Sonntag, 14. August 2011

Breivik, Sarrazin und die Medien

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aus: Podcast.de
Mirror ARD Mediathek und WDR

Der Rechtspopulismus im Internet, wie sollen Medien damit umgehen? Ignorieren, beobachten, berichten?
Man möchte keine Plattform für den Osloer Terroristen Anders Breivik geben, dennoch ist seine "PR-Strategie" voll aufgegangen. Eine Gratwanderung von Informationspflicht und Instrumentalisierung. Was ist den Zuhörern aufgefallen? Wie denken die Radiohörer? Werden Feindbilder zum Islam genügend in den Medien hinterfragt? Was kann man gegen Rechtspopulismus und Islamhasser tun? War die Berichterstattung in den letzten Wochen gegenüber dem Terroristen Breivik in den Medien angemessen?

Es diskutieren mit der Moderatorin Dorothee Dregger und den Zuschauern:

  • Dr. Sabine Schiffer, Leiterin des Instituts für Medienverantwortung, Erlangen
  • Prof. Dr Christian Schicha, Professor im Fach Medienmanagement an der Mediadesign Hochschule in Düsseldorf


Thilo Sarrazin, ein von den Medien produziertes Produkt.
Welches ungeahnte ökonomische Gewinne den
 Verlagen einbrachte.


Dieselben Fragen, die ich oben stellte, kann man auch bei Sarrazin stellen. Denn die Medien stürzten sich viel zu sehr auf sein "Juden-Gen" in einem Vorabinterview, dann auch auf seine Gen-Thesen im Buch, und andere Dinge, wie die Frage, ob "man das doch wohl noch sagen dürfe", oder Political Correctness. Viele Medienberichte durchzog der Tenor: Hätte nur nicht das mit den Genen gesagt, dann wäre es doch ein gutes Buch geworden...
Nein! Denn auch seine Thesen zu "dem" Islam, zu "den" Migranten, "den" Muslimen, "den" Sozialschmarotzern, usw. sind voller Fehler, veralteten Daten, falschen Schlüssen, sogar teilweise ausgedachten Statistiken, Verwechslung von Korrelation und Kausalität, und einer Argumentationstechnik, die bar jeder suggerierten Wissenschaftlichkeit ist. Ich habe dieses im Blog oft genug  thematisiert, siehe das Label Sarrazin in der rechten Spalte. Leider war jedoch dieses kaum einmal ein  Thema in den Medien, so dass sich letztlich - wieder einmal (!) - in den Köpfen diese Pauschalisierungen, diese Vorurteile über Migranten in der Bevölkerung festgesetzt haben dürften.

Hier nun folgt eine Buchvorstellung einer univsersitären Bachelorarbeit die das Buch "Deutschland schafft sich ab" auseinander nimmt. Und zwar unter anderem anhand der von mir in der Artikelserie Feindbild Islam in den letzten drei Postings vorgestellten 21 typischen Argumentationsmustern von Thorsten Scheiders Buch zur Islamfeindlichkeit, die von sogenannten "Islamkritikern" und Rechtspopulisten immer wieder angewandt werden, um ihre Leser zu manipulieren.

Florian Illerhaus: 'Islamkritik' bei Thilo Sarrazin - eine religionswissenschaftliche Untersuchung.
Münster. bookra Verlag 2011. ISBN-13: 978-3-943150-00-1

Obiges ist ebenfalls dem Autoren dieser Studie aufgefallen:

Die mediale Debatte zur Seriosität der sarrazinschen „Thesen“ kreiste bisher meines Erachtens zu sehr um die Erblichkeitsthesen von Intelligenz und die sozialdarwinistischen Theorien des späten 19. Jahrhunderts, die Sarrazin in seinem Buch verarbeitet. Dieser Fokus ist aufgrund der schrecklichen Folgen eugenischer Bevölkerungspolitik und mit der Kenntnis der historischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts verständlich und berechtigt. Andererseits wurden leider durch diese Fokussierung viele der Aussagen, die Sarrazin speziell zu „muslimischen Migranten“ tätigte nicht  oder nur unzureichend hinterfragt und geistern somit weiterhin in Form von Vorurteilen und Feindbildern in vielen Köpfen herum. Sarrazins Buch ist erst seit Ende August 2010 auf dem Buchmarkt, bisher sind wissenschaftliche Analysen des Textes daher noch dünn gesät. Besonders hervorzuheben sind jedoch die empirische Gegenstudie zu „Deutschland schafft sich ab“, herausgegeben von Naika Foroutan (sie leitet das Heymat-Projekt der Humboldt-Universität zu Berlin) und die inhaltliche Analyse der Vorabdrucke Sarrazins in dem umfangreichen Werk „Islamfeindlichkeit in Deutschland“ des Soziologen Achim Bühl.
Auf eine der wenigen Antworten zu Sarrazin in wissenschaftlich fundierter Weise habe ich im Blog ja schon ebenso wie der Autor Illerhaus hingewiesen:

Sarrazins Thesen auf dem Prüfstand - Ein empirischer Gegenentwurf zu Thilo Sarrazins Thesen zu Muslimen in Deutschland (pdf)
Und was ich nicht verstehe, besonders nicht im Zeichen von Google, und vor allem Googlebooks, wo man hervorragende kurze Einführungbändchen zum Islam online weitgehend einsehen kann: Wieso geht kaum ein Journalist beim Lesen, Kommentieren und Rezipieren der Lektüre dieses Bestsellers auf das abstruse Islambild des Sarrazin ein, welches - wie schon in den 21 Argumentationsmustern beschriebener typischer Technik der "Gewährsmänner" - vor allem aus Büchern gewonnen wurde, die von selbsternannten "Islamkritikern" stammt, die weder eine akademische Ausbildung zur Beurteilung "des" Islams besitzen, was kein Malus sein braucht, noch, und das ist entscheidend (!), im Einklang mit der akademischen islamwissenschaftlichen Sekundärliteratur stehen. Ja oft im Gegensatz zur sämtlichen Standardliteratur sich ihr Islambild regelrecht aus den Fingern gesogen haben, oder aus ihrer subjektiven Erfahrung ein Pauschalbild konstruieren, welches empirischen Studien nicht standhielt.

So schreibt auch Illerhaus:

Ich habe diese Debatten anfangs teils mit Staunen, teils mit Verstörung verfolgt. (...) Bei der Lektüre seines Buches stellte ich fest, dass auch viele der von Sarrazin angeführten Argumente zu islamischer Theologie und Religionsgeschichte den Erkenntnissen akademischer Islamwissenschaft widersprechen.

Mehr findet sich in einer Leseprobe.

Der Verlag schreibt:
Handelt es sich bei Thilo Sarrazins Islamkritik um seriöse Aufklärungsarbeit oder rassistische Muslimenfeindlichkeit? Dieser Frage geht Florian Illerhaus in seinem Buch „`Islamkritik´ bei Thilo Sarrazin" nach.
Die Analyse der Wissenschaftlichkeit von Sarrazins Methoden und das Islambild im Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ stehen im Zentrum des Buches.
Eine Vielzahl an Textverweisen und ein umfangreiches Literaturverzeichnis bieten Ihnen zudem die Möglichkeit Sarrazins „Thesen“ selbst mit wissenschaftlichen Befunden vergleichen zu können.
Und in einer Rezension wird angemerkt, dass Sarrazin nicht nur Plagiate nachgewiesen werden konnten, sondern auch "glasklarer antimuslimischer Rassismus" vorhanden ist. Dabei wende der Autor konsequent (die von mir oben schon erwähnten) Strukturanalysekriterien von Thorsten Scheiders aus seinem Band zur Islamfeindlichkeit an.
Die Rezensentin sieht alles in allem in dieser Bachelorarbeit ein empfehlenswertes Büchlein, welches ein vernichtenden Urteil über Sarrazin abgibt, und seine Manipulationsmethoden deutlich aufdeckt.

Das macht doch neugierig auf diese Buch....


(Bildquelle: Wikimedia Commons)

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