ein unerschöpfliches Thema, welches vielleicht besser in einzelne Blogpostings gegliedert gehört.

Kommentare:

  1. Vielleicht noch ein Kommentar meinerseits: Von mir aus kann jede Frau ein Kopftuch tragen, eine Glatze tragen, sich auch vollverschleiern, oder ihre Haare lila färben. Mir ist es auch egal ob jemand auf dem "salafistischem" Wege den Islam auslebt (sofern er nicht dschihadistisch ist), ob jemand nach einer Gothic-Weltanschauung sein Leben lebt, oder gar im 16. Jahrhundert verharrt wie die Amish-People in den USA. Solange alles freiwillig geschieht, solange alle volljährig sind, solange alles friedlich bleibt, bin ich da ganz entspannt. (Wünschenswert wäre es natürlich, wenn die Kinder eine umfassende Schulbildung durch den Staat erhalten würden, so dass sie ggf. im Erwachsenenalter ihren Lebensweg, ihre Religion, usw. selber aussuchen könnten. Also kein isolierter Heimunterricht, wie es einige christliche Evangelikale fordern, wo sie nie etwas von der Evolution oder Geologie lernen würden, und dann denken würden, die Erde wäre 6000 Jahre alt, etc.)
    Was ich hingegen in dem obigen Artikel zum Ausdruck bringen wollte, ist, dass Extreme selten gut sind. Also wenn man extrem penibel auf Halal-Lebensmittel achtet, insofern dass man nicht nur die Produkte meidet, die tatsächlich Schweinegelatine in geringen Mengen enthalten, sondern auch die Produkte meidet, aus deren Fabriken sie kommen. Können sie gerne von mir aus auch machen. Aber gleichzeitig andere Muslime schief angucken, diese gar den "Unglaubens" bezichtigen, wenn sie nicht so extrem darauf achten, dass halte ich für bigott.
    Das war's nun aber auch... :)

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  2. @lynxx
    drei kurze Anmerkungen:
    a) Warum soll man eigentlich Muslim/in sein oder werden (habe ich auch auf dem von Ihnen verlinkten Blog keine Antwort gefunden). Ihr Islam und auch der der Bloggerin ist doch eigentlich eine simple, nicht falsche Gebrauchsanleitung zum humanen Umgang niteinander. Ich persönlich als leidlich sozialer und emphatischer Mensch kann mir diese Gebrauchsanleitung auch ohne göttlichen Überbau konstruieren.
    b) Sie und auch die Bloggerin schreiben immer nur über den Koran. Aber gehören zur religiösen Praxis der Muslime nicht auch die Hadithen (bin mir in der Schreibweise nicht ganz sicher) und die Auslegungen dieser und des Korans durch die Gelehrten der diversen Rechtsschulen?
    c) Die segensreiche wahabitische Islamauslegung ist im 18. Jahrhundert nun vollkommen ohnen westlichen Einfluß auf der arabischen Halbinsel entstanden. Hier könnte negativ eigentlich nur der osmanische Imperialismus seine Hände im Spiel gehabt haben.

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  3. Hallo conring,
    danke für deinen Kommentar.
    Zu deinen Punkten:
    a) Klar, niemand muss oder braucht Muslim werden, so wie niemand die Frauen-WM schauen braucht. Und ich gebe dir Recht, wenn man auch als Atheist, Hindu, oder was auch immer einen hohen ethisch-moralischen Standard haben kann und einen humanen Umgang miteinander pflegen kann. Vielleicht ist der Glaube an eine Religion darüber hinaus noch verbunden mit der Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod, und dem Wunsch eine "Anleitung" durch die Religion dafür zu erhalten. Wenn eh nicht an ein Leben nach dem Tod glaubt, dann braucht man wahrscheinlich eh keine Religion.
    b) Ja, die Hadithe sind für die (meisten) Sunniten eine zweite wichtige Quelle des Islams und eine der Richtschnüre für den Alltag. Anders als der Koran sind die Hadithe aber nicht "sakrosankt", kommen nach muslimischer Ansicht nicht direkt von Gott, sind daher durchaus "leichter" interpretierbar, da eher zugestanden wird, dass deren Anleitungen in einem bestimmten historischen Kontext stehen, und nicht überzeitlich anzusehen seien, wie viele die Verse des Korans sehen. Hadithe sind ein gutes Thema für einen weiteren Blogpost. :)
    c) Zu den Wahhabiten habe ich hier bereits was gepostet:
    Die Zerstörung von Mekka - Wahhabiten 2. Teil
    Du magst Recht haben, der Einfluss des Westens auf 'Abd al-Wahhab (dem Begründer des Wahhabismus) ist möglicherweise gering bis gar nicht vorhanden. Damit habe ich mich noch nicht beschäftigt. Und er gilt ja mit seiner rigiden Auslegung des Korans als Einfluss auf die "Reformmuslime" im 19. und 20. Jahrhundert. Diese "islamischen Modernisten" und Reformisten, wie Muhammad Iqbal, Hassan al-Banna, Abû l-A’lâ al-Maudûdî in Indien, und Sayyid Qutb, der auch in den USA lebte, usw., diese Modernisten sind allerdings die einflussreicheren geistigen Gründer des heutigen Salafismus. Sie lehten die Diversität "des" Islams z.B. in Form der vier bis fünf Rechtsschulen ab, sie begriffen ihre Reformen oft als Antwort auf den europäischen Kolonialismus, selbst wenn das osmanische "Rumpf"-Reich nie Kolonie wurde, so war doch der Einfluss der Großmächte stark zu spüren, bis hin zum Staatsbankrott der Osmanen Ende des 19. Jh. Aufgrund dieser Vordenker, mehr noch als aufgrund 'Abd al Wahhabs, begründen oft heutige sehr orthodoxe Muslime ihre Auslegung des Korans (und der Hadithe), also die "wortwörtliche Sicht". Dabei wurden sie nicht nur vom Kolonialismus beeinflusst, sondern auch ganz konkret von christlichen Denkern jener Zeit. Nach dem Koran zitiert z.B. Sayyid Qutb am zweitmeisten den katholischen französischen Arzt Alexis Carrel: Die seltsamen Lehren des Doktor Carrel

    Wie ein katholischer Arzt aus Frankreich zum Vordenker der radikalen Islamisten wurde


    Höchst interessante Verbindungen tun sich da auf, wenn man den Artikel liest.
    Also, es ist wohl wie ein Baum, viele Wurzeln führen zum Baum (des Islamismus oder der rigiden Auslegung des Korans), darunter hat wohl 'Abd al-Wahhab seinen Platz, ebenso aber auch Alexis Carrel oder der viktorianische Moralkodex jener Tage.
    Vielleicht sollte ich mir auch mal das oben erwähnte Buch von Thomas Bauer: "Die Kultur der Ambiguität." durchlesen, bzw. sein in meinem Blogpost vom 4.7. verlinktes PDF ganz durchlesen. Dort stehen bestimmt auch nähere Angaben.

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  4. Islamismus hat mit Islam ungefähr so viel zu tun wie Neonazis mit Deutschen.

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  5. Zitat: Islamismus hat mit Islam ungefähr so viel zu tun wie Neonazis mit Deutschen.
    Wahre Worte.

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  6. @Lynxx
    die Verbidung mit dem christlichen Arzt ist gar nicht so seltsdam.
    In der ganzen Geschichte des christlichen Mittelatlers bis in die Neuzeit gibt des diese "Reform"-Bestrebungungen. Luther wollte ja auch nicht eine neue christliche Kirche schaffen, sondern die bestehende in ihrer Gesamtheit reformieren. Man sieht dabei immer die eigene Gegenwart als gottlos und damit reformbedürftigt an und deklariert diese "Reform" als Rückkehr zu den christlichen Wurzeln. Alle katholischen Ordsen (Zisterzienser, Franziskaner, Dominikaner, Jesuiten etc.) haben ein solches Reformprogramm. hat aber nie geklappt, Deshalb gab es etwa alle 100 jahre eine neue Reformbewegung.
    Scheint mir im Islam nicht anders zu sein.

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  7. Hallo,
    danke für deine weiteren Einblicke. Ob es beim Islam in 1400 Jahren auch alle 100 Jahre soviele "Reformbewegungen" gab, weiß ich nicht. Ich kenne nur wenige, wie z.B. die abbasidische Revolution. Manchmal gab es auch Bestrebungen die Kluft zwischen Sunniten und Schiiten wieder etwas zu schließen, aber das ist wohl keine Reformbewegung die breiter war.

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