Dienstag, 30. August 2011

Sultan Selim II. Moschee - Selimiye Moschee wurde UNESCO-Welterbe

Sultan Selim II. Moschee - Selimiye Moschee
Die Selimiye-Moschee oder Sultan Selim II. Moschee in Edirne / Türkei wurde mitsamt dem Gebäudekomplex (Külliye) kürzlich in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen.
Diese Moschee abseits der Massentourismusströme wurde auf Anordnung Sultan Selim II. vom Baumeister Sinan in den Jahren 1568–1575 errichtet. Das Bauwerk bezeichnete Sinan selbst als „sein Meisterwerk“, es gilt als Höhepunkt der osmanischen Architektur und als eine der architektonisch gesehen schönsten vormodernen Moscheen weltweit (siehe auch unten). Die sich 71 m hoch erhebenden Minarette haben jeweils drei Umgänge, zu denen man über drei getrennte Treppenaufgänge gelangen kann. Die Zentralkuppel, die auf acht gewaltigen doch gleichzeitig nicht aufdringlichen Stützsäulen ruht, misst 31,28 m im Durchmesser; ihre vom Boden gemessene Höhe ist mit 43,28 m angegeben. Die marmorne Kanzel sowie die Iznik-Fliesen aus dem Höhepunkt dieser Keramik-Phase haben weltweite Berühmtheit erlangt.
An den Moscheebau schließen sich ebenfalls von Sinan errichtete Nebengebäude an, die dem ganzen Bauwerk den Namen „Selimiye-Komplex“ verliehen haben.



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(Wie immer doppelklick auf das Video für Vollbild-Modus)
Quelle





Grundriss: (1) Moschee, (2) Madrasa (Hadith-Schule),
 (3) Madrasa (Koranschule), (4) Elementarschule, (5) Arasta-Bazar,
weiterhin der Außen- und Innenhof

Welche Kriterien muss nun ein Bauwerk erfüllen, um zu den Weltkulturerben der Menschheit gezählt werden zu dürfen?


Kriterien für Kulturgüter (lt. Wiki)


  • (I): Das Objekt stellt ein einzigartiges Meisterstück des schaffenden Geistes des Menschen dar.
  • (II): Das Objekt besitzt, in einer Zeitspanne oder einer Region, wichtigen Einfluss auf die Entwicklung von Architektur und Technologie, auf die bildenden Künste sowie auf Stadtentwicklung und Landschaftsgestaltung.
  • (III): Das Objekt stellt ein einzigartiges oder zumindest außergewöhnliches Zeugnis einer kulturellen Tradition oder einer bestehenden oder untergegangenen Zivilisation dar.
  • (IV): Das Objekt ist ein herausragendes Beispiel eines Typus von Bauwerk, von architektonischer Zusammenstellung oder einer Landschaft, welche bzw. welches einen bedeutsamen Entwicklungsabschnitt der Menschheit untermalen bzw. untermalt.
  • (V): Das Objekt ist ein herausragendes Beispiel menschlicher Niederlassungen und Land- bzw. Meeresbewirtschaftung, das repräsentativ für eine Kultur oder bestimmte Kulturen ist, oder das Naturverhalten des Menschen zeigt, insbesondere dann wenn diese Kultur anfällig durch unumkehrbare Veränderungen in ihrer Umwelt wurde.
  • (VI): Das Objekt ist unmittelbar oder nachvollziehbar mit bestimmten Ereignissen, mit lebendigen Traditionen, mit Ideen und Glauben, mit universal bedeutsamen Kunst- oder Literaturwerken verbunden. (Das Komitee einigte sich, dass dieses Kriterium nur in absoluten Ausnahmefällen als einziges erfülltes Kriterium für eine Aufnahme hinreichend ist)



Der großartige Kuppel-Eindruck wird noch durch die 8 Bögen verstärkt
Einige Gedanken zu dieser Moschee, deren Minarette und Dächer ich bestieg:
Der Raumeindruck dieser Moschee ist das perfekte Ergebnis eines ~35 Jahre währenden Kampfes vom Architekten Sinan, den harmonischsten Raum zu kreieren. In diesem Bauwerk gelingt es meisterhaft die äußere und innere Struktur ohne Kompromisse zu vervollkommnen. Dieses war bis dato unerreicht, da die statischen Bedingungen für solche Großbauten immer Stützen erforderten, die den Raumeindruck trübten oder inkongruent werden ließen. Begonnen hat Sinan die Suche nach dem perfekten Raum bei dem Großbau mit einer Kuppel, getragen von vier Halbkuppeln (Prinzen-Moschee), dann von zwei Halbkuppeln und zwei Schildwänden (Süleymaniye-Moschee), dann vier Schildwände (Mihrimah-Moschee), dann auf einem Hexagon gestützt (Sokollu-Mehmet-Pascha-Moschee), statt einem Quadrat, und in dem Hexagon vier Halbkuppeln und zwei Schildwänden, usw. bis zur einem Oktogon mit vier Halbkuppeln und vier Schildwänden in der Selimiye.

Entscheidend war hier, dass, anders als bei der Hagia Sophia, die nur auf einen inneren Raumeindruck bedacht war, hier der innere und äußere Eindruck als Ganzes verbunden und harmonisiert wurde.
Er hatte zudem das Glück, auf seinen Feldzügen in Südost-Europa und den Nahen Osten, jahrzehntelang ausführlich die verschiedenen Architekturtraditionen zu studieren und in seine Kunst einfließen zu lassen. Von der Antike bis zur Renaissance, von Ost und West. Dabei übernahm er letztlich nur wenig, war immer innovativ, maß sich mit Vorgängerbauten und revolutionierte das Raumverständnis, ähnlich wie die Renaissancebaumeister Italiens, z.B. Palladio.
Hier mal zwei Übersichten, von seinen Kuppel- und Raumvariationen auf der Suche nach der perfekten Lösung:
Übersicht 1
und
Übersicht 2

Dazu noch die ingenieursmäßige Meisterleistung der Minarette, die so hoch wie nie zuvor in den Himmel ragen, so dünn, wie nur irgendmöglich, und jeden der drei Balkone - mit voneinander unabhängig hinaufführenden Wendeltreppen leonardesk in einer Tripelhelix verschlungen - verbinden. Wieso macht er sich die Lösung einer Aufgabe nur so kompliziert...
Der ganze Komplex mit seinen Fluchten, dem Basar, usw. steht der Moschee an genialen Einfällen in nichts nach. Regelrechte Inszenierungen erwarten den Besucher, ähnlich raffiniert wie bei Renaissance- oder Barockbauten.

Die Verschmelzung der reinen Geometrie mit dem Licht, die kristalline Struktur und Wirkung, die Betonung des Blickes durch dezente Akzentuierung in der Ausstattung, die sich zudem noch auf der künstlerischen Höhe der Zeit befand (Stichwort Iznik Fliesen), all das macht dieses meisterhafte Monument zu einem universellen Lehrbeispiel für einen homogenen Zentralbau der Menschheit - zu der wohl architektonisch schönsten vormodernen Groß-Moschee der Welt. 



(Erst mit dem Aufkommen moderner Baustoffe wie Beton, schafften moderne Architekten ähnliche Kongruenzen, Geometrien, Raumwirkungen)

Fast zum Schluss ein Zitat:

The primitive but monumental void of the pantheon is recreated here within a luminous ambiance. Without asserting itself, the dome, like the chinese tao, is everything. Sinan thus reaches his optimal domed space.



Struktur der Substruktionen unter der Hauptkuppel, Lichtkonzept.
Blick in Richtung der Kibla (Richtung Mekka)
Hier mal drei PDFs, mit Beschreibungen von Sinans Raumkonzeptionen, vielen Bildern und Grundrissen: The Dome in Sinan's Work
The Style of Sinan's Domed Structures
The Architect of Domed Mosques as a Master of Pluralism

(Diese PDFs lassen sich downloaden, indem man in die Adresszeile des Browsers klickt und nochmals mit der Enter-Taste die URL bestätigt)

Hier weitere Information auf der Seite der UNESCO.

Weitere schöne Bilder (und türkische Beschreibungen) finden sich hier.


(Bildquellen: Wikimedia Commons: 1Nevit Dilmen, 2, 3 - Murdjo, 4Darwinek)

Kommentare:

  1. danke für den artikel und gleich eine frage

    die kuppel der hagia sophia misst doch auch 31 und ist noch dazu jahrhunderte zuvor erbaut worden worin liegt dann nun die meisterleistung sinans da seine kuppel auch 31 meter misst?

    und warum steht dieses tolle meisterwerk nicht in istanbul?

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  2. Die Meisterleistung liegt darin, dass erstmals eine der Hagia Sophia etwa vergleichbare Kuppel von einem Osmanen geschafft wurde, aber mehr noch, eine Raumwirkung erzielt wurde, in der sich die Innen- und Aussenwirkung in bisher nie dagewesener Perfektion verband. Man sieht von innen wie von aussen, wie die Kuppel gestützt wird, es wird nix versteckt, doch trotzdem erscheint sie nicht schwer lastend. Da die Kuppel niedriger als die der Hagia Sophia ist, erscheint sie sogar auf den Betrachter größer, als die der Hagia Sophia, die 1000 Jahre lang den Betrachtern wie ein Wunder erschien.
    In Istanbul steht diese Großmoschee nicht, weil dort alle hervorragende Bauplätze schon belegt waren. Also entschied sich der Sultan für Edirne, die frühere osmanische Hauptstadt und sein bevorzugtes Jagdressort, dass diese mächtige Moschee den alljährlichen Truppen in Richtung Südosteuropa entgegen winken soll.

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  3. Achja, übrigens ist die Kuppel dieser Moschee doch größer, weil deren lichte Höhe größer als die der Hagia Sophia ist, wenn ich es noch richtig zusammenbekomme. Also die reine Kuppel. Denn die Kuppel der Hagia Sophia ist etwas "platter", flacher, kein Halbkreis.

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  4. danke für die antwort aber wie meinst du das mit dem sehen und stützen die kuppel der a.s. wird doch von diesen riesenpfeilern gestützt und die sieht man ja auch?! ich bin verwirrt ;)

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  5. Bei der Hagia Sophie werden die Stützstrukturen im Innenraum meistens verborgen. Die äußeren mächtigen Stützstrukturen der Hagia Sophia sind innen nicht richtig zu sehen, die Wände werden in weiches Licht der goldgrundigen Mosaiken getaucht, und damit ein anderes Raumerlebnis geschaffen, welches mythisch, statt "kristallin" wie bei vielen islamischen Gebetsräumen wirkt. Die Nischen der Hagia Sophie tauchen ab ins Halbdunkle, es wird somit nicht erklärbar, wie die Kuppel getragen wird, und Beobachter, oder Chronisten beschrieben es immer so, dass es wirkt, als hänge die Kuppel wie an einer Kette vom Himmel herunter.
    Bei den osmanischen Moscheen hingegen sieht man auch innen die Statik, die offen vorgezeigt wird, einmal durch die 8 Säulen der Kuppel (siehe oben der Grundriss, wenn du draufklickst wird er noch größer), und auch bei den seitlichen Stabilitätsmauern (im Norden und Süden z.B. gut sichtbar, also oben und unten in der Grafik oben). Diese Mauern sind geschickt mit innen und aussen verwoben, und die Galerien dazwischen eingeschoben. Sowohl innen wie auch aussen, je nachdem welches Geschoss man betrachtet. In der Mitte werden dann die Säulen der Kuppel mit kleinen Bögen mit den Tragemauern verbunden, um den Druck von oben nach aussen in die Aussenmauern abzuleiten. Nicht versteckt, sondern von den Betrachtern von innen und auch aussen sichtbar.

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