Freitag, 22. Juli 2011

Unterschied von Islamwissenschaft und islamischer Theologie - was ist Kultur?

Oxford Centre for Islamic Studies, in Großbritannien
Eine Mischung des Oxford-Architekturstiles, mit einem
orientalischem Stil, inklusive Moscheeraum und Minarett.


In den letzten Monaten ist ja verstärkt der islamische Religionsunterricht in den Medien im Zuge der Ausbildung von Religionslehrern nach islamischen Glaubensbekenntnis Thema gewesen. Dabei stellte ich nicht selten ein Missverständnis in den Diskussionen fest, wofür eigentlich die islamische Theologie - auch Islamstudien genannt - steht, und wofür die Islamwissenschaft steht und was deren Aufgaben sind.
Dieses möchte ich heute mal erläutern und gleichzeitig einen Ausflug in eine zeitgemäße Definition des Begriffs Kultur machen, damit es nicht zu trocken wird. Diesen Ausflug habe ich schon im Blogpost In den Spiegel der ausländerfeindlichen Deutschen geschaut gemacht, kann aber nicht häufig genug wiederholt werden, da wir alle noch viel zu oft in alten Denkstrukturen verhaftet sind, wenn es um Gruppenidentitäten und deren Zuschreibungen geht, die ein Erbe der Rassenlehre des 19. und frühen 20. Jahrhundert waren, und gerade dieser Lehre der Kulturbegriff Anfang des 20. Jahrhunderts entgegengestellt wurde, gleichwohl dieser in den letzten Dekaden sich im öffentlichen Diskurs leider wieder dem Rassebegriff angenähert hat - Stichwort Kulturalismus bzw. Kultureller Rassismus
"Zeit für ein Update!", würde ich da bei vielen Diskussionen und Diskutanten sagen...



Was ist Islamwissenschaft und was ist islamische Theologie/Islamstudien?



Definition und Konzept der Islamwissenschaft:



Wie definiert man "Islam" in der Islamwissenschaft?


Meint man eine theologische Tradition, meint man ein Rechtssystem, Gesellschaftsordnung, usw.?

Der Begriff "Islam" wird unter anderem als ein Zeichensystem aufgefasst, das Menschen benutzen um Identität zu stiften, um zu kommunizieren und um sich in der Welt gerade auch zeitlich zu verorten.
Darunter kann man dann auch die theologische Tradition, Rechtssystem, usw. verstehen. Darunter fällt dann auch die Dimension der historisch gewachsenen Erfahrung der Menschen.

Damit geraten automatisch die Menschen in den Mittelpunkt der Forschung, und weniger ein überzeitlicher Gegenstand "Islam". Damit ist auch ausgeschlossen, dass man essentialisiert. Denn Identitätstiftungen und Kommunikation verändern sich im Laufe der Geschichte.

Es geht also hier nicht darum festzulegen oder herauszufinden, was "der Islam" ist (wie z.B. im 19. Jahrhundert dieses die Orientalisten wollten), sondern wie Muslime im Laufe der Geschichte definiert haben was es bedeutet, Muslim zu sein.

Damit hat man mit diesem definitorischem Problem auch das konzeptionelle Problem gelöst.

Würde man nämlich sagen, wir wollen eine Geschichte eines Gegenstandes namens Islam betrachten, würde man damit sagen, dass "der Islam" an irgendeinem Punkt in diese Welt gekommen ist. Und dann würde man damit definieren, dass an einem bestimmten Punkt ein Kern, ein "Ideal" namens "Islam" existierte und alles weitere würde dann nur noch zu erklären sein aus diesem Kern heraus. Das würde bedeuten, dass Veränderungen nur noch als Abweichungen dieses Ideals gesehen würden, ggf. als "Verfallserscheinungen" des Ideals. Man würde also einen "Charakterkern" einer "Person" namens "Islam" herauspräparieren wollen, und würde damit genau in die veralteten Denkstrukturen verfallen, wie im 19. Jahrhundert, als gefragt wurde, was den Charakter eines Franzosen, eines Deutschen. ausmache und als den Nationen ein Verhalten wie Personen unterstellt wurde (Franzosentum, Deutschtum, etc.). Dann müsste man fragen, was der "Charakter des Islam" sei.
Das Problem dieses veralteten Vorgehens des 19. Jh. ist schlichtweg, dass sie den empirischen Tatsachen und Quellenfunden nicht standgehalten haben.
Ein Beispiel: Das Rechtssystem des Islam ist zu Zeiten der Hidschra noch gar nicht voll ausgearbeitet, bedeutet es nun, es gehört nicht zum "Charakter des Islam"?

Es wird meist im islamwissenschaftlichen Fach Sprache, Geschichte und Kulturen des Nahen Osten studiert. In der Reihenfolge ihrer Gewichtung aufgezählt. Die ersten beiden Begriffe Sprache und Geschichte sind klarer. Größere Schwierigkeiten hat man mit der Definition von Kultur. Daher hier nun der kleine Exkurs:




Ausflug: Definition von Kultur

 Annäherungsweise kann man sagen, dass Kultur die Gesamtheit von Kommunikationstechniken und -systemen derer sich die Menschen bedienen und bedienen müssen ist. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Als soziales Wesen muss der Mensch kommunizieren. Damit einher geht das Erlernen von einem vielschichtigen Satz von Techniken und Strategien um zu kommunizieren, also eines komplexen Gesamtsystems, was ein Kind tagtäglich erlernt (Sprache, Mimik, Wortbedeutungen, etc.). Dazu muss vorher ein gemeinsamer Nenner gegeben sein, indem die Kultur als selbstverständlich und nicht fremd angesehen werden, damit man sich überhaupt versteht, also ein Satz von Vorannahmen.
Einfachstes Beispiel ist die Sprache. Ein Kleinkind könnte z.B. alle Laute aller Sprachen aussprechen, zum Beispiel das für erwachsene Europäer schwer auszusprechende berühmte ʿAyn des Arabischen. Der Vorgang des Erlernens des Kommunikationssystem Kultur ist nichts weiter ein langgezogener Prozess des Verlernens, des Vergessens, so dass wir heute das ʿAyn erst mühsam wieder erlernen müssten. Kultur ist praktisch ein Betriebssystem des Menschen, dass man nicht bemerkt, man bemerkt es erst, wenn etwas fremd erscheint, z.B. der arabische Buchstabe ʿAyn.

Im 19. Jh. dominierten Theorien, indem die Unterschiede der Völker (rassistisch) durch die Biologie (Gene) und das Klima erklärt wurden. Als eine Kombination der beiden (Rassentheorie). Sie gingen davon aus, ohne es zu beweisen, dass Rassen existierten, in einer Rangfolge von höherwertig und niedrig geordnet.

Dann kam die Theorie auf, dass Menschen sich weltweit unterscheiden, weil sie unterschiedliche Kulturen entwickelten. Da Kultur von Kindheit an angelernt ist, unterscheidet es sich fundamental von der vorigen Rassen-Theorie. Es ist also nicht mehr quasi ein Naturgesetz, dass ein Mensch von Geburt an dumm, schlau, faul, fleißig ist, sondern es hängt davon ab, in welcher Kultur das Kind aufwächst. Menschen und Völker können also ihre Verhaltensweisen und charakteristischen Eigenschaften im Laufe der Zeit verändern. Kultur ist also nicht statisch (wiewohl er heute oft statisch verwendet wird, siehe deutsche Leitkulturdebatte).

Dann kamen in den letzten 20-30 Jahren weitere Theorien hinzu, um die Vergangenheit besser erklären zu können, die ich hier nur anschneide:

Konstruktivistische Ansätze, also moderne Nationen sind konstruiert (siehe dazu auch meine Blogserie über Verhältnis der Muslime und Nichtmuslime im Osmanischen Reich 1. Teil, und folgende, wo ich genau darauf mit dem Beispiel Balkan weitere Informationen gegeben habe):

  • Imagined Communities (Vorgestellte Gemeinschaften) von Benedict Anderson:
    Nationen sind vorgestellte Gemeinschaften, nicht naturgegeben, erst entstanden im 18./19. Jh. mit der Verbreitung von Massenmedien (Zeitungen), die ein Gemeinschaftsgefühl produzierten.

  • Invented Traditions (Erfundene Traditionen) von Habsbawm/Ranger:
    Nationalismen brauchen Symbole zur Identifikation, die für sich beanspruchen müssen, der Nation bereits vorauszugehen. Z.B. ist der Schottenrock erst im 19. Jh. richtig populär und als typisches Merkmal der Schotten in Erscheinung getreten, es war quasi eine "Schreibtischtat", eine erfundene Tradition wie der Dudelsack. Geschaffen, um Identität zu stiften. "Braveheart" trug noch keinen Schottenrock.

Bislang nahm man im 19. und Anfang des 20. Jh. an, Nationen gäbe es schon lange, und sie formierten sich nach der französischen Revolution 1789. Es hätte also schon lange eine französische, eine deutsche, eine schottische Nation gegeben, und nun im 19. fand diese Nation im Nationalstaat einen Rahmen, der dieser Nation entspräche. Diese veralteten Vorstellungen erzeugten Legitimität.



Was ist Islamwissenschaft nicht?

Es ist kein Theologiestudium. Es ist keine Werte vermittelnde Wissenschaft.

Es ist ein philologisch, soziologisch, historisch arbeitender Studiengang. Deshalb kann es auch nicht das Thema der Islamwissenschaft sein, was "Wahrheit" ist, es kann auch nicht das Thema sein, wer "Recht" hat (z.B. die Schiiten oder die Sunniten), denn diese Fragen kann die Islamwissenschaft in dieser Form nicht beantworten, weil es das Fach mit seinen Methoden einfach nicht hergibt.

In der islamischen Theologie hat man z.B. kaum oder nicht in dieser Gewichtung Elemente enthalten, die Geschichte thematisiert. Es gibt in der islamischen Theologie auch kaum oder selten Soziologie. (Eher nur in der Türkei gibt es da eine größere Gewichtung der Soziologie in der islamischen Theologie).

An der Fakultät der islamischen Theologie der Al Azhar in Kairo wird faktisch was anderes gelehrt, als in der Islamwissenschaft. Es werden dort nicht historisch oder soziologisch Dinge betrachtet.

Deshalb ist es auch kein Wunder, wenn Uni-Scheine der Al Azhar Universität in der Islamwissenschaft in Deutschland z.T . meist nicht angenommen werden können, weil es eben ein anderer Studiengang ist. Da gibt es immer wieder Missverständnisse und Unkenntnis.

Wer mal Studienpläne im Vergleich der Scharia-Fakultät der Al-Azhar Universität in Kairo mit der Islamwissenschaft in Tübingen sieht, der erkennt sofort die Unterschiede im Lehrstoff und in der Methodik.

Obiges ist mithilfe der Onlinevorlesung der Uni Tübingen Einführung in die Geschichte und Kulturen des Nahen Ostens II, 1. Stunde von Prof. Thomas Eich geschrieben. Leider sind diese von mir im Blog schon empfohlenen Vorlesungen nicht mehr online.


Abgesehen davon, empfehle ich noch dieses:
Hier kann man auch mal reinhören, es setzt sich allgemeiner mit praktischer Studienberatung auseinander, und zwar für die Turkologie, Iranistik und die Islamwissenschaft, und gibt einige Einblicke in die Anforderungen, die mitunter höher ausfallen (können), als für die islamische Theologie. Er erläutert auch die Unterschiede von Islamwissenschaft und Theologie, und geht auf die praktischen Schwierigkeiten, die manchmal Muslime beim studieren haben könnten, ein. Offenbar hat er schon manchmal die Erfahrung machen müssen, dass die muslimischen Studierenden falsche Vorstellungen von dem Fach haben... Außerdem berichtet er von seinen Erfahrungen nach dem Terroranschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001, und anderes:
Podcast: Prof. Dr. Raoul Motika: Von Türken, Derwischen und jungen Tigern - Studium der Orientwissenschaften in Hamburg

Hier direkt eingebunden der Podcast (Achtung, es gibt kein Bild, es war sowieso nur eine Tonaufnahme, keine Ahnung, warum es automatisch startet, sobald dieser Blogpost geöffnet wird...):





(Bildquelle:Wikimedia Commons, David Hawgood)

Kommentare:

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